»Alle wissen Bescheid«
Das Hotel Anan liegt in einer kleinen Gasse, unweit des Socco Chico, in der Medina von Tanger. Gegen 23 Uhr leeren sich langsam die Cafés, die kleinen Restaurants schließen. In ein, zwei Stunden gehören die Straßen der Altstadt den Nachtgestalten: Gaunern, Dieben, Geschäftemachern, Dealern, Obdachlosen, Herumtreibern. Godfried Nokuio (34) wartet auf mich vor dem Hoteleingang. Neben ihm der freundlich grinsende Portier, der offensichtlich für jede Abwechslung dankbar ist. Das sei ein guter Mensch, sagt er und klopft Godfried kumpelhaft auf die Schulter. Auch im Cafe, wo ich mit dem Nigerianer eine Cola trinke, wird er wie ein guter alter Bekannter begrüßt. Ich solle auf ihn aufpassen, meint der Kellner beschwörend, als er die Gläser auf den Tisch stellt. Ich nicke selbstverständlich, denke mir aber, dass das wohl nicht so leicht ist. Godfried Nokuio ist illegal in Marokko und kann, wie in jedem anderen Land der Erde auch, jeden Moment abgeschoben werden. Godfried ist dieser Druck anzumerken. Er wirkt verschüchtert, ist sichtlich deprimiert. Als steckte ein Knoten in seiner Brust, so gepresst und mühsam bringt er manchmal die Wörter heraus.
Wenige Tage nach unserem Gespräch bekomme ich einen Anruf von ihm, er sei nun doch in Oujda an der algerischen Grenze gelandet. Er wisse nun nicht, was passieren werde.
Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
*
Von Lagos nach Tanger ist es ein langer Weg ...
Das kann man wohl sagen. Aber ich bin nicht durch die Wüste gekommen wie viele meiner Landsleute. Ich kam als Tourist mit dem Flugzeug.
Richtig nobel im Vergleich zu den anderen, die oft monatelang unterwegs sind.
Ich wusste gar nicht, dass so viele Leute den Weg durch die Wüste nehmen. All diese Strapazen, quer durch die Sahara, eingequetscht in überfüllten Bussen, Kleintransportern oder Jeeps. Oft ohne Wasser, ohne ausreichende Verpflegung, andauernd sich Sorgen machen müssen, dass man beklaut oder in der Wüste sitzen gelassen wird. Besonders für die Frauen, die manchmal auch noch schwanger sind, eine Tortur. Zu allem kommt die Willkür von Militär und Polizei, der man überall ausgeliefert ist. Da werden Leute so lange festgehalten, bis sie sich freikaufen. All das, bevor sie überhaupt Marokko erreichen. Ich habe davon erst hier in Tanger erfahren, was die Leute so alles auf sich nehmen.
Um hier dann in der Meerenge von Gibraltar noch mal ihr Leben zu rikieren, wenn sie mit einem Zodiac nach Europa übersetzen.
Ja, ich weiß. Das ist sehr gefährlich. Viele schaffen diese läppischen 14 Kilometer bis an die andere Seite nicht. Die meisten haben überhaupt keine Ahnung, worauf sie sich einlassen. Von Tanger sieht es wie ein Katzensprung nach Spanien aus. Für mich kommt das mittlerweile kaum noch in Frage. Ich bin mir in der Zwischenzeit nicht mehr so sicher, ob ich dieses Risiko auf mich nehmen will und es überhaupt noch kann. Was ich hier alles gesehen und erlebt habe!
Wieso, wie lange bist schon hier?
Seit zwei Jahren.
Wie bitte?
Ja, zwei Jahre. Ich weiß, das klingt unglaublich, aber das ist leider wahr.
Wieso bist du nicht schon längst rüber nach Spanien gegangen?
Ein Freund von mir, der ganz legal in Holland lebt, hat mir das Flugticket nach Tanger bezahlt und wollte entweder Papiere in Holland für mich organisieren oder, wenn das nicht klappen sollte, mir die Überfahrt bezahlen. Ein paar Mal hat er mir Geld geschickt und ich habe hier gewartet, dass etwas passiert. Nach einigen Monaten hab ich nichts mehr von ihm gehört, saß da ohne Kohle und konnte weder zurück nach Nigeria noch weiter nach Spanien. Auf Dauer eine deprimierende Situation, die ich nicht mehr länger aushalten kann.
Wie hast du dich die ganze Zeit über Wasser gehalten?
Was bleibt dir schon übrig, wenn du nichts Illegales machen willst? Arbeit gibt es nicht, also gehe ich betteln.
In einem islamischen Land nicht das Schlechteste, um Geld zu verdienen?
Manchmal ja, aber es gibt auch Tage, wo du nur 30, 40 Dirham (drei, vier Euro) machst. Ich bezahle im Hotel für die Nacht 25 Dirham (2,50 Euro). Da bleibt nicht viel übrig zum Leben. Außerdem ist Betteln nicht gerade der schönste Job.
Viele andere in ähnlicher Lage sind da weniger zimperlich ...
Richtig, die verkaufen Drogen, klauen, aber hauptsächlich schicken sie ihre Frauen auf den Strich.
Zu Dumpingpreisen, wie ich gehört habe.
Ja, da kannst du schon für 20 Dirham (zwei Euro) alles bekommen, was du willst.
Für welche Kundschaft?
Meistens Marokkaner, die selbst kaum Kohle haben und denen die eigenen Prostituierten zu teuer sind. Außerdem geht ihnen da extra einer ab, wenn sie mit schwarzen Frauen rummachen.
Was meinst du damit? Exotik?
Für die meisten Marokkaner sind Schwarzafrikaner Menschen zweiter Klasse. Jemand, auf den sie herabsehen können. Sie haben ja sonst niemanden, auf den sie runterspucken könnten. Sie sind ja, an Europa gemessen, auch nur zweit- oder drittklassig. Und dann die Frauen der Schwarzen für nichts und wieder nichts haben zu können, gibt noch einen Extrakick. Ich find' das alles nur widerlich und möchte damit nichts zu tun haben.
Was hast du eigentlich in Nigeria gemacht?
Ich habe als Elektriker gearbeitet. Sogar für den Staat. Aber das Gehalt war so niedrig, dass es kaum zum Leben reichte. Und wenn du an sowas wie Zukunft, Familie, Haus denkst, alles unmöglich.
Was hast du dir von Europa erwartet?
Eigentlich wollte ich ja nach Holland zu meinem Freund. Der hätte mir dort einen Job besorgen sollen. Jetzt würde mir Spanien erstmal genügen. Irgendeine Arbeit, um mich über Wasser zu halten. Später würde ich am liebsten nach Deutschland gehen. Dort gibt es ja Arbeit ohne Ende. Dort findet jeder Arbeit, der wirklich arbeiten möchte.
Woher weißt du das?
Das weiß doch jeder. Auch hier in Marokko spricht jeder davon. Geh nach Deutschland, da gibt es genug Geld zu verdienen.
Und wenn ich dir sage, dass es in Deutschland viele Arbeitslose gibt, die dringend einen Job suchen, aber keinen finden.
Das glaube ich nicht. Das sind Leute, die wollen einfach nicht arbeiten. Die sind zu faul oder was weiß ich. Frag meine Kameraden auf dem Zimmer oder den Portier des Hotels. Die sagen dasselbe. Sie können mir viel erzählen.
Denkst du, dass es dir in Deutschland ohne Papiere besser geht als hier in Marokko?
Das glaube ich in jedem Fall. Hat man erst mal Arbeit, dann geht es schon irgendwie vorwärts. Deutschland ist ein Industrieland, wirtschaftlich sehr stark, das Leute braucht, die gut und hart arbeiten können.
Du träumst zu viel ...
Nein, absolut nicht. Ich kenne genug, denen es dort gut geht. Einige haben sogar eine deutsche Frau geheiratet und haben Kinder.
Willst du auch eine Deutsche heiraten?
Klar, warum nicht. Mir gefallen deutsche Frauen.
Wie lange war dein Visum eigentlich gültig, als du nach Marokko kamst?
Ich hab eine Woche bekommen.
Also bist du seit zwei Jahren illegal hier.
Da bin ich nicht der Einzige. Die meisten meiner Kameraden aus Nigeria, Sierra Leone, Gabun, Kongo oder Mali haben kein gültiges Visum. Deshalb verstecken sie sich mehr oder weniger in ihren Hotels, gehen sehr selten auf die Straße. Höchstens, um ein bisschen Luft zu schnappen oder etwas einzukaufen. Gekocht wird im Zimmer oder auf dem Dach.
Du lebst ständig in der Furcht, dass die Polizei kommt ...
Man weiß nie, was im nächsten Moment passiert. Manchmal taucht die Polizei auf, manchmal nicht. Manchmal nehmen sie einen mit, manchmal nicht. Manchmal behalten sie dich auf der Wache und schieben dich nach Oujda an die algerische Grenze ab. Manchmal auch nicht. Manchmal kann oder muss man bezahlen, manchmal lassen sie einen auch so wieder gehen.
Wie oft bist du schon auf dem Kommissariat gelandet?
Ich hatte bisher Glück: Nur einmal, und sie ließen mich einfach so wieder laufen. Wahrscheinlich, weil ihnen klar war, dass bei mir nichts zu holen ist. Und auf Abschiebung hatten sie wohl gerade keinen Bock. Im Hotel waren sie öfter und haben mich kontrolliert, aber nie mitgenommen. Ich sag' dir aber, eine Kontrolle reicht dir. Die treten die Türen ein, brüllen und schlagen, wen und wie sie wollen. Reine Willkür. Wir sind der Polizei total augeliefert und sie machen mit uns, was sie wollen. Sie können auch mit uns machen, was sie wollen. Wir sind illegal in Marokko. Leute mussten ins Krankenhaus, und gestorben sind auch einige.
Hast du davon nur gehört, oder ...?
Ich hab' oft gesehen, dass Kameraden geschlagen wurden. Dass jemand gestorben ist, habe ich nur gehört.
Wie hältst du diese Situation nur so lange aus?
Das alles ist manchmal unerträglich, wenn man nicht einmal für zehn Minuten aus dem Hotel gehen kann, ohne Angst haben zu müssen, aufgegriffen zu werden. Das ist blanker Rassismus, was hier abläuft. Rassismus, Mann!
Abgesehen von der Polizei, wie verhalten sich die Marokkaner gegenüber den Schwarzafrikanern?
Hier in der Medina, in unmittelbarer Umgebung des Hotels, ist es okay. Wenn die Leute einen mit der Zeit näher kennen lernen, ist alles normal. Die anderen behandeln einen meistens wie Dreck.
Warum hast du nicht versucht, das Geld für einen Platz auf dem Zodiac z.B. als eine Art »Patron« zu bekommen? Du weißt schon, Landsleute an Boote zu vermitteln und dafür Prozente zu kassieren.
Ich weiß, das machen einige. Aber das ist nicht mein Ding, solche Sachen zu organisieren. Ich glaube an Gott und möchte nicht das Elend anderer Menschen ausnutzen.
Dafür sitzt du nun hier fest und weißt nicht ein noch aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass du von der Polizei verhaftet und abgeschoben wirst.
Das ist wohl wahr ...
Wenn es ums Geld geht, denken nur wenige Leute hier an Gott. Das weißt du doch nach zwei Jahren hier in der Medina am besten.
Ja, klar. Alle wissen hier Bescheid. Der Hotelbesitzer, der Portier, der Kellner vom Restaurant gegenüber, die Polizei und das Militär. Alle arbeiten Hand in Hand. Hauptsache, die Kohle stimmt. Alle wollen ein möglichst großes Stück vom Immigranten-Kuchen haben. Bis zum Taxifahrer, der die Leute in den Wald an der Küste bringt, wo sie sich verstecken, bis es losgeht. Es sind nicht nur die 10 000 oder 15 000 Dirham (1 000 oder 1 500 Euro), die ein Platz auf einer der pateras kostet, wir bezahlen Hotels, Essen, gehen zum Arzt, in die Apotheke usw. Wir sind ein gutes Geschäft für die Stadt.
Gibt es auch andere Möglichkeiten als die risikoreichen pateras?
Klar, man kann sich auf einen Lkw schmuggeln. Aber das ist totaler Blödsinn, denn sie schnappen eigentlich alle, die das tun. Ist außerdem gefährlicher als das Boot. Viele sind schon erstickt. Was ich aber gehört habe: Wer Kohle genug hat, kann auch die normale Fähre nach Spanien nehmen. Wird dort über die Grenze geschleust ohne jede Kontrolle. Was das kostet, weiß ich nicht. Ist auch viel zu teuer für mich.
Da muss ja auch die Guardia Civil geschmiert werden.
Ich nehm's mal an. Sonst geht das ja gar nicht.
Wie läuft das eigentlich organisatorisch mit den normalen pateras?
Das ist nichts Besonderes. Es gibt Kontaktleute, die in die Hotels kommen und an Organisatoren weitervermitteln. Man gehört dann zu einer Gruppe, die auf das Startzeichen des Vermittlers wartet. Der wiederum steht im ständigen Kontakt mit dem Manager, der für Boot, Ort, Termin zuständig ist. Dieser Koordinator, immer ein Marokkaner, kassiert pro Kopf zehn Prozent des Fahrpreises. Irgendwann geht es dann los, die Leute werden in einem Taxi oder Kleintransporter an die Sammelstelle an der Küste verfrachtet. Wenn die Passagiere vollzählig sind, das Wetter gut aussieht und der große Boss seinem Manager das Okay gibt, dann geht's ab ins Boot. Militär und Marine wissen dann Bescheid. Alles völlig unspektakulär. Eine reine Organisationssache.
Das klingt ja so, als wäre das eine reibungslose Geschichte?
Das kommt immer darauf an. Manchmal geht's einfach so, in einem Rutsch, zack zack. Aber oft gibt es Probleme, klar. Das Wetter wechselt, ein Teil der Passagiere kann wegen neuer Polizeikontrollen nicht gebracht werden, oder es gibt irgendwelche Probleme mit dem Boot. Dann können die Leute manchmal tagelang im Wald warten. Schlafen auf dem Boden, haben nichts zu essen, nichts zu trinken und müssen unter Umständen wieder zurück ins Hotel oder in ihre Wohnung. Das kann oft sehr nervig sein. Ich kenne einige, die sind ein paar Mal raus- und wieder reingefahren. Das kann einige Wochen lang so gehen.
Und was passiert, wenn man drüben ist?
Da wird man angeblich abgeholt und zuerst an einen sicheren Ort gebracht, bis es dann weitergeht. Von wem und wohin, weiß aber niemand. Das ist doch klar.
Was hast du jetzt vor? Was wird aus dir?
Ich weiß es nicht. Gott wird mir schon einen Weg zeigen. Hier halte ich es nicht mehr aus. Ich fühle mich wie eingesperrt. Immer diese Unsicherheit. Jeden Tag. Ich kann diese Situation nicht mehr ertragen, ohne eine Hoffnung.
Sehnst du dich nicht nach Hause?
Ja, natürlich. Innerlich hab' ich mich schon entschieden, wieder zurückzugehen. Aber wie? Ich hab das Geld nicht dazu. Außerdem will ich es einfach nicht glauben, dass alles aus ist. Aber ich vertraue Gott, und er wird mir, wie gesagt, schon meinen Weg zeigen.