Diese nie endenden, purzelnden, sarkastischen Einfälle
»Til war mit der halben Welt befreundet«, so Hannah Höchs erster Eindruck von der faszinierenden Person, »und mit der anderen Hälfte bekannt.«
Theo van Doesburgs Urteil über Til Brugmann dürfte etwas von ihrer besonderen Wirkung auf Menschen verraten. 1924 schreibt er dem De-Stijl-Mitarbeiter Oud über sie: »In Den Haag wohnt ein kleines Ungetüm, das vorgibt, homosexuell zu sein, doch die so weiblich ist wie eine frisch geborene Amme, es heißt Brugmann. Es macht es sich zur täglichen Gewohnheit, mich mit Dreck, Scheiße und parfümierten Spermatozoen einzuschmieren. Es schreibt mir Bände über krähende Hähne und kreißende Berge - Zank. Ihre Schundverse fanden keinen Platz in De Stijl.« Diese abfällige Bemerkung entsprach einer tief sitzenden Abwehr selbst fortschrittlichster Künstler-Männer gegenüber Frauen, wie Brugmann sie verkörperte. Sie passte in keine der traditionellen Rollen. Ihre hohe Intelligenz, ihr Sprachgenie, ihr Talent, sich über alles lustig zu machen, der beißende Spott, den sie mit allen trieb und gegen den sich keiner wappnen konnte, verstörte Männer zutiefst. Dass diese Frau sich aber nicht nur ökonomisch und intellektuell, sondern auch in sexueller Hinsicht von Männern unabhängig fühlte, machte sie schlichtweg zu einem weiblichen Ungeheuer. Sie passte, das hörte man deutlich aus Doesburgs Abwehr, in keines der Raster, die man auch über moderne Frauen zu verhängen suchte.
Til Brugmann war kein Gretchentyp und kein Dragoner mit starkem kräftigen Körperbau, nicht rundlich, nicht athletisch, eher einem holländischen Bauernmädchen ähnlich, ohne Landpomeranze zu sein. In ihrem Outfit setzte sie nur sparsame Signale: Krawatte und Weste, Zigarette, flache Schuhe, aber kein Monokel, keine bewusst vorgetragenen Attitüden des Andersseins. Keine Großstädterin, weder Girl noch Garçonne-Type, war sie zwischen Mädchen, Fräulein und Dame - auch für Frauen schwer zu fassen.
Hannah Höch ist überwältigt von Til Brugmann, findet in ihr die zweite große Liebe ihres Lebens. Rückblickend beschreibt sie die Jahre mit ihr: »Til Brugmann war ein Eulenspiegel unserer Tage, der seine Possen zwar nicht auf den Straßen trieb, aber mit Drolerien auf hoher Ebene ihre Umgebung Tag und Nacht in Atem hielt. In den Jahren, in denen sie mit mir zusammenlebte, schrieb sie hauptsächlich phantasievolle Grotesken ... Diese nie endenden, purzelnden, sarkastischen, verrückten Einfälle, die auf einem riesigen Wissen 'tanzten', machten die Jahre mit Til zu den amüsantesten meines Lebens.«
Höchs Arbeiten wurden im Kreis der holländischen Freunde ernsthaft diskutiert und geschätzt; die Kritiker aber und die Mehrheit des Publikums waren für ihre Werke trotz einigen Lobs schwer zu gewinnen. »Hannah Höch«, so las man in einer Besprechung, »genießt in Deutschland eine gewisse Reputation. Man kauft dort, so vernahmen wir, sogar ihre Arbeiten. Es scheint also Interesse zu bestehen an dieser etwas ungewöhnlichen Kunst, die den gewöhnlichen Menschen vor Rätsel stellt, ja selbst den in Sachen Kunst Geschulten vor Rätsel stellt.«
Brugmanns literarische Produktion, ihre Lautgedichte, ihre Prosatexte, ihre Satiren und kleinen Essays richteten sich zum einen lustvoll auf die Kritik bürgerlicher Kunstvorstellungen, um auf der anderen Seite mit der Syntax der Sprache, der Sinnentleerung von Wörtern und Lauten zu spielen. Genüsslich zerlegte sie alte Worthülsen und sprengte mit Unsinnsvokabeln bedeutungsgeladene Sinnzusammenhänge. Furchtlos entlarvte sie gesellschaftlich tabuisierte Gebiete.
Das besondere Interesse der Schriftstellerin galt den aktuellen Debatten um Sexualität, um das Geschlechterverhältnis, die männlich-weiblichen Rollenzuweisungen, die neuesten Erkenntnisse von Gesundheits-, Sexual- ebenso wie von Ernährungswissenschaft, von dem biologischen und genetischen Experiment der »Artverbesserung«, der inneren und äußeren Hygiene. Sie schrieb Pamphlete gegen soziale Missstände und attackierte mit grenzenloser Übertreibung die Herrschaftstechniken von Kirche und Patriarchat. »Sie zieht in ihren bizarren Texten gewissermaßen Linien: Figuren, Szenen, Umgebungen werden kaum ausgemalt ... Dadurch ähneln ihre teilweise grafisch gestalteten Texte abstrakten, ungegenständlichen Bildern aus dem Repertoire der Moderne«, schreibt Marion Brandt.
Brugmanns Ausstrahlung verunsicherte nicht nur die gesellschaftliche Position und das künstlerische Selbstverständnis der Männer, sondern auch der Frauen. Selbst attraktive und wohl gelittene Künstlerinnen konnten in Brugmanns Nähe bis zur Unscheinbarkeit verblassen oder durch ihre Zuneigung zum atemberaubenden Mittelpunkt einer Gesellschaft werden.
So gestaltet sie 1927 in einem ihrer Prosastücke, Himalia (man ist durchaus geneigt, autobiografische Züge zu entdecken), den alten Künstlermythos Pygmalions. Die Erzählerin, ein männliches Ich, nimmt sich eines jungen unschuldigen Mädchens an, das von ihren Freunden wenig beachtet wird und verwandelt sie in mühevoller Feinarbeit über sieben Jahre zu einem glanzvollen Wesen. Die Ich-Erzählerin manipuliert langsam Himalias eigene Sinne und wechselt sie gegen kunstvolle Ersatzteile aus, tauscht Augen, Haare, Ohren, Arme, ihre Hände und Füße. »Im Gehirn wurde das vollständige Lexikon der Welt verstaut«, ein Kardiometra, ein Gerät zur Regulierung und Steuerung der Gefühle. Es kontrolliert alle empathischen Schwankungen und lässt letztlich die so zugerichtete Braut durch eine kleine Unaufmerksamkeit bei der Auslösung der Mechanik sich in der Hochzeitsnacht zu Tode tanzen. In der Konstruktion der idealen Braut wird nicht nur die reale Person zerstört, sondern auch die gemeinsame Beziehung. »Nun bist du ganz mein Eigenes - ganz und gar«, diese Quintessenz entlarvt die Autorin als Lebenslüge.
In ihrer Schärfe und der Kritik am herrschenden Frauenbild nehmen sich die beiden Künstlerinnen nichts; auch Höch hat eine Reihe von Montagen gemacht, mit denen sie das schöne Mädchen, die Braut, die Idylle des bürgerlichen und bäuerlichen Brautpaares als Lügen und Attrappen denunziert.
Til Brugmanns schräge Fantasien und verschrobene Fabulierkunst finden in ihrem eigenen Land kein großes Echo. Trotz einiger weniger Publikationen in Dadaschriften findet sie keinen Verlag, der ihre Texte publizieren will.
Nach einigen gemeinsamen Reisen durch Italien, Frankreich und Spanien beschließen die beiden Künstlerinnen 1929, nach Berlin zu ziehen. In Höchs Vorstellung war Berlin noch die Metropole, mit ihrer anregend-aufregenden Kunstszene, den vielen Kleinverlagen und Galerien, die sie drei Jahre zuvor verlassen hatte. Tatsächlich jedoch hatte sich inzwischen Entscheidendes verändert, was insbesondere mit der politischen und ökonomischen Zuspitzung zusammenhing.
Höchs und Brugmanns gemeinsame Berliner Zeit währte noch fünf Jahre. Sie lebten und arbeiteten zusammen. Das kosmopolitische Interesse der Holländerin, ihre sprachwissenschaftliche Neugier, ihr schnurriger Humor inspirierten Höch zu einer Vielzahl von Montagen. Brugmann unterstützte die Künstlerin bei der Vermittlung und Organisation neuer Ausstellungen. Höch wiederum half der Freundin bei Übersetzungen und verlegerischer Arbeit, machte Illustrationen für ihre Gedichte und ihre Prosa; aber nur eine einzige Arbeit, Scheingehacktes, wurde im Verlag Rabenpresse publiziert.
1935 trennten sich die beiden. Hannah Höch schrieb später: »An ihrer starken Persönlichkeit und einem ausgeprägten Geltungstrieb litt meine eigene Spannkraft, und ich mußte wieder zu mir selbst zurückfinden und zurückkehren.«
Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung aus: Jula Dech, Sieben Blicke auf Hannah Höch, Kleine Bücherei für Hand und Kopf Band 52, Hamburg: Edition Nautilus, Klappenbroschur, illustriert, 96 Seiten, 8,80 Euro. Das Buch erscheint am 20. August 2002.