02.04.2003

Das Ende einer goldenen Ära

Die Spaltung der Mittelschichten und die neue Opposition in Argentinien | Maristella Svampa

Die wohlfahrtsstaatliche Integration ist für viele in Argentinien in weite Ferne gerückt. Das Land mit der größten Mittelschicht in Südamerika hat in den vergangenen drei Jahrzehnten eine gewaltige Umverteilung der nationalen Ressourcen erlebt. Zwischen neuer Armut und wirtschaftlichem Zusammenbruch müssen viele Argentinierinnen ihre soziale Stellung erst neu definieren. Zugleich entstand in den letzten Jahren ein erstaunliches Netzwerk der gesellschaftlichen Opposition.

Den Mittelschichten kam im 20. Jahrhundert die tragende Integrations- und Modernisierungsrolle für die argentinische Gesellschaft zu. Seit den fünfziger Jahren galt das als eine unbestreitbare Tatsache, über die, bei aller Unterschiedlichkeit im Detail, sich die meisten Beobachter einig waren. Den optimistischen Interpretationen folgte zuletzt eine tiefe Enttäuschung über die unvollendete Modernisierung Argentiniens, über den Niedergang der Mittelschichten und die sozialen Ausgrenzungsprozesse. Beim Sturz der Regierung Fernando de la Ruas zum Jahreswechsel 2001/ 2002 traten neue soziale Akteure auf den Plan und breite Bevölkerungsschichten begannen, sich in der ökonomischen Krise neu zu definieren.

Zweifellos gehörten die Mittelschichten zu den Hauptakteuren des kulturellen Modernisierungsprozesses der sechziger Jahre. Doch Anfang der siebziger Jahre veränderte diese Entwicklung ihre politische Richtung. Die Mittelschichten beschränkten sich damals nicht mehr allein auf eine Modernisierung des kapitalistischen Modells, sondern suchten das Bündnis mit der Arbeiterklasse und mit großen Teilen der Unterschichten. Ein solches Bündnis war auch ein Resultat der »Peronisierung« der Jugend, einer ideologischen Orientierung, die vor den bisher konservativ gebliebenen Mittelschichten nicht halt machte. Die argentinische Bevölkerungsmehrheit interpretierte den Peronismus als wohlfahrtsstaatliche Bewegung und identifizierte sich mit den Idealen umfassender sozialer Gleichheit. Die Orientierung war zugleich Ausdruck einer veränderten gesellschaftlichen Realität.

Die Tragödie des Peronismus

Hier wurde ein Trennungsstrich gezogen. Die peronistische Jugendbewegung versuchte, zusammen mit Gruppen von Intellektuellen die Verhältnisse der jüngsten Vergangenheit zu überwinden, in der der überwiegende Teil der Mittelschichten kulturell die herrschenden Eliten nachahmte und sich gegen Peronismus und Arbeiterklasse abgrenzte. In der gemeinsamen Bewegung diente das Bündnis der Mittelschichten und der peronistischen Arbeiterbewegung einem doppelten Ziel: der Wiedererlangung einer eigenständigen Handlungsfähigkeit sowie der Schaffung neuer Symbole und Bilder, um den politischen Verrat an der Arbeiterklasse und den Unterschichten zu überwinden.

Diese Phase war das goldene Zeitalter der argentinischen Mittelschichten. Im Bündnis mit der peronistischen Bewegung entwickelten sie eine gewisse kulturelle Autonomie gegenüber den Eliten. Wie in keiner anderen historischen Phase zeigten sie ein starkes Vertrauen auf die eigene Fähigkeit zum historischen Handeln. Aber in dieser Zuspitzung kündigte sich auch bereits die politische Tragödie an, die in der sozialen Fragmentierung der argentinischen Gesellschaft endete.

Gemeint ist der Militärputsch von 1976 und die bis 1983 dauernde Diktatur. Der Staatsstreich von 1976 bedeutete die Implementierung eines neuen, auf Demobilisierung und politische Repression gegründeten Modells. Gleichzeitig wurde damit eine neue ökonomische Ordnung etabliert. Der Umbau der argentinischen Gesellschaft ging auch nach der Diktatur weiter, obwohl das ökonomische Modell von der Bevölkerungsmehrheit vehement kritisiert wurde. Die achtziger Jahre, der Übergang zur Demokratie, waren für die Mittelschichten denn auch dadurch gekennzeichnet, dass sie unvermittelt einer sich dramatisch ausbreitenden Armut gegenüberstanden. Ehemals integrierte Bevölkerungsgruppen befanden sich plötzlich im Schraubstock der Ökonomie, konfrontiert mit den Hinterlassenschaften der Diktatur, mit Schuldenkrise und galoppierender Inflation. Man hatte ins Schwungrad der argentinischen Entwicklung gegriffen; dies führte dazu, dass große Teile der Bevölkerung begannen, in die neue Armut abzurutschen.

Die Regierung von Carlos Menem verschärfte in den neunziger Jahren die Kluft in der argentinischen Gesellschaft. Das führte zu einer kaum für möglich gehaltenen sozialen Polarisierung im Lande. Dem Wirtschaftsliberalismus und den Privatisierungen entsprachen soziale Ausschlussprozesse, die einen Riss quer durch die Mittelschichten erkennbar werden ließen. Einige profitierten sicherlich von der neoliberalen Euphorie, doch viele lernten die »soziale Mobilität« als individuellen Abstieg kennen.

Sozialer Abstieg. Der Prozess der Verarmung nahm kollektive Ausmaße an. Zu den Verlierern gehörten ganz allgemein die meisten Lohnabhängigen, aber ebenso Handwerker, kleine Gewerbetreibende, Angestellte des öffentlichen Dienstes, in der Verwaltung und im Erziehungs- und Gesundheitswesen. Zuerst wurden Export treibende Kleinunternehmer und Händler durch die Überbewertung des argentinischen Pesos geschwächt, später traf eine unkontrollierte Abwertung der nationalen Währung die Importbranchen. In den neunziger Jahren waren argentinische Waren für den Export zu teuer, heute ist es auf einmal so, dass der Handel mit Importwaren aufgrund explodierender Preise und Wechselkurse zum Erliegen kam. Konsumentenschichten sind völlig weggebrochen und Parallel- und Lokalökonomien entstanden. Die Mobilität der Mittelschichten hat in dieser Situation deutlich abgenommen.

In der Wirtschaftskrise fiel die Mittelschicht auseinander und es bildeten sich unterschiedliche Interessen heraus. Niedrigere Einkünfte und eine Wertminderung der Reallöhne führten bei vielen zuvor – auch im internationalen Maßstab betrachtet – relativ wohlhabenden Argentinierinnen neben Kaufkraftverlust und einem veränderten Konsumverhalten auch zur Herausbildung neuer Überlebensstrategien. Besonders negativ betroffen sind derzeit die Bereiche Erziehung und Gesundheit. Von etwa Mitte der neunziger Jahre an machte es keinen Sinn mehr, von einer sich gemeinsam reproduzierenden argentinischen Mittelschicht auszugehen. Der soziale Bruch ist in seiner ganzen Härte sichtbar. Die neuen Unterschiede machen sich in unterschiedlichen Lebensstilen, Vergesellschaftungsmodellen und Umgangsformen bemerkbar.

Den neuen Armen werden systematisch Aufstiegschancen und gesellschaftliche Teilhabe verwehrt. Der argentinische Staat hat sich als ein negatives Versprechen realisiert. In den achtziger Jahren begriffen sich noch über siebzig Prozent der argentinischen Bevölkerung als Angehörige der Mittelschichten. Auch wenn der Begriff soziologisch oftmals etwas unklar gewählt sein mag, die Unterschiede zu heute, wo etwa die Hälfte der vierzig Millionen Argentinier als arm gilt, sind eklatant. Wegen der bedrückenden Verarmung stellen nach und nach immer mehr Personen ihre grundlegende kulturelle Selbsteinschätzung als Teil der Mittelschichten in Frage.

Kochtöpfe und Öffentlichkeit

Doch die Verlierer, das Heer der neuen Arbeitslosen, entwickelte in den neunziger Jahren neue Artikulations- und Politikformen. Mit der Zeit wurden Handlungsstrategien gefunden, die »von unten« zum Aufbau neuer sozialer Organisationsformen beitrugen. Die im ganzen Land entstandenen Tauschmärkte sind ein sehr bekanntes Phänomen und bilden ein soziales Netzwerk, das weit über die unmittelbare Ökonomie hinaus von Bedeutung ist. Umgekehrt führte die Entwicklung auch auf der Gewinnerseite zu veränderten sozialen und kulturellen Mustern, zu Individualisierungs- und Privatisierungsschüben und zur Etablierung und Pflege neuer Lebensstile in den neunziger Jahren, die vorwiegend um private Regulierungsmuster kreisten. Schließlich sei hier auch auf jene verwiesen, die recht und schlecht ihre soziale Stellung halten konnten und sich durch eine in jeder Hinsicht pragmatische Haltung definierten. Viele schlossen bis zum großen Crash, dem Zusammenbruch zum Jahreswechsel 2001/2002, einfach die Augen und spekulierten auf eigene Vorteile. Sie schlugen erst so furios auf die Kochtöpfe, als sie plötzlich nicht mehr an ihre Ersparnisse herankamen und sich die Banken in unerreichbare Panzerschränke verwandelten.

Was das ökonomische und soziale Auseinanderdriften der Mittelschichten politisch für Argentinien bedeutet, ist in der heutigen Diskussion umstritten. Einige Soziologen glauben nicht, dass der ökonomische Kollaps auch dauerhaft zum Kollaps der argentinischen Mittelschicht führt und diese ihre soziale und kulturell integrative Kraft verloren hätte. Sie sei heute heterogener zusammengesetzt, so heißt es, aber eine breite, am »argentinischen Modell« teilhabende Schicht existiere weiterhin.

So könnte der Ausschluss von Konsum und privatistischen Freizeitvergnügen auch zu einer Politisierung und zu kollektiven Formen von Öffentlichkeit führen. Denn die Mittelschichten offenbarten, obgleich sie gerne im Namen der ethischen Erneuerung der Gesellschaft auftraten und gegen die Korruption aufbegehrten, doch eine an Gleichgültigkeit grenzende Resignation angesichts der Phänomene der sozialen Ausgrenzung. Viele aus der aufgeklärten Mittelschicht hatten bis zuletzt nicht die linke Kraft in der Koalition de la Ruas unterstützt (die inzwischen auseinandergebrochene Front für ein solidarisches Land, Frepaso), sondern mit der Allianz die konservative Mehrheit der Mitte-Links-Koalition. Diese Parteinahme ähnelt in vielem der Chronik eines angekündigten Todes.

Die soziale Erfahrung der Stadtteilversammlungen. Die Ereignisse Ende des Jahres 2001 leiteten einen Kurswechsel ein. Große Teile der Mittelschichten, ob sie nun von Verarmung bedroht, bereits verarmt oder aber noch wohlhabend waren, mischten sich aktiv in die Diskussion um die weitere Entwicklung der Gesellschaft ein und verbündeten sich mit anderen Bewegungen. Die Stadtteilversammlungen wurden zu offenen Orten, an denen sich Akteure aus unterschiedlichen soziale Schichten trafen. Sie sind von einer übergreifenden sozialen Durchmischung charakterisiert und entwickelten eine starke Dynamik. Auch über die hier bestehende, sichtbare Dominanz der Mittelschichten hinaus agieren und beeinflussen diese Versammlungen die sozialen Beziehungen auf umfassende Weise. Hier besteht die Möglichkeit, dass sich über die territorialen Grenzen hinweg ein Konglomerat neuer sozialer Akteure konstituiert. Das ist eine Herausforderung, die die Stadtteilbewegung erst noch meistern muss.

Die jetzige politische Opposition ist in ihrer sozialen Zusammensetzung noch weit davon entfernt, auf der Matrix einer vereinheitlichenden Erfahrung zu agieren, obgleich die Ansätze nicht gering zu schätzen sind. Sich in Differenz und dennoch gemeinsam zu organisieren, ist für Argentinien eine neue soziale Erfahrung. Gerade bei den durch sozialen Ausschluss Betroffenen bestand in der Vergangenheit oft die Tendenz zur Herausbildung eigener homogenisierender Verkehrsformen, zu rigiden Vereinheitlichungen und der Etablierung eines schlichten, gemeinschaftlichen »Wir-Gefühls«. Vertrauen und Solidarität wurden mit autoritären Ritualen verwechselt, die sich an die »Ähnlichen« und Gleichen richteten. Heute lässt sich dies eher bei den wohlhabenderen Gesellschaftsgruppen feststellen. Als sinnbildliche Zeichen einer systematischen Etablierung homogener gesellschaftlicher Territorien stehen die so genannten Countries, jene privat gesicherten und abgeschlossenen Mittelstandsfestungen, die zu hunderten während der Ära Menems in den neunziger Jahren entstanden.

»Es soll allen gut gehen«

Solchen Entwicklungen stellt das Crossover der Versammlungsbewegung die territoriale Organisierung über die Stadtteile in ihrer Mannigfaltigkeit entgegen: eine Dynamik, die zur Verknüpfung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen führt. Viele der vielleicht eher mittelständisch geprägten Stadtteilversammlungen sind mit den so genannten Piqueteros, den organisierten Arbeitslosen, verbunden. Manche stehen in Diskussion mit der Bewegung der Lumpen- und Papiersammler, andere unterhalten spezielle Beziehungen zu den Belegschaften der übernommenen Fabriken. Über die »innere« territoriale Organisierung breitet sich das Netzwerk so kontinuierlich nach »außen« aus, auch wenn viele der autonomen Organisationsformen ständig von der Übernahme durch kommunistische Parteikader bedroht sind. Das Besondere an diesen autonomen Organisationsformen ist, dass sie auf der Anerkennung sozialer Differenz gründen. Sie können dadurch emanzipatorischere Beziehungen zu »den Anderen« entwickeln und deren Dynamik besser verstehen.

Die Bewegung der Piqueteros bildet sicherlich den dynamischsten Pol in der derzeitigen Auseinandersetzung. Für viele im Feld der Politik sind sie Objekt der Begierde. Große wie kleine Parteien versprechen sich hier ein organisatorisches Terrain, um an die Massen der Millionen Arbeitslosen und deren Stimmen heranzukommen. Doch so mannigfaltig diese Bewegung ist, so zersplittert scheint sie zugleich. Viele Piquetero-Gruppen zeigten sich bislang resistent gegen all die Übernahmeversuche.

Die Bewegung der Piqueteros verkörpert den Willen zur Selbstorganisierung und Autonomie. Darin machen sie den besser ausgebildeten und vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichten die politische Führung streitig. Das Verhältnis ist anders als zur Bewegung der Papier- und Lumpensammler, die von den Angehörigen der Mittelschichten eher als »Nichtakteure«, eben als »marginalisierte Lumpen« betrachtet werden, um die man sich entsprechend sozialbetreuerisch kümmern muss. Aber bei allen Unterschieden existiert zwischen der Stadtteilbewegung, den Piqueteros, den Papiersammlern und den Belegschaften in den übernommenen Fabriken eine große Verbundenheit und Solidarität, und ebenso zu Teilen der oppositionellen Gewerkschaften. In dem beim Sturz de la Ruas skandierten Motto »Es sollen alle gehen!« kam die kompromisslose Ablehnung der alten und etablierten Strukturen unmissverständlich zum Ausdruck, auch wenn die Bestimmung einer gemeinsamen politischen Perspektive ein langer Prozess ist.

Maristella Svampa ist Stadtsoziologin und pendelt zwischen Paris und Buenos Aires. Derzeit arbeitet sie an einem Buch über die Bewegung der Piqueteros in Argentinien. Der hier wiedergegebene Text basiert auf dem Mitschnitt eines Vortrags in Berlin, den Svampa im März 2003 im Rahmen der Ausstellung »Alltag und Vergessen – Argentinien 1976 – 2003« hielt. Er wurde von Hugo Velarde aus dem Spanischen übersetzt und von Andreas Fanizadeh für die Veröffentlichung durchgesehen. Einen Überblick über die theoretische Arbeit Maristella Svampas bietet ihr Buch Los que ganaron. La vida en los countries y en los barrios privados, Buenos Aires: Biblos 2001.