Als deutsche Männer wieder weinen durften

Das »Wunder von Bern« verspielt die Chance, die alte Geschichte neu zu erzählen. von tim stüttgen

Mythen gehören bekanntlich zum Kino, die Wunder zum Fußball. Hollywood hat seine Zuschauer gelehrt, dass Leinwandlegenden in der Traumfabrik erfunden werden und nicht in der Wirklichkeit. Dennoch werden natürlich immer wieder reale Ereignisse für das Kino aufbereitet. Wenn es sich um ein bedeutendes Sportereignis handelt, gibt es zudem die zusätzliche Schwierigkeit, dass das Ereignis selbst schon Teil einer Medieninszenierung ist. Also muss man die Geschichte hinter der Geschichte erzählen. Aber hat hier jemand schon mal den großen gelungenen Spielfilm über ein reales Fußballereignis gesehen?

Genau, eben nicht. Das hätte auch Sönke Wortmann wissen müssen. Hat er aber nicht. Er hat mit einem 7,5 Millionen-Euro-Budget »Das Wunder von Bern« gedreht, den Fußballfilm vom Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 1954. Wir erinnern uns kurz mal: Es war das erste Mal, dass Deutschland überhaupt wieder bei einem internationalen Wettkampf in Sachen Fußball teilnehmen durfte. Und es gewann, 3:2 gegen die angeblich unschlagbaren Ungarn. Ein national aufgeladener Sieg, dessen symbolischer Gehalt nicht höher hätte ausfallen können. Das sich durch einen verlorenen Krieg gedemütigt wähnende Volk sah auf einmal wieder Grund zu jubeln und konnte Selbstvertrauen tanken. Der paradigmatische, ins kollektive Bewusstsein gehämmerte Satz war: Wir sind wieder wer.

Heikle Sache, das alles in eine bedeutungsschwangere Bildsprache packen zu wollen. Wortmann erzählt sein groß angelegtes Nationalepos über drei Handlungsebenen, die einen Zusammenhang stiften sollen. Um das Ereignis aus einer ganz naiven Position besichtigen zu können, sich also mit der primären Erzählposition gleich aus der Verantwortung zu ziehen, wählt er einen einfachen Weg. Der elfjährige Mathias Lubanski (Louis Klamroth) ist Sporttaschenbesitzer und Fan von Helmut Rahn, seinem Idol und Vater-Ersatz; sein echter Papa hingegen befindet sich noch in Kriegsgefangenschaft. Wortmann verbindet die Fanperspektive – Lebenssinngebung durch den Sport – mit der der prototypisch ermatteten Nachkriegsfamilie, in die irgendwann auch der traumatisierte Vater (Peter Lohmeyer) zurückkehrt. Dann ist da noch der spießig-lustige, narrativ vollkommen überflüssige Sportreporter Ackermann, der mit seiner frisch angetrauten Frau statt in die Flitterwochen zur WM fährt. Die Pointe: Sie hasst Fußball.

Und da ist natürlich die Geschichte der Nationalmannschaft, unserer Jungs. Weil das authentische Material so oft medial verwertet wurde, können weder Sepp Herberger noch der schlecht nachsynchronisierte Fritz Walter oder der legendäre »Tor, Tor«-Radiokommentar von Herbert Zimmermann mehr mit einem Funken Leinwandleben erfüllt werden.

Überhaupt, »Tor, Tor«. Die »Ehe der Maria Braun« (1984), Rainer Werner Fassbinders Film über das Nachkriegsdeutschland, endete mit dem Radioreport inklusive euphorischer »Tor«-Schreie, um vor diesem Hintergrund das Scheitern der Wirtschaftswunder-Symbolfigur Maria Braun zu inszenieren. Da explodierte zum Siegesjubel ein Gasherd, und die Familie ging konsequent unter. Die ungeheure Verdrängungsleistung, die das Wirtschaftswunder erst möglich machte, kommt im »Wunder von Bern« nur in melodramatischen Platitüden vor. Klar, es gibt symptomatische Konflikte zwischen dem seine Söhne ohrfeigenden Soldatenvater und der Trümmermutter, als sie über die richtigen Erziehungsmethoden streiten, und auch eine Panikattacke, als Papa wieder beginnt, unter der Erde zu arbeiten. Doch die Enttäuschung über eine zerrüttete Familie endet in einem Fazit: »Wir können alle nix dafür, aber wir können helfen, dass es besser wird.« So billig, so dreist, so einfach macht es sich Wortmann, der es keine Sekunde des Filmes wirklich schafft, die Problematik seiner historischen Konstruktion zu reflektieren. Die Befreiung, die alle Figuren erfahren, erfolgt uninspiriert und wie selbstverständlich im großen Finale. Da wird sich dann gefreut, da findet plötzlich auch die Ehefrau des Sportreporters den Fußball toll, da ist die Nationalmannschaft eine Heldentruppe, da kann der autoritäre Vater endlich seinem Sohn gegenüber zugeben: »Auch deutsche Männer dürfen weinen.«

Mehr Außen gibt es nicht, ein Konrad Adenauer kommt in keiner Einstellung des Filmes vor, die Zweifel eines Fassbinder sind Jahrzehnte entfernt. Sönke Wortmann steuert auf ein Happy End zu, das sich weder angemessen von der Vergangenheit zu verabschieden vermag, noch die Zukunft einbezieht. Der Herausforderung, solch schwierigen Stoff spannend zu adaptieren und in seiner Ambivalenz zum Bersten zu bringen, begegnet Wortmann mit einem Film, der dem Massengeschmack zu entsprechen versucht.

Die potenzielle Chance des Films sind die Widersprüche, die in dem Wunder von Bern genannten nationalen Massenerlebnis des neuen demokratischen Deutschlands kulminieren. Zwar bevölkern die Ambivalenzen den Film wie die Laiendarsteller das Stadion, doch das Drehbuch will auf eine ganzheitliche Erlösung hinaus, und deshalb scheitert der Film. Was bleibt, an Entertainment, an Eskapismus und Spektakel, ist mal wieder der Sport. Und selbst der ist im »Wunder von Bern« ziemlich mau.

Der Regisseur und Ex-Fußballer Wortmann hat betont, dass man sich extra für Laiendarsteller mit Kicker-Erfahrung entschieden hat. Warum genau, weiß niemand. Die Spiele mit Ausnahme des Endspiels sind beiläufig und unambitioniert inszeniert, der große TV-Sport Fußball scheint sich mal wieder der Kinoleinwand zu entziehen. Für einen Spannungsaufbau am Spielfeldrand wird sich keine Zeit genommen. Nur bei Rentnern wird der Bezug zum historischen Material die Hormone freisetzen. Einfach ein guter Fußballfilm ist das »Wunder von Bern« also auch nicht geworden.

»Das Wunder von Bern«, D 2003. R: Sönke Wortmann. Start: 16. Oktober

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