Indeterminate!
Das kapitalistische Gesellschaftssystem der Gegenwart hat zum Zweck nicht den Menschen, sondern die Produktion von akkumulierbarem Mehrwert. Um das zu korrigieren, wäre Kommunismus der Endzweck politischer Praxis zu nennen, die Überwindung der Gegenwart. Da dies zwar notwendige Einsicht, aber erst der Beginn emanzipatorischer politischer wie künstlerischer Praxis ist, bleibt zu fragen: Was ist progressiv?
Beim folgenlosen Glück über die kritische Distanz zur eigenen gesellschaftlichen Funktion kann die Einsicht nicht stehen bleiben, will sie mehr als Weltanschauung sein. Nur praktisch ist die Kritik der Welt wahr. Der Kommunismus will diese praktische Einsicht sein. Der Antimaterialismus der demokratisch selbstgewissen Gegenwart legt in pluralistischer Auswahl die Möglichkeit größerer Identität des Einzelnen mit den »lifestyles« nahe – um den Preis der Einflussnahme. Auch der lifestyle der Radikalität, als Geste en vogue, verliert sich in der gestalterischen Folgenlosigkeit. Die Diskussionen der Konferenz greifen mit dem Begriff des Kommunismus nicht nach dem Bild konkretionsloser Verschiedenheit, sondern konkreter Dogmatik des bei Marx ausgerufenen verlorenen Projekts:
»Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.« (Karl Marx, MEW 3, 35)
Real existierend entwickelte sich die Institution der wirklichen Bewegung nicht zur Aufhebung des Mehrwerts, sondern zu der der Bewegung selbst. Die Verpflichtung auf den Kommunismus zum Trotz des jetzigen Zustandes will die Bewegung wieder aufnehmen, der Kongress hierfür Orte bestimmen. Die gebotene Dogmatik muss sich fragen, ob die Rechte eines Menschen einforderbar sind oder ob ihre Abwesenheit zum Urteil zureicht. Wo die Politik der Differenz diese von der falschen Einheit selbst fordert, bleibt sie additiv statt die Rechnung anzuzweifeln. Die Dogmatik, die mit der Debatte um Kommunismus gefordert ist, bestreitet die falsche Alternative von Einheit und Differenz in einer einheitlich nach Differenz organisierten Gegenwart.
Das kapitalistische Interesse am »Dass« statt am »Was« des Funktionierens wurde mit dem Verschwinden der Interessensstandpunkte der europäischen Sozialdemokratie auf eine neue Gemeinschaft der Ordnung begradigt. Auch nicht regierende Politik fordert gegenwärtig meist mehr von den angebotenen Werten, statt »mit der Notdurft auch den Streit um das Notwendige wieder (zu) beginnen und die ganze alte Scheiße« (ibd.) zu verwünschen.
Kommunismus ist Herausforderung an eine politische Praxis, die im Bestehenden ansetzt, um sich beständig zu fragen, welche Momente der Verneinung ihre Praxis von dessen konstruktiv hilfreicher Kritik trennen. In Politik wie Kunst gilt es nicht Subversion aufzufinden und festzumachen. Subjektivität ist nicht lediglich eine Frage der subjektiven Einstellung, sondern eher der objektiven Position. Die bourgeoise Rebellion in Pop und Politik ist nicht zu kritisieren, weil ihr Material beliebig ist. Ihre Beliebigkeit ist wahr, richtiges Verhalten in der falschen Auswahl. Einzig subversiv ist es nicht, sondern Lifestylegewinn, der statt der ironischen Distanz den politischen Zugriff aufgibt.
Der Kongress ist Debatte um die »Wirkliche Bewegung«, die sowohl in inhaltlich-theoretischen Auseinandersetzungen stattfinden als auch in künstlerischer Praxis wieder aufgenommen wird. Dabei ist die Trennung von »Politik/Theorie« und »Kunst / Kultur« in ihrer Institutionalisierung zu kritisieren und in ihrem Material zu korrigieren.
Durch seine gegendisziplinäre Ausrichtung versucht der Kongress, Ausstrahlungskraft über die strikt akademische, künstlerische Sphäre hinaus zu erhalten. Seine Streitigkeiten sollen politisch als ein Projekt im internationalen Kontext geführt werden und nicht als Gegenüberstellung seiner Verbrechen mit der scheinbar offenen kapitalistischen Struktur der Gegenwart.
Leitgedanke des Programms ist die Vorstellung des Kapitalismus wie seiner Negation als einem nicht auf die Ökonomie zu beschränkenden, allumfassenden Konflikt um das gesellschaftliche Verhältnis. Die Ökonomie ist nicht dem Politischen vorgelagert, die Produktion muss vielmehr als materialer Teil politischer Praxis dargestellt werden. Nicht die Möglichkeiten ihrer reformierten Funktion sind Gegenstand, sondern die Frage nach den Spuren, die die Vergangenheit des Kommunismus hinterlassen hat, und denjenigen, die seine Vergegenwärtigung herstellen kann. Die Kritik in den Foren und Panels beginnt an Grundbegriffen der Praxis einen Streit, der in den Arbeitsgemeinschaften an konkreter bestimmten Debatten als Weg in die politische Arbeit der Gegenwart fortgeführt wird.
Die Praxis des Kommunismus soll in jeder Regung gesucht werden. Will künstlerische Produktion Anderes als Wandschmuck politischer Arbeit sein, kann sie nicht als Rückzugsort einer besseren Welt diskutiert werden, sondern nur als Teil der Produktion des Bestehenden. Sollen in der Computerwissenschaft neue Möglichkeiten der Produktion aufgebaut werden, muss diese neben den Differenzen auch ihre Identität mit der Sphäre mehrwertschaffender Arbeit zu Grunde legen. Kann Repräsentation mehr sein als die Bezeichnung der Abwesenheit des Repräsentierten, sind die Neuen Medien dem Kommunismus der Gegenwart egal oder seine Operationsbasis, ist der Zweck der Multitude bestimmbar oder nur ihre Zerstreuung? Was, wann und wo ist der Kommunismus der Gegenwart, wo die wirkliche Bewegung? »Indeterminate!« ist der Aufruf, Determinismen zu zerlegen, Unmögliches zu fordern, Geschichte zu gefährden.
Programm und alles Weitere unter www.kommunismuskongress.de