Lesen mit René Weller

Der schönste Profiboxer dieses Landes hat im Knast ein Lehrbuch geschrieben. Nun geht die Lesetournee los. von gesine kulcke

Wer glaubt, in der Stadt der Halbintellektuellen werde nur durch den Neckar gestochert, irrt gewaltig. Neulich kündigte der Tübinger Veranstaltungskalender folgende Lesung an: »In drei Runden zum Sieg«. Max Herfert, von der schwäbischen Tagespresse als Literat, Maler, Musiker und Boxer umjubelter »Hansdampf in allen Gassen«, liest mit seinem Freund René Weller im Sudhaus ein bisschen was aus einem Boxtrainingsbuch vor.

Selbst geschrieben, vom schönen René! Habt ihr ihn vor euch, mit seinen knallengen, goldfarbenen Höschen, in denen er Anfang der Achtziger Europameister und sogar Weltmeister eines Miniverbandes wurde? Aus 53 Profikämpfen trug das Pforzheimer Leichtgewicht 50 Siege nach Hause. Er hält noch heute den Rekord mit weit über 100 Einsätzen in der Nationalstaffel. Und jetzt stellt ihn euch im Knast vor, schreibend. Das Hemd halbaufgeknöpft, um besser denken zu können, die schwere Goldkette ruht auf der Brust. Ungeniertes Selbstvertrauen aus Fleisch und Blut, drahtig und durchtrainiert.

Die Zelle, in der er viereinhalb Jahre verbringen musste, hat er in ein »René-Weller-Boxcenter« verwandelt: »Bettgestell und Matratze an die Wand«. 1998 hat René sich nach sechs Jahren Berufserfahrung als Kokainhändler auf einem Hotelparkplatz zwischen Karlsruhe und Ettlingen mit fünf Kilogramm erwischen lassen. Dem Journalisten Oliver Trust hat er erzählt, wie es im Knast war: »Ich habe mir durch den Sport Highlights gesetzt. Am ersten Tag in Untersuchungshaft reichten sie mir zum Frühstück Wasser im Plastikbecher und ein Stück trockenes Brot. Es war der grauenvollste Tag überhaupt. Ich habe in den besten Hotels geschlafen, kann das aber auch auf dem Boden.« Schreiben kann er auch da.

Es ist nicht so ganz klar, wer welches Kapitel in dem Buch geschrieben hat, das »für Trainer und solche Boxer gedacht ist, die über das normale Training hinaus für sich selbst ergänzende Übungen absolvieren möchten«. Aber es erstaunt doch immer wieder, wer überhaupt so alles schreiben kann. Dazu René und Max: »Als die Autoren jung waren und sie in der Schule Lesen und Schreiben lernten, war es üblich, Buchstabe für Buchstabe zu lernen, um dann daraus die Wörter zu bilden. Darauf möchten wir, im Gegensatz zu der in der Schule später praktizierten ›Ganzheitsmethode‹, zurückgreifen, wenn wir auffordern, Kombinationen in ihre Einzelschläge zu zerlegen, die anschließend bis zur Perfektion zu üben sind, um sie dann wieder Schritt für Schritt in die Kombinationen zu integrieren.« Lesen, Schreiben, Boxen: Auch für »Linkshänder, auf die wir nicht in jedem Detail eingehen können, gilt im Prinzip alles gleichermaßen, wenn sie sich das Dargestellte spiegelbildlich vorstellen«.

Das Publikum, der Tübinger Untergrund also, bestand aus zwanzig Straßenkindern, die Max Herfert aus seinem Reutlinger Boxclub mitgebracht hatte, einer jungen Dame, die in dem angekündigten »Schnelllehrgang für interessierte Zuschauer« Boxen zu lernen hoffte, und des schönen Renés Mutter. »Ja, meine liebe Mutti ist da, dort sitzt sie, schaut mal in der letzten Reihe. Aber nicht, dass ihr denkt, die ist immer dabei, dass ich die immer brauche.« Außer Renés Mutter wurde jeder, der in den Veranstaltungssaal stolperte, erst einmal von einem eindrucksvoll korpulenten Vertreter des Pietsch-Verlags abgefangen und abkassiert: zehn Euro für die Lesung. Wer nicht aufpasste, berappte noch zwanzig Euro obendrauf für das Buch, »das nicht so schwer verständlich ist wie andere, nicht so langweilig wie ein Telefonbuch, und bestimmt eines der besten Bücher sein wird, es gibt ja keine Konkurrenz«.

Nur Klitschko habe noch ein Buch herausgebracht. »Aber das ist mehr so Wellness. Unser Buch ist ein stinknormales Boxtrainingsbuch, da geht es drum, wie bricht man einem am besten die Nase, wie bricht man ’ne Rippe oder so. Wir haben da kein Hehl draus gemacht, das ist sehr gefährlich.« Zwanzigtausend Schläge an den Schädel, fünfzehn Risse im Trommelfell, ein mehrfach gebrochenes Nasenbein, ein gebrochenes Jochbein, gebrochene Rippen, gerissene Netzhaut und diverse Cuts an den Brauen hat sich René in seiner aktiven Boxphase eingefangen. »Und ich habe meine Hand siebzehnmal gebrochen. Wenn ich am Samstag im Ring gestanden habe und gegen vier Gegner geboxt habe und den letzten K.o. geschlagen habe, dann hatte ich mir den Daumen nicht sehr schwer, aber glatt gebrochen.« Dabei fällt Max ein, dass weder der Verlag noch die Autoren für irgendwelche Sach- oder Personenschäden aufkommen. »Steht gleich am Anfang vom Buch. Das ist nicht unbedingt ein Sport – obwohl das sicher auch schön ist – wie Schach spielen oder so.«

Wer Vergleiche mit anderen Sportarten sucht, wird es ohnehin schwer haben. Boxen ist auch nicht wie Fußball spielen. »Der Trainer muss ein guter Boxer sein. Jeder Fußballtrainer muss nie gut Fußball gespielt haben. Aber ein Boxtrainer, wenn der nicht in einer ganz hohen Klasse geboxt hat, dann wird es schwer, dass er ein guter Trainer sein kann. Es ist auch ein riesiger Unterschied, ob ich gegen den Herrn Meier aus Reutlingen boxe oder gegen den Weltmeister aus Russland. Und das ist halt schon der Unterschied von ’nem Boxtrainer zu ’nem Fußballtrainer.« Ganz wichtig sei auch, dass der Trainer »den ganzen Bereich, der mit dem Mentalen zu tun hat«, vermitteln kann.

Boxen schaffe Freiheit im übrigen Leben, sagt Max. »Freiheit, die davon geprägt ist, dass mein Verhalten außerhalb des Ringes nicht ständig von Rivalitätsgelüsten beeinträchtigt ist. Ich bin überzeugt, und mannigfaltige Erfahrungen belegen es, Boxer sind sehr friedfertige Menschen.«

Wie René, der nicht nur dealte, sondern auch Waffen besaß. Oder Mike Tyson, oder der in Rüsselsheim lebende Spanier José Varela, der wegen Totschlags sitzt, der Berliner Silvio Meinel, der einem unbequemen Geschäftspartner beide Ohren abgeschnitten hat, und Manfred Jassmann, mehrfacher deutscher Meister, der im November 1992 in seiner Heimatstadt Korbach betrunken in die Wohnung seiner Ex-Frau einbrach, mit einer Gaspistole ziellos durch die Wohnung schoss, die Frau, ihren Lebensgefährten und die zehnjährige Stieftochter verletzte. Halbschwergewicht Wieland Beust saß 1999 in Uelzen im Gefängnis. Er hatte den Freund einer Prostituierten erschossen, von hinten durch den Autositz in den Rücken. Im Knast stach er dann mit dem Küchenmesser auf den Anstaltsleiter ein und verletzte mehrere Beamte, die dem Sterbenden zu Hilfe eilten, bevor er sich selbst die Klinge in den Oberkörper rammte.

René und Max aber denken an den »Schweiß, den man dem Gegner abstreift, sein Keuchen, das man hört, oder sein Blut, das man auf den eigenen Handschuhen verschmiert: Das ist ein Gefühl, das frei macht, nicht nur im Umgang mit dem Menschen, dessen Fäuste noch vor wenigen Momenten meine Lippen zum Platzen brachten. Jetzt ist alles weg – kein Hindernis steht zwischen uns –, es bleibt ein Gefühl von tiefer Freundschaft und Zusammengehörigkeit.«

René Weller/Max Herfert: Boxen mit René Weller. In drei Runden zum Sieg. Pietsch Verlag, Stuttgart 2003, 160 S., 19,90 Euro

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