Ein Gespräch mit dem Rapper Mr. Lif

Im Fadenkreuz

Wer rappt, sollte auch was zu sagen haben. Zum Glück gibt es Mr. Lif. Er ist das wandelnde CNN der Gegeninformationen

Sie vertreten als Künstler die typische Battle-Boy-Tradition, sind aber auch ein Prediger, der politische Themen besetzt. Wollen Sie bewusst diese eigentlich entgegengesetzten Pole miteinander verbinden?

Im College merkte ich, wie überwältigt ich von meiner Liebe zu diesem HipHop-Ding war. Ich weiß noch, wie ich meinen Vater anrief und ihm sagte: »Dad, ich möchte Songs schreiben. Aber ich will HipHop dennoch als ein Werkzeug benutzen, um die Erfahrungen zu kommunizieren, die ich in meinem Leben gemacht habe. Und auch einen soziopolitischen Kommentar abgeben.« Das Ganze war also eine bewusste Entscheidung. Wenn ich schon rappen würde, wollte ich auch was zu sagen haben.

Wie haben sie sich diesem Anspruch angenähert?

Die einfachste Möglichkeit zu lernen, sind selbstverständlich Battle-Rhymes. Aber selbst in die habe ich Bezüge zu den Medien oder zur amerikanischen Politik eingebaut. Meine EP »Enter The Collossus« war ziemlich vom Battle-Rhyme-Style geprägt, aber genauso gab es Parts, in denen ich mich mit dem Terrorismus und der Art, wie Amerika jeglichen Widerstand dämonisiert, beschäftigt habe. Doch die Leute dachten immer noch, ich wäre primär ein Battle-Rhymer. Entsprechend ist das, was ich jetzt auf meiner neuen Platte mache, viel näher an dem Impuls, der mich ursprünglich zum Rap gebracht hat.

Gibt es ganz konkrete Gründe, die Sie zum rappen motivieren?

Klar. All das, was ich liebe, und all das, was ich verabscheue. Wenn ich ein beschissenes Video auf MTV sehe und es mich abfuckt, dann möchte ich meine Reime darauf abfeuern.

Wenn man sich Ihre EP »Emergency Rations« anhört, auf der Sie in dem Track »Home Of The Brave« auch George W. Bushs Reaktion auf die Anschläge angreifen, dann stellt sich die Frage, inwieweit Sie der 11. September auch als Künstler verändert hat.

Der Grund, warum es »Emergeny Rations« hieß, war, dass der 11. September und seine Folgen wahrhaftig ein »State of Emergency« waren und ich einen Gegenfluss zu den gängigen Information verbreiten wollte. Die Situation war ja so, dass George W. Bush sich durchs Land bewegte und jedem erklärte, dass die Zeit für Rache gekommen sei, weil man uns Böses angetan hatte. Ich und meine Leute dachten jedoch, dass diese Einstellung ein Haufen Scheiße ist.

Eine Meinung, die in den USA nicht sonderlich verbreitet war.

Stimmt. Wir aber hatten das Gefühl, dass die Regierung die ganze Zeit, auch schon vor dem 11. September, wusste, was abging. Und dass sie die Lage nutzte, ihre Interessen im Mittleren Osten durchzusetzen. Wofür tragischerweise tausende Menschen sterben mussten.

Ich würde also nicht sagen, dass die Ereignisse von New York mich als Künstler wirklich verändert haben. Meinen Unmut darüber, dass nukleare Waffen existieren, habe ich auch schon vorher geäußert. »Earth Crusher«, ein Track, der jetzt auf »I Phantom« ist, habe ich schon 1998 geschrieben. Der 11. September hat höchstens meinen Blick auf solche Dinge geschärft, und auch einige meiner Bedenken bestätigt. Er hat mich außerdem motiviert, noch mehr zu lesen, um zu blicken, was gerade passiert. Dazu gehört auch, Nachrichten zu schauen, und die Dinge, die ich sehe, zu dekonstruieren.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie und Ihre Gegeninformationen in der damaligen Situation überhaupt wahrgenommen wurden?

Nicht wirklich; nicht als gleichwertig zu CNN. Trotzdem wollten wir schnell etwas rausbringen, damit die Leute wenigstens ein Stückchen weit auch einen anderen Input bekamen.

Gab es heftige Reaktionen, nachdem Sie Ihre Platte herausgebracht hatten?

Sie waren überraschend positiv. Das stimmte mich jedoch genauso optimistisch wie zynisch. Entweder die Leute taten so, als ob sie mich respektierten, waren aber hinter meinem Rücken sauer auf mich. Oder sie haben tatsächlich auf eine andere Interpretation der Vorfälle gewartet.

Mein stärkster Eindruck ist inzwischen, dass die Leute wirklich durstig nach einem Fluss alternativer Informationen sind. Wenn ich auftrete, performe ich die thematisch radikalste Strophe von »Home Of The Brave« a capella. Das ist das letzte Stück bei meinen Auftritten, und danach kommen oft Leute und kaufen die Platte hauptsächlich wegen diesem Track. Oder sie wollen mit mir diskutieren.

Immerhin.

Ich hoffe, dass der Diskurs sich fortsetzt. Die Themen meines Albums sollen den Leuten zu denken geben. Denn ich spreche von einem Leben, zu dem eigentlich jeder, wenigstens in der westlichen Welt, einen Bezug hat. Einen bescheuerten Job zu haben, zum Beispiel, und nicht so viel bezahlt zu bekommen, wie man es verdient hätte.

Nach der Auseinandersetzung mit dem Ausnahmezustand ist Ihr neues Album »I Phantom« eine Auseinandersetzung mit dem Alltag.

Genau. Ich möchte die Leute auch diese Dinge hinterfragen lassen. Dinge, die vielleicht so alltäglich sind, dass man sie manchmal zu leicht übersieht und gar nicht mehr in Frage stellt. Ich wollte auch selbst einfach mal in die 27 Jahre meines banalen Lebens schauen und die verschiedenen Phasen darin reflektieren. Dazu gehört auch, mir meine Zukunft vorzustellen und mich mit wachsender Verantwortung auseinanderzusetzen.

Sie arbeiten gerne mit Konzepten. So gibt es auch Hörspielsequenzen zwischen einzelnen Stücken, in denen Sie als vermisst gelten.

In »Emergency Rations« benutzte ich Propaganda, um der Propaganda der Regierung zu trotzen: »Schaut! Wir, die Leute, können unsere eigenen Informationen verbreiten. Wir können auch Propaganda schaffen und deren Bilder gegen euch wenden.«

Aber gleichzeitig beschäftigte ich mich mit der Frage, warum er, der Gegenpropagandist, das Gefühl hat, er sei in Gefahr. Warum könnte er in diesem »Land of the free, home of the brave« verschwinden, wo doch angeblich Meinungsfreiheit herrscht? Ich weiß, dass mein Name sich auf Listen der Regierung befindet. Mal ehrlich, sie hat in diesem Klima sicherlich eine Platte wie meine zur Kenntnis genommen. Ob sie jetzt die Kritiken über sie gelesen haben oder meine E-Mails oder was auch immer. Ich denke, dass sowas eine verdammte Schande ist. Es ist ein riesiger Widerspruch zum Leben, dass sie angeblich ihren Bürgern anbieten. Es ist eine Farce.

»I Phantom« beschreibt auch die Existenz als Phantom, das kein erkennbares, signifikantes Leben führen kann.

Genau darum geht es. Vermisst zu werden ist die direkte Verbindung zum Konzept »I Phantom«. Die Leute, die 45 bis 70 Stunden in der Woche arbeiten, sind ausgebrannt und nicht über die Möglichkeiten informiert, wie sie ihr Leben anders gestalten könnten. Sie wissen nicht, dass sie sich gegen die verschiedenen Ungerechtigkeiten wehren dürfen, gegen Konzerne, gegen die Regierung, gegen die Polizei, gegen den Rassismus - die Liste ist lang.

Ich könnte außerdem nicht mal die Hälfte der Gesetze der Vereinigten Staaten aufzählen. Die Cops könnten mich wegen irgendendeiner Gesetzesüberschreitung gefangen nehmen, von der ich noch nicht mal wüsste, dass sie möglich wäre. Sie haben die Macht, dein Leben abzufucken.

Ich habe ein ziemlich niederschmetterndes Gefühl der Machtlosigkeit. Ich kenne meine Rechte nicht, und ich bräuchte viel Zeit, sie zu recherchieren. Diese Art der Informationsverbreitung wird nicht gefördert. Die Leute sind sich ihrer Rechte und Freiheiten nicht bewusst. Sie suchen erst gar nicht mehr nach emotionalen und spirituellen Entwicklungsmöglichkeiten.

Ist das Leben wirklich so banal? Gibt es denn gar keine Emanzipationsmöglichkeiten?

Geh zur Schule, besorg dir einen Job und bau dir eine Familie auf! Alles, was mit Familie zu tun hat, ist ein riesiger Wirtschaftsstrang. Und hoffentlich gehst du dann mit 60 in Rente und genießt dein Geld nicht mehr, weil du schon zu alt dafür bist und eh bald stirbst. Das ist der als normal verstandene Lebenszyklus in den USA.

Auf dem Cover Ihrer Platte ist ja auch ein Zyklus abgebildet, ein Kreis.

Das Cover von »I Phantom« ist eine Art Veralberung Da Vincis. Grundsätzlich funktioniert es so: Du hast die Figur im Zentrum, in ihrem Hintergrund ist ein Atompilz zu sehen. Und im Kreis befinden sich die verschiedenen Motive der Gesellschaft: ein Rucksack und eine Aktentasche, die für »Business« stehen; du hast eine Knarre und ein Messer für »Gewalt«; du hast ein Symbol für »Nahrung«; du hast eine Kreditkarte, also »Finanzen«; du hast die Bibel für die Religion, TV und Zeitungen für die Medien; und die CD als musikalisches Medium.

Also alle Elemente, die offensichtlich die amerikanische Gesellschaft ausmachen, und die benutzt werden, um uns zu unterhalten. Alle diese Dinge, über die du dir eigentlich Gedanken und Sorgen machen könntest, bringen uns Spaß, weil wir dazu erzogen wurden - eigentlich sollte man »programmiert« sagen -, in materiellen Dingen unsere Erfüllung zu finden.

Könnten wir im Grunde nicht glücklich sein, dass wir wenigstens etwas die Möglichkeiten zum kulturellen Ausdruck und, wenn auch beschränkt, Zugang zu Informationen haben?

Ja. Aber die Art und Weise, wie wir mit ihnen umgehen, hält uns von wirklicher Erfüllung ab. Das ist auch die Geschichte meiner Hauptfigur auf dem Album, die man durch alle Songs hindurch verfolgt. Sie probiert in sämtlichen Stadien ihres Lebens, Sinn zu finden. Und sie scheitert auf jedem Level! Es ist eine verdammt traurige Story.

Dass »I Phantom« ein Konzeptalbum ist, das vom Leben einer einzelnen Person handelt, ist mir, ehrlich gesagt, erst nach mehrmaligem Hören aufgefallen. Welche Prozesse macht dieser, nennen wir ihn mal so, typische, sozial schwache Afroamerikaner in den einzelnen Songs durch?

Im ersten Song träumt er, dass er ein Geschäft ausraubt, und wird erschossen. Durch Musik wird er wieder zum Leben erweckt. Dann erlebt er diese große Abenteuerreise, an deren Ende er gegen sich selbst kämpft und probiert, seine eigenen Dämonen zu besiegen. Dann klingelt sein Wecker und er muss zur Arbeit. Er merkt, dass er seinen Arbeitsplatz hasst, und kündigt.

Dann geht er in einen Club, in dem er sich wohl fühlt, wird aber von einer Gruppe von Angebern rausgeschmissen. Später entscheidet er sich dafür, zurück zur Arbeit zu gehen, weil er denkt, dass Geld zu verdienen Erfolg bedeuten würde. Dann, in seinem Arbeitswahn, scheitert er komplett am Familienleben. So überdenkt er seine Werte. Jetzt bedeutet Erfolg für ihn, ein guter Vater zu sein. Er tut, was er kann, setzt seine Kinder aber so unter Druck, dass seine Tochter schließlich Selbstmord begeht. Darüber lästern dann auch die Nachbarn. Es ist eine Geschichte des totalen Zusammenbruchs.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass gerade die letzten Stücke einen abstrakten Ansatz haben, der über die Geschichte der einzelnen Figur hinausgeht.

Sicher. Im Song »Iron Helix« thematisiere ich zum Beispiel die Kolonisation. MC Insight spielt die Rolle einer Figur, die nicht aus der modernen westlichen Welt stammt. Und ich übernehme die Stimme der modernen Welt, die irgendwann den anderen übertönt. Oder besser gesagt, am Ende ist kein Unterschied mehr zwischen unseren Stimmen zu erkennen. Bis die Platte dann im nuklearen Holocaust endet. Als letztes kommt das Stück »Post Mortem«, wo vier verschiedene Stimmen, die ich und die MCs El-P, Jean Grae und Akrobatik sprechen, die endgültige Explosion beobachten und erkennen, dass gerade das Leben zu Ende geht.

»I Phantom« erzählt eine Geschichte des Zerfalls und des Untergangs. Wir haben Atombomben und unzählige andere Waffen. Wir sind am denkbar schlimmsten Tiefpunkt angelangt. Wir haben die Möglichkeiten, diese Erde zigfach zu zerstören.

Normalerweise gibt es in der Kultur des Conscious Rap zwei Traditionen. Die einen beziehen sich auf die Realpolitik und konkrete Zustände, die anderen entwerfen eher kryptische Untergangsbilder, Verschwörungstheorien und philosophische Parabeln. Bei Ihnen scheint es, als wäre aus beidem eine widerspruchslose Sache geworden.

Das ist eine interessante Perspektive. Eigentlich sollte man diese Dinge tatsächlich nicht trennen, weil sie zusammengehören. Wir können unser alltägliches Handeln ja auch nicht von den Kontexten trennen, die die Welt, in der wir leben, ausmachen. Aber ganz klar, ich spreche natürlich als Bürger der USA.

Was meinen Sie damit? Auch in Deutschland sind wir von unserer Gesellschaft geprägt, und können uns eine Identität jenseits unserer Geschichte und unseres Alltags schwer vorstellen.

Okay. Ich wollte damit betonen, dass ich nur aus meiner Sozialisation die Probleme der Gesellschaft, in der ich lebe, ansprechen kann. Die meisten Erkenntnisse, die ich gemacht habe, resultieren nun mal aus den Informationen, die uns in dieser Staatsmaschine zugänglich gemacht werden. Es ist unmöglich, so zu tun, als würde man außerhalb dieser Gesellschaft stehen. Wir können nicht einfach den Glauben an alles, was wir je geschaffen haben, zerstören. Und dann einfach eine neue Story erfinden, in der wir leben.

Wobei mir gerade auffällt: Einmal habe ich mich mit einem Typen wegen meiner Texte unterhalten und ihm gesagt: »Ich bin nicht dezidiert politisch! Ich weiß nicht, wer mit welcher Rolle im Parlament sitzt. So etwas studiert habe ich auch nicht.« Da hat mich meine Freundin aber sehr schnell überzeugt, dass ich hier falsch liege. Sie meinte: »Es ist unmöglich, nicht politisch zu sein. Wir sind alle politisch, ob wir wollen oder nicht. Wir funktionieren in einer politischen Sphäre. Unser Handeln, unsere Gefühle und so weiter basieren bis zu einem gewissen Grad auf unseren Erlebnissen in diesem Mechanismus.«

Das Label Def Jux, auf dem Ihre Platten erscheinen, war in den letzten Jahren schon öfter ein Podium für künstlerisch unabhängigen Rap. Fühlen Sie sich mit Künstlern wie Cannibal Ox, Aesop Rock oder dem Labelchef El-P auch persönlich verbunden?

Klar gibt es da Verbindungen. Wir sind zum Beispiel alle sehr zynisch. Und wir sind uns alle der Geschichte unseres Landes und der Entwicklung, die wir als Vertreter unterer sozialer Klassen gemacht haben, sehr bewusst. Außerdem haben wir alle eine sehr emotionale Haltung hinsichtlich der aktuellen politischen Ereignisse. Uns plagen alle dieselben Befürchtungen, auch wenn man an einen möglichen Irakkrieg denkt.

Im Endeffekt sind wir aber einfach ein paar HipHop-Typen, die herausfinden wollen, was uns in einer so kranken Welt wirklich ausmacht. In diese Suche stecken wir viel Leidenschaft. Diese Leidenschaft verbindet alle Projekte des Labels Def Jux.

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