27.08.2003

Ein guter Diktator sein wollen

Das Computerspiel Tropico bietet dem Player die seltene Chance, mal einen karibischen Inselstaat diktatorisch zu regieren, aber der Ärger mit Demokraten und Weltmächten sorgt für Stress. von elke wittich

Wann immer man einen Computerspieler laut schreien hört: »Was wollt ihr denn noch, ihr undankbares Volk?« kann man ganz ohne auf den Bildschirm zu schauen sicher sein, dass der Verzweifelte gerade mit den Bewohnern der virtuellen Insel Tropico beschäftigt ist und sich seinen Job als Diktator wahrscheinlich wesentlich leichter vorgestellt hatte.

»Eine karibische Insel. Und Sie sind der Boss!« verspricht Application Systems, der Vertreiber des Games für den Mac, schließlich – mit derart renitenten Pixels war daher nicht unbedingt zu rechnen.

Die Tropico-Bewohner haben nämlich nur am Anfang nichts dagegen, von einem Diktator regiert zu werden. Mit fortlaufender Spieldauer wollen sie jedoch vor allem solche Sachen: Essen, Wohnungen, Jobs, Ausbildungsplätze, mehr Essen, bessere Wohnungen, bessere Jobs, bessere Ausbildungsplätze. Und dafür sorgen soll der ohnehin gestresste menschliche Diktator, der gleichzeitig noch zwei Supermächte am Hals hat, die notfalls mit Kanonenbooten die Inselpolitik in ihrem Sinne zun ändern und ihn davonzujagen bereit sind. Dazu drohen noch Umweltkatastrophen, Hungersnöte, Rebellen und ewig unzufriedene Militärs.

Und Wahlen, denn den blöden Einwohnern ist trotz bester Pflege die Demokratie nicht auszutreiben. Gut, der Gegenkandidat kann verhaftet oder gesellschaftlich unmöglich gemacht oder auch beseitigt werden, aber das führt trotzdem nicht dazu, dass die Wahlberechtigten auch brav dem Diktator ihre Stimme geben.

Woraus folgt: Wer nach einer halben Stunde Tropico immer noch davon fantasiert, irgendwann einmal, wenn er groß ist, eine bewaffnete Revolution anführen und hernach als grundgütiger Alleinbestimmer die Geschicke der Befreiten leiten zu wollen, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Sich in fremde Leben einzumischen, hat absolut keinen Zweck, zumindest keinen angenehmen.

Klar, es macht Spaß, etwa der eher unbedarften Bürgerin Diana Munoz den Schulbesuch zu ermöglichen, aber ist die nach Ende der Ausbildung als frisch gebackene Mitarbeiterin des Außenministeriums wirklich dankbar? Ganz und gar nicht, denn das Aas hat nur Vergnügen im Kopf. Ausgehen will die blöde Kuh, Partys feiern und sich besinnungslos mit Rum zuschütten, anschließend verlangt sie Arztbesuche und ein Einfamilienhaus. Denn natürlich hat sie bei ihren ausschweifenden Vergnügungen jemanden kennengelernt, den Fischer Jorge nämlich, und prompt ist sie schwanger geworden.

Als halbwegs netter Mensch unversehens zum Alleinherrscher über einen ganzen Staat geworden zu sein, bedeutet vor allem, dass man geliebt werden und es allen recht machen möchte. Klar, Diana soll also ihr hübsches blaues Häuschen mit Veranda kriegen – aber auf solche individuellen Bedürfnisse einzugehen bedeutet für den modernen Diktator vor allem eines: Stress. Denn Jorge verlangt zeitgleich ein Cabaret, ohne dessen leichtbekleidete Beschäftigte er auf keinen Fall weiter in Tropico leben möchte. Hatte man nicht gleich geahnt, dass Diana mit einem solchen Schmierlapp auf keinen Fall glücklich werden kann? Ja, hatte man, aber dies einer eher nicht für Argumente zugänglichen, millimetergroßen Figur zu erklären, ist echt schwierig.

Zumal da gerade kein Geld da ist für Sonderwünsche. Denn zuerst muss der Tropico-Tourismus angekurbelt werden. Die Bewohner sind dabei keine Hilfe, »diese Deutschen sehen alle gleich aus«, verkünden sie gern, und neidisch auf die Gringos sind sie auch. Häuschen und Cabaret müssen trotzdem warten, bis ein Yachthafen für die zahlungskräftigen Ferienmacher errichtet wurde.

Aber gilt auch für Diktatoren nicht so etwas wie die Sorgfaltspflicht? Diana sitzt nämlich plötzlich ganz allein mit ihrem Neugeborenen da, nein, Jorge hat sie nicht verlassen, er wurde in der Blüte seines Lebens von einer Krankheit hinweggerafft. Eine fehlende Arztpraxis war wohl der Grund für den unerwarteten Trauerfall. Wäre es da nicht besser gewesen, fragt man sich als Diktator, statt auf den schnöden Touristenmammon zu setzen, die Infrastruktur für die Untergebenen zu verbessern?

Vielleicht. Bevor jedoch die Sorgen um Diana und ihr Baby Alejandra überhand nehmen können, hat sich auch schon alles geregelt. Die blöde Kuh ist einfach mal wieder ausgegangen und hat schon einen Neuen. Den Farmer Ernst, der womöglich ein noch größerer Fehlgriff ist als der eigentlich doch so sympathische Jorge, denn Ernst will eine Kirche. Jetzt und sofort. Während eine der beiden Weltmächte gerade ein sehr böse aussehendes Kanonenboot vor dem Hafen der Insel platziert hat und so den gerade in Gang gekommenen Fremdenverkehr empfindlich stört.

Es gibt Menschen, die halten Tropico für ein ganz unglaublich zynisches Spiel, denn der auf dem Cover der CD abgebildete Diktator hat tatsächlich frappante Ähnlichkeit mit Fidel Castro. Es sei nicht zulässig, einen der wenigen verbliebenen Führer der Weltrevolution als Hauptfigur eines Computerspiels zu missbrauchen, sagen sie. Und es sei mal wieder typisch, dass der Kapitalismus den armen Fidel auch noch mit einem Game lächerlich mache.

Was natürlich völliger Quatsch ist, denn erst dank dieser Simulation hat jeder potenzielle Diktator eine realistische Chance, ohne anderen Menschen auf die Nerven zu gehen, so ein Leben als Bestimmer einmal auszuprobieren. Um am Ende festzustellen, dass es eigentlich viel zu stressig ist, Staaten und erst recht Menschen nach der eigenen Vorstellung zu formen.

Und so mussten auch die Tropico-Macher der unweigerlich einsetzenden Welten beherrschenden Wellness Tribut zollen. Im Sequel Tropico 2 verkörpert der Player nur noch einen Piratenkapitän, der nach eigenem Gutdünken über ein kleines karibisches Eiland herrscht. Gewählt wird nicht mehr, stattdessen drohen Meutereien der untergebenen Piraten und der als Arbeiter eingesetzten Gefangenen. Ausgesandte Schiffe sollen fremde Reichtümer kapern, Bordelle und öffentliche Hinrichtungen sorgen daheim für Unterhaltung. Oder: »Was können Sie für Ihr Volk tun, damit es mehr für Sie tut?«

Blöderweise ist diese Fortsetzung für den Mac noch nicht erschienen, und so müssen wir Elitären uns solange noch im Diktatoren-Sein üben. Vielleicht nutzt es im Kampf gegen den Gatesismus ja was.

www.tropico.de, application-systems.de/tropico