05.11.2003

Fragen über Fragen

Zu einer Realisierung des Internationalismus. Von der Iniciativa Praxis-Crítica, Córdoba, Argentinien

Dass der Internationalismus in dem Maße, in dem er sich kritisch mit der Waren produzierenden Gesellschaft auseinandersetzt, eine der wichtigsten Säulen des marxistischen Gedankenguts ist, gehört zu den ersten Erkenntnissen, die wir in Lateinamerika auf dem langen Weg der Befreiung gewinnen.

Diese Erkenntnis wird anscheinend noch nicht von breiten Teilen der Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt geteilt. Die Bedingungen für die Zukunftsperspektive einer Gesellschaft ohne Klassen, ohne Ausbeutung und Unterdrückung sind heute günstiger denn je, aber den internationalisierten Produktionsformen wird immer noch ein auf nationale Grenzen bezogener Widerstand gegenübergestellt. Die Arbeiterkämpfe gegen das Kapital – unabhängig davon, ob sie ausdrücklich als solche deklariert werden – bleiben auf die lokalen und nationalen Zusammenhänge beschränkt.

Das zeigt, dass jene umfassende Vision der Gründer der (Ersten) Internationale im Laufe des 20. Jahrhunderts ihre Schärfe so weit verloren hat, dass ihre Brisanz trotz Beteuerungen in politischen Veranstaltungen nur noch in sehr kleinen Enklaven am Leben zu sein scheint, die kaum in der Lage sind, den Internationalismus als konkreten Kampf gegen die Internationalisierung des Kapitals und seine zerstörerische Durchdringung aller Kontinente in die Praxis umzusetzen.

Angesichts dieses Zustands scheint es uns zunächst angebracht, die Frage zu stellen, was eine Weiterentwicklung und Realisierung eines internationalistischen Bewusstseins jenseits der ritualisierten Sprüche der politischen Veranstaltungen und punktuellen Proteste linker Gruppen und Parteien des Nordens und Südens verhindert hat.

Praktisch und theoretisch relevant ist die Feststellung, dass eine wirksame Reaktivierung der internationalistischen Praktiken nur aus einer differenzierten Analyse der aktuellen Produktionsformen entstehen kann und dass sich diese Praktiken auf eben diese Analyse beziehen müssen. Sie sollte differenziert genug sein, um einerseits sowohl der weltweiten Fragmentierung der Arbeitsprozesse als auch ihren entsprechenden Folgen auf die Lebensbedingungen sowie ihrer Konsequenzen auf der Ebene des Bewusstseins gerecht zu werden.

Andererseits sollte sie eine Verständnisebene erreichen, von der aus die objektive und aus der lokalen, regionalen und nationalen Perspektive subjektiv kaum wahrgenommene vielfältige Fragmentierung nicht nur analytisch gefasst werden, sondern auch in eine noch zu globalisierende Praxis umgesetzt werden kann.

Hindernisse

Aus der südlichen Perspektive betrachten wir den Internationalismus als eine Aufgabe, die trotz einiger Ansätze noch keine Realität ist, und zwar deshalb, weil für seine Verwirklichung einige Hindernisse zu überwinden sind. Es handelt sich dabei um geschichtliche Entwicklungen, die einen kontinuierlichen und beständigen Internationalismus gebremst haben. Ihre angemessene Behandlung bedürfte eines breiteren Rahmens, deswegen beschränken wir uns hier auf den Hinweis einiger Aspekte, die eher den Charakter von Hypothesen haben und deren Berücksichtigung bedeutend zur Überwindung des Status quo ist.

Im Bereich der Süd-Nord-Beziehungen stellen wir u.a. eine entwicklungsbedürftige Beziehung zwischen den lateinamerikanischen und europäischen Linken fest, denen stark eurozentrische Züge gemeinsam sind und die der marxistischen Tradition keineswegs fremd sind. Selbst der junge Marx (bis etwa 1850) beschrieb die außereuropäischen Völker als geschichtslose Barbaren (Manifest) und erst später revidierte er diese Meinung (s. Briefe).

Dass er keine angemessene Einschätzung der Prozesse und Kämpfe der Kolonisierten hatte, blieb nicht ohne Folgen bei den europäischen und lateinamerikanischen Sozialisten. Der peruanische Soziologe Anibal Quijano bezeichnet diese Blockade (und auch jene, die es für Intellektuelle der Peripherie in den Zentren gibt) als »Kolonialität der Macht«:

»Als Eurozentrismus, der mit Ethnozentrismus verwandt ist, aber nicht dasselbe ist, bezeichne ich die Art, wie Erkenntnis und Wissen produziert werden. Es betrifft das, was aus der kognitiven Perspektive Europas kodifiziert wurde und jedoch für die Bearbeitung der gesamten Erfahrung des Kolonialismus und aller seiner Wirkungen und insbesondere jener, die ich Kolonialität der Macht nenne, verwendet wird. Das ist das Hauptproblem. (…) Es beinhaltet eine Art, die Wirklichkeit zu sehen, die aufgrund ihrer entstellenden Struktur (…) ein Zerrspiegel (ist), so dass, wenn man sich darin anschaut, nicht die eigene Erfahrung, sondern ein entstelltes Bild widergespiegelt wird. Wenn man an einer Problemstellung, die falsch gesehen und daher auch falsch gestellt wird, arbeitet, kann auch das Problem nur sehr partiell oder entstellt behandelt werden. Solange der Eurozentrismus nicht nur in Europa, sondern auch in Lateinamerika und Afrika nicht aus den Köpfen ausradiert wird, besteht dieses Problem weiter.« (1)

Auch die Geschichte der Internationale bzw. der Komintern ist ein Beispiel für diese Sichtweise, die sich durch ihre Institutionalisierung in internationalen Strukturen, in denen gehorsame kommunistische Parteien aus Lateinamerika einen Platz hatten, verfestigte. Die in der II. Internationale schon im Keim sichtbare und später in der Komintern durch ihre ausschließlichen Verbindungen zu den kommunistischen Parteien deutliche Bürokratisierung der lateinamerikanischen und europäischen Arbeiterparteien haben in Europa für eine Kontinuität der bestenfalls paternalistischen Behandlung der in Lateinamerika stattfindenden Entwicklungen gesorgt.

Dass wichtige geschichtliche Ereignisse wie die mexikanische Revolution (1910– 1917) Zapatas, die argentinische Reform von Córdoba (1918) oder der Aufstand Sandinos gegen die Okkupation der USA in Nicaragua (1927) von den europäischen Revolutionären kaum zur Kenntnis genommen wurden, ist heute insofern wichtig, weil dadurch eine Tradition entstand, die ein ernst meinender, demokratisch entstandener Internationalismus hinter sich lassen muss.

Die Fortdauer des eurozentrischen Blicks innerhalb der marxistischen lateinamerikanischen Linken lässt nur kurzsichtige Analysen zu, die jene Teile der Wirklichkeit ausblenden, die nicht in den vorgegebenen Rahmen passen. Dabei wurden einige revolutionäre Ausdrücke der komplexen Prozesse dieser Völker verkannt.

Die am Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa vollzogenen Spaltungen der reformistischen und revolutionären Sozialisten, die in Europa zu nationalistischen und internationalistischen Positionen zum Ersten Weltkrieg führten, haben in Lateinamerika ihre Entsprechungen gehabt (und haben auch zur Fragmentierung der jüngst entstandenen Arbeiterklasse beigetragen), allerdings mit einigen Entstellungen, nicht zuletzt weil im Gegensatz zu Europa die nationalen Kämpfe jener Zeit einen defensiven Charakter gegenüber den expansionistischen Bestrebungen der USA (2) hatten, die ihre zahlreichen Interventionen in Lateinamerika auf der Grundlage der Monroe-Doktrin begründeten.

Gleichzeitig hatte die von Lenin zur Zeit der II. Internationale schon in Sicht gestellte Weltrevolution, die sich mehr auf Europa und bedingt auf die USA (3) bezog, die lateinamerikanischen RevolutionärInnen stark geprägt. Die Konterrevolution in Spanien, der Faschismus in Italien und der Nationalsozialismus in Deutschland führten in Lateinamerika zu einer Verstärkung eines internationalistischen Bewusstseins, aber auch zu einer Verschärfung der Spaltung unter den lateinamerikanischen SozialistInnen, KommunistInnen und AnarchistInnen, die sich u.a. an Fragen der Bündnispolitik, des Verhältnisses zwischen der Partei und den Massen, der Kritik am Kapitalismus und seiner Abschaffung durch Evolution oder Revolution sowie an die Frage der Priorität der Revolution in einem Land mit der entsprechenden Kritik der »verratenen Revolution« festmachten.

Die damit verbundene Spaltung der Arbeiterbewegung wurde zementiert und schwächte auch die in Argentinien sehr früh entstandenen zwei Arbeiterzentralen, die anarchistische Federación Obrera Nacional Argentina (Fora, 1901) und die sozialistische Union General de Trabajadores (UGT, 1903).

Die Bürokratisierung der lateinamerikanischen Arbeiterbewegung erhielt durch das fordistische Akkumulationsmodell noch einen kräftigen Impuls. Sie wurde allerdings in die vom keynesianischen Staat gut kontrollierten Bahnen der gewerkschaftlichen Abteilungen für »internationale Beziehungen« und die nationalen Verhandlungstische umorientiert. Das von den kommunistischen Parteien geförderte Korrelat des Weltgewerkschaftsbunds band seinerseits einen Teil der Arbeiterbewegung an die von Moskau diktierte internationale Politik.

In beiden Fällen war die Konsequenz eine noch stärker vertikal strukturierte Arbeiterbewegung, die zum größten Teil den internationalen Charakter der kapitalistischen Produktionsverhältnisse aus den Augen verlor und nicht weit über die nationalen Grenzen hinausblickte. Damit gingen die entsprechenden Einengungen ihrer Forderungen einher, die sich als sehr günstig für Kapitalverwertung des Modells und die Erhaltung des Status quo erwies.

us dem Süden

Neben den bereits beschriebenen Aspekten sind die internationalistischen Positionen mit Besonderheiten konfrontiert, die an der antikolonialen Tradition anknüpfen. Diese Tradition ist weiterhin eine Quelle für wichtige revolutionäre Bewegungen lateinamerikanischer Prägung mit starken identitätsstiftenden Merkmalen (Sandinismo, Guevarismo, Zapatismo). Darin drückt sich ebenfalls eine eindeutige Distanz zu europäischen geschichtlichen Entwicklungen aus, die durch die bedingungslosen Unterordnungen der lateinamerikanischen MarxistInnen und unsere bisherige Blindheit für bestimmte Aspekte der unmittelbaren Wirklichkeit noch verstärkt wurde.

Bei der Berücksichtigung des historischen Hintergrunds spielt aber eine große Rolle, dass der Sieg des emporkommenden Kapitalismus des 19. Jahrhunderts in Lateinamerika mit dem antikolonialen Kampf einherging, der die politisch-republikanische Formation und ihre Integration ins System der Nationalstaaten durchsetzte.

Die Kolonialmächte Frankreich und England begünstigten in eigenem Interesse die emanzipatorischen Bewegungen in diesem Teil der Welt, versuchten zugleich, sich territorial zu etablieren. Der englische Merkantilismus suchte aber primär seine kommerzielle Hegemonie in der »neuen« Welt und bot dafür einer kleinen, aber schon kräftigen Agrarbourgeoisie und einigen Händlern bessere kommerzielle Bedingungen als die spanische Kolonialmacht.

Diese Bourgeoisie hatte sich auf der Grundlage der Vertreibung und Beraubung der Urvölker gebildet und deren Arbeitskraft durch ihre Einbindung am Versklavungsregime der »Encomiendas« gesichert (4). Dass es dieser Bourgeoisie so gut gelang, ihre eigenen Interessen mit einem Identifikationsbild der Befreiung zu verbinden, zeigt sich in der Galerie der Nationalhelden, die immer noch in Schul- und zahlreichen Geschichtsbüchern gefeiert werden.

Wichtig ist dabei anzumerken, dass sich in Lateinamerika auf der Basis der eigenen geschichtlichen Erfahrungen der antikolonialen Kriege und der Konfrontationen mit den Hegemoniebestrebungen der USA sehr früh ein antiimperialistisches Bewusstsein entwickelte und zur Bildung verschiedener Tendenzen führte. Es wäre zu einfach zu behaupten, dass ihre Trennungslinie zwischen den nationalistischen und antikapitalistischen Positionen gezogen werden kann. Der kubanische Antiimperialismus ist ein Beispiel dafür.

Aber auch die Folgen der von den USA begünstigten blutigen Militärdiktaturen der siebziger Jahre, die einen großen Teil der RevolutionärInnen ermordeten und ihre Organisationen vernichteten, haben erheblich zu einer Verfestigung und Erweiterung des lateinamerikanischen antiimperialistischen Bewusstseins beigetragen.

Sie schufen die sozialen Voraussetzungen für die Durchsetzung des neoliberalen Akkumulationsmodells, das in den neunziger Jahren seinen Höhepunkt erreichte – durch strukturelle Veränderungen, die den Abbau der in Jahrzehnten erkämpften sozialen Errungenschaften, die Stilllegung zahlreicher Betriebe, die Vorherrschaft des Finanzkapitals, eine soziale Umschichtung mit einer entsprechenden wirtschaftlichen Polarisierung, die Öffnung der Grenzen für das ausländische Kapital und die Waren (nicht für die Menschen) und eine zunehmende Arbeitslosigkeit beinhalteten.

Welch verheerende Konsequenzen dieses Modell für die Menschen gehabt hat, lässt sich an einigen Erfahrungen in Argentinien ablesen, die politisch von Bedeutung sind, weil sie auch einer großen Zahl der Betroffenen eine Wahrnehmung der kapitalistischen Strukturen und ihrer internationalen Verflechtungen ermöglichen.

Die aus der Produktion Ausgeschlossenen bilden zusammen mit den Jugendlichen die große Masse der Arbeitslosen. Ihre Überlebensstrategien haben neue Organisations- und Kampfformen entwickelt und bringen neue soziale Subjekte hervor. Eine große, heterogene, parteilose und unstrukturierte Linke in Argentinien fördert (und arbeitet an) Initiativen der Produktion und Reproduktion auf der Basis neuer solidarischer und horizontaler organisatorischer Formen, die alte und neue Revolutionäre dazu veranlassen, wichtige traditionelle Positionen über den Staat, die Macht, die Organisation und die Bedeutung des Subjektiven neu zu denken.

Deswegen ist ein großer Wandel im Bereich des Internationalismus innerhalb Lateinamerikas eingetreten. Häufig werden von den Betroffenen direkte Verbindungen jenseits der herkömmlichen vertikalen Parteistrukturen (manchmal aber auch mit ihnen) über die Landesgrenzen hergestellt. Diese bemerkenswerten Erfahrungen finden aber noch im Rahmen der Subsistenzwirtschaft statt; die damit verbundenen politischen und politisierenden Prozesse sind Ergebnisse ihrer reflektierten Erfahrungen mit der Produktion, Erziehung, medizinischen Versorgung und mit einer beginnenden neuen Gesellschaftlichkeit.

Aber diese erfreulichen Prozesse sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die organisierte (und beschäftigte) Arbeiterbewegung immer noch in den traditionellen, also national gebundenen Strukturen bleibt, trotz der Internationalisierung der Arbeitsprozesse.

Ein neuer Internationalismus?

Die wesentlichen Veränderungen des neuen Akkumulationsmodells zeigen sich sowohl in der gesellschaftlichen Umgestaltung und den damit verbundenen Verschlechterungen der Lebensbedingungen von Millionen Menschen als auch in der von ihnen bestimmten Subjektivität, die den Fortbestand der kapitalistischen Herrschaft absichern soll.

Mit der Internationalisierung der Produktion ist eine bedeutende Segmentierung der Arbeitsprozesse eingetreten, die sich von den tayloristischen bzw. fordistischen Arbeitsprozessen unterscheidet, weil sie an eine räumliche Trennung gekoppelt wird, so dass das Endprodukt aus Teilen besteht, die in verschiedenen Ländern der Welt hergestellt werden und deren Zusammensetzung auch partiell und regional erfolgt.

Diese Entkoppelung bestimmter Segmente des Produktionsverfahrens beinhaltet zugleich eine Destrukturierung der potenziellen Kommunikation, die Monopolisierung der technischen Entwicklungen und eine Entsolidarisierung zwischen den Menschen, die am Produktionsverfahren eines einzigen Produkts beteiligt sind, nicht zuletzt weil diese ArbeiterInnen unter sehr unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und Löhnen arbeiten müssen.

Ein neu formulierter Internationalismus kann dazu beitragen, die Voraussetzungen für einen direkten Dialog der an der Produktion Beteiligten jenseits der bürokratischen Gewerkschaftsapparate zu schaffen, damit ein Austausch ihrer Erfahrungen mit den vielfältigen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung stattfinden kann, die das Kapital sehr differenziert weltweit einführt (5).

Im Bereich der Reproduktion der Arbeitskraft sind die Folgen der gesellschaftlichen Umschichtung unübersehbar. Die Privatisierung der Gesundheits-, Erziehungs- und Rentenversicherungssysteme hat zu einer wesentlichen Zunahme der sozialen Ungleichheiten und der Polarisierung geführt, dabei sind die noch vorhandenen Reste der staatlichen Einrichtungen absolut überfordert, die wachsende Zahl der Marginalisierten minimal zu betreuen.

Die in diesem Bereich sowohl im privaten als auch im staatlichen Sektor Beschäftigten ertragen die ununterbrochene Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen und Löhne, nicht zuletzt weil sie durch die Außerkraftsetzung der fordistischen Verhandlungsformen und den Verlust ihrer in Jahrzehnten erkämpften sozialen Errungenschaften der Willkür von Unternehmern bzw. der kaum noch funktionsfähigen Justiz ausgeliefert sind, während sie gleichzeitig die Wirkungen dieses neoliberalen Akkumulationsmodells zu spüren bekommen (6).

Diese Phänomene der in der Peripherie produzierten Lebensrealitäten, Wahrnehmungs- und Bewusstseinsformen trennen die Ausgebeuteten aus dem Süden noch mehr von denen des Nordens. Ein Internationalismus, der diese Aspekte nicht außer Acht lässt, müsste die erheblichen Ungleichheiten zwischen den nördlichen und südlichen Lebensrealitäten berücksichtigen und versuchen, über solche Ungleichheiten hinweg und jenseits der Diskurse und wohlwollenden Absichten eine gemeinsam erarbeitete Kapitalismuskritik in eine internationalistische Praxis umsetzen.

Die Überlebensstrategien der aus der Produktion Marginalisierten gehen im Süden neue Wege, sie experimentieren auf der Basis der von den Arbeitslosen mitgebrachten Erfahrungen, und versuchen – manchmal erfolgreich –, sich in die Produktion wieder einzugliedern. In Argentinien besetzen und aktivieren sie geschlossene Betriebe und beginnen eine selbst verwaltete Produktion zu organisieren, sich mit anderen Gruppen auf der Grundlage solidarischer Projekte zu koordinieren und knüpfen (international) direkte Beziehungen zu anderen Lateinamerikanern. (7)

Diese entscheidenden Veränderungen im Rahmen widersprüchlicher Prozesse veranlassen uns, auch wegen der lokalen, nationalen und weltweiten Umwälzungen, unser herkömmliches begriffliches Instrumentarium und unsere Kampfformen, die aus anderen räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen stammen, auf ihre heutige Gültigkeit zu überprüfen, damit wir auch die differenzierten Herrschaftsformen des Spätkapitalismus und ihren Einfluss auf die Bewusstseinsebene richtig einschätzen können.

Viele unserer alten Wahrheiten, beispielsweise zur Rolle des Staates, zur nationalen Bourgeoisie, zum revolutionären Subjekt, zur Übernahme der Macht etc. wurden von der Dynamik des globalisierten Kapitals erschüttert. Sogar Begriffe wie Zentrum und Peripherie müssen neu bestimmt werden, seitdem auch in den zentralen Ländern peripherie-ähnliche soziale und ökonomische Bedingungen herrschen.

Viele Fragen

Neben der Rolle der Familie, dem Zwang der Heterosexualität, der Kultur usw. haben folgende Fragen heute eine größere politische Relevanz im Hinblick auf eine kommunistische Zukunft: Liegt es an den unterschiedlichen kulturellen Gefügen, aus denen die langfristig wirksamen ideologischen Strukturen operieren, die uns hindern, eine kommunistische Vision des »Gattungslebens« nach Marx zu denken?

Wie artikulieren sich solche kulturellen Elemente mit den beschleunigten, konjunkturbezogenen, zeitlich flüchtigen und dennoch nachhaltigen Botschaften, die noch entfremdetere Subjektivitäten produzieren?

Wie können wir gegen diese neuen Unterdrückungsformen kämpfen, die eine mittel- und langfristige Planung unseres Lebens fast unmöglich machen und uns zumindest im peripheren Kapitalismus (auch wenn wir wissen, dass der Kapitalismus sich immer auf ungleiche Entwicklungen und ihre gegenseitige Abhängigkeit stützt) eine in minimalen Zeiteinheiten geteilte Planungsform auferlegen, so dass unser Zeitgefühl dermaßen verzerrt wird, dass wir nur noch eine unmittelbare Gegenwart und keine Zukunft mehr vor uns sehen?

Wie befassen wir uns gemeinsam mit der Abschaffung dieses Kapitalismus, der ein Menü homogenisierender Identitätsbilder global anbietet und zugleich ein Angebot lokal differenzierter Leitbilder entfaltet, die unsere Selbstwahrnehmung so fragmentiert, dass unsere ArbeiterInnenidentität höchstens eine unter vielen anderen ist?

Sind diese Fragen auch im Norden bedeutend?

Wir treten für einen Internationalismus ein, der die jeweiligen partiellen Antworten integriert und unsere noch zerstreuten Kämpfe koordiniert. Das ist keine einfache Aufgabe, weder für diese noch für jene Region der Welt. Wir leben inmitten von komplexen Prozessen, die uns nur einen kleinen Teil einer vielfältigen Wirklichkeit wahrnehmen lassen. Konstant ist aber eine sehr dynamische Artikulation gleichzeitig stattfindender Entwicklungen, die ökonomische Macht, Verwaltung und Kontrolle des weltweit erzeugten Mehrwerts zentralisieren bei gleichzeitiger Zerstreuung der Produktionsprozesse, die sich nur prekär verorten und eine ökonomische Verwüstung hinterlassen.

Das wesentliche kapitalistische Prinzip der Polarisierung bleibt dabei zwar erhalten, aber die regionalen Ungleichheiten und verschiedenen Ausschlussformen haben sich vertieft und damit mehr Gewalt produziert. Neue Formen der Opposition und des Widerstandes vermehren sich weltweit. Sie zu bündeln ist eine Aufgabe.

Eine Kapitalismuskritik, die den Anspruch erhebt, wirksam zu werden, soll die Perspektiven des Nordens und des Südens integrieren, ihre Kämpfe artikulieren, die Erfahrungen vernetzen und die zahlreichen Stimmen der Revolutionäre der Welt verstärken. Damit unsere Aufgabe die geschichtliche Entschlossenheit hat, sollen unsere Fragen aus diesem neu belebten Internationalismus kollektiv und international ohne bürokratische Bindungen oder regionale Überheblichkeiten auf einer breiten Basis beantwortet werden.

Wir danken Ingar Abels für ihre Hilfe.

Anmerkungen

(1) www.pensamientocritico.org/aniqui0602.htm

(2) Eine Zusammenfassung der US-Interventionen in Lateinamerika auch in http://de.wikipedia.org

(3) Aufschlussreiche Kommentare über Trotzkis Einschätzung der US-Sozialisten findet man in Isaac Deutscher: Trotzki. Bd. 1, S. 234. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1962.

(4) Die Verbreitung der republikanischen Ideen erfolgte durch diese Bourgeoisie, die von Anfang an von zwei wichtigen Interessenkonflikten geprägt wurde: dem Widerspruch zwischen den Interessen der Landbesitzer der fruchtbarsten Gebiete und denen der Viehzüchter einerseits und dem Konflikt zwischen den Interessen der Händler in Buenos Aires mit den kommerziellen Überseeverbindungen und der von ihnen abhängigen Händler der restlichen Provinzen.

(5) Ein Supermarkt in Mendoza, Argentinien, wurde neulich von den Kassiererinnen angezeigt, weil die Leitung sie zum Tragen von Windeln verpflichten wollte, damit sie ihren Arbeitsplatz keine Minute verlassen, um auf die Toilette zu gehen.

(6) In Argentinien sieht man das im staatlichen Erziehungswesen. Die Kinder armer Familien bekommen in der Schule ein Mittagessen und eine Zwischenmahlzeit, in der Regel ist das die einzige Nahrung, die sie am Tag erhalten. Die verarmten LehrerInnen sehen sich gleichzeitig außerstande, die zahlreichen pädagogischen Aufgaben zu bewältigen, für die ihnen eine entsprechende Ausbildung fehlt.

(7) Die Zapatisten in Mexiko und die brasilianische Bewegung der Landlosen (MST) sind die wichtigsten Anziehungspunkte für Studenten der Agrarfakultäten. Sie machen seit Jahren Praktika bei der MST. Auch die »Campesinos« der zunehmend bedeutenden argentinischen Mocase (Movimiento Campesino de Santiago del Estero) halten häufig Verbindungen zur MST.