17.07.2002
Nabelschau III

Am Ende der Welt

Die Fahrt

Wer den Materialwagen fährt, wird nicht zu Ehren kommen, das ist bei der Tour de France immer so. Beim Gefährt wird ausschließlich auf Fassungsvermögen, nicht auf Schnittigkeit geachtet, alles Schwere wird reingestopft wie dem Jockey das Blei in die Weste.

Zwar fahren wir nicht als Letzte los, fallen aber nach dem ersten Boxenstopp gleich hoffnungslos zurück. An VW-Bussen älteren Baujahrs muss immer rumgefrickelt werden, bevor sie ansatzweise als verkehrstauglich durchgehen. In diesem Fall fehlen ein Tankdeckel und zwei vertrauenswürdige Reifen.

Am Anfang rufen die in den flotten Pkw noch regelmäßig an. In Frankreich erreicht uns nur ab und zu eine deprimierende SMS: »Wir sind schon fast da!« »Wir auch! - Und wo bleibt ihr??«

Irgendwann die bittere Gewissheit: Alle sind längst am Ziel angekommen, außer uns. Vermisst werden wir nur indirekt: »Wo bleibt die Bettwäsche?«

Keine Frage, wir tun unser Bestes. Pausen gibt's nicht mehr, nur noch Pinkeln und Plätze tauschen. Bloß das Einfüllen der während der Fahrt gezauberten Erbsensuppe lassen wir uns noch einige Minuten kosten. Zu viele, denn geeignete Essinstrumente sind nicht aufzufinden.

Wir rollen der Dunkelheit entgegen, Stunde um Stunde Richtung Westen. Frankreich ist schon in den Tiefschlaf gesunken. Keine Menschen auf der Straße, keine Tankstellen und vor allem kein Bier. Der Sprit wird knapp, der Durst groß, die Augen drohen zuzufallen. Durchfahren oder schlapp machen? Benzin oder Bier? Eine letzte spartanische SMS aus der Zivilisation: »Und?«

Kurz vorm Aufgeben eine Tanke auf der anderen Straßenseite. Powerturn, reinjefüllt und weiter geht's. Ohne Bier. Endspurt.

Zwei Uhr morgens Ankunft. Die ohne Bettwäsche bilden das Begrüßungskomitee, grinsen müde und schon etwas debil. Wir dürfen den Wein austrinken. Bier is' nicht. Und niemand würdigt, dass wir eigentlich ziemlich flott waren. regina stötzel

Die Unterkunft

Vor Ort stellt sich heraus, dass es sich bei der preiswerten Unterkunft gar nicht um eine preiswerte Unterkunft handelt, sondern um ein total großartiges bretonisches Land- und Herrenhaus mit weitläufigen Parkanlagen und Ländereien. Hübsch sind auch die exklusive Lage am Hang und der lichte Meerblick und das beängstigend düstere Kaminzimmer und die zwölf Schlafgemächer im Südflügel. Wobei die Gesellschaftsräume im nördlichen Trakt auch nicht schlecht sind.

Vor allem gibt es diesen geilen Kiesweg, unter dem jeder Schritt bedeutsam, wichtig und sehr verdächtig knirscht. An Touristen wird diese Anlage nicht vermietet. Filmproduktionen kommen; auch amerikanische Popstars schätzen die Ruhe und Weitläufigkeit der Anlage und natürlich ihre filmhistorische Bedeutung. In diesem Haus wurden praktisch alle wichtigen französichen Filme seit 1951 gedreht, zum Beispiel die 100 berühmtesten Chabrol-Filme, in denen die nach außen völlig harmlos wirkenden bürgerlichen Bewohner schreckliche Dinge tun.

Tun wir vielleicht schreckliche Dinge? Absolut. Fahren ans andere Ende der Welt, mieten uns strandnah ein einschüchterndes Maison de rêve, das uns mit großer Wahrscheinlichkeit komplett und endgültig ruinieren wird, nur um dann das zu tun, was wir immer tun: eine Zeitung machen. Dabei ist eigentlich jede Sekunde Sünde, die man nicht in den weitläufigen Gartenanlagen wandelt, in denen auch »Emanuelle II« spielt. Die Szene mit der Zofe wurde zwischen der Orangerie und den Stallungen gedreht. Über dem Haus spannt sich tagsüber ein superblauer Himmel und nachts das Firmament. heike runge

Deutsche in der Bretagne

Unsereins aus Hagen, Wiesloch oder Berlin kann ja in Europa kaum irgendwo hinfahren, wo der Opa nicht auch schon war. Das ist auch in der Bretagne so - es ist schon ein Wunder, dass die die Deutschen überhaupt noch reinlassen. Aber wir haben unsere kleine Reisegruppe ja auch mit dem Tarnnamen Le monde de la jungle erfolgreich getarnt - und zudem einen Alibi-Holländer dabei.

Den Westwall haben sie zwar aus unserem kleinen Domizil in Plougonvelin weggeräumt, aber immerhin hat die deutsche Wehrmacht die örtliche Festung Bertheaume, 1870 für die Franzosen militärisch wertlos geworden, wieder flott gemacht - mit einem 75-Millimeter- und einem 20-Millimeter-Geschütz.

Aus Franzosensicht liest sich das Ganze dann ungefähr so wie in dem Bretagne-Reiseführer von Maurice Haslé und Pierre Jakez Hélias (München 1989): »Die Deutschen entdeckten die Bretagne erst spät und unter besonderen Bedingungen: Für viele war der Zweite Weltkrieg der entscheidende Anlass, der sie bis in den westlichsten Zipfel Frankreichs führte. Trotz der erbitterten Kämpfe in den letzten Kriegswochen haben viele ehemalige Soldaten auch gute Erinnungen an den bretonischen Zwangsaufenthalt: Im Urlaub kommen sie wieder, diesmal mit Frau und Kind.«

Ob's jetzt die guten Erinnerungen an die bretonische Küche waren oder die an den Truppenpuff - das verraten uns die beiden leider nicht. Jedenfalls sind auch Kriegsgegner wie unsereins immer für kleine Zerstörungen gut: So haben wir die Toilettenspülung im ersten Stock gekillt, ein Weinglas im Küchenschrank sowie die Glühbirne im selben Raum. A propos Bretagne: Als ich das erste Mal in meinem Leben in Großbritannien war, stand ich in dem Örtchen Brixham an der englischen Riviera eines Sonntagmorgens in der Schlange, um auf den Bus zu warten. Hinter mir stand ein dicker kleiner Junge, der ein Haus aus Pappe in der Hand hielt. Als der Bus kam, zerschlug ich ihm aus Unachtsamkeit mit meinem Rucksack ruckzuck den Vorgartenzaun zu Klump - 55 Jahre nach Kriegsende denken die Deutschen immer noch an nichts anderes, als ausländische Häuser in Schutt und Asche zu legen!

Zurück nach Frankreich. Es gab auch prominente Deutsche, die auf unseren Spuren wandelten. So etwa der Schriftsteller Erich Kuby, der in der Bretagne das Kriegsende erlebte - im Funkbunker. Weitaus lieber ist mir aber der deutsche KPD-Chef Ernst Thälmann. Dem widmete die Zeitung L'Humanité eine ganze Titelseite - »Thaelmann a parlé hier à Paris« - Thälmann sprach gestern in Paris, und zwar vor 50 000 Proletariern. Das stand am 1. November 1932 in der Zeitung, also war Thälmann dann wohl am 30. Oktober da. Das entnehme ich der »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Band vier, herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED unter der Federführung von Walter Ulbricht, den ich zur Erbauung oder zur Überbrückung von Regentagen in die Bretagne mitgenommen habe.

Dann gibt es beim Thema Deutsch-Französische Freundschaft in Plougonvelin aber auch gleich wieder die alte Leier. Zwischendurch erzählt unser Vermieter Monsieur Jean Lescop dem Monsieur Heiko de Schrenk das - mal zur Abwechslung ein Richtungswechsel - sein Vater auch schon länger in Deutschland war. Und zwar ganz schön lange: fünf Jahre als Kriegsgefangener in Süddeutschland. Ob der dann aber gern wieder hingefahren ist - »diesmal mit Frau und Kind« jürgen kiontke

Freizeit und Arbeit

Plougonvelin, letzter Halteplatz vor dem Ende der Welt. So heißt es im Prospekt. Weil westlich kommt nur noch der Ozean und dann irgendwann New York. Was macht man also, wenn man ganz am Ende ist? Sprüche klopfen! Klar!

Die Jungle-Reisegruppe hat daraus sogar einen Sport gemacht. Einen Punkt gibt es für den, der eine zur Situation passende Redewendung bringt. Wer ein dazu passendes Sprichwort draufsetzt oder mit einer anderen Volksweisheit kontert, bekommt zwei Punkte. Und so weiter. Ich bin Erster bisher. Kein Wunder, allein drei Sonderpunkte machte ich klar, als ich schon schlaftrunken im Bett liegend meinem noch lesenden Zimmergenossen zuraunte: »Der Letzte macht das Licht aus!«

Wir haben auch schon das Jahrtausend-Spiel von unserem zuhausegebliebenen CvD gespielt. 1 200 Karten mit jeweils fünf Fragen gibt es dort! Nicht, dass wir die Antworten nicht gewusst hätten, das schon! Aber wir scheiterten gnadenlos an den Spielregeln. Schließlich spielten wir ohne solche einfach drauflos. We fought the law! Jedenfalls bis zu dem Moment, als mein Team kurz vorm Ziel stand. Da wurde dann plötzlich wieder das Regelbuch herausgekramt und man beriet, wie man unseren Sieg vereiteln könne. Das gelang natürlich trotzdem nicht. Ausgerechnet das stark gehypte »Kompetenzteam« kam als letztes ins Ziel.

Leider ist nicht alles Spiel und Spaß, manche arbeiten auch. Das ist unumgänglich, damit die Zeitung fertig wird. Die Asterix-Dreharbeiten waren natürlich auch Arbeit. Phantasie war gefragt: frische Croissants für die Flügel von Asterix' Helm, Sofa-Polster als Wildschweine. Und alles an Originalschauplätzen. Also wirklich keine Lowbudget-Produktion. Spätestens als Einheimische am Strand herbei eilten und uns bei unserer Maskerade fotografierten, wussten wir auch, dass man am Ende der Welt, im schönen Plougonvelin, noch lange von uns reden wird: Die spinnen die Goten! ivo bozic