Schöne Flecken

Douglas Coupland: Beautiful Stains - Fotoprints. Eine Einführung

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Kanada dürfte das Land sein, von dem aus sich die USA am besten verstehen lassen. Direkt oberhalb gelegen hat man von dort einen guten Überblick und ist trotzdem recht nahe dran. Die Menschen scheinen vernünftiger, ausgeglichener und weniger psychotisch als US-Amerikaner - fast so wie Skandinavier im Verhältnis zu Deutschen. Es ist kein Zufall, dass viele hellsichtige Analysen und Kritiken des »American Way of Life« aus Kanada stammen.

Douglas Coupland, 1961 in Kanada geboren und bis heute mit festem Wohnsitz in Vancouver, hat die Vereinigten Staaten immer als Ethnologe bereist und durch die kulturanthropologische Brille betrachtet. Der Blick von innen war immer auch einer von außen. Deshalb sind seine Bücher immer eine Spur präziser als die mit blinden Flecken versehenen Selbstdiagnosen aus der US-Kultur. »Generation X« von 1991 spiegelt das Lebensgefühl der späten achtziger Jahre jenseits von Hippie- und Yuppietum wider anhand einer Gruppe Jugendlicher, die sich nach Palm Springs, an den Rand der kalifornischen Wüste zurückgezogen haben und über ihr Leben philosophieren. Das Buch liefert ein derart triftiges Psychogramm jener Generation, dass es nicht nur sofort zum Klassiker wurde, sondern zum Vorbild für ein ganzes Genre von Generationsbüchern. An das Original reicht bis heute keines heran.

»Microserfs« von 1995, um nur einen weiteren aus der Liste der inzwischen sieben Romane herauszugreifen, ist eine Expedition in die hermetische Microsoft-Welt von Redmond, Washington. Noch bevor der Internet-Hype überhaupt absehbar war, skizziert und dekonstruiert Coupland darin am Beispiel einer Start up-Wohngemeinschaft akkurat bereits die Lebens- und Denkweise, die uns in den vergangenen Jahren als erstrebenswert angepriesen wurde. Das nächste große Ding, wie es in Amerika heißt, hat bei Coupland immer auch und immer schon einen Haken.

In seinem aktuellen Buch, »All Families Are Psychotic«, bereisen die zu großen Teilen Aids-infizierten Angehörigen einer behinderten Astronautin aus Vancouver eine Woche lang Florida. Die kanadische Familie, die unterm Strich vielleicht sogar weniger psychotisch ist als die meisten ortsansässigen, ist eine Peilsonde inmitten jenes surrealen Rentnerparadieses zwischen Cape Canaveral und Disneyland, das wie »Biosphere II« die aktuelle Befindlichkeit US-Amerikas in einer Nussschale konserviert.

Dass bei Coupland vieles grell, unwahrscheinlich und überzeichnet wirkt, tut der Erkenntnis keinen Abbruch. Es ist im Gegenteil eine Konzession an die von Jean Baudrillard konstatierte »Agonie des Realen« und die Medienwirklichkeit, die es ersetzt hat. In ihr wirkt Reales nur dann real, wenn es inszeniert und dramatisch zugespitzt wird.

In einer Folge der Simpsons gibt es eine Szene, in der Lisa Simpson bei Dreharbeiten für einen Film zuschaut, in dem ein Pferd vorkommen soll. Dazu werden von der Crew einige Kühe wie Pferde angestrichen. Warum sie nicht gleich ein Pferd nähmen, fragt Lisa Simpson. Einer der Filmmenschen erklärt: »Pferde sehen im Film nicht aus wie Pferde, nur angestrichene Kühe sehen aus wie Pferde.« Lisa lässt nicht locker und will wissen, was sie machen, wenn im Film Kühe dargestellt werden sollen. Lapidare Antwort: »Dann binden wir einfach ein paar Katzen zusammen.«

In »Miss Wyoming«, Couplands vorletztem Roman, gibt es eine Stelle, in der die Hauptfigur Susan einen Flugzeugabschuss als Einzige überlebt. Unmittelbar danach setzt sie sich vor den Fernseher und verfolgt die Nachrichten über die Katastrophe auf CNN. Erst da begreift sie, was geschehen ist: »Die Ereignisse erschienen ihr im Fernsehen realer als in Wirklichkeit.«

So funktioniert Pop Art und so funktionieren auch die fotokonzeptionellen Arbeiten der Vancouver-Schule mit ihrem prominentesten Vertreter Jeff Wall. In genauestens durchkomponierten Tableaus, die nur auf den ersten Blick wie zufällige Schnappschüsse wirken, kippt das Reale ins Hyperreale. Die nicht nur räumliche Nähe zu Jeff Wall ist im Werk Douglas Couplands deutlich spürbar.

Vor seiner schriftstellerischen Karriere studierte er am Emily Carr College of Art and Design in Vancouver, später am Hokkaido Institut in Sapporo, Japan, und am European Design Institut in Mailand Bildhauerei. Die gesamten neunziger Jahre stand das Schreiben eindeutig im Vordergrund, dahinter schimmerte aber stets das Interesse für die visuelle Ästhetik durch. Die hier gezeigten Arbeiten stellen eine Wiederannäherung an die unmittelbarere Sprache visueller Artefakte dar, ohne sich allzu weit vom literarischen Ansatz zu entfernen. Und beide Ausdrucksweisen verweisen ohnehin auf dasselbe Referenzsystem, wie es Coupland selbst deutlich macht: »Sowohl in meiner Betätigung als Schriftsteller als auch als bildender Künstler habe ich stets die Bildwelt des Pop als diskursiven Ausgangspunkt genutzt.«

Natürlich erinnern die Arbeiten - traditionelle Collagen, mit digitaler Technologie upgegradet - auf den ersten Blick an die Ikonografie der Pop Art. Gleichzeitig sind sie aber alles andere als oberflächlich oder vordergründig. Vielmehr liegen ihnen perzeptive Beobachtungen und konzeptionelle Erwägungen zugrunde, die in den zugehörigen Texten Ausdruck finden. Jedes Bild einer Serie ist nur zu verstehen über den Text, den es umgekehrt illustriert. Das macht den literarischen Kern von Couplands Bildsprache aus und rückt sie fast in die Nähe der Konzeptkunst.

Auch wenn Tony Godfrey sagt, der Zweck von Konzeptkunst sei nicht, gut auszusehen, sondern dich denken zu machen, trifft auf Couplands Bildserien beides zu. Sie sehen einfach immer gut aus, was Coupland so erklärt: »Es fällt mir leicht, Dinge gut aussehen zu lassen, und ich habe da auch keine Skrupel. Meine Jahre auf allen Ebenen innerhalb der globalen Medienmaschinerie haben mich in den Stand versetzt, alles und jedes zu 'art directen'.«

Was will man da machen. Pop ist ein Stahlbad, und die Kulturindustrie verordnet es unablässig. Couplands allerneueste Arbeiten, die gerade in Kanada als Buch erschienen sind, gehen dann aber doch in eine etwas andere Richtung. Unter dem Titel »Souvenir of Canada« hat Coupland elf extrem tiefenscharfe Stillleben-Fotografien in Szene gesetzt. Die Lichtsetzung und die Anordnung der überladenen Assemblagen typischer Versatzstücke der kanadischen Alltags- und Warenkultur gehorchen den klassischen Regeln für Bildaufbau und -komposition. Es scheint, als sei jemand angekommen: bei sich, bei einem souveränen eigenen Stil in der Fluchtlinie der Vancouver-Fotografie - und in Kanada.