Ungefähr eine Million getötete Yahoos
Der Leser möge bitte beachten, dass der folgende Extrakt vieler Gespräche, die ich mit meinem Herrn führte, eine Zusammenfassung der wesentlichsten Punkte enthält, die zu verschiedenen Zeiten während eines Zeitraums von mehr als zwei Jahren besprochen wurden. Seine Gnaden verlangte nämlich oft ausführlichere Auskunft, als ich mich in der Sprache der Houyhnhnms weiter vervollkommnete. Ich legte ihm den ganzen Zustand Europas dar, so gut ich konnte; ich sprach von Handel und Manufakturen, von Künsten und Wissenschaften; und die Antworten, die ich auf alle Fragen gab, die er stellte, wie sie sich bei verschiedenen Themen ergaben, bildeten einen unerschöpflichen Gesprächsstoff. Ich werde hier jedoch nur das Wesentliche von dem niederschreiben, was sich davon auf mein Heimatland bezog, indem ich es ohne Berücksichtigung des Zeitpunktes oder anderer Umstände ordne, mich dabei aber streng an die Wahrheit halte. Mein einziger Kummer besteht darin, dass ich kaum imstande sein werde, den Argumenten und Erklärungen meines Herrn gerecht zu werden, die notwendig durch meinen Mangel an Fähigkeiten sowie durch eine Übersetzung in unser barbarisches Englisch leiden müssen.
Den Befehlen Seiner Gnaden gehorsam, berichtete ich ihm von der Revolution unter dem Prinzen von Oranien; von dem langen Krieg mit Frankreich, der von dem besagten Fürsten begonnen und von seiner Nachfolgerin, der gegenwärtigen Königin, wieder aufgenommen wurde, an dem die größten Mächte der Christenheit beteiligt waren und der noch immer andauerte. Ich berechnete auf sein Ersuchen hin, dass in seinem ganzen Verlauf ungefähr eine Million Yahoos getötet, vielleicht hundert oder mehr Städte eingenommen und fünfmal soviel Schiffe verbrannt oder versenkt sein mochten.
Er fragte mich, was die gewöhnlichen Ursachen oder Beweggründe seien, die ein Land veranlassten, mit einem anderen Krieg zu führen. Ich erwiderte, die Ursachen seien zahllos; ich würde aber nur einige der hauptsächlichsten erwähnen. Zuweilen sei es der Ehrgeiz der Fürsten, die niemals glaubten, sie hätten genügend Land oder Leute zu beherrschen; zuweilen die Verderbtheit der Minister, die ihren Herrn in einen Krieg verwickeln, um das Geschrei der Untertanen über ihre schlechte Regierung zu ersticken oder abzulenken. Verschiedenheit der Meinungen habe viele Millionen Menschenleben gekostet, zum Beispiel ob Fleisch Brot oder Brot Fleisch sei, ob der Saft einer gewissen Beere Blut oder Wein sei; ob das Pfeifen ein Laster oder eine Tugend sei; ob es besser sei, einen Holzpfosten zu küssen oder ihn ins Feuer zu werfen; was die beste Farbe für einen Rock sei, ob Schwarz, Weiß, Rot oder Grau; und ob er lang oder kurz, eng oder weit, schmutzig oder sauber sein sollte, nebst vielen anderen Dingen. Und keine Kriege seien so wütend und blutig oder von so langer Dauer wie diejenigen, die durch Verschiedenheit der Meinungen veranlasst würden, besonders wenn es sich um nebensächliche Dinge handelte.
Zuweilen, fuhr ich fort, geht der Streit zwischen zwei Fürsten darum, zu entscheiden, wer von ihnen einen dritten seiner Besitzungen berauben soll, auf die keiner von beiden irgendeinen Rechtsanspruch hat. Zuweilen fängt ein Fürst Streit mit einem anderen an, weil er fürchtet, der andere möchte Streit mit ihm anfangen. Zuweilen wird ein Krieg begonnen, weil der Feind zu stark, und zuweilen, weil er zu schwach ist. Zuweilen verlangen unsere Nachbarn die Dinge, die wir haben, oder haben die Dinge, die wir verlangen, und dann kämpfen wir beide, bis sie unsere nehmen oder uns ihre geben. Es ist ein sehr berechtigter Kriegsgrund, in ein Land einzufallen, nachdem das Volk durch eine Hungersnot geschwächt, durch die Pest dezimiert oder weil es untereinander in Parteikämpfe verwickelt ist. Es ist gerechtfertigt, unseren nächsten Verbündeten mit Krieg zu überziehen, wenn eine seiner Städte oder ein Landstrich so günstig für uns liegt, dass unser Herrschaftsgebiet abgerundet und vervollständigt würde.
Wenn ein Fürst einen Staat mit Heeresmacht überzieht, dessen Volk arm und unwissend ist, darf er rechtmäßig die Hälfte des Volkes hinrichten lassen und die übrigen zu Sklaven machen, um sie zu zivilisieren und von ihrer barbarischen Lebensweise abzubringen. Es ist ein sehr königlicher, ehrenwerter und häufig geübter Brauch, dass, wenn ein Fürst die Hilfe eines anderen erbittet, um sich vor einer Invasion zu schützen, der Helfer, nachdem er den Angreifer vertrieben hat, sich selbst des Landes bemächtigt und den Fürsten, dem er zu Hilfe kam, tötet, einkerkert oder verbannt. Blutsverwandtschaft oder Verschwägerung ist eine häufige Ursache für Kriege zwischen Fürsten, und je näher die Verwandtschaft ist, desto größer ist ihre Neigung, sich zu streiten. Arme Nationen sind hungrig, und reiche Nationen sind hochmütig, und Hochmut und Hunger werden stets miteinander im Streit liegen. Aus all diesen Gründen gilt das Handwerk des Soldaten als das ehrenwerteste von allen, weil ein Soldat ein Yahoo ist, der gemietet wird, um kalten Blutes so viele seiner eigenen Art, die ihm nie etwas getan haben, zu töten, wie er nur irgend kann.
Desgleichen gibt es eine Art bettelhafte Fürsten in Europa, die nicht imstande sind, aus eigener Kraft Krieg zu führen, und ihre Truppen an reichere Nationen für soundsoviel pro Tag für jeden Mann vermieten; davon behalten sie drei Viertel für sich, und das ist der größte Teil ihrer Unterhaltsmittel; solcher Art sind die in Deutschland und anderen nördlichen Teilen Europas.
»Was du mir« (sagte mein Herr) »zum Thema Krieg gesagt hast, zeigt tatsächlich in höchst bewundernswerter Weise die Auswirkungen jener Vernunft, auf die ihr Anspruch erhebt; zum Glück ist es jedoch so, dass die Schande größer ist als die Gefahr und dass die Natur euch ganz unfähig gelassen hat, viel Unheil anzurichten. Da nämlich euer Mund nicht aus eurem Gesicht herausragt, könnt ihr euch kaum wirkungsvoll beißen, es sei denn mit Einwilligung. Und was dann die Krallen an euren Vorder- und Hinterfüßen angeht, so sind sie so kurz und schwach, dass einer unserer Yahoos ein Dutzend der Euren vor sich hertreiben würde. Und deshalb kann ich nicht umhin zu glauben, dass du bei dem Bericht über die Zahlen derer, die im Kampf getötet wurden, 'das gesagt hast, was nicht ist'.«
Ich konnte mich nicht enthalten, den Kopf zu schütteln und über seine Unwissenheit ein wenig zu lächeln. Da mir die Kriegskunst nicht unbekannt war, gab ich ihm eine Beschreibung von Kanonen, Feldschlangen, Musketen, Karabinern, Pistolen, Kugeln, vom Pulver, von Degen, Bajonetten, Schlachten, Belagerungen, Rückzügen, Angriffen, Unterminierungen, Gegenminen, Bombardierungen, Seeschlachten; von Schiffen, die mit tausend Mann versenkt wurden; von zwanzigtausend Toten auf jeder Seite; vom Sterberöcheln; von Gliedmaßen, die durch die Luft fliegen; von Rauch, Lärm, Verwirrung; von Menschen, die unter Pferdehufen zu Tode getrampelt werden; von Flucht, Verfolgung, Sieg; von Feldern, übersät mit Leichen, die Hunden und Wölfen und Raubvögeln zum Fraß überlassen werden; von Plünderung, Leichenfledderei, Notzucht, Brand und Zerstörung. Und um die Tapferkeit meiner eigenen teuren Landsleute herauszustreichen, versicherte ich ihm, ich hätte gesehen, dass sie bei einer Belagerung hundert Feinde auf einmal und ebenso viele auf einem Schiff in die Luft gesprengt hätten, und hätte zugeschaut, wie die Leichen zum großen Ergötzen der Zuschauer stückweise aus den Wolken herunterfielen.
Ich wollte noch auf mehr Einzelheiten eingehen, als mein Herr mir zu schweigen befahl. Er sagte, jeder, der sich in der Natur der Yahoos auskenne, werde es leicht für möglich halten, dass ein so scheußliches Tier jeder Handlung, die ich genannt hätte, fähig wäre, wenn ihre Kraft und Schlauheit ihrer Bosheit gleichkämen. In dem Maße aber, wie meine Darlegung seinen Abscheu vor der ganzen Gattung vermehrt habe, habe er bemerkt, dass sie ihn in einer Weise beunruhigte, die ihm früher völlig fremd gewesen sei. Er glaube, dass seine Ohren, wenn sie einmal an so schreckliche Wörter gewöhnt seien, sie allmählich auch mit geringerem Abscheu aufnehmen würden. Obgleich er die Yahoos dieses Landes hasse, tadle er sie doch wegen ihrer abscheulichen Eigenschaften nicht mehr als einen Gnnayh wegen seiner Grausamkeit oder einen scharfen Stein, weil er ihn in den Huf schneide. Wenn aber ein Geschöpf, das Anspruch auf Vernunft erhebe, solcher Ungeheuerlichkeiten fähig sein könnte, so fürchte er, dass die Entartung dieser Gabe noch schlimmer als selbst viehische Unvernunft sei. Er schien deshalb überzeugt zu sein, dass wir statt der Vernunft lediglich irgendeine Eigenschaft besäßen, die geeignet sei, unsere natürlichen Laster zu vergrößern, so wie die Oberfläche eines aufgewühlten Flusses das Bild eines missgestalteten Körpers nicht nur größer, sondern auch verzerrter widerspiegle.
Er fügte hinzu, er habe in diesem wie in einigen früheren Gesprächen schon allzu viel über den Krieg gehört.
Jonathan Swift, Reisen zu mehreren entlegenen Völkern der Erde in vier Teilen von Lemuel Gulliver erst Wundarzt später Kapitän mehrerer Schiffe (1726/1735). Aus dem Englischen von Franz Kottenkamp. Vierter Teil: Eine Reise in das Land der Houyhnhnms.