Literatur: Science Fiction und Militär

Ein Krieg wird kommen

Die Literaturgeschichte ist voller Kriegsutopien. Wie der Zukunftsroman das militärische Handeln beeinflusst.

Vor einer Tragödie stehen wir. Der großartige Militarismus des neunzehnten Jahrhunderts wird demnächst 'aufgelöst' werden«, beginnt der Schriftsteller Paul Scheerbart seine im Jahr 1909 erstmals erschienene Flugschrift »Die Entwicklung des Luftmilitarismus und die Auflösung der europäischen Land-Heere, Festungen und Seeflotten«. In dieser Schrift prophezeit Scheerbart das Ende der herkömmlichen Heere zugunsten eines Luftkriegs, in dem lenkbare Luftschiffe Dynamit direkt über strategisch wichtige Ziele bzw. Städte des gegnerischen Landes transportieren und abwerfen.

An dieser Vision hat Scheerbart bis an sein Lebensende (er starb 1914) störrisch festgehalten, obwohl die realen Gegebenheiten vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs schon zeigten, wie sehr er sich mit seiner Vorstellung irrte. Die Erfindung des Luftschiffs machte die Land- und Seeheere keineswegs obsolet; tatsächlich gerieten die beiden großen Weltkriege zu den bis dahin schlimmsten Stellungskriegen der Landheere, wobei im Ersten Weltkrieg erstmals die massenhafte Vernichtung der Ressource Mensch als Mittel der Kriegführung angewendet wurde.

Ganz von ungefähr kam das freilich nicht. Vom »besten Menschenmaterial«, das Deutschland besitzt, spricht der Trivialschriftsteller Balduin Groller bereits 1893 in einem Zeitschriftenbeitrag und deutet damit - möglicherweise ohne es zu wissen - schon an, was kommen sollte. Essenziell ist das dieselbe Haltung, die auch Ernst Jünger einnahm, der die »Masse Mensch« lediglich als Rohmaterial zur Formung bedeutender historischer Prozesse betrachtete, er hat sie nur etwas eleganter formuliert.

Paul Scheerbart kleidete seine Ansichten zum künftigen Krieg in die Form eines Sachtextes, aber nicht wenige seiner Zeitgenossen nutzten die Form der Zukunftsliteratur, um ihre eigenen Visionen bevorstehender Schlachten in belletristischer Form festzuhalten. Gerade die Science Fiction, die Utopie oder die - wie sie in der DDR im schönsten Zentralorgansdeutsch genannt wurde - »wissenschaftliche Zukunftsphantastik« wurde und wird gern als rein antizipatorische technische Literatur betrachtet, was weitgehend der bis heute ungebrochenen Popularität des Franzosen Jules Verne geschuldet ist, der in seinen utopischen Romanen zahlreiche technische Neuerungen und Erfindungen postulierte, von denen später nicht wenige Wirklichkeit wurden. Tatsächlich aber ist die Science Fiction weitaus mehr als eine bloße Form von belletristischer Futurologie mit dem Ziel, die Zukunft möglichst exakt vorherzusagen.

Seismografie und Irrtum

Als »seismische« Literatur bzw. als seismisches Genre hat gerade die Science Fiction schon immer besonders fein auf alle noch so geringen Erschütterungen im politischen und gesellschaftlichen Fundament reagiert und diese in ihren besten Werken auch umgesetzt. Wer sich für das politische Klima und das soziale Befinden der USA zwischen 1965 und 1995 interessiert, dem verraten einzelne Folgen der Fernsehserie »Star Trek« bei aufmerksamem Betrachten häufig mehr, als jede noch so umfangreiche soziologische Studie es vermag: die Konfrontation der Supermächte, der Kalte Krieg, Glasnost und Perestroika, die Konstruktion neuer Feindbilder nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - alles findet hier seine Widerspiegelung und Reflexion im Rahmen einer konstruierten Handlung, die bei allem futuristischen Beiwerk doch stets ganz nahe an der Gegenwart bleibt.

Schon in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erfreuten sich so genannte »Space Operas«, megalomanische Visionen interstellarer Konflikte, wie sie Autoren wie z.B. Edward E. Smith zu Papier brachten, großer Beliebtheit und hatten kaum einen anderen Zweck, als den zeitgeistigen Imperialismus US-amerikanischer Ausprägung in Regionen der Galaxis zu tragen, die nie zuvor ein Mensch gesehen hatte. Ähnlich verhält es sich mit den deutschen Visionen zukünftiger Kriege der wilhelminischen Epoche, die ein deutliches Zeugnis vom überhitzten politischen Klima ablegen, das in Deutschland zwischen der Jahrhundertwende und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs geherrscht haben muss, auch wenn sie notwendigerweise, da von anderen Intentionen und Motivationen beseelt, näher an der Gegenwart agieren und die Erde nicht verlassen.

Bezeichnenderweise befassen sich lediglich die völkisch-nationalistischen Utopien überhaupt mit dem Krieg. In der sozialistischen (wie übrigens auch in der christlichen) Utopie ist der Krieg, genau wie die Nationalstaaten, deren Konflikte seine Grundlage bilden, längst überwunden: »Zu ihrer Zeit pflegten die Regierungen bei dem geringsten internationalen Missverständnis die Leiber ihrer Bürger einzufordern, sie zu Hunderttausenden dem Tode und der Verstümmelung preiszugeben und die Reichtümer der Nationen wie Wasser zu vergeuden. (...) Wir haben jetzt keine Kriege mehr, und unsere Regierung besitzt folglich auch keine Kriegsmacht.« So kann man es nachlesen in der (neben William Morris' »Notes from Nowhere« von 1890, einer für die Entstehungszeit ungewöhnlichen orthodox-marxistischen Zukunftsvision) wohl berühmtesten sozialistischen Utopie aller Zeiten, Edward Bellamys »Looking Backward 2000-1887«.

Das Buch war auch in Deutschland das, was man einen frühen »Bestseller« nennen könnte, und seine gewagten Thesen sorgten hierzulande für kein geringes Aufsehen. Bellamys Vision von der egalitären Gesellschaft roch im Kaiserreich nach Aufruhr, daher dauerte es nicht lange, bis erste Gegenreaktionen erfolgten. 1891 ließ des Kaisers Hofprediger Stoecker keinen Zweifel, was er (und mit ihm fraglos viele Royalisten) von derlei Zukunftsvisionen hielt und urteilte über Thomas Morus' »Utopia«, stellvertretend für alle utopistischen Entwürfe, die herrschende Verhältnisse in Frage stellten, es »stellte den Sozialismus in einem glänzenden, aber unwirklichen Bilde dar; so ist auch der sozialdemokratische Volksstaat nur ein solches Nirgendheim; auf Erden hat es keinen Platz.« Freilich sollte noch ein wenig Zeit vergehen, bevor auf diese Verdammung sozialistischer Zukunftsvisionen mit einer ganzen Flut völkischer Kriegsphantasien die totale militärische Mobilmachung im utopischen »Nirgendland« folgte.

Ökonomie, Staat und Krieg

In einem Artikel mit dem Titel »Dunkle Vorschau im Kristall« in Lettre international schreibt der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld über die Geschichte des Krieges: »In der Rückschau ist das herausragendste Merkmal des Krieges seit dem Jahr 1000 seine schrittweise Konsolidierung.« Diese Konsolidierung sieht u. a. so aus, dass das Gewaltmonopol, d.h. das »Recht«, Kriege zu führen, in zunehmendem Maße verstaatlicht wurde. Eine Entwicklung, die auch der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seinem jüngsten Buch »Die neuen Kriege« (2002) umreißt.

Bei Creveld heißt es weiter: »Im Jahr 1000 waren West-, Mittel- und Nordeuropa in Tausende kleine politische Einheiten unterteilt. (...) Aus Gründen, die zu erläutern an dieser Stelle zu weit führen würde, verringerte sich im Lauf der Jahrhunderte die Anzahl der Staaten, die das Recht und das Potenzial hatten, Krieg zu führen. (...) Einige politische Einheiten entwickelten sich zu großen Fischen, die die anderen schluckten und immer größer wurden.« Das hat zu einem großen Maße wirtschaftliche Gründe.

Dazu Münkler: »Wer also unter den Bedingungen des staatlichen Kriegsmonopols über einen ernst zu nehmenden Militärapparat verfügen wollte, musste zunächst einmal eine exerzierte Infanterie bereitstellen und einen modernen Artilleriepark unterhalten können - nur noch der Territorialstaat war in der Lage, für die dramatisch gestiegenen Kosten aufzukommen.« Und weiter: »Die Verstaatlichung des Militärwesens und der Aufstieg des Staates zum Monopolisten des Krieges (...) hat die Beziehungen zwischen den Staaten tief geprägt.«

Dass die Situation in Europa, wo Deutschland, Frankreich und England als aufgerüstete Nationen oder als übrig gebliebene »große Fische« einander misstrauisch beäugten und um die politische wie militärische Vormachtstellung buhlten, letztlich zum Krieg führen musste, war vielen Denkern klar, und auch, dass es ein verheerender Krieg werden würde. »Und endlich ist kein anderer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit«, schrieb Friedrich Engels 1887.

Im Bemühen, das deutsche Volk, die »niederen Stände«, wie es zur damaligen Zeit dünkelhaft hieß, auf diesen zu erwartenden Weltkrieg einzustimmen, kommt den völkischen Kriegsutopien keine geringe Bedeutung zu. Bedenkt man dies, erstaunt es wenig, dass viele utopistischen Visionen den Krieg nicht nur imaginieren, sondern regelrecht herbeireden. Lange bevor der reale Krieg auf den Schlachtfeldern ausgetragen wurde, begann der Propagandakrieg in Utopia.

Nationalliteratur und Propaganda

Als 1978 Sir John Hackett, ein ehemaliger General der Nato und früherer Oberbefehlshaber der britischen Rheinarmee, mit »The Third World War: August 1985« seine Vision vom möglichen Beginn eines Dritten Weltkriegs vorlegte, den die Sowjetunion durch die Besetzung der arabischen Ölfelder und einen Einmarsch in Jugoslawien vom Zaune bricht, wurde das Buch sowohl vom britischen wie auch vom deutschen Verlag mit einem ungeheuren Werbeaufwand publiziert, als wäre diese Form des Dokumentarromans etwas aufsehenerregend Neues; ganz ähnlich wie bei den Doku-Fiktionen eines Paul Erdmann, der, wie Hackett, jeweils aufgrund einer bestimmten weltpolitischen Konstellation Spekulationen über den möglichen weiteren Verlauf der Ereignisse anstellt und sie wie in einer möglichst exakten Hochrechnung präsentiert. In Wahrheit ist diese Form der extrapolativen fiktiven Dokumentation alles andere als neu, und gerade die Kriegsutopien vor dem Ersten Weltkrieg bedienen sich dieser Form oft und gern.

Wegbereiter für diese neue Nationalliteratur war ironischerweise ein bereits 1893 unter dem Titel »The Great War of 189-. A Forecast« in Großbritannien erschienenes Buch, dessen Verfasser sich gleich hinter sieben Pseudonymen verbarg, darunter »Kontre-Admiral P. Colomb«, was vermutlich militärisches Wissen suggerieren sollte. Der Roman erschien schon ein Jahr später in einer deutschen Übersetzung und erlebte binnen weniger Monate zahlreiche Auflagen, was belegt, dass das Interesse an dieser neuen Form utopischer Belletristik recht groß gewesen sein muss. 1904 trat der ehemalige Hauptmann August Niemann, der Verfasser eines Militärischen Handlexikons, mit seiner Phantasie »Der Weltkrieg - Deutsche Träume« in die Fußstapfen seines anonymen britischen Kollegen und präsentierte der Öffentlichkeit seine Version des künftigen Krieges. Das Interesse an dieser ersten deutschen nationalen Kriegsutopie war nicht minder enorm. Noch beeindruckt vom Vorgehen der Engländer gegen die Buren in Afrika, erklärt Niemann die Briten zum Hauptfeind: »Meine Träume, die Träume eines Deutschen, zeigen mir den Krieg und Sieg der drei verbündeten großen Nationen, Deutschland, Frankreich, Russland, und eine neue Verteilung des Besitzes der Erde als Endziel dieses gewaltigen Weltkrieges«, schreibt er im Vorwort des Romans.

Ein Jahr später legte der Chefredakteur der Leipziger Neuesten Nachrichten, Ferdinand Grautoff, mit dem unter dem Pseudonym »Seestern« veröffentlichten Roman »1906 - Der Zusammenbruch der alten Welt« nach. Niemann hatte noch eine sentimental-kitschige Liebesgeschichte in seine Kriegsphantasie eingeflochten, Grautoff hingegen verzichtete ganz auf derlei Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack. Als Journalist verfasste er seine Utopie ganz im Stil einer nüchternen Reportage, die auch in der Schilderung militärischer Konflikte deutlich drastischer ausfällt als Niemanns Roman. So wird dem Leser nicht nur der Krieg schmackhaft gemacht, sondern obendrein werden unliebsame politische Gegner diskreditiert, indem real existente Persönlichkeiten der Politik in die fiktiv-utopische Handlung eingewoben werden.

Ein Zeppelin!

Als eine der Grundvoraussetzungen für den modernen Staatenkrieg nennt Herfried Münkler den technischen Fortschritt mit seinen hoch entwickelten Waffen. Technikverliebtheit und Todessehnsucht gingen und gehen gerade im technophilen Abendland - Thomas Pynchon thematisiert es in seinen Romanen mehrfach - nicht selten eine unheilige Verbindung ein. Das mag ein Grund dafür sein, warum der technische Zukunftsroman ein geradezu ideales Vehikel für den Transport völkisch-nationaler Ideen war. Ein Indiz für den bedingungslosen Fortschrittsglauben ist sicher die im wilhelminischen Kaiserreich herrschende Begeisterung für den Zeppelin, die auch Paul Scheerbart zu seiner Flugschrift bewegt haben mag. Der Schriftsteller Emil Sandt verband diese Begeisterung mit einer Warnung vor möglichen Bedrohungen aus der Luft und verlangt in »Cavete! - Eine Geschichte, über deren Bizarrerien man nicht ihre Drohungen vergessen sollte« (1907) gar die Lufthoheit für den deutschen Kaiser und macht seinen Roman »zum ideologischen Flaggschiff einer nationalistischen Zeppelinbegeisterung« (Claus Ritter).

Diese Begeisterung griff auch H.G. Wells in dem 1908 veröffentlichten Roman »The War of the Air« auf, den Leonhard Adelt in seinem Sammelband »Der Herr der Luft« (1914) als »die einzig dichterisch bedeutende unter den zahllosen Kriegsutopien« bezeichnet. Wells' Intention freilich ist eine ganz und gar andere; er veranschaulicht am Schicksal zweier Brüder die raschen und enormen Veränderungen, die der technische Fortschritt mit sich brachte. Schon 1898 hatte Wells seinen Landsleuten mit »The War of the Worlds« den Spiegel vorgehalten und deutliche Kritik am britischen Imperialismus geübt, der auch im deutschen Reich, wie man gesehen hat, durchaus als ernst zu nehmende Bedrohung betrachtet wurde und u.a. Karl Bleibtreu zu seiner Phantasie »Die Offensiv-Invasion gegen England« (1907) anregte, nachdem er zuvor schon in dem noch anonym erschienenen umfangreichen Roman »Völker Europas ...!« (1906) den Krieg der Zukunft geschildert hatte. Während in vielen sozialistischen Utopien der Krieg verdammt wird, bestand für Wells die einzige Möglichkeit, den friedlichen utopischen Zukunftsstaat zu verwirklichen, in einem gewaltsamen Umsturz, weswegen er den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zunächst noch begrüßte; seine Begeisterung sollte jedoch sehr bald der Ernüchterung weichen. Als Schriftsteller ging H.G. Wells ohnehin andere Wege als die Verfasser völkischer Kriegsutopien, bei denen es sich nicht selten um aktive oder ehemalige Offiziere mit einem nationalistisch-militaristischen Weltbild handelte.

In Deutschland erhoben weder die Schriftsteller noch die Militärs ihre warnende Stimme. Dies kam dem sozialdemokratischen Hamburger Volksschullehrer Wilhelm Lamszus (1881-1965) zu, der dem Chor der Kriegstreiber sein Buch »Das Menschenschlachthaus - Bilder vom kommenden Kriege« (1912) entgegenhielt und zu dem Schluss kam: »So massenhaft, so kaltblütig, so sachverständig rottet man nur das Ungeziefer aus. In diesem Krieg sind wir nichts als Ungeziefer mehr.« Man sollte meinen, dass die Erfahrung des Ersten Weltkriegs ausgereicht haben müsste, um das das Gemetzel abzulehnen, doch weit gefehlt.

Wie wenig man tatsächlich dazugelernt hatte, das beweist der bereits erwähnte Ferdinand Grautoff, der 1925 abermals unter dem Pseudonym »Seestern« den an die Trivialromane des Briten Sax Rohmer angelehnten Roman »Fu, der Gebieter der Welt« veröffentlichte. Es ist eine der in der Weimarer Republik nicht seltenen revanchistischen Utopien, in denen Deutschland sich aus dem knebelnden Versailler Vertrag befreit. Schon ein Jahr zuvor hatte Karl Zapp mit seiner »Revanche für Versailles!« Klartext geredet. In diese Kerbe schlug Karl Bartz 1930 mit seiner eigenen Phantasie vom Krieg. Die Verluste des Ersten Weltkriegs sind noch nicht vergessen, da redet der Autor schon den nächsten herbei: »Aus seiner Lage in Europa und zu den anderen Großmächten erwächst Deutschland für die Zukunft eine große politische Rolle. (...) Bei den politischen Momenten, die jedem Staat die Berechtigung zu der ultima ratio zu geben scheinen, entstehen organisch die Möglichkeiten eines Krieges. Dieser Krieg ist unabwendbar. Sache des deutschen Volkes wird es dann sein, sich nicht als Instrument fremder Mächte gebrauchen zu lassen.«

Asymmetrische Kriege

Was militärische Konflikte angeht, so kreist die utopische Literatur um zwei diametral entgegengesetzte Pole. Während der Krieg und die Nationalstaaten in der klassischen sozialistischen Utopie der Vergangenheit angehören, ist die Überwindung des Nationalstaats für die klassischen völkischen Utopisten nicht nur nicht wünschenswert, sondern ganz und gar unvorstellbar. Aus diesem Grund arbeiten sie auch alle in einem durch die politischen Verhältnisse ihrer Gegenwart vorgegebenen Rahmen. Gerade das macht ihre Werke - selbst (oder vielleicht gerade) die, die gern abfällig als »trivial« apostrophiert werden - aber so aufschlussreich und lässt Rückschlüsse auf ihre Entstehungszeit zu. Andere Konstellationen als Nationalstaaten sind undenkbar, demzufolge auch keine anderen Kriege als die zwischen Nationalstaaten.

In jüngster Zeit aber erleben wir eine völlig neue Form der Kriegführung, die Herfried Münkler in seiner Studie als »asymmetrischen« Krieg bezeichnet - im Gegensatz zum nationalstaatlichen »symmetrischen« Krieg. Gemeint sind terroristische Anschläge als Form der Kriegführung, und das Ereignis, das sämtliche Visionen künftiger herkömmlicher Kriege mit einem Schlag zur Makulatur gemacht hat, war der Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York.

Völlig aus heiterem Himmel kam er freilich nicht, schließlich handelte es sich nicht um den ersten terroristischen Anschlag auf eine amerikanische Einrichtung, wohl aber um den spektakulärsten. Auffällig ist auch, dass die Zunahme terroristischer Attentate Hand in Hand geht mit der Tatsache, daß der Nationalstaat als identitätsstiftende Institution allen Bemühungen konservativer Kräfte zum Trotz an Bedeutung verliert. Das wird teilweise kompensiert durch einen erstarkten religiösen Konservatismus oder Fanatismus, der Angehörige unterschiedlicher Nationalitäten zusammenschweißt. Immerhin werden fast alle terroristischen Gewalttaten der jüngsten Zeit mit einer religiösen Motivation begründet.

Das augenscheinlich Perfide am Anschlag auf das World Trade Center war nicht zuletzt der ausgeklügelte Zeitplan der Attentate, der es möglich machte, dass der Einschlag des zweiten Flugzeugs bereits von einem Großteil der Weltöffentlichkeit live an den Fernsehbildschirmen verfolgt werden konnte.

Hier kommt ein weiterer entscheidender Aspekt der modernen asymmetrischen Kriegführung ins Spiel, den die Verfasser klassischer Kriegsutopien nicht vorhergesehen haben und wohl auch nicht vorhersehen konnten, nämlich die enorme Bedeutung, die in der heutigen Zeit den Massenmedien zukommt. Von einer »Verwandlung der Berichterstattung über den Krieg in ein Mittel seiner Führung« spricht Herfried Münkler. Gerade im Hinblick auf den 11. September war diese Strategie überaus erfolgreich, denn hier wurde letztlich nicht nur ein symbolisches Bauwerk vernichtet, sondern endgültig und unumkehrbar das Bild der USA als unangreifbarer und unbesiegbarer Supermacht. Und dass das nicht von einer imposanten Kriegsmaschinerie bewerkstelligt wurde, sondern von wenigen entschlossenen Kämpfern mit primitivsten Mitteln, macht die Wirkung umso verheerender.

Allerdings, und dies ist ein Aspekt, dem Herfried Münkler in seinem Buch nicht genügend Raum widmet, funktioniert diese Strategie auch anders herum. Noch frisch im Gedächtnis sind die Fernsehbilder aus Afghanistan vor der amerikanischen Intervention: freudlose Gassen allerorten, verschleierte Frauen, die ängstlich hinter geschlossenen Läden hervorspähen, apathische Männer auf öffentlichen Plätzen. Kaum war der Feldzug gegen die Taliban abgeschlossen, folgten gänzlich andere Bilder: glücklich lächelnde unverschleierte Frauen, Männer, die sich freudestrahlend den Bart abnehmen lassen oder mit breitem Grinsen Kofferradios ans Ohr halten.

Wie auch immer der Krieg der Zukunft aussehen mag, eines ist gewiss, es wird - auf beiden Seiten - auch ein Krieg um die Bilder in unseren Köpfen sein, und am Ende wird die Seite zumindest moralisch als Siegerin hervorgehen, der die wirksamsten Inszenierungen gelingen.

Herfried Münkler: Die neuen Kriege. Reinbek 2002, Rowohlt Verlag, 18,60 Euro

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