Nichts ist mehr
Neun Erzählungen von Michael Chabon. Neun kleine Episoden des Scheiterns und des Widerstandes gegen das Scheitern. Widerstand? Was für ein großes Wort. Chabons Figuren geht es darum, einfach nicht mehr so weiterzumachen wie bisher, irgendetwas ein kleines bisschen anders anzufangen. Oder doch zu resignieren, aber ohne Verdruss, gut gelaunt zu verlieren.
Die Frage, welche Geschichte die Schönste ist, lässt sich nicht beantworten, weil man nicht weiß, welche die meisten Hässlichkeiten versammelt. Sie sind einem alle gleich lieb, denn jede einzelne ist auf ihre je spezifische Art abgründig. Zusammen bilden sie jedenfalls, wie es in anderem Zusammenhang in der achten Erzählung (»Das war ich«) zu lesen ist, »eine Basilika des Versagens«.
Nichts klappt. Gar nichts. Nicht einmal ein Händedruck. »Der Moment, in dem sie sich hätten die Hände schütteln oder sogar – in einem historischen Parallel-Universum, in dem die Chinesen Amerika entdecken und ein zehnjähriger Adolf Hitler von einem vorbeikommenden Milchwagen umgemäht wird – in die Arme nehmen können, verstrich, wie immer«, heißt es in der Erzählung »Die Harris-Fetko-Story«. In »Mrs. Box« möchte der kleine Gauner Eddie Zwang die Oma seiner Exfrau ausnehmen und weiß am Ende nicht mehr, wie er nach Hause kommen soll bzw. sollte, denn außer seinem Wagen fehlt ihm auch ein Zuhause.
Schon in der ersten, der titelgebenden Geschichte »Junge Werwölfe«, geben die beiden Protagonisten den Ton für das Personal des gesamten Bandes vor. Es sind zwei Schuljungen. Der eine beißt Mitschülerinnen, weil er sich gelegentlich einbildet, ein Werwolf zu sein; der andere spielt am liebsten mit Ameisen und möchte irgendwie die zerrüttete Ehe seiner Eltern retten. Es kommt zu folgendem Dialog:
»Und, bist du der Ameisenmann?«
»Nein, du Blödian.«
»Warum nicht?«
»Weil ich gar nichts bin. Du bist auch nichts.«
Die meisten Geschichten haben, formal gesehen, so etwas wie ein Happy End. Sie könnten böse ausgehen, tun es aber nicht, weil ja ohnehin niemand und nichts mehr intakt ist, es kann also nur besser werden. Das gilt nicht für die letzte Erzählung, die Horrorgeschichte »In der schwarzen Fabrik«, für die Chabon als Autor August Van Zorn ausweist.
Van Zorn ist eine schrullig-sympathische Figur aus seinem bereits vor acht Jahren in den USA erschienenen (und vor drei Jahren ins Deutsche übersetzten) Roman »Wonder Boys«. Dass sie nun selbst eine Erzählung beisteuern darf, spricht für Chabon, der aus seinem Personal im Gegensatz zu Don DeLillo eben keine schematischen oder symbolischen Pappkameraden macht, es nicht bis zur Chraraktermaske determiniert, sondern ein Eigenleben und damit allerlei Widersprüche zulässt und fördert.
Bereits in seinen Romanen »Die Geheimnisse von Pittsburgh« (einer Art bisexuellem »Fänger im Roggen« der frühen achtziger Jahre), »Wonder Boys« (einer Parodie auf den US-amerikanischen Literaturbetrieb), »Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay« (einer antifaschistischen Comiclegende) und dem Erzählungsband »Ocean Avenue« wurde wechselnden sexuellen oder von Drogen beeinflussten Präferenzen genauso viel Platz gegeben wie beispielsweise der Isolation bzw. Integration Intellektueller oder dem jüdischen Alltagsleben in den USA. Nun haben in dieser Welt auch noch »Junge Werwölfe« Platz. Was für ein schönes Reservat!
Michael Chabon: Junge Werwölfe. Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. 256 S., 18,90 Euro