05.03.2003

Straßen ohne Wiederkehr

Eine Depesche aus der U.S.-Antikriegsbewegung | Ian Boal

Von Küste zu Küste hat sich in den USA eine Bewegung gegen die Kriegspläne der Regierung Bush gesammelt, die in Ziel und Ausrichtung sehr unterschiedlich ist. Von den Massenmedien kleingeredet und von der Politik ignoriert, erheben nun so viele Menschen ihre Stimme gegen das Establishment, dass sie nicht mehr aus dem gesellschaftlichen Alltag und den Nachrichten wegzudenken sind.

Die Nachrichten von der Ostküste vermelden aus Washington, D.C. am Samstag den 18. Januar eiskaltes Winterwetter. Trotz beißender Kälte sind dort nach Schätzungen mehr als eine halbe Million Menschen auf den Beinen, um gegen den drohenden Krieg zu demonstrieren. Die Reden auf dem Podium hätten allemal den Geist von Martin Luther Kings legendärer Abschlussrede beim Marsch auf Washington (1963) beschwören können, hatten sie doch mit ihm den symbolträchtigen Ort des Lincoln Memorials gemeinsam. Den Rednern fehlte jedoch die brillante Rhetorik eines Dr. King. Gegen seine historische Konkurrenz mussten die Sprecher der neuen Antikriegsdemonstration zwangsläufig abfallen.

Eine überwältigende Erfahrung

Am Morgen des selben Tages ist über San Francisco ein wolkenloser Himmel. In der ganzen Region bilden sich an den Ausgängen der U-Bahn-Stationen lange Schlangen. Die Menschen haben die Uferpromenade der Stadt zum Ziel. Schon auf den unterirdischen Bahnsteigen verkündet ein Wald aus Schildern Losungen: »No Blood for SUVs« »Impeach Bush«, »Wage Peace«, »It’s the War Economy, Stupid«. Den Ausgang Embarcadero Street zu benutzen, ist eine überwältigende Erfahrung, sogar für Veteranen der Golfkriegsproteste und Critical-Mass-Fahrradrallys. Es ist sofort zu sehen, dass sich eine riesige Menschenmenge gebildet hat, ein Querschnitt durch alle Klassen, Generationen, Ethnien und Religionen. Jedenfalls ist es kein düsteres, monokulturelles Camp friedensbewegter Mittelklasse-Weißbrote, das sich da gebildet hat.

Ermutigend ist schon allein, dass bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nie eine Demonstration ähnlicher Größenordnung in San Francisco stattgefunden hatte. Für viele ist genau dies auch schon Sinn der Sache; die Teilnehmerzahl als wichtiger Bestandteil der »Botschaft«. Dass es einen Wettlauf um Zahlen geben würde, ist klar. Angaben, wie sie beispielsweise von der New York Times über die Teilnehmerzahl der Demonstration im Oktober 2002 gemacht wurden, waren so grob untertrieben (»weniger als 10 000«, bei tatsächlich 200 000 Demonstranten), dass die bürgerlichen Medien diesmal ihre Taktik geändert hatten, vielleicht auch, weil sie sich für ihre verzerrte Berichterstattung im vergangenen Oktober schämten. Wahrscheinlich ist es aber doch eher so, dass sie einfach Signale ihrer Psephologen und sonstigen Inspekteure der Eingeweide öffentlicher Körper ernst genommen haben. Die hatten aufgeschnappt, dass im Volk angesichts von Bushs Kriegsplänen Panikstimmung und Zynismus weit verbreitet seien.

Und dies offenbart auch schon, wie es um die politische Klasse in den Vereinigten Staaten bestellt sein muss, wenn sich bisher nur eine Abgeordnete des US-Kongresses, die Demokratin Barbara Lee, auf die Seite des Antikriegsbündnisses geschlagen hat. In diesen Zusammenhang passt leider, dass, als typischer Ausdruck amerikanischen Politikbewusstseins, keinerlei Transparente an die Adresse der Innenpolitik, der Bundesstaaten oder irgendwelcher Lokalpolitiker gerichtet sind, außer im Ton der Beschimpfung, wie etwa »Lick Bush« und »Dump Davis«.

Dessen ungeachtet, wird über die geplanten Demonstrationen dieses Mal von den Medien schon Tage zuvor positiv berichtet. Na ja, die listige Formel, wie sie von der New York Times benutzt wurde, um die Menschenmenge in Washington D.C. von einer halben Million mit »Zehntausende« zu klassifizieren, ist ja technisch nicht falsch. Aber es geht eben genau um diese Schätzungen; die exakte Teilnehmerzahl ist aus der Luft gar nicht zu ermitteln, weil über Demonstrationen aus Gründen des »Antiterrorschutzes« nur hinwegfliegen darf, wer einer staatlichen Organisation angehört.

Lärmpegel. Kurz nach zwölf Uhr mittags setzt sich die Spitze des Demonstrationszuges in Bewegung. Es erweist sich als ratsam, rasch durch die Market Street zu gehen, um so den drögen Eröffnungsreden zu entgehen. Ohnehin ist der Lärmpegel der Demonstration so gewaltig, dass sich das Gefühl einschleicht, den Teilnehmern ist es schlichtweg egal, wer jetzt gerade eine Ansprache hält. Die Veranstalter gehören zu einem Bündnis namens Answer (Act Now to Stop War and End Racism), darunter sind alte Kader der Workers World Partei. Diese Gruppierung gründete sich aus Unterstützung der sowjetischen Invasion in Ungarn, 1956. Im Moment solidarisiert sich die W.W.P. mit Slobodan Milosevic. Zu sagen, dass es egal sei, wer die Organisationsarbeit in die Hand nimmt, um ein nationales Widerstandsbündnis gegen den drohenden Krieg auf die Beine zu stellen, Hauptsache, die Leute machen mit, ist ziemlich fahrlässig.

Besonders, da die Stalinisten von Answer mit ihren salbungsvollen Stimmen ständig auf allen Kanälen zu vernehmen sind, weil sie ja als Demo-Anmelder auch für die ganze Opposition sprechen dürfen. Für den geordneten Führungsstil erhält Answer aber Beifall von den Behörden. »Sie sind friedfertig, man kann mit ihnen gut zusammenarbeiten. Sie machen nichts kaputt«, lobte Chief Ramsey von der Washingtoner Polizei in der Washington Post das Bündnis. An der Demo in San Francisco bedrohen die Answer-Stalinisten die Straßentheatergruppe Art&Revolution allerdings mit Schlagstöcken.

Art&Revolution haben sich als Beamte des Ministeriums für Heimatverteidigung ausgegeben. Sie führen einen ganzen Katalog von Sicherheitsinstrumenten des Total-Information-Awareness-Programms mit: Überwachungskameras, panoptische Poindexter-Armbinden und eine mobile Gefängnisstation. »Wir sind hier, um euch davor zu bewahren zu uns zu kommen!« verkünden sie auf einem Schild. Blaskapellen marschieren zur selben Zeit dröhnend auf der Market Street, diesem Boulevard der Schande. Es ist Heimat nicht weniger Vertreter der kalifornischen Kleptokratie, wie sie von Gary Brechin in seinem Buch »Imperial San Francisco« beschrieben wird. Unterdessen bemerkt die geschlossenen Büros von Firmen wie Chevron und Bechtel (dem zivilen Arm des Pentagons) niemand. Beides sind global operierende Corporations, die nur darauf warten, Profite aus dem anstehenden Krieg zu ziehen. Erst gegen 16 Uhr stattet eine Abordnung des schwarzen und des rosa Blocks diesen Hauptquartieren des Corporate America, der Filiale einer großen Caféhauskette und dem Büro der Einwanderungs- und Naturalisierungsbehörde einen unangemeldeten Besuch ab.

Aus dem Herzen der Multitude

Im Vergleich zu den Protesten im Oktober wehen im Januar übrigens nur noch wenige amerikanische Flaggen. Damals wurden die Stars und Stripes noch sehr zahlreich als Schutz verwendet. Vor allem von solchen Leuten, die sich beschuldigen lassen, ihr Patriotismus sei unzulänglich. Ein Autor aus San Francisco, der als Rechtsanwalt für die Gefängnis-Bewegung der siebziger Jahre tätig war, trägt diesmal ein T-Shirt mit einer manipulierten Fahne. Statt Sternen prangen darauf Raketensprengköpfe. Die Bildunterschrift spricht der Multitude aus dem Herzen: »United – my ass«.

Ein altgedienter Chronist städtischer Bürgerproteste beeilt sich zu bemerken, dass die Veranstaltung »öffentlichen Charakter hat. Wirklich ›jeder‹ in San Francisco scheint dabei zu sein oder wünschte sich, dabei zu sein.« Es gibt in der Menge weder Parteidisziplin, an die man sich halten müsste, noch wird auswändig skandiert. Am eindringlichsten klingt die spontane Losung »Mil – ton! Mil – ton! Mil- ton!«, die aus der antinomischen Sektion der Masse heraus ertönt, als es an einem Plakat vorbei geht, das von einem Sozialhistoriker aus Mendocino getragen wird. Darauf stehen Verse aus »Paradise Lost«:

»Sieh, wie begierig diese Höllenhunde,Nur auf Zerstörung und Ruin bedacht,… zum Bersten vollMit gierig eingesaugtem Unrat …«

Auf anderen Transparenten sind die Aussagen kerniger: »Go Solar Not Ballistic«, »Stop the Madness of King George«, »Geniuses against War«, »Prevent Mad Cowboy Disease«, »Another Gay Mother against U.S. Weapons of Mass Destruction«, »It’s the Coke, George – It Makes You Mean«.

Ein einziges Transparent, »Peace is Patriotic – That’s the Problem«, dient als notwendiges Gegengift zu den Tausenden von Plakaten, die einfach uneingeschränkt für Frieden eintreten. »Frieden« im Irak meinte die letzten 20 Jahre nichts anderes als dass dort Tausende verhungern oder durch Bombenangriffe sterben mussten. Wird diese Pax Americana, namentlich die fortgesetzte Enteignung aller Menschen auf dem Planeten im Namen des Neoliberalismus, ein Fortschritt gegenüber der Pax Britannica, oder etwa der Pax Romana sein? Frieden gibt es vielleicht, aber es wird ein Frieden auf den Friedhöfen sein.

Keine Krämerseelen. Die Demonstration ist nun so dicht gestaffelt, dass es mehr als zwei Stunden braucht, um die Market Street entlang zu gehen. Nach zirka anderthalb Kilometern liegen die Teufelsstätten von Corporate Down-town hinter uns, die nun angrenzenden Gebäude sind niedriger, die Sonne dringt jetzt bis auf die Straße. Die Prozession kommt an einer Gegend mit Pornokinos, Diskountläden und Billigrestaurants vorbei. Dahinter liegt der heruntergekommene Tenderloin-Bezirk, der von »Zoning«-Bestimmungen begrenzt wird, um billigen Wohnungsraum für Saisonarbeiter bereitzustellen, die in den Touristenhotels von Downtown arbeiten müssen.

Sobald die »Abschlusskundgebung« in der Nähe des Rathauses erreicht ist, zerstreut sich die Menge, weil sie nicht an den Aussagen von Prominenten wie Martin Sheen oder Joan Baez oder sonstigen Krämerseelen interessiert ist. Nicht, dass es kein Bedürfnis für Analysen gäbe. Im Vergleich zum ersten Golfkrieg zirkuliert nämlich vergleichsweise wenig Literatur und es gibt nur wenige erhellende Pamphlete. Es hatte sich aber schnell herumgesprochen, dass vom Podium nur geistiger Müll herunterquillt.

Inzwischen wurde auch bekannt, dass, wenn sich in D.C. und San Francisco 700 000 Menschen versammelt haben, es in der gesamten USA Millionen sein müssen, die eine betrügerische Doktrin des militärischen Humanismus – »Barmherzigkeit um jeden Preis« – und des Erstschlag-Staatsterrors (einschließlich des Einsatzes atomarer Waffen) als Teil von Bushs neuer Strategie der nationalen Sicherheit ablehnen.

Schließlich wissen alle, dass es nur noch wenig Zeit gibt, diesen Krieg zu stoppen, und dass es dafür weiterer Demonstrationen bedarf. Wir wissen auch den Aufruf von George Monbiot im Guardian zu schätzen, der verlangte, die Betriebstemperatur zu erhöhen, indem man ein »politisches Drama« inszeniert, das »vergleichbar ist mit dem Maßstab der Bedrohung«. Besonders begrüßenswert sind die Aktionen der schottischen Lokführer, die sich geweigert haben, bei der Verschickung von Kriegsgütern aus dem größten Nato-Waffenarsenal an der schottischen Westküste beteiligt zu sein. Menschen, die in der Vergangenheit im Hafen von San Francisco gearbeitet haben, werden verstehen, welche Macht, in einem symbolischen und realistischen Ausmaß, von solchen lokalen Aktionen der Verweigerung ausgeht, um so für die Trauer zu Hause und in der weiten Welt wenigstens etwas entschädigt zu werden. Bei der Demonstration in San Francisco gab es 200 000 Gründe, warum man auf die Wiederholung solcher Ereignisse hoffen darf.

Ian Boal ist Sozialhistoriker und lebt in Berkeley/Kalifornien. Er ist Herausgeber von »Resisting the Virtual Life: Culture and Politics of Information.« (San Francisco, City Lights, 1995).

Aus dem Englischen von Julian Weber