Eine Woche in Deutschland
Das Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes war die Zeitung des Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands. In seinen Wochenberichten bot das Blatt eine Analyse des Zeitgeschehens der Weimarer Republik.
Einige dieser Berichte erschienen Ende des vergangenen Jahres in dem Buch »Blick in den Abgrund – Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen« im Verlag Pahl-Rugenstein. Sie sind Dokumente aus der Zeit vor Hitlers Machtübernahme. Der Historiker Eric Hobsbawm bezeichnete das Buch als einen »bedeutenden Beitrag zum Verständnis Deutschlands in den Jahren des Übergangs zu Hitler«.
Die Verfasser dieser Wochenberichte waren die evangelischen Pfarrer Erwin Eckert und Emil Fuchs. Beide gehörten dem Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands an. Eckert wurde 1893 im badischen Zaisenhausen geboren. Er studierte Theologie und wurde 1911 Mitglied der SPD. Seine politischen Aktivitäten führten zu mehreren kirchlichen Dienstverfahren gegen ihn.
1936 wurde er wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu drei Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach dem Krieg trat er der KPD bei. Bis zum Verbot der Partei im Jahre 1956 gehörte er dem badischen bzw. dem baden-württembergischen Landtag an. Er starb im Jahre 1972.
Emil Fuchs wurde 1874 im hessischen Beerfelden geboren. Er studierte Theologie und kam 1918 als Pfarrer nach Eisenach. 1931 wurde er als Professor für Religionspädagogik nach Kiel berufen. Nach der Machtübertragung an Hitler wurde er aus seinem Amt entlassen und in Berlin inhaftiert.
Nach dem Krieg trat er der hessischen SPD bei, 1949 ging er an die Universität Leipzig. Mit seinem Freund, dem Philosophen Ernst Bloch, betätigte er sich im Kulturbund. Er starb 1971 in Ost-Berlin.
Der Wochenbericht aus dem Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes vom 30. Januar bis 4. Februar 1933:
Innenpolitik
Hitler ist Kanzler und geht aufs Ganze. Das muss man ihm lassen. Den Versuch, das Zentrum für eine längere Tolerierung mit Vertagung des Reichstags für ein Jahr zu gewinnen, brach er ab. Die Rückfragen des Zentrums zeigten zu deutlich, dass dieses für irgendwelche Staatsstreichexperimente nicht zu haben ist. – Also versucht man die Jubelstimmung des Augenblicks bei den Anhängern auszunutzen, indem man Wahlen macht.
Der Reichstag ist aufgelöst und soll am 5. März so rasch wie möglich neu gewählt werden. Die Auflösung des Landtags forderte ein Antrag der NSDAP. Er ist abgelehnt. Die KPD stimmte mit für Ablehnung. Im Dreimännerkollegium lehnten Braun und Adenauer ab, die Auflösung zu bewilligen. Auflösen will man und sucht die Möglichkeit. Hier wäre der erste ganz offene Verfassungsbruch. Wagt man ihn? – Darüber hinaus will man auch die Provinziallandtage, die kommunalen Körperschaften, in Preußen auflösen, von diesen den Staatsrat neu wählen lassen, also alle Macht in die eigene Hand bringen.
Die schlaue Geschicklichkeit und die Brutalität sind groß. Alles, was rechts steht, betont immer, dass Körperschaften wie der Staatsrat gerade dazu nötig sind, allzu hemmungslose Beschlüsse und Entwicklungen der Volksstimmung zu regulieren. Wenn es um die eigene Macht geht, schaltet man das Instrument aus. Es gilt nur gegen das Volk.
Noch keine Partei hat auch so schlau um die kleinen Vorteile gehandelt, wie es jetzt bei der Landtagsauflösung geschehen soll. Diese soll erst zum 4. März effektiv werden, damit bis zu diesem Tage die Diäten und Fahrkarten der Abgeordneten gehen.
Brutal ist auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Ansprüche der getreuen Parteigenossen auf Ämter befriedigt werden. Es gibt keinen Respekt vor Tüchtigkeit und Leistung mehr, wo ein Amt von einem Pg. oder einem deutschnationalen Herren begehrt wird. Göring sagte bei seinem Besuch im Polizeipräsidium: Ich betrachte mich als Kommandant eines Schiffes. Wer einsteigen will, soll es rasch tun. Später geht es nicht mehr.
Und Hitler sitzt zusammen mit Herrn von Papen, Hugenberg und Seldte im Ministerraum. Papen; sein Vizekanzler, der ihn sogar begleitet, wenn er dem Reichspräsidenten Vortrag hält. (Traut man einander nicht, oder traut man den Manieren Hitlers nicht?) – Hugenberg hat die beiden entscheidenden Ministerien für wirtschaftliche Gestaltung, das Reichswirtschafts- und Reichsernährungsministerium. Man will dadurch den Kampf der Industrie und Landwirtschaft beseitigen, der bis jetzt jede Rechtsregierung lähmte.
Außerdem sind vom Reichsarbeitsministerium, das man Seldte anvertraut hat, die Fragen des Tarifrechtes, der Tarifpolitik, des Arbeitsrechtes und Arbeitsschutzes abgetrennt und Herrn Hugenberg übertragen worden. Dass der weiß, was er will, wussten wir schon. Ihm ist von der »Arbeiterpartei« das Schicksal der Arbeitermassen anvertraut.
Kommissar für Preußen ist Herr von Papen, dem Herr Göring als Kommissar für das preußische Innenministerium zur Seite tritt. Die Reichswehr hat man dem bisherigen Kommandeur von Ostpreußen, Herrn von Blomberg, anvertraut, der der NSDAP nahe stehen soll. Als Gegenleistung der Deutschnationalen für das Vertrauen, das man Hugenberg entgegenbrachte, wird scheint’s das preußische Kultusministerium den Nationalsozialisten überlassen; Herr Kähler geht. Es soll ein Studienrat Rust aus Kassel sein Nachfolger werden (Pg.). Papen hat nun Hugenberg auch noch zum Kommissar für das preußische Landwirtschafts-, Wirtschafts- und Arbeitsministerium ernannt. Herr Hugenberg baut die deutsche Wirtschaft, die NSDAP inzwischen die deutsche Kultur. – Uns leuchtet diese Teilung sehr ein!! Ob auch denen in der NSDAP, die glaubten, es mit einer »sozialistischen« »Arbeiter«partei zu tun zu haben?
Ob auch denen allen, die Hitlers verzweifelten Kampf gegen Papen und Hugenberg noch in Erinnerung haben? – Ach! Wir haben ja erfahren, dass die Kreise, die Hitlers Agitation zugänglich sind, durch nichts belehrt werden. Die Begeisterung schäumt wieder auf. Man benutzt sie zu Neuwahlen, ehe sie enttäuscht werden kann. Dann hofft man, bis zur Enttäuschung die Macht so fest in Händen zu haben, dass sie nicht mehr genommen werden kann. – Die Frage ist nur die, ob die begeisterte Dummheit in Deutschland noch über das Maß hinaus gesteigert werden kann, was Hitler bis jetzt erreicht hat. Man hofft, die 51 Prozent Reichstagsmandate zu erreichen, die alles das ermöglichen.
Dazu ist als erstes ein Aufruf Hitlers erschienen. Zwei Vierjahrespläne fordert er zur Vereinigung aller Aufgaben, die er lösen will. – Das ist die versprochene Besserung der Lage, die er seinen Anhängern sofort geben wollte. Die Methoden und den Inhalt dieser Pläne dürfen wir wieder gläubig ahnen. Wir hören nichts davon. Darüber hinaus beschimpft er die Novemberverbrecher, die das Unheil schufen, das er natürlich nun nicht mit einem Schlag bessern kann.
Dazu geht durchs ganze Reich eine Welle der Begeisterung, Fackelzüge usw. Die Terrorwelle schäumt auf. Gewalt- und Mordtaten werden von überallher gemeldet. Das Bürgertum erfährt in seiner Presse nur, dass das die bösen Kommunisten sind, die das herausfordern. Man droht ein Verbot der KPD an, hat ihre Umzüge verboten, hat eine Demonstration der SPD in Berlin verboten, den Vorwärts beschlagnahmt wegen des Wahlaufrufs der SPD. Er und Rote Fahne sind bis 7. Februar verboten.
Eine Verordnung, die die Presse- und Versammlungsfreiheit beschränkt, soll demnächst erscheinen. – Zwei Tote, die beim Fackelzug in Berlin getötet wurden, werden in einem »Staatsbegräbnis« zu Grabe getragen, obwohl der eine eine sehr bedenkliche Gestalt war. Wir werden noch mancherlei erleben, durch das der guten begeisterten deutschen Dummheit klar gemacht wird, dass die NSDAP allein deutsche Männer und Frauen enthält und alle anderen Novemberverbrecher sind, deren Rechte und Leben nichts zu gelten haben.
Und diese kleine selbstsüchtige Dummheit wird das erst merken, wenn sie es am eigenen Geldbeutel und Leben spürt, was hier uns geschaffen wird. Im Osten wird der Mittelstand ja schon etwas merken, wenn das Generalmoratorium für die Landwirtschaft erscheint, das vom Reichslandbund gefordert wird.
In Lübeck hat die Verhaftung des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Leber, der bei einer Demonstration überfallen und verwundet worden war, zu einem einstündigen Generalstreik der gesamten Arbeiterschaft geführt, der einmütig und ohne Zwischenfälle durchgeführt wurde. Obwohl die Staatsanwaltschaft gegen Nationalsozialisten Untersuchung führt wegen dieses Überfalls, wird Leber nicht aus dem Gefängnis entlassen.
In Essen hat der Zechenverband den Lohntarif für den Ruhrbergbau am Tage der Thronbesteigung Hitlers gekündigt. Ein historisches Zusammentreffen – gewaltige Unruhe im Zentrum deutscher Industrie ist die Folge. Die erste große Probe auf Leistungsfähigkeit und Leistungswillen des Reichsarbeitsministers Hugenberg. Welche »sozialen« Anschauungen wird man nun hier verwirklichen?
Was steht dem gegenüber?
Herr von Schleicher ging. Er fiel in die Grube, die er anderen grub. Wie rasch er, Dr. Bracht und viele andere der großen Spieler in diesem Intrigenspiel deutscher Politik sich verbraucht haben, ist ein kleiner Trost in all der Trostlosigkeit dieser großen Charaktere. Dass man ihm noch über sein Ende hinaus die Verdächtigung anhängte, er habe einen Staatsstreich geplant, zeigt die ganze Größe seiner Gegner.
Nein! Gegenüber Hitler steht heute als Kern allen Widerstandes die deutsche Arbeiterschaft. Sie ist die politisch und wirtschaftlich geschulte Kerntruppe, die deshalb begreift, um was es geht. Dass sie es begriffen hat, wird immer deutlicher. Hoffentlich wird es bald so deutlich, dass auch diese dumme Polemik zwischen SPD und KPD einer wirklich sachlichen Aussprache, sachlichem Austragen der nicht zu verdenkenden faktischen Meinungsverschiedenheit und einer klaren Entschlossenheit gemeinsamen Widerstandes weicht.
Zu dieser Kerntruppe stoßen heute mit ganzer Entschlossenheit die Christlichen Gewerkschaften, die deutschen Gewerkvereine, ja sogar der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband. Alle wirklich Organisierten haben das Signal vernommen.
Über diese Linie hinüber geht die Verbindung zu Zentrum und Bayerischer Volkspartei. Beide wären bereit gewesen, einen Reichskanzler Hitler zu tolerieren, der Garantien für die Achtung der Reichsverfassung gibt. Sie haben sich jetzt beide offiziell beim Reichspräsidenten beschwert. Hitler habe aber die Verhandlungen abgebrochen, ehe sie überhaupt begonnen hatten. Er habe also die Konzentration, die er nach Hindenburgs Auftrag erreichen sollte, gar nicht versucht.
Jedenfalls stehen diese beiden Parteien gegen diese Regierung, gegen jeden Versuch des Verfassungsbruches. Das bedeutet, dass schon ein ungeheurer Umschwung eintreten müsste, wenn Hitler-Hugenberg die 51 Prozent bei der Wahl erreichen sollten. Es bedeutet, dass gegen jede Regierung, die will, was die jetzige will, die Front München, Stuttgart, Karlsruhe, Köln geschlossen steht, zu all den Widerstandsfestungen im übrigen Gebiet hinzu.
Es ist keine Ursache zu verzweifeln – aber jeder Grund da, alle Kräfte entschlossenen Widerstandes, klaren Willens, ehrlicher, unbeugsamer Führung einzusetzen. Noch kann die Katastrophe vermieden werden, die eine Herrschaftszeit, wie Hitler sie plant und Hugenberg will, herbeiführen müsste. Keiner allerdings hilft sie vermeiden, der jetzt noch schwächlich zögert, alle seine Energie gegen diese Regierung zu gebrauchen.
Außenpolitik
Hitler betont in seinem Aufruf, dass das deutsche Volk Frieden und Verständigung will, allerdings als gleichberechtigtes Volk unter den anderen. – Mir scheint, er hat sich zu diesem Passus seines Aufrufs die Genfer Rede Hermann Müllers als Vorbild genommen. – Leider aber verpasst das deutsche Volk dank dieser Regierungsbildung einen weltgeschichtlichen Augenblick.
In Frankreich ist Daladier Ministerpräsident, ein Linkskabinett ist gebildet, das Anlehnung an die Sozialdemokratie sucht und findet, dessen Wille zu einer wirklichen Verständigung mit Deutschland nicht bezweifelt werden kann. – Die deutsche Tragödie dehnt sich zu einer Tragödie Europas. Aller vorhandene gute Wille kann nicht zur Auswirkung kommen, weil da immer eine Regierung ist, die – gestützt auf Unwissenheit – ihn sabotiert.
Daladier hat innerhalb Frankreichs mit gewaltigen Schwierigkeiten zu rechnen. Das Staatsdefizit muss beseitigt werden. Das bedeutet Opfer für alle Stände. Bis jetzt war es nicht möglich, Sozialdemokraten und Radikalsoziale Demokraten zu einen zu einer Verteilung der Lasten, die beiden gerecht scheint, beide vor ihren Anhängern verantworten können. So besteht die Gefahr, dass die Macht zur Rechten zurückgleitet.
In Genf hat die Abrüstungskonferenz begonnen. Man bespricht Herriots Abrüstungsplan: Gleichberechtigung Deutschlands, Sicherung für Frankreich. Deutschland und Italien kritisieren ihn scharf. Ob er oder andere Möglichkeiten verwirklicht werden??? Heute?
Rumänien und Jugoslawien haben eine Annäherung vollzogen, die sich gegen Italien richtet – auch gegen Ungarn. Eine strategische Brücke soll ihr Eisenbahnnetz enger miteinander verbinden. In Rumänien hat ein Streik im Petroleumgebiet zu so großen Unruhen geführt, dass über Ploesti, Bukarest und ihre Umgebung der militärische Ausnahmezustand verhängt ist.
England und Amerika ringen weiter miteinander um eine wirtschaftliche Verständigung, die bei der großen Verschiedenheit ihrer Lage sehr schwierig ist. Besonders in Amerika scheint die wirtschaftliche Lage erstens der Landwirtschaft, zweitens aber auch der Industrie katastrophal zu sein. Das erleichtert das Entgegenkommen gegen andere nicht.
In Ostasien bleiben Unruhen und Gefahren, wie sie waren.
Die Weltkatastrophe, deren Mittelpunkt Deutschland heißt, geht weiter. Von unserem klaren Mut hängt mehr ab als nur Deutschlands Existenz. Zumindest für Europa geht es um die Frage: Rettung der Kultur oder Zurücksinken in hoffnungslose Verelendung und Barbarei?
Friedrich-Martin Balzer und Manfred Weißbecker (Hg.): Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen. Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn 2002. 646 S., 32 Euro