08.10.2003

Acht Meter Sicherheit

Die israelische Regierung lässt um Jerusalem eine Mauer bauen. Dass die vor Selbstmordattentaten schützt, glauben nicht alle Israelis. von ayala goldmann

Abu Dis ist ein geteiltes Dorf. Noch können die Schulkinder über die Mauer klettern, die gerade entsteht. Die Betonplatten in der Mitte der Straße sind mit Graffiti beschmiert und erst zwei Meter hoch. Bislang ist es nur ein Provisorium, das an wenigen Stellen mit Stacheldraht bedeckt ist. Die Dächer der Häuser auf der anderen Seite sind noch zu sehen. Die Lücken zwischen den Platten erlauben sogar den Blick auf die Straße, und die lauten Rufe der Fahrer der Sammeltaxis dringen herüber: »Nach El-Azzariyeh! Nach El-Azzariyeh!«

Dort, auf der anderen Seite der Mauer, liegt im Westjordanland der östliche Teil von Abu Dis, während der Westen des Dorfes zum israelischen Jerusalem gehört. Die Teilung geht auf den Sechstagekrieg zurück, als Israel 1967 den arabischen Ostteil der Stadt annektierte. Ende der neunziger Jahre, als es noch einen Friedensprozess gab, war das Dorf sogar als Regierungssitz eines zukünftigen Palästinenserstaates im Gespräch.

Es ist Mittag in Abu Dis. Die Schule, im Westen des Dorfes, ist zu Ende. Die palästinensischen Kinder wollen nach Hause. Sie wohnen auf der Ostseite. Irgendwo in der Nähe hat die israelische Armee einen Checkpoint eingerichtet. Aber die Kinder in ihren Schuluniformen nehmen lieber den direkten Weg über die Mauer. Schon vor längerer Zeit hat jemand eine Stufe aus Metall in der Betonmauer befestigt, zwanzig Zentimeter über dem Boden. Ein Kind nach dem anderen steigt auf den Metallbügel und schwingt sich über das Hindernis. Zwei israelische Soldaten mit Milchbärten, keiner älter als 19 Jahre, rufen die älteren Schüler zurück: »Die Personalausweise!« Erst danach erlauben die Rekruten den Jungen, über die Mauer zu klettern.

Szenen wie diese, alltäglich und absurd, werden sich während der nächsten Wochen und Monate wiederholen. Dann sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein, die Betonmauer ist acht Meter hoch, und die beiden Teile des Dorfes sind völlig voneinander getrennt. So sollen palästinensische Selbstmordattentäter aus dem Westjordanland daran gehindert werden, in den jüdischen Teil Jerusalems vorzudringen und sich dort in die Luft zu sprengen. »Erst vor kurzem haben wir in einer Waschmaschine in El-Azzariyeh drei Sprengstoffgürtel gefunden«, sagt Rachel Naidek-Ashkenazi, Sprecherin des israelischen Verteidigungsministeriums in Tel Aviv. Dann zählt sie die Explosionen und die israelischen Opfer der vergangenen drei Jahre in Jerusalem auf: 38 Anschläge, 158 Tote. Genug Gründe für die Regierung, einen Trennwall zu bauen.

Im Norden des Landes sind 150 Kilometer Sperranlagen bereits komplett. In der vergangenen Woche beschloss das israelische Kabinett den Weiterbau des Zauns, der seit Juni 2002 errichtet wird. Bis zum Jahresende soll er 300 Kilometer lang sein. Auf Druck der US-Regierung wird die jüdische Siedlungsstadt Ariel im Westjordanland nicht mit eingeschlossen – vorerst. Kritiker werfen der Regierung Sharon vor, sie wolle mit Hilfe des Zauns die politischen Grenzen zu einem zukünftigen Palästinenserstaat vorwegnehmen, die Israelis bestreiten dies. Im Norden und Süden von Jerusalem trennen bereits Doppelzäune aus Stacheldraht, an einigen Stellen mit Patrouillenstraßen in der Mitte, das Stadtgebiet vom Westjordanland. Östlich von Jerusalem sind Mauer und Trennzaun noch nicht komplett. Aber im August verteilten israelische Soldaten Anordnungen an die betroffenen Palästinenser und informierten sie über den aktuellen Stand der Planungen. Jetzt gehen die Bauarbeiten in die entscheidende Phase.

In Abu Dis steht Nibal Abu Risch, Englischlehrerin aus dem Dorf, vor dem Hindernis aus Beton. Sie ist 31 Jahre alt, trägt ein Kopftuch und erwartet ihr drittes Kind. Auf die Frage nach dem Sinn der Mauer zuckt sie nur mit den Schultern. »Sie denken, dass wir Terroristen sind und ihr Land bombardieren wollen.« Die junge Frau kommt gerade von der Schule zurück. Sie unterrichtet in Ost-Jerusalem und hat ganz andere Sorgen. »Ich bin schwanger. Wieso muss ich von einer Mauer springen, wenn ich nach Hause will? Wir haben nicht viel Geld, wir haben Kinder, und die wollen in die Schule und etwas zu essen haben. Wir kommen zum Arbeiten nach Jerusalem, es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir sind keine Terroristen«, versichert Nibal und hofft, dass die Besucher ihr glauben.

Die Besucher sind Friedensaktivisten aus dem jüdischen Jerusalem, die sich mit eigenen Augen ein Bild von der Mauer machen wollen. Im Schatten eines Baumes lassen sie sich nieder und diskutieren über zukünftige Aktionen. Daniel Seidemann, Rechtsanwalt aus Jerusalem, hat die Führung der Gruppe entlang der Sperranlagen übernommen. Der Jurist stammt aus den USA und kennt Ost-Jerusalem fast wie seine Westentasche. Seit Jahren vertritt er Palästinenser in Auseinandersetzungen mit der Jerusalemer Stadtverwaltung um Häuserbau und Land.

Seidemann war Berater der von der Arbeitspartei geführten Regierung von Ehud Barak. Aber Ministerpräsident Ariel Sharon verzichtet auf Seidemanns Rat und hört nicht auf seine Warnungen. Auch die Mehrheit der Israelis will sich nicht den Kopf über die Probleme zerbrechen, die Trennzaun und Mauer mit sich bringen könnten. »Ich habe einfach keinen Nerv mehr«, sagt die 34jährige Psychologin Ravit Gellerman aus Tel Aviv, »nicht für die Anschläge und nicht für die Palästinenser. Ein Zaun mitten in einem Dorf ist wirklich nicht gut, aber ich will mich nicht damit befassen. Ich weiß, das ist nicht in Ordnung, denn Israel baut diese Mauer, also ich.« Wie Ravit Gellerman haben die meisten Israelis den Trennwall nie aus der Nähe gesehen. Yigal Bronner, Mitglied der Friedensorganisation Taayush in Jerusalem, beschreibt den Seelenzustand der israelischen Gesellschaft so: »Die Leute wiegen sich in der Illusion, dass die Palästinenser bald hinter der Mauer sein werden. Dass man sie nicht mehr sehen muss und auch keine Angst mehr vor ihnen zu haben braucht. Sie werden einfach nicht mehr da sein.«

Aber die Idee von den Palästinensern, die unsichtbar hinter der Mauer leben, ist ein Trugschluss, wie Seidemann nicht müde wird zu erklären. Der Anwalt will zwar im Allgemeinen nicht bestreiten, dass ein Trennwall zwischen Israelis und Palästinensern Anschläge verhindern könnte. Der Sperrzaun um den Gaza-Streifen aus den neunziger Jahren hat nicht nur nach Meinung der israelischen Armee zahlreiche potenzielle Attentäter von der Einreise nach Israel abgehalten. »Aber nicht hier«, sagt Seidemann, »nicht in Jerusalem.« Wenn die Sperranlage fertig ist, so schätzen Seideman und die israelische Tageszeitung Ha’aretz, werden 300 000 Palästinenser auf der israelischen Seite leben – die 250 000 arabischen Einwohner von Ost-Jerusalem und zusätzlich 50 000 Palästinenser aus dem Westjordanland. Denn der Trennwall verläuft nicht genau an den Grenzen des israelischen Jerusalem. Mitunter werden Teile des Westjordanlands der israelischen Seite zugeschlagen. »In Jerusalem verläuft die Mauer an den meisten Stellen zwischen Palästinensern und Palästinensern«, sagt Seidemann und wird zynisch: »Und das alles im Namen der israelischen Fiktion der vereinigten Hauptstadt Jerusalem, die niemals wieder geteilt wird. Diese Fiktion wird jetzt in Beton gegossen.«

Auch der langjährige Aktivist der Gruppe Gusch Schalom, Uri Avnery, hat sich der Mauerbesichtigung angeschlossen. Bei seinen Landsleuten machte er sich wieder einmal unbeliebt, als er unlängst den belagerten Palästinenserchef Yassir Arafat in Ramallah besuchte, nachdem die israelische Regierung dessen »prinzipielle Entfernung« beschlossen hatte. Der 80jährige Avnery genießt die Interviews, die er gibt. »Das hier ist genau dasselbe wie die Berliner Mauer«, sagt er. Diesen Vergleich weist die israelische Regierung immer wieder zurück, schließlich seien die Gründe für den Bau des Trennungswalls ganz andere als 1961 in Berlin. Auch der Anwalt Seidemann betont die Unterschiede: »Diese Mauer wird nicht effektiv sein, trotz ihrer Höhe von acht Metern. Ich sehe jetzt schon die Kinder, die mit Bällen die Sensoren außer Kraft setzen. Wenn wir eine hermetische Abriegelung wollen, müssen wir Volkspolizisten nach dem Vorbild der DDR einsetzen, die auf jeden schießen, der sich der Mauer nähert. Aber das werden wir nicht tun. Und deswegen ist das Projekt zum Scheitern verdammt.«

Vor dem Betonwall spricht Naaman Bader mit Journalisten. Der Reiseführer aus Abu Dis wohnt nur etwa fünfzig Meter entfernt von der Mauer. Er besitzt den Personalausweis der Palästinenser aus dem Westjordanland und arbeitet in Ost-Jerusalem. Aber Touristen kommen kaum noch nach Israel, und in Zukunft könnte Bader auch größere Probleme haben, überhaupt noch seinen Arbeitsplatz zu erreichen. »Abu Dis ist ein Teil von Jerusalem – seit Jahrhunderten«, sagt Bader. »Wie kann man uns von Jerusalem trennen?« Die Israelis hätten versprochen, in Zukunft mehrere Tore in der Mauer zu öffnen. »Aber wir wissen nicht, ob das stimmt.« Was wird er tun, wenn die Mauer fertig ist? »Wir können das nicht aushalten. Es ist unerträglich«, sagt der 51jährige zu den Journalisten. Sein Bruder wohnt auf der anderen Seite des Dorfs. »Die Israelis erzeugen Terrorismus«, sagt Bader. »Wenn man die Katze in die Ecke drängt, wird sie zum Tiger.«

Dieser Meinung ist auch Seidemann. Bisher hätten sich die Palästinenser in Ost-Jerusalem, die ja israelische Staatsbürger sind, ruhig verhalten und sich kaum an Terroranschlägen beteiligt, argumentiert der Anwalt. Die Mauer aber trenne zwischen Familien, Arbeitern und ihren Arbeitsplätzen, Kindern und ihren Schulen, zwischen den Lebenden und ihren Friedhöfen. Unter solchen Vorzeichen sieht Seidemann für das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in der Stadt schwarz. »Wenn wir die Palästinenser in Ost-Jerusalem genauso behandeln wie die Palästinenser im Westjordanland, dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn sie sich genauso verhalten«, meint er. Schon sehr bald werde Israel es nicht mehr mit Autobomben zu tun haben, die in Ramallah gebaut und nach West-Jerusalem geschmuggelt werden. »Sondern die Autobomben werden direkt in Ost-Jerusalem gebaut.«

In West-Jerusalem sitzt Yossi Torfstein, Palästinenser-Experte des israelischen Außenministeriums, in einem Straßencafé. Nach dem jüngsten Anschlag auf das Café Hillel in der deutschen Kolonie sind Restaurants und Pubs in Jerusalem nicht überlaufen. Aber ganz leer sind sie auch nicht. »Ich bin Fatalist«, sagt der 55jährige. Er wohnt in der Nähe des Gemüsemarktes Machane Jehuda, der seit den siebziger Jahren immer wieder das Ziel von Terroranschlägen war: Autobomben, Selbstmordanschläge, Messerattacken. »Statistisch gesehen, wohne ich an einem der gefährlichsten Orte in der Welt.« Der Bau der Mauer, hofft Torfstein, wird die Zahl der Anschläge in Jerusalem verringern.

Torfstein zählt sich zur politischen Linken in Israel. Aber die Palästinenser, meint der studierte Arabist, seien an ihrer Situation selbst schuld. Niemand zwinge sie schließlich, weiterhin Yassir Arafat nachzulaufen, der seit Jahren nichts gegen die radikalen Gruppen Hamas und Dschihad unternommen habe und dessen al-Aqsa-Brigaden der Fatah-Bewegung selbst einen Terroranschlag nach dem anderen ausführten. »Warum suchten sich die Palästinenser nicht eine andere Führung?«

Dass die Araber in Ost-Jerusalem sich als Folge des Mauerbaus radikalisieren könnten, hält Torfstein für unwahrscheinlich. »Die arabischen Einwohner von Ost-Jerusalem sind israelische Bürger, mit allen Rechten. Und die wollen sie nicht verlieren.«

Die Sprecherin des israelischen Verteidigungsministeriums hat in diesen Tagen keinen leichten Job. Die Anfragen der Journalisten, aus Israel und dem Ausland, häufen sich. Und es gibt ja auch einfachere Aufgaben, als den Bau einer Mauer zu verteidigen. In ihrem Büro im Zentrum von Tel Aviv redet sie sich in Rage. »Man kann sich das einfach nicht vorstellen, wenn man nicht hier lebt – diesen Stress und die Angst vor dem Terror. Bei uns kann die Entscheidung, ob man morgens mit dem Bus zur Arbeit fährt, über Leben und Tod entscheiden. Eltern fragen sich jeden Tag: Soll ich meinem Sohn erlauben, abends auszugehen? Am Ende bin ich dafür verantwortlich, dass er nie wieder zurückkommt«, empört sich Naidek-Ashkenazi. »Was war noch einmal Ihre Frage?«

Das Verteidigungsministerium, betont sie, habe nicht die geringste Absicht, den Palästinensern das Leben schwer zu machen. Aber man müsse die Dinge im Zusammenhang sehen. »Die Situation ist schwierig, und es gibt hier kein Schwarz und Weiß. Wir leben wie unter einer schwarzen Wolke des Terrors, die über unseren Köpfen hängt.« Womöglich, argumentiert sie, werde die Mauer sogar Verbesserungen für die Palästinenser mit sich bringen. Denn sie beklagen sich seit Jahren über Schikanen und lange Wartezeiten an den Checkpoints der Armee zwischen Israel und dem Westjordanland. »Wir werden an der Mauer neue Formen der Kontrolle einführen«, kündigt sie an. »Nicht die Checkpoints von heute, sondern etwas viel Durchdachteres, Effektiveres. Das wird eine viel schnellere Durchsuchung der Palästinenser ermöglichen, und einen leichteren Zugang.« Beim Bau der Sperranlage würden humanitäre Gesichtspunkte so weit wie möglich berücksichtigt, versichert Naidek-Ashkenazi, »aber unser oberstes Ziel ist es, Leben zu retten.«

Doch der Jerusalemer Rechtsanwalt Seidemann mag nicht glauben, dass schärfere Kontrollen das Leben der Palästinenser erleichtern. »Ich nehme der Armee ihre guten Absichten sogar ab«, sagt er. »Aber die sollen uns mal einen einzigen Ort zeigen, an dem das funktioniert. Ich kenne die Geschichten aus Kalandia im Norden von Jerusalem. Dort ist der Sperrwall schon fertig. Und die Kinder müssen um vier Uhr aufstehen, wenn sie um neun in der Schule sein wollen.«

Kritiker der Mauer um Jerusalem befürchten, dass die Sperranlage das Gesicht der Stadt komplett verändern wird. Seit dem 16. Jahrhundert, als der ottomanische Herrscher Suliman der Prächtige das Mauerwerk um die Jerusalemer Altstadt errichten ließ, sei in der »Stadt des Friedens« keine solche Mauer mehr gebaut worden, sagt Seidemann. Und Yigal Bronner von Taayush beklagt: »Es tut mir in der Seele weh. Das ist meine Stadt, das ist mein Zuhause. Hier bin ich aufgewachsen, ich möchte nirgendwo anders leben. Dieser Trennwall ist wie eine hässliche Wunde in der Landschaft. Das Schlimmste, was einer Stadt passieren kann, ist eine Mauer.« Die Geschichte lehre, »dass die Mauern am Ende fallen. Aber was bis dahin alles noch passieren wird, weiß niemand.«