05.02.2003

Ausnahme oder Regel?

Der Ökonom Jorge Schvarzer über die Krise in Argentinien Interview: Eva Meier und Andreas Fanizadeh

Argentinien hat es im Gegensatz zu Nordamerika oder Westeuropa versäumt, aus seinem Reichtum langfristig Kapital zu schlagen. Daran sind nicht nur internationale Machenschaften schuld. Die natürlichen Reichtümer des Landes wurden nach Meinung des Wirtschaftswissenschaftlers Jorge Schvarzer in der Vergangenheit nicht genutzt, um in die produktive Struktur des Landes zu investieren. Das rächt sich heute.

Von der ökonomischen Krise ist der Mittelstand in Argentinien stark betroffen, inwieweit hat sich das Leben vieler Menschen verändert?

Der Mittelstand ist schon im letzten Jahrzehnt auseinander gebrochen. Ein Teil verlor an Einkünften, während der andere Gewinne machte. Letztes Jahr verloren viele Leute ihre Einlagen auf der Bank. Ihre Guthaben wurden bis Ende 2002 als US-Dollar betrachtet, aber dann wurden daraus argentinische Peso. Die Leute haben über die Abwertung einen realen Verlust erlitten.

Wie schlägt sich das im täglichen Konsumverhalten nieder?

Waren, die nach Argentinien importiert werden, haben sich ums 3,6 fache verteuert. Computer zum Beispiel waren bis 2002 relativ erschwinglich, heute kann sich ein durchschnittlich verdienender Mensch keine Druckerpatrone mehr leisten. Ins Ausland zu reisen, ist für Argentinier jetzt so gut wie unmöglich.

Kam für Sie der Zusammenbruch vor einem Jahr sehr überraschend?

Zehn Jahre lang wurde der Wechselkurs von Dollar und Peso im Verhältnis von eins zu eins aufrechterhalten. Die Leute gewöhnten sich daran und glaubten tatsächlich, dass der Peso einem Dollar gleicht. Die Wirtschaft war ja auch tatsächlich dollarisiert. Argentinier hatten Dollar-Sparbücher, nahmen Kredite in Dollar auf und tätigten Geldoperationen jeder Art in Dollar. Dennoch wussten alle, dass der Peso eines Tages abgewertet würde. Argentinien konnte unter den Bedingungen eines solchen Wechselkurses keine Waren exportieren und hatte ein permanentes Defizit in der Handelsbilanz. Es trieb die Auslandsverschuldung in die Höhe. Alle wussten, dass eine Abwertung einen unglaublich hohen Preis verlangen würde, der Verlust für das interne Finanzsystem sehr hoch wäre. Aber es war unmöglich, einfach am Status Quo festzuhalten.

Sie waren in einer Kommission tätig, die noch unter der gestürzten Regierung Fernando de la Rúas versuchte, Alternativen zu entwickeln?

An der ökonomischen Fakultät in Buenos Aires arbeiteten wir am so genannten Plan Fenix. Wir schlugen Maßnahmen vor, um eine unkontrollierte Abwertung zu vermeiden. Aber die Regierung hat nichts dergleichen unternommen und die Wirtschaft explodierte. Der Zug brach in voller Fahrt auseinander.

Das Problem der Verschuldung war lange bekannt, warum wurde in den letzten Jahren offenkundig so wenig dagegen unternommen?

Meiner Meinung nach wuchsen die Schulden wegen der schlechten Außenhandelsbilanz laufend. Sind die Importe höher als die Exporte, verursacht das ein Defizit. Und wenn der Geldtransfer ins Ausland höher als ins Inland ist, werden ebenfalls Schulden gemacht. Das Länderrisiko schnellte in die Höhe, und um zahlungsfähig zu bleiben, mussten Kredite zu immer schlechteren Konditionen aufgenommen werden, und dies trieb die Schulden immer weiter nach oben. Aus der Kettenreaktion gab es kein Entrinnen.

Wie ist ein solcher Teufelskreis zu stoppen?

Man muss Bedingungen schaffen, um auf anderem Weg an Devisen zu kommen und die Schuldenlast zu reduzieren. Die Orthodoxen sehen das alleinige Problem in der hohen Staatsverschuldung und wollen dieser auf Kosten einer Ersparnis im öffentlichen Sektor beikommen. Das ist kurzsichtig und nützt bei den externen Zahlungsverpflichtungen wenig.

Sind externe oder interne Faktoren für den Bankrott Argentiniens verantwortlich?

Argentinische Wirtschaftskreise tragen die Hauptverantwortung. Sie haben eine monetaristische Politik im Stile der Chicagoer Schule betrieben. Natürlich gab es externe Probleme und historische, die mit der letzten Diktatur zusammenhängen. Aber die Politik hat es versäumt, die negativen Effekte zu reduzieren, und alles nur noch schlimmer gemacht.

Was vermissen Sie in der aktuellen Politik?

Ich vermisse eine alternative politische Kraft, die die ökonomischen Vorstellungen der neunziger Jahre hinter sich lässt. Viele Leute glauben schon wieder, dass es gut sei, wenn der Peso erneut fest an den Dollar gekoppelt würde und so die Preise stabil blieben. Aber um die Leute von etwas anderem zu überzeugen, bräuchte es eine starke politische Opposition.

Wird das traditionelle Parteiensystem die Krise überleben?

Die Leute sind sauer auf die politischen Parteien. Sie geben ihnen die Schuld an der brutalen ökonomischen Situation. Sollte die Wirtschaft wieder in Schwung kommen, würde das sicherlich anerkannt. Wenn nicht, wird es eine Krise geben, mit der auch die alten Parteien untergehen.

Wie sind die Chancen in Argentinien für eine Linke, wie sie Lula in Brasilien repräsentiert?

Die Linke glaubte in den letzten Jahren zumeist, dass sie auch ohne größere organisatorische Aufbauarbeit Veränderungen erreichen könne. Es gab einige, die eine starke TV-Präsenz hatten, aber keine Organisation im Rücken. Chacho Alvarez zum Beispiel. Ernüchtert trat er als Vizepräsident im Kabinett von de la Rúa bald wieder zurück. Ähnlich ist es jetzt mit Elisa Carrio, die bei den nächsten Wahlen kandidiert. Lula und die Arbeiterpartei PT haben in Brasilien 20 Jahre lang Aufbauarbeit geleistet, Städte und Provinzen regiert und dabei auch das Regieren gelernt.

In der Krise ist auch eine neue Bewegung entstanden, sehen Sie hier Ansätze für eine neue, starke Opposition?

Aus den Versammlungen und Stadtteilkomitees könnten neue Führungspersönlichkeiten und Parteien entstehen. Es gibt auch eine Reihe von stillgelegten Fabriken, die von der Belegschaft übernommen wurden. Im Moment sind es über 100.

Beschränkt sich diese Bewegung auf den Großraum Buenos Aires?

Nein. Eine der ersten und sehr großen übernommenen Fabriken befindet sich in Neuquen, im Norden Patagoniens, 2 000 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Im ganzen Land arbeiten etwa 5 000 Leute unter den neuen Bedingungen. Auch wenn manche hier das Pflänzchen eines selbstbestimmten Sozialismus sehen, ist es auch kein völlig neues ökonomisches System. Trotzdem bieten diese Übernahmen eine gute Möglichkeit, sich zu begegnen.

Wie können die Belegschaften die Produktionskette ohne Kapital aufrechterhalten?

Viele zahlen keine Abgaben und sich selbst nur sehr geringe Löhne aus.

Aber mit Selbsthilfe allein lässt sich die Marginalisierung weiterer Bevölkerungsgruppen kaum verhindern?

Nein, sicherlich nicht. Das geht nur über ein öffentliches Beschäftigungsprogramm und neue Arbeitsplätze, auch wenn dies weitere Löcher in die Budgets reißt. Die Rechte will das zwar nicht, aber historisch hat man bei allen großen Krisen auf der Welt so reagiert. Gleichzeitig muss es eine Unterstützung für die Arbeitslosen geben. Was hier bisher geschah, ist viel zu wenig.

Argentinien war ein reiches Land. Wie weit sind die reichen europäischen Nationalstaaten von einem Absturz wie in Argentinien entfernt?

Das ist nicht vergleichbar.

Also ist Argentinien die Ausnahme kapitalistischer Entwicklung und nicht die Regel?

Argentinien war nicht wirklich reich. Es hat in der Vergangenheit kein funktionstüchtiges Produktionssystem entwickelt. Argentinien besaß die Pampa, und die erlaubte, Fleisch und Lebensmittel bei sehr geringen Kosten zu produzieren. Das war ein Geschenk der Natur und resultierte nicht aus der Logik einer produktiven Organisation. Saudi-Arabien ist auch kein fortschrittliches Land, aber reich, weil es Öl besitzt. Argentinien war kein sehr weit entwickeltes Land, aber reich, weil es die Pampa hatte. Als Schluss mit der Pampa war, nutzte Argentinien seinen bisherigen Reichtum nicht und bildete kein effizientes industrielles System heraus.

Wann erschöpfte sich der natürliche Reichtum der Pampa?

In den dreißiger Jahren stagnierten Wachstum und Erträge. Aber es ist ein längerer historischer Prozess. Die Bevölkerung Argentiniens nahm sehr stark zu, und außerdem fielen international die Preise. Der schleichende Verfall wurde von den argentinischen Eliten nicht erkannt.

Aber gab es neben Fleisch nicht auch eine Bergbau- und Ölindustrie?

Historisch lag die hauptsächliche Produktion bei Fleisch und Getreide. Später kam auch etwas Öl dazu, aber mit einer relativ geringen Bedeutung für die argentinische Wirtschaft. Anfang der dreißiger Jahre hätte man mit einer Politik der Industrialisierung beginnen müssen, um so die Probleme mit dem externen Markt zu neutralisieren. Aber dies geschah nie. Auch heute sehe ich keine Alternative zu einer Industrialisierung. Der Mercosur, der gemeinsame Markt von Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay, böte eine ausreichende Größe, moderne Technologie und Wachstum zu fördern. Man muss industrialisieren und sollte dabei nicht auf die Rückkehr des geflüchteten Kapitals warten. Das kommt nicht so schnell zurück.

Jorge Schvarzer ist Professor an der Ökonomischen Fakultät von Buenos Aires. Die »Lateinamerika Analysen 2« veröffentlichten von ihm 2002 die ausführliche Studie »Die lange Krise der Verschuldung in Lateinamerika«. www.rrz.uni-hamburg.de/IIK