Japans Drang nach einer neuen Normalität im Umgang mit der jüngeren Geschichte treibt seltsame Blüten. Politiker verbeugen sich vor Kriegsverbrechern, Schulbücher werden inhaltlich geschönt, ein Gedichtband soll Identität stiften und die Menschen pilgern in Scharen zu einem Bahnhof im Norden des Landes, weil sein Name mit dem des jüngsten Sprösslings des Königshauses identisch ist.
»Wir sind gegen eine masochistische Geschichtsanschauung«, schrieb Kanji Nishio, Vorsitzender der Atarashii Rekishi Kyôkasho wo Tsukurukai (Kommission zur Reform der japanischen Geschichtslehrbücher). »Deshalb muss unser Ziel sein, ein neues Lehrbuch der japanischen Geschichte zu schaffen, mit dem Schüler lernen können, auf ihr eigenes Land wieder stolz zu sein«.
Bis Mitte der achtziger Jahre hatten SchülerInnen wenig Gelegenheit, aus den Geschichtsbüchern etwas über die beiden von Japan im zwanzigsten Jahrhundert geführten Kriege zu erfahren. Informationen darüber waren nur spärlich in den Buchtexten vorhanden. Erst seit den politischen Auseinandersetzungen in den achtziger Jahren, ausgelöst von heftigen Protesten aus China und Korea, erhielten Schulbücher, die jedes Jahr vom Kulturministerium auf ihre Inhalte hin neu überprüft werden, tief greifende Informationen und Kommentare über den zweiten Weltkrieg, besonders in Bezug auf die »Invasion« Japans in den asiatischen Raum.
Rücksicht auf Gefühle
Im Jahre 1985 wurde von der japanischen Regierung deshalb ein Gesetz über »Buchtexte, die unsere Nachbarländer betreffen« verabschiedet. Das Gesetz sieht vor, dass Autoren beim Verfassen der Lehrbücher »ausreichend Rücksicht auf Gefühle der asiatischen Nachbarländer« zu nehmen haben. Der damalige japanische Ministerpräsident Tomiichi Murayama gab eine begleitende Stellungnahme ab und erkannte an, dass »Japan den asiatischen Ländern enormen Schaden und Leid zugefügt habe, und sich aus tiefstem Herzen dafür entschuldigt«. Es dauerte aber bis zum Jahre 1996, als überhaupt zum ersten Mal die koreanischen »Ianfu« (wörtlich: Komfortfrau, tatsächlich Zwangprostituierte) in den Lehrbüchern als Begriff auftauchte. Lediglich auf Druck aus dem Ausland wurden die Geschichtslehrbücher Schritt für Schritt inhaltlich »verbessert«. Diese Vorgehensweise entsprach ganz den außenpolitischen und diplomatischen Richtlinien der letzten zwei Dekaden. Mit der schleichenden Angleichung der Bücher wollte die japanische Regierung eine Isolation von der internationalen Staatengemeinschaft verhindern.
Doch im Jahr 2001, als das angesprochene Geschichtsbuch von der Tsukurukai zusammen mit weiteren sieben Werken als Lehrmittel endlich anerkannt wurde, war plötzlich eine neue inhaltliche Tendenz feststellbar. In vier Büchern war die Beschreibung »Ianfu« gestrichen. Außerdem fanden sich nirgendwo mehr Informationen über Versuche mit chemischen Waffen, die das japanische Militär im zweiten Weltkrieg in Nanking (China) durchgeführt hatte. Obendrein wurden an mehreren Stellen die Bezeichnung »Invasion Japans« durch den Begriff »Expansion Japans« ersetzt. Massive Kritik richtete sich hauptsächlich gegen die Tsukurukai. Nach Ansicht der Kommission war Japans Einmarsch in China jedoch völlig gerechtfertigt. Ihrer Meinung nach diente der Krieg der Japaner lediglich der Befreiung Asiens vom europäischen Joch. Eine Gruppe japanischer Schriftsteller unter der Führung des Nobelpreisträgers Kenzaburô Ôe lief Sturm. »Die Idee der Tsukurukai ist nicht zeitgemäß«, schrieben sie in einem Zeitungsartikel. »Wir befürchten nicht nur, uns damit erneut der internationalen Kritik auszusetzen. Wir haben berechtigte Angst davor, in Zukunft Schüler hervorzubringen, die weder Wissen noch Feingefühl besitzen, um das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft zu gewinnen, da sie die Geschichte Japans nur in geschönter Form kennen.« Die Zahl der Lehranstalten, die das Buch auf Empfehlung der Tsukurukai mit in den Unterricht aufnahm, betrug jedoch weniger als ein Prozent. Was die chinesische Regierung wiederum zu einer offiziellen Stellungnahme veranlasste. »Die geringe Bereitschaft zur Übernahme der Bücher zeigt, dass viele Japaner verstehen, wo das Problem liegt«, heißt es darin. »Trotzdem verlangen wir entschlossen von der japanischen Regierung, dass die von der Tsukurukai empfohlenen Lehrbücher keine staatliche Anerkennung erhalten.« Bei der Diskussion um die Schulbücher hält sich die japanische Regierung nach wie vor zurück und zollt somit insofern verzerrenden Darstellungen in den Büchern Anerkennung. Die Überprüfung der Lehrmittel für das Schuljahr 2003 läuft gerade, und es wird allgemein erwartet, dass die Geschichtsauffassung in den erwähnten acht Büchern weiterhin in dieser Form bestehen bleibt.
Wie groß in Japan der Drang zu einer neuen Normalität ist, zeigt ein Skandal, der um den Besuch des japanischen Ministerpräsident Koizumi am Yasukuni-Schrein entbrannte. Dort werden alljährlich im Januar japanische Kriegsverbrecher zusammen mit Kriegsgefallenen geehrt. Koizumi ist der erste japanische Ministerpräsident, der diesen Schrein während seiner Amtzeit besuchte, was besonders für China und Korea einer Provokation gleichkam. Gerade Koizumi, der sich als »moderner« Politiker sieht, und eine progressive Reformpolitik befürwortet, hat so in seinem Ansehen Schaden genommen. »In der Person Koizumis existieren zwei Positionen ohne Widerspruch: Das Kämpferherz für Wirtschaftsreformen und die konservative, neonationalistische Einstellung, wie sie im Besuch des Yasukuni-Schreins symbolisch zum Ausdruck kam.« So formulierte es ein einflussreicher japanischer Journalist. »Koizumi will mit seiner Aktion zeigen, dass er seinem neonationalistischen Standpunkt treu ist, und sich darin nicht von Ausländern beeinflussen lässt.« Es bleibt abzuwarten, ob Koizumi damit innenpolitisch wirklich punkten kann. Seine Regierungsmannschaft genoss laut Meinungsumfragen bei Amtsantritt eine Zustimmungsrate von 85 Prozent. Im Januar lag diese bei nur noch 49 Prozent.
In den Debatten um den Geschichtsrevisionismus stand ein Buch des Universitätsprofessors Takashi Saitô im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Seit Erscheinen seiner Schrift »Koe ni dashite yomitai Nihongo« (»Japanisch, das man laut vorlesen möchte«) schwelt ein Streit um den Inhalt des Werks. Er entzündete sich um die darin enthaltenen literarischen Texte aus unterschiedlichen Epochen. Historisch verrufen ist beispielsweise die aus dem zweiten Weltkrieg stammende Disziplin »Laut rezitieren, laut singen«. Saitô will mit dem Abdruck solcher Literatur althergebrachte nationalistische Ideen von Identität vermitteln. Einer Kritik von der Missverständlichkeit solcher Rezitationsübungen für Schüler widerspricht der Autor. Ihm zur Folge sei das Rezitieren seit dem Mittelalter eine vertraute Art, Literatur zu genießen. Das Buch gehörte zu den Bestsellern des vergangenen Jahres.
Pflicht zur Harmonie
Schwer zu verstehen mag auch sein, dass seit circa einem Jahr Scharen einheimischer Touristen zu einem winzigen Bahnhof ohne Bahnwärter im Norden des Landes pilgern. All das nur, weil der Name des Bahnhofs mit dem Namen, des jüngsten Mitglieds der kaiserlichen Familie, Aiko, Tochter des derzeitigen Kronprinzen, identisch ist.
Ist Japan also heute in Gefahr, auf die nationalistische, schließlich wieder imperialistische Bahn zu geraten? Die vorsichtige Antwort heißt nein. Vielleicht sollte man aber besser sagen: Noch nicht. Insgesamt ist die Stimmung im Land fest auf das Thema Globalisierung gerichtet, wie immer diese auch für Japan ausgehen wird. Aber man sollte nicht zu optimistisch sein. Als Nordkorea vor kurzem die Entführung von JapanerInnen zum Zwecke der Spionage in den siebziger Jahren eingestand und die Verhandlungen über ihre Ausreise nach Japan an einem toten Punkt angelangt waren, forderten Massenmedien lautstark, Koizumi solle die Verhandlungen abbrechen. »Er darf sich nicht unterwürfig zeigen«, hieß es.
Rund verwalten. Das eigentliche Problem liegt darin, dass es in Japan im konventionellen Sinne gar keine »Oppositionskultur« gibt. Stattdessen gibt es eine grundlegende Harmoniepflicht. Nicht die thematische Übereinstimmung im Programm verschiedener Parteien ist damit gemeint, sondern die Vermeidung von Disputen und die Beendigung von Diskussionen in einem frühen Stadium. Dabei ist das Wort »Maruku-osameru« (wörtlich: »rund verwalten«) immer anzutreffen. Man schließt Kompromisse, und im schlimmsten Fall bleiben alle Akteure mit dem Ergebnis unzufrieden. Deshalb sind für Japaner Friedensdemonstrationen genauso »gefährlich« oder »störend« wie die Protestmärsche junger Rechtsradikaler in schwarzen Uniformen, die durch ein Megaphon »Lang lebe der Kaiser!« brüllen. Japaner halten es daher für angemessen, sich von politischen Problemen überhaupt zu distanzieren. Sie bringen damit eine ungefährliche, weil passive Haltung zum Ausdruck, und zeigen nirgends aktive Zustimmung, missbilligen dadurch aber auch nichts. Besonders bei jüngeren Leuten dauert es nicht lange, bis diese Distanz in Teilnahmslosigkeit umschlägt und sich schließlich in Desinteresse verwandelt. Diese Situation der »Politikverdrossenheit« birgt politischen Sprengstoff in sich. Eine im Grunde »unbeteiligte« Gruppe ist nicht wirklich eine ernst zu nehmende Opposition gegen die Nationalisten. In der jüngeren Generation gibt es sehr viele so genannte Wechselwähler. Diese ständig schwankende Wählerschicht könnte auch einem nationalistischen Einfluss willenlos ausgesetzt sein, denn, diejenigen, die lauter sind, haben schließlich bessere Chancen, sich bei den Jungwählern durchzusetzen.
An der Schwelle. »I LOVE NIPPON« war bei der Fußball-Weltmeisterschaft im letzten Jahr auf einem Banner zu sehen. Dieses Banner befand sich in der Hand einer Frau, die enthusiastisch und Hurra schreiend ein Fußballspiel verfolgte. Ein junger Mann, der sich das Spiel auf dem Fernsehapparat eines Imbisses ansah, erzählte einem Journalisten hinterher von einem »herrlichen und gleichzeitig warmen Gefühl. Ich fühlte, wir Japaner sind eins geworden.«
Soziologen warnen, dass dies die ersten Äußerungen eines aufkeimenden Nationalismus sind. Einige Politiker fühlten sich durch die WM ermutigt, den Massenmedien nationalistische Äußerungen zu unterbreiten. Ein Politiker verglich die Partie Japan gegen Russ-land mit dem russisch-japanischen Krieg im letzten Jahrhundert.
Aber man muss hier auch die Zeichen der Zeit beachten, sowohl die Frau mit dem Banner als auch der Mann im Imbiss gehören zu den vielen jungen Supportern, die für die japanische Mannschaft schwärmen, genauso wie sie sich für »Spiceboy« David Beckham begeistern und den Song »Olli Kahn« der deutschen Popband Die Prinzen auf CD kaufen. Nach der Niederlage der japanischen Mannschaft feuerten sie in knallroten T-Shirts einfach weiter die koreanische Mannschaft an. Hinter der Begeisterung, die sich in dem Banner »I LOVE NIPPON« ausdrückt, steht vermutlich erstmal keine »NIPPON IS BETTER«-Ideologie.
Die Schwelle vom ungefährlichen Lokalpatriotismus zum harten Nationalismus kann aber jederzeit überschritten werden. 70 Prozent der japanischen Bevölkerung sind nach dem Krieg geboren. Ob sie für nationalistische Signale stärker anfällig sind oder die Nationalisten durchtriebener sind, die klammheimlich von der jungen Generation profitieren möchten, sind Fragen, denen sich das Land dringend stellen muss.
Mai Aoki ist Japanerin und hat an der Universität Kaio »Policy Management«studiert. Momentan lebt sie in Bremen und studiert Japanologie und Italianistik an der Universtät Hamburg.