31.07.2002
Dichtung & Wahrheit I

Der große Zapfenstreich

Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefallenen. Dieser Spruch dürfte seit einigen Tagen den Anhängern der politischen Dichtkunst durch den Kopf gehen. Denn einer der großen deutschen Essayisten hat sich verabschiedet: Rudolf Scharping.

Sein Beitrag zur politischen Literatur unseres Landes ist schwerlich zu überschätzen. Sein ëuvre umfasst unzählige Reden, Aphorismen und Debattenbeiträge. Vor allem sein Epoche machender Tagebuch-Roman »Wir dürfen nicht wegsehen« (erschienen bei Ullstein, 1999) hat nicht nur das Genre erneuert, sondern sich unwiderruflich in den Kanon der deutschen Dichtkunst eingeschrieben. In seiner Bedeutung für die Weltliteratur ist er allenfalls mit Dante Alighieris »Göttlicher Komödie« oder dem »Gallischen Krieg« von Julius Cäsar zu vergleichen. Nicht zu Unrecht ist Rudolf Scharping (geb. 1947, in Ungnade gefallen am 18. Juli 2002) Träger des Hashim-Thaci-Preises für kosovarische Befreiungsliteratur und des sozialdemokratischen Science-Fiction-Award der Friedrich-Ebert-Stiftung. Aus Anlass seiner Demission dokumentieren wir herausragende Passagen seines Meisterwerks. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Begebenheiten sind dabei rein zufällig.

»12. Oktober 1998. Ermutigend: Alle wollen weiter mit mir arbeiten.

24. März 1999. Was wird aus den Menschen im Kosovo, was aus den eingesetzten Soldaten? Ernst, müde, aber irgendwie völlig wach und konzentriert zurück ins Büro.

27. März 1999. Pressekonferenz: Ich berichte von dem Verdacht, dass 21 albanische Lehrer vor den Augen ihrer Schüler erschossen, die Kinder danach vertrieben wurden. Im Kosovo wird Völkermord nicht nur vorbereitet, sondern ist eigentlich schon im Gange.

31. März 1999. Mich elektrisiert ein Hinweis, dass offenbar Beweise dafür vorliegen, dass das jugoslawische Vorgehen im Kosovo einem seit langem feststehenden Operationsplan folgt. Einer unserer Beobachter schilderte mit stockender Stimme und Tränen in den Augen, wie man die Leichen auf bestialische Art verstümmelt und ihnen mit Baseballschlägern den Schädel zertrümmert hatte, um sie unkenntlich zu machen.

2. April 1999. Es ist zum Kotzen. Dieser Verbrecher in Belgrad lässt Menschen umbringen, vertreibt Hunderttausende von ihnen und will damit den Balkan, zumindest Makedonien und Albanien, um ihre ohnehin zerbrechliche Stabilität bringen.

4. April 1999. Wir konnten Hinweisen nachgehen, denen zufolge Tausende von Menschen in bestimmten Teilen des Kosovo zusammengetrieben oder, in Wäldern oder auf freiem Feld zusammengepfercht, bewacht wurden - unter Bedingungen, die Konzentrationslagern durchaus vergleichbar waren.

7. April 1999. Die Auswertung des Operationsplans »Hufeisen« liegt vor. Endlich haben wir einen Beweis dafür, dass schon im Dezember 1998 eine systematische Säuberung des Kosovo und die Vertreibung der Kosovo-Albaner geplant waren, mit allen Einzelheiten und unter Nennung aller dafür einzusetzenden jugoslawischen Einheiten.

10. April 1999. Die Methode, nach der Häuser und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden, sofern sie nicht einfach durch Panzer und Artillerie zerschossen wurden, war immer die gleiche: Man stellte eine brennende Kerze unter dem Dach auf und drehte im Erdgeschoss eine Gasflasche auf. In kürzester Zeit sprengt die Explosion das Dach weg und das Haus brennt aus oder bis auf die Grundmauern nieder.

15. April 1999. Ist das alles nur Erfindung und Propaganda, was uns Menschen erzählen: dass man die Leichen mit Baseballschlägern zertrümmert, dass man ihnen die Gliedmaßen abtrennt und die Köpfe abschlägt? Ist das alles nur Propaganda, wenn Frauen mit einem toten Kind in den Armen über die Grenze kommen?

18. April 1999. Aber offenbar sind Menschen im Blutrausch zu fast jeder Bestialität fähig, spielen mit abgeschnittenen Köpfen Fußball, zerstückeln Leichen, schneiden getöten Schwangeren den Fötus aus dem Leib.

19. April 1999. Im Fußballstadion von Pristina sollen nach wie vor Albaner festgehalten werden. Protokolle des Grauens: Fühle mich an Schilderungen des Dreißigjährigen Krieges erinnert und an den »Simplicissimus«: Reichen Worte aus?

25. April 1999. Ist Entsetzen steigerbar?

29. April 1999. Die Brutalität eskaliert, die Fliehenden ziehen buchstäblich an Bergen von Leichen vorbei. Mir geht eine alte Angst durch den Kopf: Dieser Verbrecher will einen Waffenstillstand auf dem Friedhof.

14. Mai 1999. Es ist schon erstaunlich, wie Desinformation und die Macht der Bilder zusammenwirken.

18. Mai 1999. Meine Notizen an diesem Tag waren außerordentlich knapp. Ich hatte mir den rechten Arm gebrochen.

23. Mai 1999. Lügen über Lügen, wen soll das eigentlich noch beeindrucken?«