Das erste, woran ich mich erinnerte, schreibt Charles Bukowski, war, dass ich unter etwas war. Das erste, woran sich der kleine McJob-Azubi in dieser kleinen Serie hier erinnert: dass etwas in ihm war. Der kleine Neue liegt auf dem Kühlschrank und kriegt ein Zäpfchen gegen Arschfieber verabreicht - der pharmazeutisch-technische Komplex war schneller in mir drin, als ich »Bähhh!« machen konnte. Schön gemacht, sagt meine Mama. Auch mit immaterieller Bezahlung kommt der Mensch in den Kreislauf von Kapital und Arbeit.
Das zweite Mal, als ich zeigen konnte, was in mir steckt, gab's zum Glück gleich Geld - Performance sollte auch bezahlt werden. Cash, sei hier angemerkt, denn mein Engagement als Kinderdarsteller meiner Eltern war ja mit Naturalien abgegolten worden. Dazu sei gesagt: An uns waren die sechziger und siebziger Jahre komplett vorbeigegangen (bis auf die Klamotten), das war schließlich nur was für Studenten. Bei uns war Nachkrieg angesagt. Deswegen gab's neben Wurstschnappen Kondensmilch mit Zucker und den Spruch: »Du musst deinen Teller leer essen.« Kein Wunder, in der Zeit, als meine Eltern groß geworden waren, hieß es: »Wir hatten ja nichts.« Die Kühe hatten die Alliierten gegessen, den Zucker rückten die Bauern nicht raus, und die Teller waren mit dem ausgebombten Küchenschrank draufgegangen.
Anyway: Der Berufsberater der Bild-Zeitung meint, dass man beim ersten Job einen besonders guten Eindruck machen soll. Den konnte ich vorweisen. Lederhose, weißes Hemd, Seitenscheitel. Wir sitzen am Sonntagmittag beim Weltkriegsopa - fünf Wochen Frankreich, sechs Jahre Ostfront (»Die Russen hatten viel bessere Maschinenpistolen!«) -, und nach dem Mittagessen schlug er folgenden Deal vor: Wenn ich alles, was noch auf dem Tisch stand, aufessen würde, bekäme ich 50 Pfennig (für die Jüngeren: 0,26 Euro).
Bis dahin hatte ich solche Showeinlagen umsonst erledigt; jetzt wurde mir klar, dass mir die Pflege meiner kindlichen Fettleibigkeit als »Arbeit« durchging, mit deren Vorführung man »Geld verdienen« konnte. Juchhu! Auf dem Tisch standen Klöße, Soße, Rotkohl, Sonntagsbraten. Intus hatte ich bis dahin schon: Klöße, Soße, Rotkohl, Sonntagsbraten. Und einen halben Topf Eis. Na ja, es gibt schlimmere Jobs, dachte ich mir in meinem kindlichen Hirn, obwohl ich wahrscheinlich was anderes dachte. Zum Beispiel Schweineschmalz essen, von den Schweinehälften ausgekocht, die meine Eltern aus Kostengründen kauften (»Ihr fresst uns noch die Haare vom Kopf!«). Ich krempelte die Ärmel hoch und wollte Opa mal zeigen, »was eine Harke ist« (Papa).
Pustekuchen. Meine Mutter nahm früh die Rolle meiner PR-Agentin ein und verwies auf meinen Elaboriertenstatus. Im Gegensatz zur anwesenden Kriegs- bzw. Nachkriegsgeneration sei ich auf sowas nicht angewiesen. »Mit 50 Pfennig kannst du den nicht locken!« Der wirtschaftlich-sozialhistorische Hintergrund: Die Großeltern sollten wissen, dass die Kinder meiner Eltern auf Lappaliengehälter nicht angewiesen sind, weil es uns doch so gut geht, aus eigener Kraft! Und Kraft des Gehalts meines Vaters als BGS-Beamter und diverser Einkünfte meiner Mutter, auf die ich aus steuerrechtlichen Gründen hier nicht eingehen will.
Aber mal ehrlich, eine gute Agentin hätte den Preis natürlich nach oben getrieben. Für den Berufsanfänger bedeutet das: Am ersten Tag nicht gleich die Eltern mit in den Betrieb nehmen. Aber vielleicht hatte meine Mutter auch den Nutzen vor Augen. Die Speisereste wanderten jedenfalls in den Hühnerstall, wo sie weitaus kostensparender eingesetzt werden konnten und zudem ihren Beitrag zur Eierproduktion lieferten.
Und so blieb ich Opa den Beweis schuldig, welche Fähigkeiten in mir steckten. Übrig blieb trotz vorangegangener Mahlzeit ein hohles Gefühl in der Magengegend. Aber angefixt war ich wie auf Arschzäpfchen. Der deutsche Sohn, der kriegt es nämlich gern von vorn und hinten reingesteckt. So funktioniert diese Gesellschaft reibungslos, und nicht nur die Pharmaindustrie erwirtschaftet in Ruhe ihre Profite. Und, mit Verlaub, um den Kreislauf zu schließen und den Analbezug vom Anfang vollends herzustellen: So bescheißt diese Gesellschaft ihre Brut schon von früh an!