09.07.2003

Le Tour Féminin

Es gibt zwar eine Tour de France für Frauen, aber im Grunde gelten Radrennen immer noch als reine Männersache. Von Ralf Schröder und Hubert Dahlkamp

Die erste Tour de France für Frauen fand im Juli 1984 statt. Im gleichen Jahr durften Radsportlerinnen in Los Angeles erstmals an Olympischen Spielen teilnehmen. Diese Marken liegen ziemlich nahe am Ende des 20. Jahrhunderts, und das ist der Tatsache geschuldet, dass der Radsport noch stärker als die meisten anderen Sportarten traditionell als alleiniges Revier der Männer betrachtet wurde – sowohl von seinen Akteuren und Funktionären als auch vom Publikum.

Als das Fahrrad in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum massentauglichen Verkehrsmittel wurde, bedeutete dies eine Demokratisierung der Mobilität. Selbstverständlich wollten von Beginn an auch Frauen an dieser Entwicklung teilhaben. Entsprechend tauchten, als 1869 in Paris, Gent und Köln die ersten Radrennen stattfanden, vereinzelt auch Frauen in den Startlisten auf. In den folgenden Jahren aber machten die Konservativen mobil, die in einer solchen Emanzipation eine Gefahr für das gesellschaftliche Gefüge sahen. Die Ansicht, Frauen gehörten nichts aufs Fahrrad, war bis zur Jahrhundertwende weit verbreitet.

Eine Radfahrerin aus dem ostdeutschen Neisse berichtete um 1885, sie habe bei ihren Ausfahrten regelmäßig »höhnische Redensarten« und »gemeine Schimpfworte« zu hören bekommen; »die Kutscher schlugen mit der Peitsche nach mir (…) und die Kinder hatten, von den Großen angestiftet, ganze Batterien von Schmutzklumpen angehäuft, um mich damit gründlich bombardieren zu können«. Zwei Berliner Freundinnen berichten aus den Jahren um 1890, sie seien bei Fahrten auf Waldwegen »von den vereinzelten Passanten teils mit tugendhaftem Entsetzen, teils mit Hohngelächter und Bemerkungen unzweideutigster Art begrüßt« worden; in der Stadt sei das Radeln das »reinste Spießrutenlaufen« gewesen.

1898 war in der Zeitschrift Simplicissimus eine Karikatur zu sehen, in der zwei Radfahrer gehobenen Standes einer Radlerin hinterher blicken; einer der beiden Männer kommentiert: »So sittlich und edel, lieber Herr Collega, diese Leibesübung dem Manne ansteht, so sehr ist der Anblick eines radfahrenden Weibes geeigenschaftet, unseren an klassischem Geiste geläuterten Schönheitssinn in seiner vollen und ganzen Tiefe zu empören.«

Auf der Versammlung des Deutschen Radfahrer-Bundes scheiterte 1885 ein Antrag nur knapp, der Frauen die Mitgliedschaft in der Organisation u.a. mit folgendem Argument verwehren wollte: »Das Mitfahren von Damen bei Touren beeinträchtigt und schädigt den Charakter des Velocipedfahrens, da dasselbe ein männlicher Sport ist.« Auf solche – damals weit verbreiteten – Ressentiments reagierten Radlerinnen mit der Gründung eigener Clubs.

Die Vorbehalte gegen das Frauenradeln machten sich nicht selten an der Kleidung fest. Die Frauen betrieben ihren Sport aus Gründen der Bequemlichkeit meist im Hosenrock oder in der Kniehose; da Hosen als Symbol der Männlichkeit galten, betrachteten konservativ Gesinnte diese Grenzüberschreitung intuitiv als Aufstand gegen die etablierte Dominanz der Männer in allen gesellschaftlichen Bereichen. »Damen in Pumphosen mit nackten Knien und kurzen Strümpfen«, so schrieb der Autor C. Fressel noch 1898, sähen »geradezu schamverletzend und empörend aus.«

Gegen solch traditionalistische Verschrobenheit gründeten Radfahrerinnen 1894 in Paris eine Ligue du costume rationel, und im englischen Oxford dinierten Radlerinnen beim später so bezeichneten »Hosenkongress« demonstrativ in Kniehosen. Dass Radfahrerinnen auf das gesundheitsschädliche Korsett verzichten, wurde übrigens von Medizinern ausdrücklich begrüßt.

An der Durchsetzung des Frauenradfahrens hatten von Beginn an selbstbewusste Schauspielerinnen und Künstlerinnen einen großen Anteil; in Paris war die prominente Schauspielerin Sarah Bernardt unter den ersten Radfahrerinnen. Nach langen Auseinandersetzungen, die von vielen Radaktivistinnen bewusst als Emanzipationskämpfe geführt wurden, schien um 1900 das Frauenradeln weitgehend akzeptiert. Die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony fasste ihre Meinung zum Frauenradeln 1896 so zusammen: »Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frau getan als irgendetwas anderes auf der Welt. Ich stehe da und freue mich jedes Mal, wenn ich eine Frau auf einem Fahrrad sehe. Es gibt Frauen ein Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen.«

In den folgenden Jahrzehnten büßte die Frage an Bedeutung ein, da der Siegeszug des Automobils den gesamten Verkehrssektor neu strukturierte. Im Rennsport allerdings lebten die alten Vorurteile fort. Zwar gab es in Frankreich bereits während der zwanziger Jahre regelmäßig Frauenradrennen und einen Verband der Radfahrerinnen, aber noch 1952 annullierte der Internationale Radsportverband sämtliche Frauen-Weltrekorde, weil diese in den Statuten schlicht nicht vorgesehen waren.

Bei den Weltmeisterschaften wurden Frauenrennen erst 1958 eingeführt; erste Siegerin wurde Elly Jacobs, in deren Heimatland Luxemburg Frauenrennen damals verboten waren. In Spanien wurde ein entsprechendes Verbot erst nach dem Ende der Franco-Diktatur in den siebziger Jahren aufgehoben.

Als 1983 die Organisatoren der Tour de France ankündigten, eine Rundfahrt für Frauen ins Programm zu nehmen, schrieb die französische Radzeitung La Provence cycliste: »Frauen, die die großen Pässe hochkriechen? Kann man sich vorstellen, wie sie völlig ausgepumpt in Alpe d’Huez oder in Avoriaz ankommen, grau vor Staub und schwarz von Schlamm? Werden sie sich den Kameras stellen, wenn sie derart entstellt sind, ohne sich vorher ein wenig frisch zu machen?« Ähnliche Blödheiten färbten auch die Berichterstattung in anderen Medien.

Die erste Tour der Frauen verlief unter ernüchternden Begleitumständen. Am Start waren sechs Teams mit jeweils sechs Starterinnen. Die Belgierinnen mussten wegen Geldmangels absagen, und weil Sponsoren für die Veranstaltung kein Interesse zeigten, wurde sie aus dem Budget der Männerrundfahrt finanziert.

Die Frauen fuhren auf der Strecke der Männer, allerdings lediglich die letzten 60 Kilometer der Etappen und noch vor der Werbekarawane. Die Pyrenäenberge nahm man aus der Frauenroute ganz heraus. Nach 18 Etappen und insgesamt 1 059 Kilometern kam 1984 die Amerikanerin Marianne Martin als Siegerin in Paris an. In den beiden folgenden Jahren siegte die Italienerin Maria Canins.

In den folgenden Jahren nahm das öffentliche Interesse zu. 1987 führte die Tour Féminin auf der Strecke der Männer über 15 Etappen und 950 Kilometer; am Start waren 85 Fahrerinnen, die in zwei französischen und elf anderen Nationalteams antraten. Stattliche 29 Sponsoren, darunter Coca-Cola, Adidas, Michelin und Peugeot, unterstützten die Rundfahrt.

Zur alles beherrschenden Fahrerin im Frauenradsport wurde die Französin Jeannie Longo, die 1987, 1988 und 1989 bei der Rundfahrt jeweils vor Maria Canins siegte, nachdem Longo 1985 und 1986 hinter Canins zweimal Zweite geworden war. Mit ihrem dritten Rang in der Gesamtwertung fuhr 1987 als erste Deutsche Ute Enzenauer ganz nach vorne.

1990 und 1991 wurde die Tour der Frauen aus dem Programm der traditionellen Frankreichrundfahrt herausgelöst und zum Bestandteil der Tour der Europäischen Gemeinschaft, eines seit 1961 durchgeführten Wettbewerbes für Spitzenamateure. Die Veranstalter begründeten diesen Schritt damit, dass sich der Frauenradsport vollständig emanzipiert habe und die Kopplung mit der Männertour überflüssig sei. Maria Canins, die zweifache Toursiegerin, kommentierte dies weniger optimistisch: »Auf einen Schlag hat der Frauenradsport verloren, was er in zehn Jahren gewonnen hat. Ein großer Schritt zurück. Ich hoffe nur, dass er nicht fatal sein wird.«

1992 gab es die nächste Reform. Pierre Boué aus Toulouse übernahm mit seiner Agentur die Organisation der Rundfahrt, die nun wieder als französische galt und zunächst den Namen »Tour Féminin« (1992–1997) trug; seit 1998 nennt sich die Veranstaltung »Grand Boucle Féminin International«. Zu Beginn der neunziger Jahre etablierten sich in den Nachbarländern Italien (seit 1988) und Schweiz (seit 1989) ebenfalls Rundfahrten für Radsportlerinnen, die an die Traditionswettbewerbe Giro d’Italia und Tour de Suisse anknüpften.

Zudem formierten sich nun vermehrt auch Profiteams für Frauen, wobei ihre Verdienstmöglichkeiten mit denen ihrer männlichen Kollegen nicht vergleichbar sind. Lediglich eine Handvoll absoluter Topfahrerinnen ist bis heute in der Lage, den eigenen Lebensstandard durch den Radsport auf ein ansprechendes Niveau zu bringen. Die aus der Schweiz stammende Spitzenfahrerin Nicole Brändli drückte es im Januar 2002, adressiert an Teamchefs und Sponsoren, so aus: »Die Diskriminierung der Frauen ist im Radrennsport offensichtlich. Während sich unsere Berufskollegen in meinem Karrierestadium mit Spitzenverträgen sanieren, können wir froh sein, wenn unsere Gagen zu einem bescheidenen Lebensunterhalt reichen.«