Bis hierhin und noch weiter
sangatte
Vielleicht sieht ja so die Zukunft der Einwanderung in Europa aus, zumindest für die, die keine Computerspezialisten sind und auch sonst kein gefragtes Humankapital anzubieten haben. Wir fahren auf das Gelände am Rande der kleinen französischen Ortschaft Sangatte am Ärmelkanal zu. »Zentrum« des Roten Kreuzes, so nennen es die einen, »Lager« sagen die anderen. Von weitem wirkt der große Plastikklotz wie eine Fabrikhalle. Olivgrüne Außenwände ohne Fenster. Es gibt nur eine einzige Öffnung, den riesigen Eingang. Das Symbol des Roten Kreuzes, rot auf weiß, prangt weithin sichtbar auf der Vorderfront. Im Inneren stehen rund zwei Dutzend Wohncontainer, Erwachsene und Kinder drängen sich um einen Fernseher in der Gemeinschaftshalle.
Entlang der Einfahrt verlaufen niedrige Gitterzäune aus Maschendraht. Dazwischen sind zahllose Wäschestücke zum Trocknen aufgehängt. Durch die Gitter hindurch blickt man auf den Ärmelkanal. Dort sieht man in geringer Entfernung riesige Fährschiffe an- und ablegen. Der Blick schweift vom Lagereingang über die niedrigen Häuser des rund einen Kilometer entfernten Dorfes zurück auf die Schiffe, die in Richtung Großbritannien fahren. Die, die hier gestrandet sind, würden fast alles dafür geben, mitfahren zu können.
Sangatte befindet sich zwischen Boulogne-sur-Mer und Calais auf der französischen Seite des Ärmelkanals, dort, wo die Küstenlinie eine Art Knie beschreibt. Mit 800 Einwohnern ist Sangatte eine kleine Ortschaft, deren Häuser teilweise direkt auf die Strandzone ausgerichtet sind. Es ist kühl und windig. Nur wenige Spaziergänger sind unterwegs, drei junge Leute schleppen mutig ihre Surfbretter. Auf dem Vorplatz der kleinen Kirche kauern einige Männer. Es sind Leute aus dem Lager, wahrscheinlich Afghanen. Vor drei Jahren hat kaum jemand den Namen des Städtchens gekannt. Doch seitdem ist Sangatte zum Politikum geworden und hat häufig Schlagzeilen gemacht. In den Geschäften, beim Bäcker und auf der Straße verziehen die Leute nur das Gesicht, sobald sie auf »das Zentrum« angesprochen werden.
Seit langem schon war die Region um Calais die Durchgangsstation für Flüchlinge, für - nach herrschender Terminologie - »illegale« Immigranten auf dem Weg nach Großbritannien. Vor allem Menschen aus Ländern, in denen die englische Sprache aus historischen Gründen gesprochen wird, wie im ehemals britischen Protektorat Irak oder in Afghanistan, versuchten hier, vom Kontinent auf die Insel zu gelangen. Dann begann Großbritannien, sukzessive die Einwanderungsbedingungen zu verschärfen und die »Schlupflöcher« zu schließen.
Je schwieriger die Flucht nach Großbritannien wurde, desto länger steckten die Migranten in der Gegend um Calais fest. In den frühen neunziger Jahren waren in jedem Park und jedem öffentlichen Garten von Calais und Umgebung campierende Immigranten anzutreffen. Die Einwohner fühlten sich belästigt, ihr Unmut steigerte sich Jahr für Jahr, es kam zu Protesten und Übergriffen. Großbritannien schottete sich immer mehr ab; 1998 schob die britische Regierung der Möglichkeit, mit British Airways einzureisen und auf dem Flughafen in London einen Asylantrag zu stellen, einen Riegel vor, indem sie der Fluggesellschaft drohte, Regresszahlungen für jeden Passagier zu fordern, der ohne gültiges Visum eingeflogen wurde. Im Umkreis von Calais sammelten sich immer mehr Immigranten, die auf eine Überfahrt hofften.
Als ihre Situation zusehends prekärer wurde und zugleich die Stimmung im Ort explosiv zu werden drohte, ließen die Behörden das Rote Kreuz ein Flüchtingszentrum vor dem Städtchen Sangatte einrichten. Seit dem Herbst 1999 existiert das als Provisorium angelegte Flüchtlingslager, ohne jeden rechtlichen Status. Auf ein halbes Jahr der Nutzung seien die Einrichtungen - wie Wohncontainer im Inneren des Lagers, Duschen und sanitäre Anlagen - eigentlich ausgelegt, sagt uns Michel Berr, der Leiter des Flüchtlingszentrums. Aber inzwischen ist die Anlage seit drei Jahren in Betrieb, und die Zahl der hier lebenden Menschen wächst wegen der längeren Verweildauer spürbar an.
Im Vorjahr, sagt Michel Berr, musste das Zentrum im Durchschnitt zwischen 700 und 800 Menschen fassen. Nunmehr seien es knapp 1 400. Früher blieben die Leute einige Tage, heute bleiben sie durchschnittlich zwei Monate.
Tatsächlich wird es immer schwieriger, überhaupt noch nach Großbritannien überzusetzen.Anfangs war Sangatte für Migranten besonders attraktiv, weil sich der Eingang zum Eurotunnel in geringer Entfernung befindet.
Der Eurotunnel wurde in den frühen neunziger Jahren eröffnet und schafft eine Schienenverbindung zwischen Frankreich und Großbritannien. Der Eingang zum Jahrhundertbauwerk befindet sich auf dem Boden der nahe gelegenen Kommune Coquelle. Doch der gesamte Tunnelbereich ist heute umgittert und wird immer aufwändiger überwacht. Die Betreibergesellschaft Eurotunnel S.A. und die Bahngesellschaft SNCF haben mehrere hundert Mann aus privaten Wachmannschaften im Einsatz, die oftmals brutal gegen »illegale« Migranten vorgehen, die »einzudringen« versuchen. Denn die Regierung in London hat auch ihnen mit horrenden Regressforderungen gedroht, falls sie das »Schlupfloch« nicht dicht machen. Die Drohung wirkt, und die Gesellschaften tun alles, damit kein Flüchtling durchkommt.
Der Staatsanwalt von Boulogne-sur-Mer, Gérard Lesigne, erzählt uns, dass er vor einigen Wochen drei Wachmänner festnehmen ließ, die auf Flüchtlinge geschossen hatten. Sein Büro im Justizpalast von Boulogne ist in grellem Orange ausgekleidet und mit knallgrünen Sitzpolstern ausgestattet. Mitglieder einer Initiative, die sich für die Migranten einsetzt, haben sich zum Termin bei ihm eingefunden. Sie berichten von Misshandlungen der Flüchtlinge seitens der Wachleute. Eine relativ neue Methode sei es, dass die Wachmänner aufgegriffenen Flüchtlingen die Haare färben, eine Schikane, die zugleich bezweckt, einmal geschnappte Migranten wieder zu erkennen.
Manche Einwanderer versuchen, über Calais und die umliegenden Häfen eine Überfahrt als blinde Passagiere zu organisieren. Als vor zwei Jahren 58 chinesische Flüchtlinge, die sich in einem Kühlcontainer versteckt hatten, in Dover tot aufgefunden wurden, sind auch hier härtere Kontrollmaßnahmen ergriffen worden. Die Flüchtlinge müssen seitdem immer weitere Wege zurücklegen, um in größtmöglicher Entfernung von der Tunnelzone und von der klassischen Route Calais-Dover die Überfahrt zu wagen.
Wir sehen kurdische und afghanische Flüchtlinge, die mit ihrem Gepäck rund um das Lager unterwegs sind. »Viele von denen werden heute ihr Glück versuchen. Und viele werden morgen früh zurückkommen«, sagen die Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes. 55 000 Menschen sind seit der Einrichtung des Zentrums hier durchgereist.
Auf eigene Faust ist die Flucht nach Großbritannien kaum mehr zu schaffen. Fluchthelferorganisationen bieten ihre Dienste an, und je schwieriger die ersehnte Reise wird, desto mehr sind die Leute auf die teilweise mafiös organisierten Netzwerke angewiesen, die versprechen, für sie die illegale Einreise zu organisieren.
In der Folge würden diese Organisationen die Migranten nach ihrer Ankunft in Großbritannien dann erpressen, unter teilweise sklavenähnlichen Bedingungen für sie zu arbeiten, meint Staatsanwalt Gérard Lesigne. Denn an Möglichkeiten zu »illegaler« Arbeit, freilich unter üblen Bedingungen, mangele es nicht im neoliberalen Großbritannien, meint er. Deshalb habe die Insel auch ihre Anziehungskraft für viele Migranten behalten. Nur wenige wollen einen Asylantrag auf dem Kontinent stellen, wovon örtliche Initiativen sie zu überzeugen versuchen; selbst Staatsanwalt Lesigne hält das für keine schlechte Idee.
Da seit einiger Zeit die Rückkehr einiger Flüchtlinge zu beobachten sei, die in Großbritannien an der feindlichen Umwelt gescheitert sind, werde sich das Fluchtverhalten in Zukunft vielleicht ändern. Allerdings: Die Bedingungen für eine Anerkennung als Asylbewerber seien derart verschärft worden, dass auch der europäische Kontinent nur für einen kleinen Teil eine Hoffnung darstelle, meinen Mitarbeiter einer Gruppe, die Immigranten unterstützt.
Eine weitere Folge der sinkenden Chancen, doch noch auf die Insel zu kommen, sind wachsende Spannungen im Lager. Irakische Schlepperorganisationen, erzählt Lesigne, versuchten, das Zentrum, in dem gut die Hälfte der Bewohner irakische Kurden sind, unter ihre Kontrolle zu bringen. Wer sich ihnen widersetzte, sei mit dem Messer bedroht oder angegriffen worden. Um sich zu verteidigen, hätten sich Lagerinsassen mit Stichwaffen ausgerüstet. So habe eine nicht mehr zu kontrollierende Anzahl von Messern und Dolchen in der Einrichtung zirkuliert.
Häufig komme es zu Spannungen. Mal geht es um Kontrollversuche mafiöser Organisationen, mal werden Rangordnungen erstritten. Aber auch Konflikte zwischen den beiden größten Gruppen, den irakischen Kurden und den Afghanen, spielten eine Rolle. Die Position des Staatsanwalts ist nicht unbedingt neutral. Er meint: »Vor einigen Monaten kamen noch überwiegend Leute aus Afghanistan, das waren kultivierte und gebildete Leute aus der Mittelschicht, die den unerträglichen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen entflohen. Aber heute hat sich das Publikum geändert. Der Irak, aber auch der Iran schicken uns all die Leute, die sie bei sich nicht mehr haben wollen. Da kommt einiges Problempotenzial.«
Auch wir bekommen etwas von der gespannten Atmosphäre im Lager zu spüren. Ein Streit bricht unmittelbar vor dem Container aus, in dem die Leitung des Roten Kreuzes sitzt. Die Mitarbeiter erkunden vorsichtig die Lage. Eine iranische Familie hatte Krach geschlagen, weil man sie aus dem Familiencontainer in eine andere Wohngruppe verlegen wollte; kurdische Ankömmlinge hatten Kleinkinder mitgebracht und sollten den Platz bekommen. Eine größere Gruppe aufgeregt durcheinander redender und gestikulierender Menschen bildet sich, aber nach einigen Minuten ist der Streit beigelegt. Nicht immer geht es so glimpflich aus, erklärt man uns.
Einige Monate lang seien in jeder Woche Flüchtlinge mit schweren Stichverletzungen in die Krankenhäuser der Umgebung eingeliefert worden. Das Zentrum von Sangatte habe auch deswegen einen schlechten Ruf in der gesamten Region. Für manche war es einfach ein »Hort von Messerstechern«, der unbedingt abgeschafft gehöre. Proteste und rassistische Abwehr seien die Folge gewesen.
Dazu haben allerdings auch die politischen Parteien der Region beigetragen. Alle sozialdemokratischen Bürgermeister der näheren Umgebung haben ihre Unterschrift unter eine Petition gesetzt, die eine Schließung des Zentrums fordert. Dissidenten innerhalb der Sozialistischen Partei, die widersprachen und lieber über die Aufnahmebedingungen diskutieren wollten, wurden vor den Kommunalwahlen im März des vorigen Jahres nicht wieder auf den örtlichen Listen aufgestellt.
Zugleich versuchte die extreme Rechte seit dem letzten Herbst, Sangatte zum Symbol ihres nationalen Widerstands zu machen. Die Wintermonate hindurch reisten Delegationen des Front National (FN) ebenso wie des rivalisierenden Mouvement National Républicain (MNR) an, um für die sofortige Schließung des Zentrums und gegen die »Immigrantenflut« zu demonstrieren. In der Region Pas-de-Calais erhielten sie damals Zuspruch, vor allem in den weiter südlich, im Landesinneren gelegenen Kreisen. Dort hat man zwar keinerlei eigene Erfahrungen mit dem Zentrum gemacht, aber dafür umso schrecklicheren Erzählungen gelauscht.
In den Tagen nach dem Wahlerfolg des Präsidentschaftskandidaten Jean-Marie Le Pen, Ende April, gingen drei junge Leute aus der Region mit Schrotflinten auf Flüchtlinge los. Im nahen Calais und in Sangatte selbst wurden zwei Kurden durch Schüsse verletzt. Staatsanwalt Lesigne verspricht allerdings, energisch gegen solche Übergriffe vorzugehen.
Auch die Messerbestände im Lager sollen durch eine Kontrolle am Eingang ausgedünnt werden. Es scheint sogar gelungen zu sein, die Messer wieder aus dem Lager zu verbannen, allerdings seien einige in der Umgebung unter Steinen versteckt, meint eine junge Angestellte des Roten Kreuzes.
Ein »Flüchtlingslager mit Bedingungen wie in Ostafrika, mitten in Europa« nennt Lesigne das Zentrum. Gewalttaten seien unter diesen Bedingungen unvermeidlich. Noch am Abend unseres Besuchs, am vorigen Mittwoch, wird ein kurdischer Flüchtling in der Nähe von Sangatte erschossen aufgefunden.
Wir erhalten die Gelegenheit, mit einigen Migranten zu diskutieren. Ich versuche mein Glück auf Persisch, tatsächlich finden sich Gesprächspartner. Ein ehemaliger Medizinstudent aus Urumia erzählt, er sei aus dem Iran geflohen, weil er »vom Islam« die Schnauze voll habe, weil er dem Mittelalter und der Barbarei habe entkommen wollen. Ein besseres Leben erhoffe er sich in Großbritannien oder Kanada, Genaueres wisse er noch nicht.
Von Frankreich hat er eine gute Meinung, aber er glaubt, auf dem europäischen Kontinent sei es nicht so einfach, als Migrant unterzukommen. Die anderen zucken mit den Schultern. Auf Englisch antworten ein paar Ukrainer. Sie wollen nach Großbritannien, weil sie hoffen, dort Arbeit finden zu können. Sie haben von Landsleuten gehört, das sei dort möglich.
Der neue konservative Innenminister Nicolas Sarkozy war kurz vor uns in Sangatte. Was seine sozialistischen Vorgänger sich aus Angst vor den Reaktionen der Öffentlichkeit nicht getraut hatten, konnte der bürgerliche Hardliner sich erlauben: öffentlich die Realitäten anzuerkennen, statt die Existenz des Zentrums und der hier untergeschlüpften Menschen zu ignorieren. Nein, in absehbarer Zukunft könne man Sangatte nicht dichtmachen, verkündete Sarkozy, auch wenn dies das Ziel bleibe.