Kreuzberg, wie es
denkt und kracht
Mein Freund und Helfer
Ich weiß nicht, wie er heißt, obwohl wir uns schon recht lange kennen. Er weiß, wo ich wohne, was ich gerne anziehe und wer meine Freunde sind. Er kennt meinen Lebenslauf und weiß, wie ich politisch einzuordnen bin. Er kennt meinen »Modus Operandi« und den meiner Freunde. Er verfolgt dieselben Diskussionen wie ich. Er kennt mich gut, aber ich habe keine Ahnung, was er von mir hält. Sein Interesse an mir ist rein beruflich. Sein Job ist es, Leuten wie mir das Leben schwer zu machen. Und ich muss gestehen: Er macht seinen Job ziemlich gut.
Er gehört zu einer Spezialeinheit gegen politisch motivierte Straßengewalt. Sein Fachgebiet sind Autonome und andere militante Linksradikale. Er arbeitet in unauffälliger, szeneüblicher Kleidung und wirkt darin nicht verkleidet. Auch sonst hebt er sich ab von anderen Berliner Zivilpolizisten der Marke »Solariumsleiche in Levi’s 501 und Fishbone-Jacke«.
Ähnlich wie wir arbeitet er in einem kleinen Team Gleichgesinnter, das sich mit anderen Kleingruppen über Funk und Mobiltelefon verständigt. Bei Großereignissen wie dem 1. Mai fungiert seine Combo auch als Aufklärungseinheit. Im Unterschied zu den uniformierten und etwas grob gestrickten Kollegen – die auch er »Bullen« nennt – kann er die jeweilige Lage bestens einschätzen. Er weiß genau, wer dazu imstande ist, einen Krawall zu organisieren (»Kategorie Rot«), wer dann mitmacht (»Kategorie Gelb«) und wer harmlos ist (»Kategorie Grün«). Er kennt die Szene besser als viele ihrer Aktivisten.
Manchmal neigt er dazu, seine Tarnung und Erfahrung zu überschätzen. Dann begibt er sich allein in »relevante Bereiche«. Oder er schließt sich einer Gruppe randalierender Jugendlicher an und gibt Beschreibungen von Straftätern an seine Kollegen weiter, die dann später die Festnahme vornehmen. Nicht selten ist er der erste und einzige Cop im Zentrum der Krawalle. Die Lageeinschätzung seines Teams entscheidet oft über den weiteren Polizeieinsatz.
Kurz vor dem 1.Mai habe ich zufällig einen aus seiner Bande getroffen. Er war mit seiner Frau und seinen Kindern unterwegs. Wir haben uns höflich, aber nicht freundlich gegrüßt. Beim Vorbeigehen habe ich gehört, wie seine Frau ihn fragte: »Wer war das?« »Ach, nur so einer von der Arbeit«, hat er geantwortet.
t. (25), kategorie rot
Wimpel-Wahl
Der 1. Mai ist glücklicherweise nicht der Tag der Einheit. Man kann und muss sich entscheiden, auf welcher revolutionären Demo man sich rumtreiben will. Und das tut man besser mit Bedacht, denn nicht nur die Polizei geht aus von der Devise: mitgefangen, mitgehangen. Die Wahlmöglichkeiten waren wenig reizvoll: entweder um 15 Uhr inmitten eines Meeres von Palästina- und Irakbannern zu marschieren oder um 18 Uhr unter den blauweißen Israelfahnen zu latschen. Entweder am Nachmittag noch mit dem letzten linken Antisemiten gegen den Krieg zu protestieren oder am Vorabend mit ein paar Antideutschen für ihn.
Zur Wahrheitsfindung: Am Auftaktort der 18-Uhr-Demo reduzierte sich der Bellizismus auf ein paar Handverkäufer, und auch das blauweiße Fahnenmeer wollte nicht recht wogen. Bei der Kreuzberger Demo hielten sich allzu völkerfreundlich beflaggte Gruppen ebenfalls in Grenzen, marschierten aber dafür an der Spitze des Zuges. Von einem Spaltungsdrama ist dennoch nicht zu reden. Die Einheit der Linken ist ja nicht erst in diesem Jahr verloren gegangen. Und wäre sie es, müsste man ihr nicht nachweinen.
phase 2, berliner redaktionsgruppe
Normal nichts ohne Maske
Zuerst sind wir zur Kundgebung am O-Platz. Zur Demo sind wir nicht. Warum auch? Ist jedes Jahr das gleiche. Manche Freunde sind die Demo um 15 Uhr mitgelaufen, die andere war ja die Zionisten-Demo, da waren wohl nur Deutsche. Früher sind wir öfter zu Demos gegangen, 1. Mai, gegen Nazis und so. Das machen wir kaum noch, außer vielleicht gegen den Krieg, das ist ernster als 1. Mai.
Wir sind dann jedenfalls zum Mariannenplatz, haben gechillt und uns das Konzert reingezogen, bis der Platz gestürmt wurde. Dann O-Straße, alles so, wie es immer abläuft. Zecken, Nachwuchsgangster, Kanaken, alle waren dabei und wollten Live-Action schieben. Türken gegen Araber, Türken gegen Türken, alle zusammen gegen die Bullen. Wenn man sich untereinander schlägt, ist das nicht Kampf gegen den Staat. Aber manche sind wie Hunde, müssen an jede Ecke pissen, um zu markieren, wer der Boss ist.
Warum der Krawall? Unterschiedlich. Aus Hass gegen die Bullen, Kampf gegen den Imperialismus oder einfach nur Bock auf Stress. Außerdem: Die Bullen wollen auch Stress. Wir finden es dumm, dass der 1. Mai immer in Kreuzberg stattfindet, wo viele ärmere Leute wohnen, und dass hier Autos angezündet werden. Aber wenn man hier wohnt, muss man so schlau sein, sein Scheißauto an diesem Tag woanders zu parken. Zur gleichen intelligenten Kategorie gehören die Jugendlichen, die ohne Vermummung randalieren. Wer mitmacht, muss wissen: Normal nichts ohne Maske.
Wir verstehen nicht, wenn sie jetzt wieder kommen mit »die sind nicht integriert«. Wir sind türkische bzw. palästinensische Kreuzberger. Unsere Eltern fahren ihre Autos weg und sagen: »Passt auf euch auf!«
ahmet (21) und yussuf (20)
Wir fahren nach Berlin
»Was sind das für lasche Vorkontrollen?«, wundern sich die aus Ostdeutschland angereisten Hooligans. Vom Fußball sind sie anderes gewohnt, aber sei’s drum, jetzt stehen sie am Rosa-Luxemburg-Platz und warten darauf, dass es losgeht. Doch zuerst kommt ein Redebeitrag, Musik, noch ein Redebetrag. Daran ändert sich nichts, als sich der Demonstrationszug endlich in Bewegung gesetzt hat. »Das nervt«, finden alle. Die Gruppe nimmt Abstand zum Lautsprecherwagen. Kurz darauf melden sich Berliner Kollegen per Handy. Sie warten auf der Oranienstraße. Was tun? Sich abseilen und nach Kreuzberg fahren oder weiterlaufen, weil es in der Demo ja auch krachen könnte?
Sie bleiben. Und jetzt wird es politisch, was an einigen mit Israelfahnen geschmückten Demonstranten liegt. »Was hat denn Israel damit zu tun?«, fragt einer der Hools einen Fahnenträger im traditionellen Autonomenschwarz. Als dieser zur Antwort ansetzt, winkt der Hool ab. »Weißt du, Politik interessiert mich nicht.« Gut, Nazis mögen sie auch nicht, sie wären vielleicht sogar zur Antifa-Demo am Vormittag gefahren, aber da war kein Krawall angekündigt. In Kreuzberg schon. »Wo ist überhaupt Kreuzberg?«, will einer wissen. Sie sind schon seit einer Stunde unterwegs und noch immer ist alles so friedlich wie beim Frauenfußball.
Irgendwann ändert sich die Szenerie. Auf einmal sind eine Menge Leute auf der Straße, darunter viele türkische Jugendliche. Die Hools beäugen die Gangbanger misstrauisch, sie kennen die Türken nicht und mögen sie nicht. Immerhin, das muss Kreuzberg sein. Am Heinrichplatz kracht es schon. Also los. Jetzt ist es egal, wer noch mitmacht.
An einem brennenden Auto entdecken sie Bekannte aus Süddeutschland. »Was, ihr auch hier!« Hools aus dem gesamten Bundesgebiet mischen mit, weshalb man zwischendurch die Gelegenheit nutzt, die nächsten Matches gegeneinander zu vereinbaren. Auf dem Metro-Parkplatz in Offenbach oder einer Wiese bei Halle. Und am 1. Mai natürlich wieder in Berlin.
johnny hooly
Immer dabei
Der 1. Mai ist gut für die Kondition, denn man trabt stundenlang um die Häuserblöcke. Ständig ist man damit beschäftigt, die Bezugsgruppe wie eine Schafherde zusammenzutreiben und Infos von A nach B zu tragen, wo gerade was passiert und wie man am besten dorthin kommt. Da der direkte Weg immer versperrt ist, müssen viele Kilometer Umwege abgelaufen werden. Läuft man mal nicht, steht man auf Zehenspitzen und reckt den Hals. Der sportliche Aspekt ist der wichtigste Grund, weshalb man jedes Jahr wieder dabei sein möchte. Hinzu kommen natürlich das politische und das wissenschaftliche Interesse. Und es steht auch etwas auf dem Spiel. Wenn man sich schon völlig verschätzt hat bei der Prognose, wann der Mariannenplatz geräumt und wo die 18-Uhr-Demo aufgelöst wird, will man wenigstens bei anderen spektakulären Events dabei sein. Wenigstens nachher mitdiskutieren können, wann, wo und warum es diesmal losging mit der Randale, ein paar Flammen sehen, möglichst knapp dem Wasserwerfer, den Knüppeln und dem Tränengas entkommen.
Richtig ärgerlich wird es, wenn man sich erzählen lassen muss, dass man einen Eins-A-Zuschauerplatz zu früh verlassen hat. Zum Beispiel einen Imbiss am Heinrichplatz, wo man lieber noch ein Bier bestellt hätte. Oder gar eine Loge, von der aus man unmittelbar hätte miterleben können, wie die ersten Autos in Flammen aufgingen, ganz viele Steine flogen und die Hatz wie der Ball beim Tennisspiel hin- und herging. So was zu hören ist bitter, hat aber zur Folge, dass man im nächsten Jahr am 1. Mai wieder nicht aufs Land fährt, sondern erneut um die Blöcke läuft. Ist auch gesünder.
anna gärtner, studentin
Kommuniqué
In Berlin hat es einen beispiellosen Angriffskrieg ohne UN-Mandat gegen die abendliche Manifestation unserer Partei, der KPD/RZ (Kreuzberger Patriotische Demokraten/Realistisches Zentrum) gegeben. Unter dem lächerlichen Vorwand, die Partei hielte Massenvernichtungswaffen bereit, wurde die größte Ansammlung waffenstarrender Söldnerheere aller Zeiten rund um Kreuzberg zusammengezogen. Stundenlang wurde der Bolle-Platz, wo die Manifestation beginnen sollte, von einer entmenschten Soldateska angegriffen. Dabei kamen völkerrechtswidrige Cluster-Wasserwerfer zum Einsatz.
In die ausgestreckte Hand, seit langem Symbol der KPD/RZ, wurde gebissen. Dies ist umso bedauerlicher, als die kulturellen Veranstaltungen des Tages, insbesondere die festlichen Trachtenumzüge um 15 und 18 Uhr, in geradezu euphorisch-preußischer Gelassenheit und weitgehend ohne Störungen durch politische Einfärbungen stattgefunden hatten. Der böswillige Angriff auf die einzige politische Veranstaltung des Tages zeichnete sich bei Einbruch der Dämmerung ab, woraufhin einzelne Selbstmordkommandos der Landwehr i. Gr. sich heldenhaft in den Kampf warfen. Der Informationsminister der KPD/RZ, R. A. »Mohammed« S. al Sahhaf, konnte deshalb letztlich stolz verkünden: »Es gibt keine feindlichen Truppen im Kiez! Sie lungern wie räudige Hunde vor den Toren und begehen reihenweise Selbstmord, bevor wir sie rösten. Sie sind krank im Hirn, sie haben keinen Kontakt zur Realität!«
Da kurzfristig bekannt wurde, dass ein Vetter zweiten Grades des KPD/ RZ-Vorsitzenden kürzlich Geburtstag hatte und sein Bart ähnlich wie der des Imam Shall-Latourf geschnitten ist (Friede sei mit ihm), entschied der Parteivorstand spontan eine Verschiebung der ursprünglich geplanten Manifestation auf einen späteren Zeitpunkt.
parteivorstand der kpd/rz