26.03.2003

Peace und das

Über die Kriegsproteste in Berlin berichten ludger blanke, marius boch, hugo breithaupt, gerrit brüning, heike runge, martin krauss, arne norden, paul urban und elke wittich. Mit Fotos von boris bocheinski

Hilfe! Polizei!

»Whatever it is, it has started!« erklärt ein anonymer Kommentator auf CNN das Livebild einer in fahles Morgenlicht getauchten Bagdader Straßenkreuzung, derweil irakische Autofahrer machen, was sie wollen. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit rasen sie bei Rot über die Ampel. Wo ist eigentlich die Bagdader Polizei, wenn man sie wirklich einmal braucht? So kann das nicht lange gut gehen, denn einige wenige Fahrer bleiben tatsächlich an der Kreuzung stehen und warten brav auf Grün.

Das könnte angesichts von so viel entschlossener Rücksichtslosigkeit der meisten anderen Verkehrsteilnehmer ein tödlicher Fehler sein. Schafft es der eher defensive Wolgabesitzer noch über die Kreuzung, bevor von rechts der vorfahrtmissachtende Isuzu-Fahrer heranknallt? Haarscharf. Gucken die Bagdader Bullen eigentlich kein CNN? Zumal in der nunmehr gleißenden Morgensonne die Nummernschilder der Raser gut zu erkennen sind, aber vielleicht erkennen Bagdader Gerichte Fernsehbilder ja auch nicht als Beweise an.

Intifada-Ballett

Mathe, Spanisch oder Straßenkampf? Auf dem Alex versammeln sich Schüler, um gegen den Krieg der USA im Irak zu demonstrieren. Ich habe keine Lust auf Tauben, Peace und Luftballons und ziehe die Polynomdivision und den Indefinido vor. Außerdem soll um 18 Uhr eine Demo in Kreuzberg stattfinden, bei der es richtig zur Sache gehen würde.

Zur Sache ging dann abends erst mal eine trübe Mittvierzigerin, die mich am Kottbusser Tor zu überzeugen suchte, das Rauchen aufzugeben und bei der Gründung eines palästinensischen Staates mitzuhelfen. Ich war froh, als ein Freund auftauchte und mich von der Frau wegzog, die mittlerweile dazu übergegangen war, den Grund des Krieges im Reich der Illuminaten zu suchen. Überhaupt war nicht genau auszumachen, gegen wen hier demonstriert wurde. Israel? Zahlreiche Pali-Fahnen und ein von einem halbwüchsigen Intifada-Ballett umtanztes Spruchband forderte die »Zionisten« auf, ihre Hände wegzulassen von Palästina. Oder war es die Türkei, die den Kurden ihre Autonomie vorenthielt? Die Bundesregierung vielleicht, die ihre Soldaten in den Awacs mitfliegen ließ?

Wo geht es eigentlich hin? fragte mein Freund. Ich wusste es nicht so genau. Na, zur SPD im Willy-Brandt-Haus, mischte sich vorwurfsvoll ein Mitdemonstrant ein. Und warum nicht zur CDU? Die haben doch diese schöne Glasarchitektur? Und deren Vorsitzende hat sich doch bedingungslos hinter Bushs Ultimatum und seine Konsequenzen gestellt? Ey, Mann, das ist doch wohl klar, Krieg nach außen und innen! Wenn du eine Aggression nach außen führst, musst du das auch nach innen machen und die Rechte der Arbeiterklasse abbauen. Ich sage nur: Rürup-Kommission und so! Wie Rürup? Verstehe ich nicht. Also weil die Amis den Irak besetzen wollen, kürzt Rot-Grün hier das Arbeitslosengeld? Ich bekam keine Antwort mehr. Vielleicht ist dieser Rürup ja einer von den Illuminaten?

Ich glaube, das nächste Mal gehe ich doch auf eine Schülerdemo, mit Tauben, Peace und Luftballons. Und gegen die Aggression der USA.

Peace Train

Noch zwei Kilometer bis zum Zoo. An der Kurfürstenstraße laufen schon die ersten »No-War-On-Irak«-Schülerinnen herum. Im Radio heißt es, dass alle zum Alex kommen sollen. Doch schon ein paar Meter weiter bewegt sich auch hier nix mehr. Der Zug geht in zehn Minuten. Man sieht zwar keine Demo, dafür überall stehende Autos. Anscheinend denken die Schülerinnen aus Zehlendorf und Lichterfelde, dass es doch besser ist, zur Gedächtniskirche zu gehen, und stehen dort im Weg herum.

Mein Besuch steigt gerade noch rechtzeitig aus und sprintet mit der Tasche auf dem Rücken zum Bahnhof, und ich muss langsam mal zusehen, dass ich zur Arbeit komme.

Blutige Tränen

Die Statue ist liebevoll gearbeitet, sie hat einen schönen, ernsten Ausdruck, und vor allem der Faltenwurf des Gewandes und das Grün der Patina sind sehr gelungen. Statt der Fackel streckt sie einen Marschflugkörper in den Himmel und statt der amerikanischen Verfassung klammert sie eine Öltonne an ihren Körper.

Michael von Attac hat aus Styropor eine zwei Meter großes Modell der New Yorker Freiheitsstatue gebastelt, das er und seine Freunde auf den Schultern an der Spitze des Zuges vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor tragen werden. Während er sie aus dem Haus an der Greifswalder Straße trägt, bleibt der Marschflugkörper an der Tür hängen und bricht fast ab. Verdammte Bomben. Am Alex lassen die freundlichen Polizisten Michael im Halteverbot parken und machen Fotos mit der Statue vor der Kolonne ihrer Einsatzfahrzeuge. Freunde kommen hinzu, Haltestangen werden montiert, dann geht es los, quer über den Platz zum Stand von Attac. Während die Statue würdevoll wackelnd über den Köpfen der zehntausend Demonstranten schwebt, erinnert sie an die geschmückten Marienfiguren spanischer Fronleichnamsprozessionen.

Am Stand ist die Statue ein willkommenes Objekt für Fotografen und Kamerateams. Sie wird zurechtgerückt, damit sie zusammen mit dem Fernsehturm und den Demonstranten in ein Bild passt.

Für mich und die anderen Kameraleute bemalt Michael die Hände und Füße der Statue mit roter Farbe. Das ist das Blut, in dem Amerika watet und mit dem es seine Hände beschmutzt hat, sagt er. Jemand schlägt vor, aus den Augen blutige Tränen fließen zu lassen, was aber wegen möglicher Fehldeutungen abgelehnt wird.

Aber auch so erinnern mich die blutenden Hände und Füsse jetzt an die Stigmata katholischer Blutwunder. Die blutende Ikone der amerikanischen Freiheit und Demokratie, ein Amerika, das sich stellvertretend für den Rest der Menschheit opfert und tut, was getan werden muss.

Diese Interpretation aber behalte ich für mich, sage nur, vorher hätte mir die Statue besser gefallen, aber Michael sagt, auf Schönheit käme es schließlich nicht an.

Surfin’ USA

Am Haus gegenüber ist ein großes Transparent angebracht: »Häuser für Frieden.« Man kann sich die Bewohner gut vorstellen, wie sie sich zusammensetzt haben, vor Kühnheit zitternd, und beschlossen, mal was gegen den Krieg zu tun. Ihre Kinder können später nicht behaupten, ihre Eltern hätten nichts gegen das Übel unternommen.

»Auch wir aus der Prenzlauer Allee 204 sind nicht Nachbarn aus Überzeugung«, heißt es auf der Internetseite haeuser-fuer-frieden.de. »Aber Frieden ist grundlegend. Wir haben miteinander geredet und einander Mut gemacht, gemeinsam Zeichen zu setzen: Unser Haus sagt einfach NEIN zu einem Krieg! (…) Lasst auch an euerm Haus die Kraft des Friedens sichtbar werden: Häuser für Frieden.« So viel Mut, so viel Kraft, was für ein Zeichen! Da bekommt man Lust, als Antwort eine US-amerikanische Fahne aus dem Fenster zu hängen und den ganzen Tag über laut dröhnend »Surfin’ USA« von den Beach Boys abzuspielen.

Aber nicht nur dieses Haus sagt »nein«, der ganze Prenzlauer Berg ist eine Hochburg des Friedens. Am Kiosk, beim Metzger, in der Norma ist man sich des Einverständnisses des unbekannten Mitmenschens gewiss. Alle gucken drein, als wären sie Teil einer großen Verschwörung, Mitglieder in der Geheimloge des Friedens. Auch in der Grundschule in der Nähe des Kollwitzplatzes, in die meine Tochter geht, sind sich das Direktorium und die Lehrer offenbar einig. Ein großes Friedensplakat prangt an der Eingangstür, am schwarzen Brett ist die Rede von Martin Luther King angebracht, in der er sagte: I have a dream. So stelle ich mir die DDR vor: Die Schulen verbreiten die Meinung der Regierung. Subotnik des Friedens.

Aber spätestens beim nächsten Krieg, an dem sich Deutschland dann wieder beteiligt, sind die Transparente und Plakate an den Hauswänden und in den Schulen verschwunden. Schließlich geht’s, wenn Deutschland mitmacht, nicht ums Öl, sondern um die Menschenrechte. Und da wird sich dann auch kein Haus mehr verweigern wollen.

Perfide Ästhetik

Ja, Scheiße, die Bilder des Krieges im Irak heute Nacht waren perfiderweise ästhetischer, als es die Szenen des Friedens in Berlin heute Mittag sind. Das nächtliche Panorama von Bagdad in samtigem Aubergine, das immer wieder von gelben Blitzen durchschossen wurde, besaß das Pathos, um das sich die Redner, Sänger und Flugblattverteiler für den Frieden jetzt zu 100 Prozent vergeblich bemühen. Aber wenn einen die Nein-zum-Krieg-Bettlaken stören, muss man eben in eine dieser scheußlichen deutschen Kleinstädte oder nach Bagdad ziehen.

Hier ist es laut, kalt, zugig und unübersichtlich. Jetzt klingelt auch noch aus den Tiefen des Rucksacks das Handy, und es ist Ulrike, die wissen will, ob ich mit auf die Demo komme, was eine Superfrage ist, denn ich bin praktisch schon mitten drin, irgendwo auf Höhe der Russischen Botschaft, und verstehe kein Wort, aber doch so viel, dass Ulrike auf jeden Fall noch nachkommen will, weil sie sehr sauer ist auf die Politik von George Bush, und dann gibt es einen Vortrag, warum ich auf jeden Fall auf die Demo muss, auf der ich gerade bin, und die ich auch gerne, wenn ich das Telefonat irgendwann beenden könnte, wieder verlassen würde. Und dann macht sie eine Durchsage, die exakt so klingt wie das, was sie noch vor einem Jahr als PDS-typischen antiamerikanischen Ost-Ranz bezeichnet hatte. Damals war Afghanistan-Krieg und »The Times They Are A-changin’« (Bob).

Kreuzberg macht Peace

Es geht um 18 Uhr am Kottbusser Tor los, und zwar zur SPD-Zentrale in der Wilhelmstraße. Allerding ist sich die Kreuzberg-Demo nicht so ganz über ihr Verhältnis zur Bundesregierung einig: Die Palette reicht von Anrufungen des nationalen Souveräns, »Sperrt den deutschen Luftraum sofort für die US-Kampfbomber!«, bis hin zur klaren Absage an Schröder-Fischer-usw. auf dem Leittransparent »Nieder mit der Regierung«. Einig aber ist man sich darüber, dass die USA raus sollen, und zwar am liebsten überall raus, aus dem Irak und auch aus Deutschland. Jedenfalls ist das die Forderung eines 20 Jahre alten Slime-Songs, der sehr laut abgespielt wird: »Yankees raus«. Bis zu 3 000 Leute laufen mit, davon viele im schwarzen Autonomen-Outfit. »Bush ist Hitler hoch zwei«, titelt jemand, und ein anderer äußert sich differenzierter. »Gegen Krieg – Gegen den kapitalistischen Frieden – Gegen Anti-Amerikanismus – Für soziale Revolution« stellt die ausgefeilteste Aussage dar. Auf eine Hauswand nahe der Demo werden Slogans projiziert, die sich ironisch mit Teilen der Friedensbewegung auseinandersetzen. »Der Tod muss wieder ein Meister aus Deutschland werden« und »Geht in Ketten für die deutsche Regierung« kann man da lesen. Dass man sich hier also eindeutig auf einer deutschen Friedenskundgebung befindet, erkennt man an der streng anti-amerikanischen Haltung »Double-U – fuck you« und »Internationale Völkermordzentrale USA« sind die beliebtesten Demo-Sprüche, dicht gefolgt von dem rhythmischen Stabreim »George Bush ist – ein Mörder und Faschist«.

In Sichtweite zum Willy-Brandt-Haus stoppt eine Polizeisperre den Zug.

Make love, wear war

Olivgrün, wohin der Blick fällt. Uniformjacken reihen sich aneinander, Schlafsäcke und Zelte füllen Regalböden, Dutzende Stiefelschäfte ragen empor, eine Südstaatenflagge baumelt herum. Neben mit Patronengürteln bestückten Helmen lugen die Sichtfenster von Gasmasken hervor. Draußen im Fenster kündet ein Pappschild von »Freedom and Democracy«. Ob er helfen könne, fragt einer der beiden Verkäufer. Haar- wie Bartwuchs bis auf kurze Stoppeln gestutzt. Auf die Frage, wie die martialische Mode mit den Plakaten im Fenster zusammenpasse, auf denen auch die Slogans »Kein Blut für Öl!« und »Krieg ist doof«, prangen, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: »Alles Funktionskleidung«, jeder solle nun einmal so herumrennen, wie er wolle. Faszinieren die Fernsehbilder spurtender GI’s? – Überhaupt nicht. Am Ende litten doch die Kinder und das irakische Volk. – Hat sich schon mal ein Kunde über die Friedensbotschaft beschwert? – Niemand, versichert er, Glatzen kämen nicht. Menschen »wie du und ich« kauften im Army-Store, aus dem alternativen Milieu, »alles Pazifisten«.

Architektur und Argentinien

Ich bin unterwegs zu einer privaten Einladung, und glaube zu wissen, wovon die Gespräche handeln werden. Rein in die Straßenbahn. Der Junge neben mir trägt einen weißen Pullover, auf den er vorn mit dem Edding geschrieben hat: »Ignore me. I’m only a victim of your war, Mr. Bush.« Als er sich umdreht, sehe ich, dass er sich Fotos aus dem stern auf den Rücken geklebt hat: Sie zeigen Bush, Powell, Rumsfeld. Der Junge sagt, die amerikanischen Soldaten könnten nix dafür, dass sie jetzt töten, die seien ja in Amerika groß geworden. Er lacht. Eine Frau erwidert, sie könne nicht darüber lachen. »Alles nur wegen der Lüge vom 11. September«, fügt sie hinzu, daher würden die Amerikaner jetzt töten.

Drei Stationen lang höre ich zu. Dann geht’s zum Abendessen. Gespräche über Frankfurt, über Architektur und über Argentinien.