25.06.2003

Als die Flip-Flops Latschen hießen

Die Schlappen stecken voller Sommererinnerungen. von elke wittich

Woher wussten die Menschen eigentlich damals, als ihnen noch nicht der verkniffene Jörg Kachelmann das Wetter voraussagte, wann es endlich Sommer werden würde? Ganz einfach: Sie schauten den ganz normalen Wetterbericht im Fernsehen an. Denn schließlich steht ungefähr seit dem Anbeginn der modernen Zeitrechung jeden Abend in der ARD gegen zwölf Minuten nach Acht jemand vor einer Deutschlandkarte herum, verweist auf gemeine Nordsee-Tiefs oder warnt vor Russland-Hochs und wagt tollkühnen Temperaturprognosen für den kommenden Tag.

Und geht Kindern mit seinem Tun absolut am Arsch vorbei – denn der Wetteronkel kann erzählen, was er will, maßgeblich ist, was die Eltern sagen.

Regen? Dürre? Unwetter? Schneestürme? Völlig irrelevante Begriffe, wenn sie nicht von den Erziehungsberechtigten in klare Anziehanweisungen gemünzt wurden.

Trotzdem, auch das meteorologisch uninteressierteste Kind hatte ein Gespür dafür, wann der Sommer anfangen würde. Schließlich gab es schon ein paar Wochen vorher klare Anzeichen, die wirklich niemand übersehen konnte. Es wurde eindeutig Sommer, wenn Eltern sich auffällig für Schulnoten und Versetzungsperspektiven zu interessieren zu begannen. Es wurde eindeutig Sommer, wenn der örtliche Pelzhandel seine Türen schloss und sein Ladenlokal dem italienischen Eisverkäufer übergab. Und es wurde Sommer, wenn der Seifenplatz plötzlich Flip-Flops führte.

Die Badelatschen mit dem Steg zwischen dem ersten und dem zweiten Zeh hießen damals allerdings nicht so, meist wurden sie kurz und knapp Latschies genannt. In Grün, Gelb, Rot und Blau vorkommend, gehörten sie definitiv zu den absoluten Sommerindikatoren.

Wer wirklich cool war, der ging auch in Flip-Flops zur Schule. Im Gegensatz zu den Losern, deren Eltern sich wahrscheinlich viele Gedanken über die korrekte Fußbekleidung machten und daher auf der Anschaffung brauner robuster Ledersandalen oder gar Klappern bestanden. Klappern waren das definitiv unangesagteste Schuhwerk überhaupt: Holzpantinen mit roter oder weißer Lederhalterung, die absolut unsymathische Geräusche machten und nach längerem Gebrauch sehr scheiße aussahen. Der von den Trägern ins Holz verströmte Fußschweiß hinterließ dunkle Ränder, von denen selbst Heuschnupfengeplagte ahnen konnten, wie sie riechen würden.

Latschies dagegen waren leicht, konnten im Schwimmbad zur Not sogar neben ihren Besitzern herschwimmen, ohne großen Aufwand in Taschen transportiert und, sehr wichtig, anlässlich drohender Mathe- oder Chemie-Klassenarbeiten einfach beschriftet werden. Auf die weiße Innenseite der Flip-Flops passen ohne großen Aufwand, je nach Schuhgröße, ein komplettes Periodensystem der Elemente oder sämtliche binomischen Formeln. Und weil Latschie-Besitzer keine Schweißmauken haben, bleiben die Formeln auch dort, bis die Füße irgendwann gewaschen werden.

Nagelneue Flip-Flops kündeten jedoch vom nahenden Beginn der großen Sommerfreiheit. Bald würden die für Schüler kostenlosen Dauerkarten fürs Freibad im Schulamt ausgegeben, und dann würden die Sommerferien beginnen. In der benachbarten Großstadt könnte man dann das komplette Taschengeld für echt angesagte T-Shirts ausgeben und jede Menge Bücher für den Strand kaufen und neue Platten und das schöne Armband mit den indisch bemalten Kugeln dran, und insgesamt, so viel war klar, wartete ein Sommer voller Abenteuer und Überraschungen.

Durch den einen die treuen Flip-Flops getreulich tragen würden.

Dass auf jeden Sommer unweigerlich ein Herbst folgt, ahnte man damals noch nicht. Dass irgendwann wieder Schluss sein würde mit den Badelatschen und die Füße wieder ohne jede Chance auf Zehengewackel in schwere Boots eingesperrt werden würden, erschien völlig unvorstellbar.

Dabei bereiteten einen die Flip-Flops doch in vielen anderen Punkten auf die Mühen und Gefahren des Erwachsenenlebens vor. Man lernte mit ihnen zum Beispiel, dass auch der harmloseste Gegenstand in der Hand eines zu allem entschlossenen Mädchens zur gefährlichen Waffe werden kann – Schläge mit Gummilatschen können ganz gemein weh tun. Und man lernte, dass einen das Tragen zweckmäßiger Kleidung zwar vielleicht vor Erkältungen und gebrochenen Zehen schützen kann, aber gleichzeitig zu einem freudlosen Leben verurteilt. Klappern-Trägerinnen wurden niemals vom begehrtesten Jungen aus der Parallelklasse ins Kino oder zum Eisessen eingeladen, und die Besitzerinnen brauner Ledersandalen blieben zwar den gesamten Sommer hindurch von Schnupfen und Husten frei, konnten sich im Freibad aber im Gegenzug auch nicht aussuchen, mit wem sie ihre Liegedecke teilen wollten. Sie mussten zusammen mit den ganzen anderen Langweilerinnen in geschmacklos geringelten Badeanzügen am Kinderplanschbecken liegen und Pony-Zeitschriften lesen oder Häkelarbeiten machen. Und sich über Sachen wie Reformkost, Konfirmationskleider und die Bay City Rollers unterhalten, während die Flip-Flopper schon wussten, wie Zungenküsse gehen, bereits eine tränenreiche Trennung hinter sich hatten und – ohne zu husten – filterlose Zigaretten rauchen konnten.

Nun gut, ganz so heil war die flippige Badelatschenwelt dann doch nicht.

Flip-Flops zu tragen und nicht paranoid zu werden, ist eine bisher noch niemals ausreichend gewürdigte menschliche Glanzleistung. Denn auf die ungeschützten Zehen lauern draußen in der Welt viele Feinde: Zu allem entschlossene Glasscherben etwa, die nur darauf warten, sie zu zerschneiden, Hundehaufen, die es sich gern in den Plastiklatschen gemütlich machen wollen, Springerstiefel, die mit Vorliebe dort landen, wo es richtig weh tut, und Tannenzapfen, deren Mission es ist, sich heimtückisch in Flip-Flop-Sohlen und menschliches Fleisch gleichermaßen zu bohren. Eine weitere große Bedrohung für Latschenträger ist das Wasser.

Während die Plastiksandalen, im Meer getragen, schon ganze Fuß-Generationen vor eklig-spitzen Muscheln, bösartigen Krabbenangriffen und den Attacken gemeiner Giftviecher gerettet haben, sollten sie an Land besser nicht mit Flüssigkeiten in Berührung kommen. Eine Apfelsaftlache im Supermarkt, verschüttetes Bier in einer Kneipe, ein bisschen Motoröl auf dem Asphalt – und schon verlieren die Flip-Flops den Bodenkontakt und lassen ihren Träger extrem dämlich aussehend dahinschlittern.

Eine Erfahrung, die Menschen ganz sicher schon vor vielen Jahrhunderten machen mussten. Die Vorgänger der Flip-Flops kommen nämlich aus Japan und heißen Zori. Gemeint sind damit nicht die aus Geisha-Reportagen hinlänglich bekannten hölzernen und extrem fußunfreundlichen Plateau-Latschies, die aus einem flachen Holzbrett mit Vierkanten untendrunter bestehen – die heißen Geta und werden heute nur noch zu ganz besonderen Gelegenheiten getragen.

Zoris dagegen kommen unseren heutigen Flip-Flops ziemlich nahe. Sie sind ganz leicht, flach, und zwischen dem dicken Zeh und dem danebenliegenden zehischen Äquivalent zum Zeigefinger befindet sich ein Steg, Thong genannt.

In der Enzyklopädie »Nihon fuuzokushi jiten«, die sich mit Alltagsgebräuchen und -moden im antiken Japan beschäftigt, findet sich ein ganzes Kapitel nur über die Zoris. Die landesweit sehr früh sehr populär wurden: In der Heian-Periode von 794 bis 1185 galten die hölzernen Flip-Flops als dernier cri. Getragen wurden diese Sandalen offenkundig bei jedem Wetter, denn gleichzeitig wurden Tabis erfunden, so eine Art Fäustlinge für die Füße.

Während des Zweiten Weltkrieges entwickelten japanische Behörden übrigens eine eigene Methode, aufgrund der Zehenstellung Japaner von den verhassten Koreanern zu unterscheiden. Die seit frühester Kindheit an das Tragen von Zoris gewöhnten Japaner, so ihre Theorie, hätten zwischen dickem und zweitem Zeh viel mehr Platz als koreanische Nicht-Zori-Träger, so dass jeder mit viel Zehenfreiraum sich, auch ohne einen Ausweis zu zeigen, als japanischer Bürger legitimieren konnte.

Im englischsprachigen Ausland, wo die Zehensandalen hauptsächlich durch US-GIs, die sie als Präsente verschickten, nach 1945 langsam ebenfalls in Mode kamen, hießen die Schuhmodelle jahrzehntelang nach dem Steg Thong, in den USA setzte sich erst in den siebziger Jahren die Bezeichnung Flip-Flops durch. Sogar in einem Popsong kamen die Zehenriemensandalen damals vor. »I blew out my flip-flop/ stepped on a pop-top«, beginnt Jimmy Buffetts »Margaritaville«. Dafür, dass das Stück von 1977 heute weitgehend unbekannt ist, können die Latschen nichts.

Warum aber heißen Flip-Flops mittlerweile weltweit Flip-Flops?

Wahrscheinlich wurden sie nach den platschenden Geräuschen genannt, die entstehen, wenn sich ein Latschenträger auf festem Untergrund fortbewegt. Wer genau hinhört, stellt fest, dass die eine Latsche Flip macht und die andere eben Flop. Was damit zu tun haben könnte, dass Füße niemals gleich sind und dass das eine Fußgewölbe entsprechend immer einen besseren Resonanzboden darstellt als das andere. Doch leider ist die Sache weit schwieriger. Egal, mit welchem Fuß man anfängt, er macht immer Flip. Und der zweite floppt. Ein Flop-Flip erzeugen zu wollen, ist aussichtslos.

Das Geräusch bleibt einfach immer dasselbe, es variiert nicht einmal von Träger zu Träger. Ob billige Latsche oder teures Designerstück macht soundso technisch kaum einen Unterschied.

Kinder-Latschen flipfloppen in derselben Tonlage wie Zehsandalen in Übergröße, 100-Kilo-Menschen schaffen es nicht, mehr Krach zu machen als normalgewichtige Personen, und selbst beim Rückwärtslaufen bleiben die Flip-Flops stoisch bei ihrer Message.

Woher aber kommt die jetzt wieder ausgebrochene Thong-Begeisterung? Jahrelang waren Flip-Flops nur unter großen Mühen zu beschaffen gewesen. Man latschte notgedrungen und unerschütterlich gegenüber den Anfeindungen der andersbeschuhten Umwelt in uralten Modellen herum, immer besorgt, dass am Ende unweigerlich doch die schon lange befürchtete Katastrophe eintreten würde: Die kostbaren Schuhe würden sich einfach und unwiderruflich auflösen. Und dann müsste man wieder von Drogeriemarkt zu Drogeriemarkt laufen und verächtlich grinsende Verkäuferinnen nach »diesen Badelatschen aus Plastik, Sie wissen schon, die mit dem Dings zwischen den Zehen« fragen, und die würden höhnisch antworten, dass diese Dinger aber sowas von aus der Mode seien, »die trägt ja heutzutage kein Mensch mehr«.

Nur mit viel Glück käme man dann am Ende an einem dieser euphemistisch als Parfümerie betitelten Kramläden vorbei, in deren Auslage neben toten Fliegen und verstaubten Klosterfrau Melissengeist- oder Rotbäckchen-Pappaufstellern ein Paar Flip-Flops liegen. Der alters-gebeugte Inhaber freut sich, dass ihm endlich jemand die platzwegnehmenden Latschen abkaufen will, präsentiert nach einigem Herumkramen Modelle in allen vier Farben und vielen unterschiedlichen Größen und kann es kaum fassen, wie groß die Wiedersehensfreude ist, die sich da plötzlich vor seiner Ladentheke abspielt. Sicherheitshalber kauft man gleich drei, vier, fünf Paar, denn man weiß ja nicht, wie lange der Parfümerieinhaber noch zu leben hat und ob seine Erben nicht am Ende doch Flip-Flop-Hasser sind, die sofort nach der Testamentseröffnung den Laden modernisieren, die gemütlichen Badelatschen zu der ausrangierten Klosterfrau-Werbung in den Müllcontainer werfen und stattdessen ausschließlich eklige Frotteepantoletten oder stillose blaue Saunasandalen mit Seepferdchen drauf anbieten.

Viele Badelatschen-Zufallsfunde später ist es dann aber plötzlich so weit: Überall stehen Flip-Flops herum, in allen nur denkbaren Farben, mit allen möglichen Verzierungen, und selbst die eklige Drogeriemarktverkäuferin schlappt nun fröhlich mit bunten Latschies durchs Geschäft. Was ist passiert? Die Dinger sind modern geworden, selbst Männer, die sonst noch im heißesten Sommer hartnäckig in ihren geliebten Springerstiefeln schwitzen, tragen nun plötzlich Thongs zwischen ihren schwarz behaarten Zehen, was kein wirklich schöner Anblick ist, aber wer sich nun schon im zweiten Sommer hintereinander keine Sorgen mehr um den Flip-Flop-Nachschub machen muss, wird sehr, sehr gelassen. Und kann sogar männliche Käsemauken auf hellblau geblümtem Untergrund verzeihen.

Solange alles bitte so bleibt, wie es ist. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, und für die weitere Stabilisierung der Latschie-Lage könnte der allgemeine wirtschaftliche Niedergang sorgen. Wirtschaftsanalysten überrascht die Renaissance der Flip-Flops nämlich absolut nicht. Wer täglich ökonomische Horrormeldungen hört, ist auch modisch nicht zu Experimenten bereit und möchte keinesfalls die Bodenhaftung verlieren. Wenn die Wirtschaftskurve verflache, sei auch die Stimmung flach, Frauen wollten in einer solchen Situation auf keinen Fall in High Heels durch die Gegend laufen, lautet eine alte modeökonomische Formel. Sharon Haver, Chefredakteurin des New Yorker Online-Modemagazins focusonstyle.com erklärte in einem Editorial: »Die Menschen sind verunsichert, niemand weiß, was als nächstes passiert. Sie suchen daher in allen Bereichen instinktiv nach einfachem Komfort, und Flip-Flops bieten diese bequeme Gemütlichkeit. Flip-Flops sind das Kartoffelpüree der Mode!«

Die Generation Y, so Haver weiter, sei in Fashion-Fragen einfach viel kompromissloser als ihre Eltern. »Flip-Flops im Büro zu tragen, kommt uns lässig vor, wir drücken damit aus: ›Hej, ich bin so cool, dass ich selbst in Plastiklatschen noch umwerfend aussehe.‹ Noch für unsere Mütter wäre es eine ähnliche Todsünde gewesen wie mit Lockenwicklern am Arbeitsplatz zu erscheinen.«

Ganz so billig und einfach sind die heutigen Flip-Flops jedoch nicht mehr. Jeder US-Designer, der auf sich hält, bietet mittlerweile die Plastiksandalen an, verziert mit dem Namenszug und mit allen nur möglichen Accessoires versehen. Bis zu 150 Euro kosten diese Modelle, vor deren Erwerb Fachfrauen jedoch ausdrücklich warnen. Die Modejournalistin Gina Pia Cooper erklärte vor kurzem: »Wer kein idiotisches Fashion Victim sein möchte, der sollte die Finger von diesen lächerlichen Latschen lassen.« Viel Geld für etwas so Einfaches wie Flip-Flops zu bezahlen, sei völlig konträr zu dem, wofür die Plastiksandalen eigentlich stehen. »Es ist viel cooler, selbst mit Klebstoff, künstlichen Blumen und Glitzersteinen zu experimentieren!«

Dass auf diesen Sommer unweigerlich ein Herbst folgen wird, ist in diesem Jahr übrigens kein Problem. Erste Strumpfläden bieten bereits die zweigeteilten weißen japanischen Spezial-Baumwollsocken an, so dass Flip-Flops bald bei jedem Wetter getragen werden können.