03.12.2003

Spricht die Subalterne deutsch?

Postkoloniale Kritik und Migration. Eine Einführung

Lassen sich die Begriffe der postkolonialen Theorie, die in den letzten Jahren zunehmend auch im deutschen Kontext rezipiert wurden, auch in diesem anwenden oder sind sie hier irrelevant? Kann von Deutschland überhaupt als einem postkolonialen Ort gesprochen werden – und warum (nicht)? Wie können postkoloniale Konzepte auf soziale Bereiche wie Migration oder Phänomene wie den in Deutschland virulenten Rassismus und Antisemitismus angewendet werden?

Lassen sie sich überhaupt übertragen, oder erfordern die postnationalsozialistischen gesellschaftlichen Strukturen Deutschlands eine völlig andere Herangehensweise? Wie kann das totale Auseinanderklaffen in der Adaption dieser Konzepte im akademisch-kulturwissenschaftlichen Milieu und deren Diskussion und Umsetzung in Aktionsformen von MigrantInnen und Minorisierten verstanden werden? Welcher notwendigen Kritik müssen sie andererseits etwa bezüglich ihrer Tendenz zur Kulturalisierung politischer Konstellationen unterzogen werden?

Ist es ein Zufall, dass Kernbegriffe der Postcolonial Studies wie Hybridität umstandslos ins Vokabular des rot-grünen Nützlichkeitsdiskurses über Migration aufrücken konnten und als Werbeslogan für den Standort Deutschland und dessen multikulturelles »Potenzial« verwendet werden? Wie kommt es, dass der postkoloniale Diskurs vor allem im kulturellen Bereich in jüngster Zeit auch von staatlichen Stellen stark gefördert wird, während gleichzeitig die Abschiebe- und Kriminalisierungspolitik gegenüber Flüchtlingen fortgeführt wird?

Wie sind andererseits die oft gefährlich ins Reaktionäre tendierenden antiimperialistischen und antiwestlichen Tendenzen einiger Bereiche der Postcolonial Studies zu kritisieren, ohne in die Affirmation des Status quo zurückzufallen?

Im dem von uns herausgegebenen Buch »Spricht die Subalterne deutsch?«, dessen drittes Kapitel hier als Vorabdruck erscheint, werden diese Fragen von den verschiedenen Autorinnen und Autoren durchaus uneinheitlich beantwortet. Neben Texten, die versuchen, Konzepte postkolonialer Diskurse auf lokale Situationen anzuwenden, finden sich auch solche, die den Rahmen postkolonialer Theoriebildung teilweise oder insgesamt in Frage stellen und überschreiten.

Insofern stellt das Buch keine einheitliche Stellungnahme zum ohnehin heterogenen Feld postkolonialer Theoriebildung dar, sondern gibt einen Einblick in die Bandbreite der Diskussionen und Praxen um Postkolonialität im deutschsprachigen Kontext. Vor allem beleuchtet es aber die Auswirkungen, die postkoloniale Konzepte für das Verständnis und die Transformation der Realität von MigrantInnen und Angehörigen von Minderheiten im wieder vereinigten Deutschland haben, in einer Realität also, die durch die Zunahme rassistischer und antisemitischer Gewaltbereitschaft in einer postnationalsozialistischen Gesellschaft geprägt ist.

Wie kann dieser Kontext mit den verschiedenen Konzepten des Baukastens postkolonialer Theorie verstanden werden? Inwieweit greifen diese Konzepte überhaupt? Inwieweit überschneiden bzw. unterscheiden sich die Anwendungsgebiete dieser Konzepte von jenen der »Post-Holocaust«-Forschung, aber auch von Untersuchungen über die postkommunistischen Situationen Osteuropas?

Neben Texten, die die Adaption und Rezeption postkolonialer Theorie im deutschen Kontext thematisieren und die Frage stellen, inwiefern sie existente Bereiche wie die Migrationsforschung transformieren sollen (z.B. Ha, siehe auch Seiten 2 bis 4) , oder die für eine fundamentale Transformation und Kritik der Begriffsbildungen der Postcolonial Studies plädieren, versammelt der Band vor allem auch Texte, die einzelne Thematiken verhandeln, wie etwa Arbeitsverhältnisse, Repräsentation, feministische Selbstorganisation von Migrantinnen, Rassismuserfahrungen schwarzer Frauen, Queerness oder die Auseinandersetzung mit Formen der Subjektivierung im Zusammenhang mit Rassifizierung.

Weitere Texte behandeln die Frage der Subalternität, die auch im Titel des Bandes aufgeworfen wird, und ihre Tücken, wenn sie von ihren gesellschaftskritischen und historischen Prämissen abgetrennt und zu einer Figur wird, in der sich der akademische Mittelstand als unterdrückt und unterprivilegiert darstellt. So meinte die Erfinderin des Slogans: »Can the Subaltern speak«, Gayatri Chakravorty Spivak, im März 2001 zur Inflationierung dieses Begriffs: »I’m tired of the subaltern.«

Vor diesem Hintergrund stellen z.B. Maria do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan die Frage danach, ob die »postkoloniale Feministin« oder die »intellektuelle Migrantin« die Position der Subalternen einnehmen kann. Diese Frage ist ganz klar mit einem Nein zu beantworten, und es ist auch nicht die Intention des Sammelbands, sich in die Litanei eines endlosen depolitisierenden und relativierenden Diskurses über die Subalterne im Besonderen und Differenz und Postkolonialität im Allgemeinen einzureihen.

Stattdessen sollen die Figuren eines zunehmend in Richtung Differenzverwaltung abdriftenden postkolonialen Diskurses kritisch beleuchtet werden. Das betrifft sowohl ihre kritische als auch ihre affirmative Rolle im Rahmen eines kapitalistischen Verwertungssystems, das auf Differenz setzt und sie in Form kulturalistischer und identitärer Bantustans auch weltweit produziert und reproduziert.