Tausende haben sich an einem kalten Wintertag in Buenos Aires am Obelisken in der Avenida 9 de Julio versammelt. Die Dachorganisation der Arbeitslosenbewegung, der Bloque Piquetero Nacional sowie radikale Gewerkschafter des Polo Obrero haben zusammen mit Basisorganisationen und der Arbeiterpartei Partido Obrero ihre Anhänger mobilisiert. Sie wollen zum Regierungspalast ziehen und dort die Plaza de Mayo, den zentralen Platz der Hauptstadt, besetzen.
Am späten Nachmittag hat sich der Demonstrationszug formiert und setzt sich in Bewegung. An der Spitze marschieren die Ordnerdienste der verschiedenen Gruppierungen. Junge Burschen, in Reih und Glied, viele von ihnen sind vermummt und mit geschälten Holzprügeln bewaffnet. Dahinter folgt die Menge. 12 000 DemonstrantInnen skandieren: »Pi-que-tero, carajo!«. Und das seit Monaten allgegenwärtige »Que se vayan todos!«. Alle sollen verschwinden.
Die Forderungen der DemonstrantInnen klingen utopisch. Die Arbeiterpartei spricht von »einer Verdoppelung« des bislang bei 150 Peso (ca. 40 Euro) liegenden monatlichen Entgelds in den staatlichen Beschäftigungsprogrammen. Angestellte sollen monatlich einen Mindestlohn von 600 Peso bekommen (ca. 160 Euro) und das staatliche Arbeitslosengeld müsse auf 500 Peso erhöht werden. Die Enteignung der besetzten Fabriken (im Süden des Landes) steht bei der kleinen Arbeiterpartei genauso wie ein »Stopp der Zinszahlungen an den IWF« nebst der »Errichtung einer Regierung des Proletariats« auf dem Programm.
Zwanzig Minuten später wird es auf der Demonstration spannend. Einheiten der Landes- und der Bundespolizei haben sämtliche Zugänge zur Plaza de Mayo abgeriegelt. Der Zugang von der Avenida Diagonal Norte ist mit mannshohen Gitterbarrikaden versperrt. Dahinter wartet die Staatsgewalt: Wasserwerfer, Reiterstaffeln und schwer bewaffnete Polizisten. Fünfzig Meter vor der Absperrung macht der Demonstrationszug halt. »Pique-tero, carajo!« Der eine oder andere bückt sich nach Steinen. Eine Demonstrantin drückt mir eine Zitrone in die Hand. »Gegen das Tränengas, wenn's losgeht.« Viele scheinen darauf nur zu warten.
Die Bewegung der Piqueteros, der verarmten Unterschicht, der Arbeitslosen und Zeitarbeiter, sucht sich immer wieder durch konfrontative Aktionen Gehör zu verschaffen. Sie blockiert Straßenkreuzungen und die Eingänge zu Fabriken oder Supermärkten. Oft geht es um konkrete Auseinandersetzungen wie die Bezahlung ausstehender Gehälter oder die staatliche Förderung von Arbeitslosenprogrammen. Immer wieder kommt es dabei zu Zusammenstößen mit der Polizei. Und nicht selten schießt sie scharf. Fotografen hielten vor wenigen Monaten fest, wie Beamte der Provinz Buenos Aires im Vorort Avellaneda zwei Arbeitslosen-Aktivisten kaltblütig erschossen.
Doch diesmal bleibt es friedlich. Nach einer halbstündigen Verhandlung zieht die Polizei die Gitter beiseite und lässt den Zug zur Plaza de Mayo passieren. Nach einer kurzen, flammenden Ansprache wird in der kalten Winternacht das Lager aufgeschlagen. Zelte werden aufgebaut, Rock Nacional ertönt und Matetee wird ausgeschenkt. Rund 6 000 Menschen bleiben über Nacht hier. Am Morgen beendet die Polizei ohne größeren Widerstand die Besetzung. Alles gut gegangen. Ich schenke meine Zitrone einem der Cartoneros, einem der Lumpen- und Papiersammler, die Flugblätter vom Boden einsammeln.
In El Jaguel brennt ein Gebäude. Alle vier privaten Fernsehkanäle zeigen die gleichen Bilder. Das Polizeikommissariat in El Jaguel, am südlichen Rand von Buenos Aires, steht in Flammen. Eine aufgebrachte Menge wirft Steine, brennende Autowracks blockieren die Straßen. Eine Polizeieinheit verfolgt zunächst untätig das Geschehen. Was ist passiert?
Anfang Juli wurde in Jaguel der 17jährige Schüler Diego Peralta entführt. Kidnapping ist in Mode gekommen. Oft geht es um Lösegelder in Höhe von 200 US-Dollar. Das Opfer kommt bei Bezahlung in der Regel schnell wieder frei. Anders im Falle Peraltas, der trotz einer Lösegeldzahlung verschwunden bleibt. Brisant wird die Angelegenheit, als drei Polizeibeamte der Provinz Buenos Aires von Ermittlern der Bundespolizei verhaftet werden. Sie waren mit der Aufklärung des Falls Peralta betraut, transportierten aber im Kofferraum ihres Dienstwagens selbst ein gefesseltes Entführungsopfer. Die Bundespolizei übernimmt danach die Ermittlungen im Fall Peralta. Erfolglos. Mitte August wird im Bezirk Quilmes (Provinz Buenos Aires) eine in einem Tümpel treibende Leiche gefunden. Sie trägt deutliche Spuren von Misshandlung. Die Zähne sind ausgeschlagen, die Fingerkuppen abgetrennt.
Als die Behörden den Tod Peraltas bekannt geben, zündet eine wütende Menge das Kommissariat an. Vor laufenden Kameras wird ein nahe gelegener Supermarkt geplündert und der Feuerwehr der Weg versperrt. Die Polizei setzt schließlich Gummischrot und Tränengas ein. Es herrscht eine latente Wut in Argentinien, gemischt mit Hilflosigkeit gegenüber einem Teufelskreis aus Korruption und Wirtschaftskrise. Eine Wut, die sich überall und plötzlichen entladen kann.
Ein Gespenst geht um im Land und in den Strassen der Hauptstadt: Der Hunger. Es gab sie immer schon, die abgerissenen Gestalten, die halb legalen Krimskrams-Händler, Klebstoff schnüffelnde Straßenkinder, Bettler und Lumpensammler. Aber ihr Zuwachs in den letzten Monaten ist schockierend. Jeden Nachmittag drängen die Cartoneros aus den »Villas«, den Elendsquartieren, mit den Zügen ins Zentrum der Stadt. Von den Endbahnhöfen Constitucion und Retiro schwärmen sie ins Stadtgebiet aus. Sie ziehen Karren und tragen riesige Plastiksäcke und wühlen sich bis in die Morgenstunden durch den Abfall der Stadt. Sie suchen nach Wertstoffen wie Papier, Glas, Dosenblech, Textilien. Aber auch nach Essensresten. Es sind Tausende, die so Nacht für Nacht durch die Straßen von Buenos Aires ziehen, die meisten sind Kinder. Für ein Kilo Altpapier bekommt ein Cartonero vom Recyclinghändler etwa vierzig Centavos. Um in einer Nacht zehn Peso (keine drei Euro) zu verdienen, müsste ein Cartonero 25 Kilo Altpapier aufklauben.
Aber die extreme Krise hat auch eine erstaunliche Welle der Solidarität ausgelöst. Nachbarschaftsinitiativen organisieren Spendenaktionen. Gewerkschaften, Bürgerrechtsgruppen wie die Madres de Plaza de Mayo haben »Comedores populares« eingerichtet. In diesen Volksküchen erhalten Bedürftige täglich zwei Mahlzeiten gratis. Die Medien rufen gar zur Mülltrennung auf, um den Cartoneros die Arbeit zu erleichtern. Viele Pizzerias und Bäckereien verteilen jeden Abend das Übriggebliebene an die Schlange der Hungrigen.