05.02.2003

Abschied von der Dose

Seit dem 1. Januar wird auf Getränkedosen Pfand erhoben. Doch noch immer herrscht allgemeine Verwirrung, wie das funktioniert. Den Verbrauchertest machte ivo bozic

Ich habe es ja schon im Dezember angesprochen. Als die Getränkehändler und -hersteller noch dachten, sie könnten durch pure Ignoranz das Dosenpfand verhindern. Wie der Vogel Strauß. Einfach nicht hinsehen. Aber es kam doch, das Dosenpfand, und auch alle einstweiligen Verfügungen halfen nicht, es aufzuhalten. Seitdem das Jahr 2003 begonnen hat, kostet Dosenbier 25 Cent mehr. So kann man es nämlich auch sehen. Denn der Unterschied zwischen Flaschen- und Dosenbier war früher, also bis Silvester, neben den geschmacklichen Aspekten, dass Dosenbier billiger war. Die Pfandflasche bringe ich nur selten zurück, sodass sich für mich der Preis eines Flaschenbieres immer aus dem Bier und dem Pfand zusammensetzte. Dosenbier war also in jeder Hinsicht preiswerter.

Im Dezember kaufte ich dann nur noch Dosenbier. Das war als Reminiszenz an alte Zeiten gedacht. Ich sagte es allen: Leute, trinkt noch einmal Dosenbier, denn nach Silvester werdet ihr nie wieder Bier aus der Dose trinken. Die Logik lag für mich auf der Hand. Wenn Dosenbier ebenfalls Pfand kostet, fällt der einzige Vorteil weg, den die Dose gegenüber der Flasche hat. Denn geschmacklich, wer will das leugnen, steht die Dose denn doch hinter der Flasche zurück. Also würde man künftig, so argumentierte ich, gleich Flaschenbier kaufen. Aber auf mich hat keiner gehört. Es hat ja niemand an das Dosenpfand geglaubt! Ich kam mir vor wie eine Kassandra. Ich und der Bundesumweltminister Jürgen Trittin, ich glaube, wir waren die beiden einzigen Menschen in diesem Land, die das Dosenpfand kommen sahen und wussten, was das bedeuten würde.

Ich möchte betonen, dass ich nicht aus Prinzip ein Freund der Dose bin. Mir ist bewusst, wie viel Energie für ihre Herstellung verpulvert wird, und ich bin auch kein Anhänger der Wegwerf-Einweg-Kultur. Von mir aus könnte man auf Getränkedosen ruhig verzichten. Und ich wähne mich da durchaus an der Seite von Jürgen Trittin.

Dieses ehrbare Ziel allerdings durch solch repressive Maßnahmen wie Pfand erreichen zu wollen, das halte ich jedoch für unsozial, für einen gezielten, gegen mich gerichteten Angriff. Jeder, der einmal meine Küche betreten hat, weiß, dass dort die leeren Pfandflaschen den größeren Teil des Raumes bewohnen, ich begnüge mich mit der kleinen Gasse, die sie mir zwischen Kühlschrank, Herd und Esstisch lassen. Alle paar Monate landen die Flaschen dann, bestenfalls, im Altglascontainer.

Es ist nicht so, dass ich das Geld nicht brauchen könnte. Aber mein Spätkauf-Mann nimmt Pfandflaschen nicht so gerne zurück, und ich mag ihn nicht verstimmen. Schließlich wacht kaum jemand so wie er über mein Befinden. Weil es ihn gibt, weil er mich mag, nur darum verhungere ich nicht, verdurste ich nicht, nur weil er immer lange Blättchen hat, Milch und Toastbrot und natürlich Süßigkeiten und alle Zeitungen, nur deshalb ist das Leben erträglich. Da werde ich doch nicht unsere gute Beziehung aufs Spiel setzen, indem ich ihm mit klebrig-staubigen Pfandflaschen auf den Keks gehe.

Pfand trifft immer die Loser. Leute wie mich, die keine Sparfüchse sind, die keinen Bausparvertrag haben, die nicht an ihre Rente denken, gnadenlos unterversichert, unfähig, ihren Lohnsteuerjahresausgleich beim Finanzamt einzureichen. Leute, die ihre Gasag-Rechnung immer erst zahlen, wenn die erste Mahnung kommt. Nicht weil sie kein Geld hätten, sondern weil ihre Ablehnung, ihr Ekel gegenüber dem Geld so groß ist, dass sie bei allem, was mit Finanzen, Geldverdienen und Geldausgeben zu tun hat, in eine Starre verfallen, in eine trotzig-ehrfürchtige Lähmung. Dosenpfand ist unsozial, weil es das Biertrinken teurer macht. Und Biertrinken ist schließlich das Privileg der Unterschicht. Die anderen, die Lehrer und Minister, die Fabrikanten und Philosophen trinken schließlich ihren pfandfreien Rotwein oder Whisky.

Aber das ist eben rot-grüne Umweltpolitik. Alles, was die Umwelt belastet und was der Prolet liebt, also Dosenbier, Autofahren usw., wird so teuer gemacht, dass es sich bald nur noch die Bonzen leisten können. Und gleichzeitig werden ganz zufällig die Alternativen wie Bahnfahren und Flaschenbier auch teurer, sodass der Umweltaspekt wieder wegfällt, und das Unsoziale übrig bleibt. So funktioniert, kurz gesagt, Rot-Grün, wenn man mich fragt. Aber nun bin ich ein wenig vom Thema abgekommen.

Seit Anfang des Jahres ist das Dosenpfand nun also schon Wirklichkeit. Und immer noch tun alle so, als ob das alles gar nicht wahr wäre. Noch immer versuchen irgendwelche dubiosen Interessenverbände, mit einstweiligen Verfügungen die Sache rückgängig zu machen.

Beim Lidl gab es vor lauter Schreck zwei Wochen lang überhaupt keine Dosen oder Plastikflaschen mehr, und noch immer klaffen in einigen Regalen große Lücken. Berliner Pilsener z.B. gibt es gar nicht mehr, und auch andere Getränkesorten sind verschwunden. Genau genommen gibt es nur noch eine einzige Biersorte, das unvergleichlich preiswerte, wenn auch wirklich nicht übermäßig wohlschmeckende Grafenwalder Pils, dessen Preis sogar noch mal von 29 Cent auf 27 Cent herabgesetzt wurde. Plus 25 Cent Pfand natürlich.

Immerhin ist Lidl inzwischen trotzdem ganz vorn, was die Umstellung auf das Dosenpfand angeht. Auf sämtliche Dosen bzw. Plastikflaschen wurde ein rundes Lidl-Symbol aufgedruckt, woran man erkennt, dass es sich nunmehr um eine Pfand-Verpackung handelt. Und zwar sowohl bei Lidl-Marken wie dem extrem preiswerten Saskia-Mineralwasser (ein Liter für 25 Cent, plus 25 Cent Pfand!) als auch bei der Literflasche Pepsi.

Mein Testkauf beweist, dass Lidl und alle anderen Händler und natürlich vor allem der Großhandel letztlich die Gewinner dieser ganzen Pfandsache sein werden. Ich begab mich am Sonntagnachmittag zum Lidl im Berliner Ostbahnhof, dem einzigen Discounter-Supermarkt, der zu dieser Zeit geöffnet hat und der entsprechend frequentiert wird. Vor allem auch von den zahlreichen, aber kaum zahlungsfähigen Bahnhofsalkis. Immer stehen zwei breitschultrige Wachmänner mit Barett und Schlagstock in der Tür, im Laden herrscht ständig eine total gespannte Atmosphäre wie kurz vor der Rebellion, ständig lauert der Geist einer kollektiven Plünderung hinter den Regalen.

Nach einer halben Stunde in der Schlange habe ich endlich mein Grafenwalder Pils bezahlt. Ich begebe mich nach draußen, um es zu trinken und um sodann zu testen, ob das mit dem Pfand einwandfrei klappt. Rund um den Laden lagern bereits Horden von Alkis und Punks, die Ähnliches im Sinn haben. Sich weit vom Lidl wegzubewegen, ergibt keinen Sinn, denn das Pfand lässt sich nur dort abholen, wo man es eingezahlt hat. Ich stelle mich also zu den Trinkbrüdern und leere schnell meine Dose. Die Gespräche ranken sich um alles mögliche, leider nicht um das Dosenpfand, auch wenn das an dieser Stelle jetzt prima in den Text gepasst hätte.

Nachdem ich den letzten Schluck umgefüllt habe, von der Dose in meinen Körper, will ich also mein Pfand zurück. Doch dann fallen mir die endlose Schlange wieder ein, die gereizte Stimmung, die genervten Kassiererinnen, die kampfhundartig lauernden Wachmänner. Eine halbe Stunde anstehen für 25 Cent? Nein, das dann doch nicht. Ich stecke die leere Dose in die Jackentasche und beschließe, sie ein andermal abzugeben. Auf dem Heimweg wird es mir dann aber doch zu doof, die leere Dose durch die Gegend zu tragen, und ich schmeiße sie in einen Abfalleimer. 1:0 für Lidl.

Am nächsten Tag kann ich ausgleichen. Zwar nicht gegen Lidl, aber gegen einen Imbiss im Wedding. Bevor ich ins neu renovierte Alhambra-Kino gehe, um mir den Eminem-Film anzuschauen, kaufe ich in der Bude vor dem Kino zwei Dosen Beck’s. Dazu gibt es einen Kassenbon, auf dem mein Pfand vermerkt ist. Als der Film etwas plötzlich und unerwartet endet, lasse ich die Dosen ausnahmsweise nicht im Kino liegen, sondern trage sie artig wie ein Schulbub (und das nach diesem Film!) zurück zu der Bude und bekomme anstandslos mein Pfand ausgezahlt.

1:1, ich glaube, den Dreh so langsam rauszuhaben. Wobei ich sagen muss, dass es sich um die Frühvorstellung handelte, und ich nicht weiß, ob der Imbiss nach dem Ende der Spätvorstellung auch noch geöffnet hat. Wenn nicht, gewinnt er, und zwar jeden Abend.

Auf einem ähnlichen Niveau wie die Weddinger Imbissbude arbeitet die Ladenkette Minimal. Auch dort verkauft man ungerührt die alten Dosen mit dem Grünen Punkt, und nur der Kassenbon legitimiert das Zurückbringen. In der Galeria Kaufhof hingegen hat man auf allen Getränkeverpackungen, die neuerdings Pfand kosten, einen Aufkleber angebracht: »Pflicht Pfand – Auszahlung nur mit Kassenbon«. Was will uns der Kaufhof damit sagen? »Pflicht Pfand«? Ist das Pfand, das seit Jahr und Tag auf Bier- und Seltersflaschen erhoben wird, ein freiwilliges? Will man uns mahnen, dass es unsere Pflicht, unsere staatsbürgerliche Pflicht sei, die Dosen und Plastikflaschen auch ja zurückzubringen? Mitsamt Kassenbon selbstverständlich! Oder soll uns nur mit Nachdruck deutlich gemacht werden, dass es keinen Sinn hat, mit den Verkäuferinnen über einen Pfanderlass zu verhandeln?

Nein, es geht wohl eher um etwas anderes: Galeria Kaufhof – wieso eigentlich Galeria? Soll uns das etwa bedeuten, dass wir dort nur zu gucken und nicht zu kaufen haben? Und müsste es dann nicht konsequenterweise Galeria Guckhof heißen? Naja, egal. Galeria Kaufhof jedenfalls möchte uns zu verstehen geben, dass sie nichts dafür können, dass sie selbst auch nur Opfer der verbrecherischen rot-grünen Regierungspolitik sind, genau wie wir, Brüder im Geiste, eine Schicksalsgemeinschaft, über alle Klassengrenzen hinweg.

Eine Hinweistafel verdeutlicht das: »Sehr verehrte Kunden, seit dem 1.1.2003 sind wir leider gesetzlich verpflichtet …« Tut mir leid, liebe Kaufhof-Galeristen. Zwar empfinde auch ich das Dosenpfand als repressive Angelegenheit, doch ausgerechnet ihr könnt nicht mit meinem Mitleid rechnen. Da hilft keine noch so schleimige Andienerei. Ihr werdet davon fett profitieren, genau wie mein Lidl. Ich habe es bereits getestet. Eure Empörung ist gespielt, euer Kniefall vor dem Kunden reine Heuchelei.

Zumal sowohl im Kaufhof wie bei Minimal nicht nur die grausame »Pflicht Pfand« zu erfüllen ist, nein, auch der Grüne Punkt ziert nach wie vor die Verpackungen. Bedeutet das etwa, dass wir Verbraucher neben dem Pfand zusätzlich auch noch weiter für das Duale System zahlen? Es sieht so aus. Wir werden doppelt geschröpft. Einmal dafür, dass aus Einweg Mehrweg wurde, und einmal dafür, dass es nach wie vor Einweg ist. Entweder ist an dieser Erkenntnis irgend etwas verkehrt, oder ich habe soeben einen gigantischen Verbraucherbetrug, einen Skandal erster Güte aufgedeckt. Beim Lidl ist der Grüne Punkt verschwunden.

Bevor der Abend zu Ende geht, schaue ich noch mal bei meinem Spätkauf rein. Auch hier betätige ich mich als Ich-AG »Stiftung Warentest« und kaufe zwei Dosen Bier. »Da ist jetzt aber Pfand drauf«, meint mein Spätverkäufer, fast etwas resigniert. Er schaut mich an, als ob ich auf die Idee kommen könnte, die Dosen daraufhin wieder zurückzustellen. Doch ich mache schnell klar, dass es mir völlig recht sei, und frage, wie denn die Sache mit dem Dosenpfand so laufe.

Mein Spätverkäufer erklärt mir, dass die Leute seit Jahresanfang wesentlich weniger Dosen und dafür mehr Flaschen kaufen. Er habe bereits das Dosenangebot reduziert. Wer allerdings bei ihm eine Dose kaufe, der bringe sie in der Regel auch zurück. Es gebe passionierte Dosenbiertrinker, die täglich ihr Dosen-Sixpack kaufen und es ebenfalls als Sixpack leer zurückbringen. Er sieht nicht besonders glücklich aus, als er das erzählt. Ich bekomme für meine beiden Dosen einen Kassenbon. Eco, so heißt mein Spätverkaufsmann, macht mit Kuli einen Kreis um den entsprechenden Posten: 25 Cent.

Zuhause stelle ich die leeren Bierdosen zu den leeren Pfandflaschen in die Küche auf den Boden. Irgendwann einmal werde ich sie vielleicht zu Eco zurückbringen, falls ich dann die Bons noch finde. Leider muss ich feststellen: Die leeren Dosen machen sich ästhetisch nicht gerade gut zwischen den Flaschen. Man meint, auf einem Müllberg zu leben.

Zwischen den Glasflaschen fühlte ich mich ein wenig wie in einem Kristallzimmer, einer Tropfsteinhöhle, einem Glas- oder Eispalast, das braune Glas erinnert ein wenig an Bernstein. Ich hatte mich gewöhnt an diese gläsernen Hohlkörper, die meinen Weg durch die Küche säumen, an ihre schlanken Hälse und ihre straffen Bäuche. Ich konnte mir einbilden, sie stünden Spalier für mich. Meine gläserne Garde, mein Wachbataillon.

Diese immer zahlreicher werdenden grünen, roten, gelben und vor allem schrill-bunten Dosen jedoch bringen Unruhe in meine Küche, sodass sich das Auge gar nicht mehr entspannen mag. Dosenpfand ist also nicht nur sozial, sondern auch ästhetisch repressiv. Außerdem stelle ich fest, dass leere Dosen im Gegensatz zu Flaschen nicht als Kerzenständer taugen. Ein Sinn jenseits der Rückgabe kommt ihnen nach der Entleerung nicht mehr zu.

Wir werden uns also doch von der Dose verabschieden müssen. Wie ich es bereits im Dezember vorausgesagt habe. Wie gesagt: Geschmacklich wie ästhetisch wäre das sicher kein Verlust. Ich will ja gar keine falschen Hymnen auf die Dose singen. Aber man müsste die soziale Gerechtigkeit wieder herstellen und für Biertrinker eine pfandfreie Alternative schaffen. Es kann nicht sein, dass wir wieder einmal schlechter dastehen als die Weintrinker.

Zum Beispiel könnte man Bier im Tetrapack anbieten oder im Joghurtbecher. Oder wir steigen alle auf Wein um. Knallt eh besser und macht nicht so dick. Will der Trittin eben das? Sponsort ihn die Ökowein-Mafia? Wir wissen es nicht. Was wir inzwischen wissen ist das: Hebt die Bons auf, Leute! Und stellt euch gut mit eurem Mann vom Spätverkauf! Dann werdet ihr auch diese gesellschaftliche Umwälzung irgendwie überstehen.