15.01.2003

Pluralistisch doch mit harter Hand

Was ist und zu welchem Ende betreiben wir Phase 2? Antworten unter Berücksichtigung leitender Illusionen und prägender Fehlschläge.

Warum?

Die Beschlagnahme der in der Tschechischen Republik gedruckten sechsten Ausgabe der Zeitschrift Phase 2 durch den deutschen Zoll stellte die Redaktion vor die Frage, wie dieser feindselige Akt zu erklären sei. Die Interpretationen, der Zoll wolle die Bande zur kurzzeitig verlassenen heimischen Druckerei durch sanften Druck wieder festigen oder gar das deutsche Druckgewerbe vor der tschechischen Konkurrenz schützen, schieden aus, auch wenn es linken Stimmen, die unseren Ausflug in den einst sozialistischen Bruderstaat kritisieren, wohl nicht unrecht ist, dass der Druck von außen die ohnehin anstehenden Verhandlungen über eine Rückkehr beschleunigt hat. Scheidet aber der Schutz der heimischen Wirtschaft als Motivation aus , dann rückt die altbackene Interpretation der Phase 2 als staatsfeindlicher Publikation in den Vordergrund.

Doch wie lässt sich eine solche Interpretation den Zeitungen und Zeitschriften verkaufen, die Solianzeigen schalten, Berichte schreiben und Dossiers zur Verfügung stellen sollten? Gab es in den alten Zeiten von bürgerlichem Staat und revolutionärer Gegenöffentlichkeit noch Anschlagsbekenntnisse und Anleitungen zum Bau von Molotowcocktails und Hakenkrallen, die kriminalisiert und verfolgt werden konnten und so eine Zeitschrift wie die Radikal zum tatsächlichen Organ der autonomen Bewegung machten, kann Phase 2 weder mit entsprechenden Artikeln und ihnen folgender Repression noch mit einer vergleichbaren Bedeutung für eine sich revolutionär und militant gebärdende Bewegung aufwarten.

Bleibt also nur das Bekenntnis, Magazin für eine linksradikale Bewegung zu sein, das mit der Nähe der in Leipzig, Berlin und Göttingen ansässigen Redaktionsteile zu den dortigen Gruppen Bündnis gegen Rechts, Antifaschistische Aktion Berlin und Autonome Antifa [M] den grundsätzlichen Verdacht der staatlichen Organe nährt, es könne sich bei Phase 2 um ein zu verbietendendes und bekämpfendes Objekt handeln. Doch interessanter noch als Spekulationen über die Gedanken einer Zollbehörde oder eines bayerischen Amtsgerichts ist die Wirklichkeit, die einem solchen Verdacht zu Grunde liegt.

Die Beschlüsse des Antifakongresses 2001

Der Antifakongress in Göttingen 2001 trug den Namen »... das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen«. Heute ist es kein Geheimnis, dass er eigentlich hätte heißen müssen, »... das Jahr, in dem wir auseinander gehen«, denn der Transformationsprozess, den er einleiten sollte, erwies sich im Folgenden als Zerfall einer bislang auf Bundesebene agierenden Bewegung in lokal bis regional agierende Gruppen und Grüppchen. Die Notwendigkeit einer radikalen Transformation der Antifa kann dieser faktische Verlauf allerdings nicht übertünchen. Der Antifasommer 2000 und das ihm vorausgehende Jahrzehnt einer Politik, die sich an den Nazis abarbeitete, ohne weit über die Konstatierung von rechtem Konsens und der mit ihr verbundenen Dominanzkultur aus Autoritätshörigkeit und mobendem Rassismus hinauszukommen, waren an ein Ende gelangt, das nur durch eine Verbreiterung der linksradikalen Basis, von der aus die eigene Position bestimmt werden sollte, zu überwinden war. Die auf dem Kongress präsentierten Ideen, wie eine solche Öffnung und Transformation möglich sei, scheiterten. Statt dessen suchten die Gruppen aus der Antifabewegung ihren Weg zwischen einem »Weiter so«, das die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nicht zur Kenntnis nehmen wollte und einer Reflexion der eigenen Praxis, die in einem »Schluss mit Politik als Element der bürgerlichen Gesellschaft« endete.

Diskussionsstoff war mithin ausreichend gegeben. Folgerichtig war auch die Idee der Auflösung der alten Struktur gemeinsamer Organisierung, der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation, die sich als unfähig erwiesen hatte, sich aus sich selbst heraus zu transformieren und die notwendigen Diskussionsprozesse in Gang zu setzen. Doch statt der gemeinsamen Suche nach einer neuen, diskussionsorientierten Form der Organisierung beendeten die beteiligten Gruppen die Folgetreffen zum Kongress mit der zweiten Zusammenkunft, so dass der Verfassungsschutz vermelden musste, dass die Zeitschrift Phase 2 das einzige konkrete Ergebnis des Antifakongresses war.

Welche Phase haben wir gerade?

Was lag also näher, als die Phase 2 mit all den Vorstellungen und Aufgaben zu beladen, die der Organisierungsansatz, den sie unterstützen sollte, nun nicht bearbeiten konnte. Diskussionsmedium der Gruppen sollte sie sein, deren Standpunkten zur Weiterentwicklung der eigenen Politik ein Podium bieten, Verbindungen untereinander und zu anderen linksradikalen Ansätzen herstellen. Herkulische Aufgaben, noch immer genährt vom Glauben an eine Transformation der Antifabewegung, deren Krise sich zeitgleich entfaltete. Was KritikerInnen befürchtet hatten, die Beliebigkeit und Verflachung des Projektes durch die Fixierung auf Gruppenstandpunkte blieb allerdings aus. Genau wie die notwendige Anzahl der Gruppenpositionen und -diskussionsbeiträge, die seinen Anspruch mit Leben hätten füllen können. Denn weder die Gruppen, die sich im Reflexionsprozess befanden, erwiesen sich als interessiert, ihre Diskussionen transparent zu machen, die nicht mit der Festigkeit alter Gewissheiten auftreten konnten, noch war der traditionalistische Flügel dazu bereit, sich umfassend auf die neuen Fragen einzulassen. Mit den wahrnehmbaren Aktivitäten ging auch das Finden von Standpunkten immer mehr zurück.

An dieser Stelle, d.h. nach einem Jahr und vier Ausgaben, stand die weitere Existenz von Phase 2 in Frage. Das ursprüngliche Konzept war gescheitert und nie in die Praxis umgesetzt worden. Und für ein weiteres Blatt, das obwohl die eigene Zeit längst abgelaufen ist, als Überbleibsel einer ehemals bestehenden Bewegung der Welt immer wieder neue Vorschläge unterbreitet, wie die Verhältnisse zu interpretieren und zu revolutionieren seien, besteht in der Republik kein Bedarf. Statt jetzt alternativ dazu den Bewegungsgedanken aufzugeben und sich mit der Pose des permanenten Bruchs zum Exil zu erklären, in dem der gesellschaftliche Positionsverlust durch Ortsbesetzung im linksradikalen Sandkasten kompensiert wird, lag in dieser Phase für das junge Projekt das stille Ende näher. Dass es dann doch nicht kam, sondern mit Phase 2.06 die endgültige Entscheidung zur Fortsetzung gefallen ist, erklärt sich aus einer einzigen Frage: »Wie wollen wir 2003 diskutieren?«

Phase 2 hat sich jenseits ihrer konzeptionellen Begründungen zu einem Ansatz entwickelt, der gegen zwei verbreitete Arten der Diskussion steht. Weder leistet sie sich den Luxus der Isolation des eigenen Denkens, in dem falsche Ansätze nur noch be- oder besser noch verurteilt statt tatsächlich erwogen werden müssen, noch speist sie die Einheit der Diskussion aus einer – beispielsweise regionalen – Zusammengehörigkeit, in der die spaltenden Fragen in Selbstbescheidung vom alltäglichen Leben, mit dem sie angeblich nichts zu tun hätten, getrennt werden. Im Gegensatz zu beidem haben wir uns, als sich die unsere Kreise störenden Ansätze und Fragen weder durch Ignorieren noch durch Wahrheit ruhig stellen ließen, entschlossen sie ernst zu nehmen.

Theorien zu Werkzeugkästen!

Den sich daraus ergebenden Pluralismus von Beliebigkeit zu unterscheiden fällt vielen schwer. Es gelingt uns, indem wir von Fragen ausgehen. Fragen, denen sich die verschiedenen Ansätze widmen, und Fragen, die wir an sie haben. Auf einer solchen Grundlage werden dann eine antideutsche und eine antiimperialistische Position zu Kriegseinsätzen miteinander verhandelbar, weil sie nicht als Kritik, sondern als Fragen aneinander interpretiert werden. So drücken sie aus, was die Probleme sind und können helfen zur aktuellen Situation eine Position zu beziehen, die mehr ist als energische Pose. Ein Deleuzesches Diktum zur Philosophie abwandelnd sagen wir: Es gibt nicht richtige und falsche Ansätze, sondern nur interessante und langweilige. Die interessanten wollen wir finden, darstellen, vermitteln und ihnen in einem Raum der Beziehungen die Möglichkeit geben, sich weiter zu entwickeln.

Seit wann, hören wir es aber schon fragen, ist »interessant« eine Kategorie radikaler Gesellschaftskritik? Es ist keine, es ist noch nicht einmal eine Kategorie. Um es zu werden, bedarf es des Bezugs. Und hier verharrt Phase 2 bei ihren Wurzeln. Es geht uns immer noch um die Kritik, für die das Interessante interessant zu sein hat. Und diese Kritik soll keine intellektuelle Übung bleiben, die ihre Heimat bei den Instituten, Stiftungen und Institutionen findet. Das Ziel der Kritik bleibt die Abschaffung des Kritisierten. Deshalb bleibt Phase 2 ein »Magazin für die linksradikale Bewegung« und legt weiterhin die Priorität auf Beiträge, die sich Gruppen und Strömungen zuordnen lassen, deren Interesse an Überwindung des Kapitalismus erkennbar ist. Denn es ist das Privileg von Zusammenschlüssen, die Umsetzung von Gesellschaftskritik zu ermöglichen und so ihre Konsequenzen erkennbar werden zu lassen.

Gebt das Heft frei!

Was sollen wir also sagen? Natürlich hat die Generalprävention mal wieder die Richtigen getroffen, Feinde des Volkes, des Staates und ihrer eigentümlichen Grundordnung. Auch wenn viele Linke sich fragen, ob die Gegnerschaft zum Antiamerikanismus oder Solidarität mit Israel nicht längst auf die Seite der Macht gehören, kennen wir das Echo auf diese Fragen, das die Liebe zu den Völkern als reaktionär ächtet. Und auch wenn alle Beteiligten sich verdächtigen, das Bestehende zu bestärken, garantieren wir doch, dass die bei uns diskutierten Positionen von Feinden der Gesellschaft vertreten werden oder ihnen nützen können.

Phase 2, Redaktion