Wie wär's denn mit selber machen?
Im September 2002 entschieden wir uns, eine Plattenfirma zu gründen: Grand Hotel van Cleef. Wir, das sind Reimer Bustorff, Marcus Wiebusch und ich. Wir kennen uns seit Jahren, was die Sache schwimmen lässt in diesem geilen Binnenmeer zwischen Freundschaft und dem, für das das Wirtschaftsmagazin Brand eins den Begriff »Manpower« erfunden hat.
Schrei another day!
Das Folgende soll im besten Falle eine Anleitung, eine Beschreibung sein, wie man gut und abgesichert durch einen Teil seines Lebens kommen kann. Featuring: Blut, Schweiß und Tränen, Glam'n'Sin, Kapitalismuskritik und Miete bezahlen. Bei uns gibt es das Beste aus allen Welten auf 20 Quadratmetern Bürofläche. Wenn Sie jetzt lächeln, sei Ihnen versichert: das freut uns. Sie sehen gut aus, wenn Sie lächeln.
Es ist 9 Uhr. Der Lidl, der gerade aufmacht und neben dem wir arbeiten, ist ein Pop-Supermarkt. Er ist geprägt durch gute Laune unter den Mitarbeitern. Der eine Mitarbeiter ist ein 82er Manchester Rave-Typ und hat einen Ramones-Aufnäher auf seiner hinteren Jeanstasche. Der Security-Mann sieht freundlich aus und ist Mod. Das habe ich genau erkannt.
Ich kaufe eine Schachtel der von Richard Ashcroft geschätzten Templeton-Zigaretten, zwei Liter Apfelschorle - Gerüchten zufolge das gesündeste Getränk der Welt - und eine Packung Hundefutter. Ich habe ein Spiel in meinem Kopf und das würde dann so heißen: Berühmt machen! Ich will, dass das der berühmteste Supermarkt Hamburgs wird. Ich will, dass mein Hund der berühmteste Hund Deutschlands wird. Warum, weiß ich nicht, aber Competition ist mein Hobby und Kommissar Rex ist übrigens Österreicher. Nur falls Sie an dieser Stelle einhaken wollen.
Online Abalone mit den Early Adoptern
Ich gehe ins Büro, mache meinen Computer an, setze, während er hochfährt, Kaffee auf, setze mich, denke kurz nach, wie man am besten Furore machen könnte, bei wem man sich mal wieder melden könnte, und fange an, E-Mails zu beantworten. Ich bin Promoter oder wie das heißt, wenn man Platten umsonst an Bekannte verschickt, die in Multiplikatorfirmen arbeiten. Wir machen das, was Leute aus der Tonträgervermarktung professionell machen. Und wir machen sie wahnsinnig, denn was wir mit fünf Euro hinbekommen, bekommen die mit 50 000 nicht hin. Wir sind eigentlich nur das Grand Hotel van Cleef. Die in einem kreisrunden Haus in die Ecke Gedrängten. Wir wollten das alles eigentlich gar nicht, aber jetzt sind wir da. Und wenn wir nun mal da sind, dann bleiben wir auch gleich hier. Uff, Kater, was macht die goldene Schallplatte da an der Wand. Ach, die ist nur ausgeliehen? Egal, sieht gut aus.
Es gibt Menschen in Firmen, die haben in ihrer E-Mail-Adresse nicht ihren Vor- oder wenigstens Nachnamen stehen, sondern sie heißen »Praktikant 2«. Das ist so stillos wie ungehobelt und zollt nicht den nötigen Respekt, den man für - in diesem Fall -: ArbeiterInnen aufbringen sollte.
Praktikum heißt dieses System und ist das Äquivalent zum Zivildienst mit seinen Zivildienstleistenden. (Werden die heute eigentlich immer noch von witzigen Menschen Zuvieldienstleistende genannt?) »Alles muss, du musst am meisten«, könnte man das in Anlehnung an das alte Swinger-Club-Motto zusammenfassen. Ich jedenfalls schreibe solchen Menschen. Beruflich! Sie arbeiten für Zeitungen, die so groß sind, dass sie sich ganze Häuser leisten können, in denen sie arbeiten.
Am Anfang stand die Not, aber »There Goes The Fear«!
»Ihr seid doch die Wahnsinnigen, die Ende 2002 ein Label gegründet haben, oder?«, hatte mich die Hamburger Underground-Marketing-Legende Ale Sexfeind gefragt. Das war Anfang Oktober im ICE, den wir beide privat, und das ist selten bei uns, in Richtung Hannover nahmen.
Kennen Sie die Plattenindustrie? Ist eigentlich ein gutes Geschäft. Viele nette Menschen arbeiten hier. Ich garantiere dafür. Allerdings soll es ihr nicht gut gehen. Wegen der Brennerei und so.
Neulich, in den schmutzigen Sekunden zwischen Schlaf und Wachsein, dachte ich: »Mann, Sony, ihr beschwert euch, dass die Kinder, wie ihr sie nennt, die CDs nur noch brennen? Wer war es denn, der die Playstation Zwei inklusive 254 Spielen, das polyphone Handy mit Killerapplikation MMS - endlich kann man Bilder von sich und seinen besoffenen Kumpels sofort an seine nüchternen Kumpels mit dem Zusatz schicken 'hab dir doch gesagt, dass du mitkommen sollst. Wir gehen jetzt noch weiter. Ödinger!' -, DVD und das ganze Zeug erfunden hat? Seht ihr mal. Wir haben nun mal nicht so viel Geld! Deswegen brennen wir. Geschieht euch nur recht. Und führet uns nicht in Versuchung!«
Keiner wollte die erste Platte von Kettcar veröffentlichen. Es wäre Pur mit Alkoholproblem, haben wir gehört, oder es sei schlecht zu vermarkten, haben wir gehört. Weil die Musiker schon zu alt wären, nicht zeitgemäß, haben wir gehört. Ihr habt uns wehgetan, denn wir haben geglaubt. Wir haben eine Platte gehört, die knallen wird. Aber ihr wolltet nicht. Aber wie das so ist bei todessehnsüchtigen Religionen, zu denen Musik nun mal gehört, haben wir uns gedacht: »Dann wollen wir doch mal sehen.«
Was es braucht, um ein local player zu werden
Durchstrukturiert, wie im Neoliberalismus üblich, müssen wir sein, oder wie das heißt, wenn man sich kein Geld auszahlt, weil keins da ist. Wir können alleine aufs Klo gehen, da werden wir doch auch alleine Platten veröffentlichen können, haben wir uns gedacht. Und so schwierig ist es auch gar nicht.
Man braucht eine Band, eine Platte, eine Musik, an die man mehr glaubt, als daran, dass man mit seiner Mutter verwandt ist. Scheitern ist ab jetzt ein Fremdwort, und zwar genauso lange, bis der Pfandleiher vor der Tür steht. Sind sie noch fünf Meter von der Tür entfernt, gilt immer noch, dass Pfandleiher nicht existieren.
Man braucht einen Telefonanschluss, und was noch wichtiger ist: einen internettauglichen Computer und eine Domain. Denn es sieht unseriös aus, wenn man eine E-Mail-Adresse hat, die Superchef@hotgmx.web heißt. Man muss faken und sich sicher sein. Man muss seine Schwächen als Stärke herausputzen. »Nein, wir haben kein Fax. Das lohnt sich für uns nicht. Schick es doch als PDF. Ach, das hast du nicht? Hmmh, dann kann ich dir auch nicht helfen.«
Dann muss das Ding, die Platte - und jetzt kommt meine Lieblingsvokabel - auf dem Markt platziert werden. Ich meine damit noch nicht mal diesen globalen Wirtschaftsboxring, sondern vielmehr das Schlammcatchen mit den ganzen anderen Bands, die, unter uns gesagt, zu 90 Prozent nerven.
Strategie müssen das die einen nennen, wir können es Verbreitung des Verehrten nennen. Gepflegt haben wir das dumme Ding. Von der Pike auf. Gehegt und reifen lassen. In unserem eigenen Garten. Da darf man dann auch auf dem Markt ein wenig lauter rumschreien als die mit dem riesigen Gewächshaus.
»Macht das doch einfach selber«
Vielleicht braucht man immer eine Intitialhilfe bei großen Sachen. Und wir können wirklich sagen, dass wir ohne einen Mann nie hier wären, der aber wahrscheinlich auch nicht genannt werden will.
Wir saßen in seinem Hamburger Lieblingscafé »Unter den Linden«, in dem wir immer Depressionen bekommen, weil die Leute alle geschäftig tun und auf dem Sprung in ihre Start-up-Firmen sind, die es leider seit neun Monaten gar nicht mehr gibt. Solche Leute haben sich auch vom Weihnachtsgeld 2000 eine sündhaft teure Sonnenbrille geleistet, die sie immer noch tragen.
Unser Mann sagt, der Laden hier sei so trashig, der würde in Frankfurt (nicht »an der Oder«) unter »Kult« laufen. Wir saßen also bei dem Kaffee, den er immer ausgibt, und überlegten, was man machen könne, um die Kettcar-Platte doch noch möglichst schmerzfrei zu veröffentlichen. Irgendwann kam dann dieser Satz: »Macht das doch einfach selber.« Er hatte ungefähr die Durchschlagskraft des Elbbohrers Trude, der sich vor kurzem durch den geilsten Fluss Deutschlands gebohrt hat.
Mein bester Tippfehler ever: Magnus Weibsuch
Wir lieben uns alle, bei gleichzeitiger Angst, dass sich alle streiten könnten, um sich dann eine Freundschaft für immer zu versauen. Angst ist jedoch ein guter Freund in diesem Geschäft. Die Angst kontrolliert und macht einen ruhig. Nur dann kann man denken wie eine Katze. Die Aufgabenverteilung war quasi schon klar, bevor wir uns überhaupt kannten. Sie ist uns in die Gene geschnitzt.
Marcus Wiebusch kümmert sich darum, dass Sachen organisiert werden. Wir brauchten zum Beispiel ein neues Telefon. Ich habe mein eigenes zur Verfügung gestellt, weil ich keinen Anschluss zu Hause habe. Es hat allerdings ein so kurzes Kabel, dass es wegen der langen Verbindung zur ISDN-Buchse immer unter Spannung liegt. Das hat dazu geführt, dass es schon so um die 30 mal von meinem Hund heruntergerissen wurde, als er zur Tür stürmte, um Leute zu begrüßen, die vorbeikommen, um nach dem Rechten zu sehen. Irgendwann war es dann kaputt, und es war Marcus, der überlegte, was man nun machen könnte unter Einbeziehung einer so knallharten Kosten-Nutzen-Rechnung, dass sie ihn sofort an die Spitze der Boston Consulting Group katapultieren würde.
Marcus fährt auch stundenlang mit seinem Ford-Kastenwagen quer durch die Stadt. Er holt Platten bei unserem Vertrieb oder eine Palette Kaffee bei der Metro, weil er im Besitz dieser sagenumwobenen Karte ist. Da er aber, wie wir alle, Opfer des Kapitalismus ist, versteht er nicht, dass er hier pro Pfund Kaffee zwei Cent mehr zahlt, als wenn wir zu unserem Lidl gehen würden. Aber wir lassen ihn in seinem Glauben und gaukeln uns so selbst Professionalität vor. »Das Grand Hotel van Cleef kauft sogar bei der Metro ein«, so hoffen wir, munkelt man sich an Hamburger Innenstadt-tresen zu. Die sind irgendwie wer!
Wenn Marcus wieder zurückkommt, müssen wir immer zusammen Sachen überlegen, die von höchster Wichtigkeit zu sein scheinen. Zum Beispiel, ob Menschen, die jetzt eine CD zu Promotionzwecken haben wollen, eine CD im Pappschuber bekommen oder eine ganz normale CD. Oder ob wir die E-Mail-Adresse unseres Online-Shops order@ghvc.de oder euerschwerverdientesgeldihrhonks@ ghvc.de nennen sollen.
Marcus tendiert außerdem zur Cholerik. Das hat den Nachteil, dass wir häufig schreien, dass heißt aber auch, dass nichts unausgesprochen bleibt. Auch nicht das Unangenehme. Ich könnte das nie ohne ihn. Fragen Sie mal die Leute in meiner Umgebung. Immer 1 000 Geigen im Himmel und alles riecht nach Rosenwasser: bis zum Atomkrieg.
Reimer - wie Eimer, bloß mit »R«
Dann kommt Reimer. Reimer ist Working-Class-Autist. Und das ist gut so. Denn jede Firma braucht aus irgendwelchen Gründen eine Datenbank. Man muss Dinge und Menschen nach dem Alphabet, dem Datum und den Food-Vorlieben sortieren können. Reimer verstand anfangs allerdings überhaupt nichts von Datenbanken. Er ist aber der Typ, der sich Mitte Oktober in einen Raum mit dem Buch »Du und deine Datenbank - Love will not tear us apart« einschließt und dann Mitte November aus seinem Raum kommt und sagt: »Ich weiß alles. Stellt mir Fragen!« Nebenbei baute er eine Datenbank, die gleichzeitig die MP3s, die wir uns runterladen, nach Qualität vorsortiert und einen Warnton ausstößt, wenn in der Maschine nur noch Kaffee für eine Tasse ist.
Des Weiteren ist es wegen ihm relativ schwierig, in unserer Firma Geld zu unterschlagen und an den anderen beiden vorbei auf sein geheimes Konto zu überführen. »Thees, da ist eine 35-Euro-Briefmarke, für die du keine Quittung eingereicht hast. Du denkst doch wohl nicht, dass ich die so mit dir abrechne«, hörte man bereits mindestens zweimal in den staubigen Hallen des Hotels. Reimer sitzt da mit seinem wasserwaagengeraden Rücken, füllt Dokumente aus und vergleicht sie. Zerreißt das eine und schickt das andere per Einschreiben weg. Dann verbringt er zwei Stunden mit Lineal und Drucker und baut neue Ordner mit Klebe-Beschriftungen, auf denen »Eingang« oder »Säumig« steht.
Außerdem hat er unser 56 Seiten starkes Dossier verfasst, mit dem wir bei allen Hamburger Banken versucht haben, einen Kredit zu erwerben. In einer dieser Banken sagte ein Angestellter daraufhin nach dem Gespräch hinter vorgehaltener Hand: »Jungs, überlegt euch was anderes. Zurzeit seit ihr kreditwürdiger, wenn ihr sagt, dass ihr ein Bordell aufmachen wollt.« Es gab also keinen Kedit für uns, aber Reimers Zusammenstellung war auf jeden Fall so gut gemacht, dass ein mit mir verwandter Unternehmensberater uns sagte: »Ich würde es machen!«
Ich sitze übrigens eigentlich nur da, packe Pakete und sage zu Leuten: »Hör dir mal die CD von meinen Kollegen an. Die ist ganz gut. Mach da mal was.«
Take me down to the paradox city
Der Mechanismus, in dem wir arbeiten, ist so paradox wie seltsam wie auch einfach zu verstehen. Es geht um Ehrlichkeit. Das ist die innere Logik bei allen Indielabels.
Der große Unterschied - und das merken Konsumenten sehr wohl wegen ihrer emotionalen Intelligenz, und nicht zuletzt wegen einer intellektuellen Leistung - ist das Gefühl beim Machen und Kaufen. Hier wird keiner verarscht. Auch bei Kitty-Yo, L'age D'or, K7 und allen anderen unabhängigen Labels steht am Anfang das Master und nicht die Gewinnerwartung.
Es tut einem manchmal ein wenig Leid um die ganzen guten Menschen, die in den großen Plattenfirmen arbeiten. Sie sind nett, teilweise großartig, aber sie wissen es und wir wissen es: Sie sind Rädchen, vielleicht noch mehr Rädchen, als man Rädchen in einer Versicherungsfirma sein kann. Sie werden geködert mit »Kunst« und »Du arbeitest für eine Sache, die du magst«, aber sie werden an nichts anderem als an Zahlen gemessen. An dem, was sie zu der großen Zahl, sei sie nun rot oder schwarz, beigetragen haben.
Wir haben uns zu dritt überlegt, ob es ein sinnvolles Schlusswort zu diesem Artikel geben könnte. Die Überlegungen sind beim »Wolfenstein« spielen (Marcus) und Weezer-Fanseiten absurfen (Reimer) und Text redigieren (ich) jedoch untergegangen. »Die erste Platte auf jeden Fall selber machen«, war das Sinnvollste, was es zu hören gab.
Wir sind nicht arbeitslos, verdienen aber auch kein Geld, ziehen das trotzdem durch und machen das gerne. Marcus nervt mich, weil er wissen will, wie das nächste Tomte-Artwork aussehen soll und wann die zweite Panzer-Tour steigen soll. Marcus, ich weiß doch auch nicht. Ich weiß doch nur, dass ich den besten Beruf auf der Welt habe. Mann, wie geil ist das denn!