05.02.2003

Züri brannte

Flick und die Schweiz | Patrik Landolt

Friedrich Christian Flick zeigte bei seinem Versuch, in Zürich ein privates Museum zu errichten, wenig Sensibilität im Umgang mit der demokratischen Öffentlichkeit und für die Kritik an der Verstrickung seiner Familie in die NS-Vergangenheit. Zahlreiche Zürcher Kulturschaffende und jüdische Organisationen äußerten sich kritisch zum geplanten Flick-Museum an der Hardturmstraße. Auf reges Interesse stieß neben aktuellen Fragen der Privatisierung der Museumswelt auch die Weigerung von Friedrich Christian Flick, Entschädigung an die NS-Zwangsarbeiter zu zahlen. Der geplante Museumsbau wurde in den Zusammenhang von Flicks Umgang mit der Familiengeschichte gestellt. Zur Aussicht eines Flick-Museums in der Nachbarschaft stellte das Direktorium des Zürcher Schauspielhauses, Christoph Marthaler, Stefanie Carp und Anna Viebrock, klar: »Wir wünschen uns andere Nachbarn (…) Wir können den Gedanken nicht verdrängen, dass die Exponate dieser Sammlung mit Kriegsverbrecher-Geld und enteignetem, arisiertem jüdischem Vermögen bezahlt wurden. Die Kunst der Sammlung können wir nicht trennen vom Wissen darüber, dass sich die Familie Flick bis heute weigert, Entschädigungsgelder an ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zu bezahlen. Kunst veredelt in diesem Falle nicht.« Rolf Bloch, der Präsident des Schweizerischen Holocaust-Fonds, fand das Verhalten von Friedrich Christian Flick auf einer moralischen Ebene unsympathisch: »Mit einer großen Geste an die Opfer, und nicht ans Kunstpublikum, könnte er seine Distanzierung von den Nazi-Vorfahren glaubwürdiger machen.«

Mediengespräch. Kunstkritiker, Kuratorinnen, Museumsdirektoren diskutierten in mehreren Zeitungen über Moral, Vergangenheitsbewältigung, Privatisierung der Kunst und die Macht der Galerien. Friedrich Christian Flick selbst schwieg lange, bis er zu einem »Mediengespräch« rief. Auf einer Pressekonferenz in Zürich im März 2001 betonte er, dass Zürich zu seiner zweiten Heimat geworden sei und er seine Sammlung hier zeigen wolle, wozu er einen Museumsneubau plane. Unmissverständlich gab Flick zu verstehen, dass er sich als Privatperson sehe und keine Veranlassung habe, sich persönlich an der deutschen Stiftungsinitiative zur Entschädigung der Zwangsarbeiter zu beteiligen. Gleichzeitig kündigte Flick aber die Einrichtung einer privaten Stiftung mit fünf Millionen Euro Eigenkapital gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz an. Zur Teilnahme an öffentlichen Diskussionen oder Interviews (mit Ausnahme der Neuen Zürcher Zeitung) zeigte sich Flick nicht bereit. Die Diskussion in Zürich um die Verstrickung seiner Familie in die NS -Vergangenheit muss den Milliardär so verstimmt haben, dass er die Museumspläne in Zürich verwarf. Über die Neue Zürcher Zeitung ließ er drohend verlauten: »Es gibt eine gewisse Schmerzgrenze, und wenn die erreicht ist, dann überlege ich mir Alternativen« (17. April 2001). Wie weit die Gerüchte, dass der Rummel ums Flick-Museum und dessen Connection zur Schweizer Galerie Wirth die Steuerbehörden auf »Unregelmäßigkeiten« aufmerksam gemacht haben könnte, stimmen, bleibt offen. Ein Jahr nach der Verkündung der Museumspläne in Zürich ergaben Recherchen jedoch, dass Friedrich Christian Flick für seinen Neubau kein Baugesuch eingereicht hatte und dass er die Planungsarbeiten des Architekten Rem Koolhaas stoppen ließ. Nun hat der Kunstsammler, wie er am 10. Januar in Berlin auf einer Pressekonferenz bekannt gab, mit dem Hamburger Bahnhof in Berlin einen Standort für sein Monument gefunden. Den Umbau des Gebäudes will er finanzieren und seine umfassende Sammlung anschließend der Stadt Berlin für sieben Jahre leihweise zur Verfügung stellen. Während Friedrich Christian Flick in den Verhandlungen in Berlin erfolgreich war, werden der Art und Weise, in der er sich einer öffentlichen Diskussion entzog und autoritaristisch über Verlautbarungen kommunizierte, in Zürich nur wenige nachtrauern.

Ein Museum als Ort der visuellen Kontemplation ist zusammen mit Friedrich Christian Flicks »Kommunikationskultur« kaum vorstellbar. Kunst braucht die öffentliche Debatte, die Freiheit zum Dissens, ein offenes Klima und nicht aristokratisch anmutende Geldarroganz. Aber jenseits der wichtigen Debatte um Geld, Geist und um die historische Verantwortung der Erben einer in die NS-Vergangenheit verstrickten Unternehmerfamilie wirft der Fall Flick erneut ein Licht auf die Steuergesetzgebung der Schweiz, welche die Reichsten der Welt zur Steuerflucht einlädt.

Patrik Landolt arbeitet als Kulturredakteur bei der Wochenzeitung (WoZ) in Zürich.