02.04.2003

Stop that Train

Widerstand gegen Bombenzüge in Italien | Enrica Sarto

Die Regierung Berlusconi zeigt in der Kriegsfrage uneingeschränkte Solidarität mit den USA. Auch in Italien selbst wird der US-Army maximaler Bewegungsraum eingeräumt, was einmal mehr den Zorn der zahlreichen Kriegsgegner auf sich zieht.

Grisignano di Zocco, zwischen Vicenza und Padua, der Zug muss immer wieder stoppen. Kleine Gruppen von Aktivisten blockieren die Gleise. Schließlich, in Monselice, unterhalb von Abano-Terme, ein Aufenthalt von vier Stunden. Der Bahnhof ist besetzt, das Stellwerk außer Funktion. Der Zug muss umkehren und nach Vicenza zurückfahren.

Der Zug hatte am Nachmittag Grisignano verlassen. Seine Fracht kam aus der Caserma Ederle in der Nähe von Vicenza, einem Depot und zudem Hauptquartier der Setaf (Southern European Task Force) der US-Streitkräfte. Fahrzeuge, Waffensysteme, Munition und anderes Kriegsmaterial waren bestimmt für Camp Darby in der Nähe von Pisa. Camp Darby wiederum ist eines der größten US-Waffenarsenale außerhalb der Vereinigten Staaten. Hier lagern etwa 20 000 Tonnen Artilleriemunition, Raketen und Bomben sowie etwa 8 000 Tonnen anderer Spreng- und Kampfstoffe. Wegen seiner unmittelbaren Nachbarschaft zum Hafen von Livorno ist Camp Darby einer der strategischen Knotenpunkte der US-Armee, um Truppen und militärisches Gerät zu verschiffen. Der Zug war also auf dem Weg, und seine Fracht sollte von Livorno aus in die Türkei und an die irakische Front weitertransportiert werden.

Aufmerksame Eisenbahner. Ende Februar setzte in ganz Italien die Mobilisierung der Kriegsgegner gegen die militärischen Nachschubwege ein. Treni della morte, Todeszüge, wurden die Militärtransporte auf Flugblättern und später selbst in den Fernsehnachrichten genannt. Die ersten Erfolge der Protestierer waren dem Überraschungseffekt ihrer dezentralen und gut vorbereiteten Aktionen geschuldet. Aufmerksame Arbeiter der italienischen Eisenbahnen, die oftmals in einer der radikalen Eisenbahnergewerkschaften organisiert sind, alarmierten die Aktivisten über die Verladung des militärischen Materials. So gelang es zunächst, die Züge überall auf der Strecke durch Gleisbesetzungen und Blockadefeuer zum Halten zu zwingen.

Die Aufrufe zur Blockade der Züge gingen von verschiedenen Gruppen der Disobbedienti aus. Die toskanischen Basisgewerkschaften Cobas mobilisierten zur Belagerung von Camp Darby. Doch die Beobachtung militärischer Bewegungen und der Widerstand dagegen beschränkte sich nicht auf die militanten Gruppen. Von den Eisenbahnern kam die Nachricht, dass mehr als zwei Dutzend Militärzüge auf dem Fahrplan stünden. Beinahe jeder Bahnhof an den geplanten Routen wurde von Gruppen von Kriegsgegnern blockiert, Graffiti und Transparente kündeten vom Willen, den Krieg zu verhindern. Pazifisten und Ökos, Kommunisten, Sozialisten, Disobbedienti, Gewerkschafter und sogar der eine oder die andere linke ParlamentarierIn beteiligten sich am Trainstopping. Gruppen so genannter Zugbeobachter fuhren von einer Aktion zur nächsten und sorgten durch Live-Reportagen und Berichte über die lokalen Radiosender und die paduanische Internetstation Global Radio für Information und zugleich für das Funktionieren der Kommunikation der Aktivisten.

Der Protest beschränkte sich nicht auf die Nachschubwege der US-Army. Am 14. Februar, einen Tag vor den Demonstrationen gegen den Krieg, die man im vergangenen November auf dem Europäischen Sozialforum in Florenz verabredet hatte und die Millionen von Menschen in Europa und weltweit auf die Straßen brachten, hatte der italienische Verteidigungsminister Antonio Martino dem Parlament schriftlich mitgeteilt, dass die Regierung den USA die Nutzung militärischer und ziviler Verkehrsinfrastruktur »in jedem erforderlichen Ausmaß« garantiert habe. Nach dem Vorstoß von Ministerpräsident Berlusconi, der in der Kriegsfrage den demonstrativen Schulterschluss mit der US-Regierung gesucht hatte, düpierte dieser Akt die parlamentarische Linke ein weiteres Mal, weil er das Parlament vor vollendete Tatsachen stellte und eine Debatte von vornherein ausschloss. Für die gesellschaftliche Opposition gegen die Regierung war Martinos Brief allerdings lediglich eine weitere Kriegserklärung, nach den Angriffen auf den Kündigungsschutz und auf die Arbeitslosen, nach der Entrechtung der Einwanderer und der Deregulierung in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Besetzte Rollfelder. Grisignano di Zocco, ein anderer Militärzug, an einem anderen Tag. Wieder blockieren Gruppen von Kriegsgegnern die Gleise. Doch diesmal sind Polizei und Carabinieri mit einem Großaufgebot zur Stelle. Sie prügeln dem Zug den Weg frei. Das gleiche Bild in Verona. In Brescia ist der Bahnhof besetzt, doch der Zug wird auf eine andere Route umgeleitet. In dem kleinen Ort San Martino Buonalbergo zwingt ein Sit-in auf den Gleisen den Transport zu einem 40minütigen Halt, bevor ihm die Einsatzkräfte mit ihren Schlagstöcken ein Ende bereiten. Mehr als 300 Demonstranten erwarten den Zug auf dem Güterbahnhof von Bologna. Daraufhin leitet man ihn nach Parma um, wo ihn auch schon Kriegsgegner empfangen. Die Bologneser Protestierer machen sich derweil nach Pisa auf. In der toskanischen Stadt ist es am Morgen Disobbedienti aus Rom, Pisa und Neapel gelungen, in zwei Gruppen auf den Militärflughafen vorzudringen. Trainstopping wird zum Planestopping. Die Militanten besetzen Rollfelder und legen damit den Flugbetrieb zumindest eine Zeit lang lahm. Am Abend sind es schließlich tausend Leute, die den Militärzug am Bahnhof Migliarino Pisano blockieren. Mehr als zwei Stunden dauern die Auseinandersetzungen mit der Polizei. Dann verlässt der Transport die Station.

Enrica Sarto ist Mitarbeiterin von Global Radio in Padua.