08.10.2003

Durch einen Schleier

W.E.B. Du Bois’ Standardwerk für die afroamerikanische Befreiungsbewegung liegt nach 100 Jahren endlich in deutscher Übersetzung vor. Von Michael Saager

Mit seinem 1903 erschienenen Buch »The Souls of Black Folk« sollte der damals 35jährige Autor W.E.B. Du Bois innerhalb kürzester Zeit zu einer der prominentesten Figuren der frühen US-Bürgerrechtsbewegung werden. Sein Buch ist eine kritische Bestandsaufnahme der Situation der Schwarzen im Süden der USA nach dem Bürgerkrieg, der zwar die Sklaverei nominell abgeschafft hatte, sie jedoch durch ein modernes System ökonomischer Abhängigkeiten und der Apartheid ersetzte. Für viele schwarze Intellektuelle gilt »The Souls of Black Folk« heute immer noch als Urtext afroamerikanischer Erfahrung.

100 Jahre nach der Erstausgabe, 40 Jahre nach dem Tod seines Autors liegt »The Souls of Black Folk« nun endlich in deutscher Sprache vor. Der junge Freiburger (Pop-) Theorie-Verlag Orange Press hat sich seiner Übertragung angenommen und das Buch mit einem reichhaltigen Anmerkungsapparat, mit Fotografien des Autors sowie mit einem Vorwort von Henry Louis Gates versehen.

Ein begeisterter Max Weber schrieb bereits 1905 an Du Bois: »Your splendid work: The Souls of Black Folk ought to be translated in German.« Zur Übersetzung kam es trotzdem nicht. Dafür erschien im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik Du Bois’ Aufsatz »Die Negerfrage in den Vereinigten Staaten«. Du Bois und Weber kannten einander. Der amerikanische Philosoph und Historiker hatte, bevor er als erster Afroamerikaner in Harvard promovierte, zwei Jahre in Berlin studiert, beim Soziologen Weber natürlich, beim Historiker Dilthey sowie bei den »Kathedersozialisten« Schmoller und Wagner. Gern wäre Du Bois länger in Deutschland geblieben, vor allem, um hier zu promovieren. Doch ihm fehlten die finanziellen Mittel für einen ausreichend langen Aufenthalt.

»Die Seelen der Schwarzen« ist, zumal für die Zeit seiner Entstehung, ein erstaunliches Buch. Es bedient sich unterschiedlichster methodischer und sprachlicher Mittel und Wege. Es speist sich aus soziologischen Analysen, genauso wie aus historisch-essayistischen Beschreibungen, sozialpsychologischen Skizzierungen und offenkundig autobiographisch genährter Fiktion. Es ist über weite Strecken ein sehr persönliches, mitunter poetisches Buch, wobei die anteilnehmende Anschaulichkeit des Materials zu Lasten der analytischen und empirischen Abstraktion geht. Andererseits wird genau dadurch der enorme Erfolg des Buches überhaupt erst erklärbar.

Du Bois war stets der Ansicht, dass mit den Mitteln der Literatur wenigstens ebenso nachhaltig, vielleicht sogar noch etwas besser als mit abstrakter Analyse auf die scheinbar nie endende Demütigung der Schwarzen verwiesen werden könnte. Auch daher die tragisch-philosophische Erzählung »Johns Heimkehr«, in der Du Bois die Geschichte eines schwarzen Jungen erzählt, der das Dorf seiner Familie verlässt, um zu studieren. Er kehrt schließlich zurück, sieht sich jedoch ob seiner nunmehr hohen Bildung bei den Weißen verhasst und von seiner Familie entfremdet. Am Ende, kurz bevor er von einem weißen Mob gelyncht wird, ist er vor allem reicher um das Wissen, dass die Kluft zwischen den »Rassen« vollkommen unüberbrückbar scheint.

Im Kapitel »Über die geistigen Anstrengungen« heißt es: »Es ist sonderbar, dieses doppelte Bewusstsein, dieses Gefühl, sich immer nur durch die Augen anderer wahrzunehmen, der eigenen Seele den Maßstab einer Welt anzulegen, die nur Spott und Mitleid für einen übrig hat. Stets fühlt man sich als Zweiheit, als Amerikaner, als Neger, zwei Seelen, zwei unversöhnte Streben, zwei sich bekämpfende Vorstellungen in einem dunklen Leib.« Du Bois skizziert hier die schier unerträgliche Spannung, die sich aus der afroamerikanischen Identität, gespeist aus dem Erbe der Sklaverei und der Rassentrennung, ergab.

Um das gedemütigte afroamerikanische Bewusstsein plastisch zu beschreiben, bedient sich Du Bois häufiger der Metapher des »Schleiers«: Die Schwarzen fühlen sich von den Weißen wie durch einen Schleier getrennt; er sondert sie ab von der weißen Gesellschaft, macht sie unsichtbar und lässt sie sich selbst nur verzerrt, eigentlich verdunkelt wahrnehmen. Die amerikanische Welt gesteht den Schwarzen, den Söhnen und Töchtern der Sklaven, kein »wahres Selbstbewusstsein« zu. Erkennen können sie sich daher selbst, so Du Bois’ Argumentation, nur durch die Offenbarung der anderen Welt.

Obwohl Du Bois ganz und gar ein Kind seiner Zeit ist, also etwa den Begriff der »Rasse« nicht kritisch hinterfragt, erscheint er bei ihm doch eindeutig als soziales Konstrukt, so vage und kryptisch seine Analyse des schwarzen Bewusstseins im einzelnen auch sein mag. Es ist daher vielleicht nicht verkehrt, Du Bois einen Vordenker sozialkonstruktivistischer (Anti-) Rassismustheorien und postkolonialer Diskurstheorien zu nennen.

Du Bois jedenfalls möchte diesen Zustand tückischer Verschleierung aufheben. Gut hegelianisch geht es bei ihm deshalb darum, sich selbst vollständig im anderen zu sehen. Nur so kann das Anderssein des Schwarzen aufhören, nur dann erkennt er das andere selbständige Wesen und erreicht dadurch die Rückkehr zu sich selbst. Das reflektierte Einssein jedoch ist gerade dem Ungebildeten, so Du Bois, nicht gegeben: Er ist sich seines eigenen Geisteszustandes nicht bewusst. Anders der intellektuelle Afroamerikaner, der – und an dieser Stelle meint Du Bois selbstverständlich auch sich selbst – dem Ungebildeten dieses Vermögen voraus hat. Daher muss letzterer von ersterem angeleitet werden. Eine schwarze Elite, Hand in Hand mit weitsichtigen Weißen, soll den Ärmsten schnellstmöglich zu Bildung verhelfen. So versteht es sich, dass der Gedanke der Bildung bzw. bildungspolitischer Gleichstellung in vielen Kapiteln des Buches ein zentrales Thema ist. Und so versteht es sich auch, dass Du Bois häufig in einem Atemzug sowohl mit Martin Luther King als auch mit Malcolm X genannt wird – beide propagierten die Bildung der schwarzen Bevölkerung.

Es verwundert nicht wirklich, dass Du Bois und sein berühmtestes Werk zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt waren. Du Bois konnte als privilegierter Nordstaatler die Rassensegregation gewissermaßen nur von außen wahrnehmen. Genau das machte man ihm zum Vorwurf. Andere kritisierten die ungewöhnliche, unverschämt unakademische Form des Buches.

Schließlich war da noch Du Bois’ friedfertige politische Gesinnung, seine Nähe zu den Weißen, die insbesondere seinem Gegenspieler Marcus Garvey ein Dorn im Auge sein musste: Garvey war Gründungsmitglied der Universal Negro Improvement Association (UNIA), deren Ziel es war, den Zusammenschluss aller »Negervölker« der Welt in einer großen Korporation zu fördern. Unabhängige Staaten und Länder sollten gegründet werden. Frei von weißer Haut. Du Bois hatte anderes im Sinn. Neben seinen akademischen Posten war er Mitglied der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Als Garvey die Büroräume der NAACP betrat, soll ihm, so die Legende, fast schlecht geworden sein – die gesamte Belegschaft war weiß, oder nahezu weiß.

W.E.B. Du Bois: Die Seelen der Schwarzen. Orange Press, Freiburg 2003, 319 S., 24 Euro