Für manche in der Linken entwickelt sich Europa zum Superstaat, und manche Kritik daran nimmt dieses Phantasma schon für bare Münze. Anderen gilt der alte Kontinent als ein Gegenmodell zur neuen von den USA dominierten Weltordnung, dessen sozialstaatlichen Errungenschaften und dessen Typus politischer Öffentlichkeit verteidigenswert erscheinen. Der Frage nach einem »subversiven Europa« geht Antonio Negri im gerade erschienenen Buch »Europa und das Empire« nach, das Texte aus den vergangenen Jahren versammelt (Antonio Negri: »L’Europa e l’Impero: riflessioni su un processo costituente«, Manifestolibri, Rom 2003).
Mit Antonio Negri sprachen Federica Matteoni und Thomas Atzert.
Sie haben einmal Europa »eine Farce für die Untertanen des Empire« genannt. Ist es notwendig, von Europa zu reden?
Als ich Europa als »Farce für die Untertanen des Empire« bezeichnete, wollte ich auf den Versuch hinweisen, aus Europa eine Großmacht zu machen, und damit den Diskurs über Europa vom globalisierungskritischen Diskurs trennen.
Nur mit Bezug auf die Globalisierung kann man über Europa reden. Darüber zu reden, wird in dieser Zeit immer wichtiger, denn angesichts der »amerikanischen Konterrevolution« – nennen wir das mal so – erscheinen Formen der Selbstverteidigung, »Widerstandspole« auf globaler Ebene, als notwendig. Ich denke an Europa, ich denke an China, ich denke an Lateinamerika und an eine Reihe von politischen, ökonomischen und kulturellen Prozessen, die angesichts der »Konterrevolution« wenigstens zur Verteidigung taugen können.
Laufen wir, wenn wir von dem politischen Projekt »Europa« reden, nicht Gefahr, an der Konstruktion einer »europäischen Identität« mitzuwirken, an einem »besseren«, »anderen« Europa?
Zweifellos besteht diese Gefahr. Das Problem ist, inwiefern es sich um einen Irrweg handelt, der vermieden werden kann. Es wäre sehr schädlich, wenn sich Europa als »besserer Pol« präsentieren würde. Ich rede aber von einem Spezifikum in der Entwicklung der europäischen Kultur, das nicht unbedingt großzügiger ist als andere Beispiele politischer oder kultureller Institutionen.
In Europa gab es eine wohlfahrtsstaatliche und eine bedeutende sozialdemokratische Tradition. Auch wenn wir alle gegen die Sozialdemokratie sind, ist es für uns unmöglich, dieses »Ding« nicht zu verteidigen, denn es ist Teil unserer Lebensweise. So gesehen, geht es nicht darum, ein »besseres Europa« zu gestalten, sondern darum, ein Europa zu denken, in dem bestimmte Lebens-, Politik- und Produktionserfahrungen zusammenfließen und so die Armut weiter zurückdrängen und eine ganze Reihe von Freiheitsbeschränkungen beseitigen. Auf diese Elemente kann man keine Identität aufbauen, aber man kann sie als Chance betrachten.
In einem Essay zur EU-Außenpolitik haben Sie kürzlich den Unilateralismus der Regierung Bush als »Staatsstreich« im Empire bezeichnet. Was zeichnet den Staatsstreich aus? Wieso sprechen Sie nicht einfach von Imperialismus?
Der Imperialismus war in der Auseinandersetzung zwischen Nationalstaaten ein Ausdruck des Nationalstaats. Mit dem Empire verändern sich die Kategorien politischen Handelns und Denkens. Dessen Grundlage ist ein Weltmarkt, der nicht länger durch die Unterschiede zwischen den Staaten gegliedert, sondern kapitalistisch vereinheitlicht ist.
Man kann von einem amerikanischen »Staatsstreich« als dem Versuch sprechen, die Macht über den globalen Kapitalismus, über die Zivilgesellschaft zu übernehmen – wobei Zivilgesellschaft nicht mystifizierend die bürgerliche Gesellschaft meint. Es ist der 18. Brumaire des George W. Bush.
Dennoch scheint es nicht, als ob dieser Staatsstreich gelingen könnte. Die US-Verschuldung steigt, die multinationalen Aristokratien unterwerfen sich nicht einfach dem Regenten aus Washington, der Krieg kostet zu viel und die Widerstände der Multitudes befördern den Wunsch nach Demokratie und vertiefen die Widersprüche zwischen monarchischer Macht und den multinationalen Aristokratien.
Im selben Essay sprechen Sie von einem Riss im imperialen Machtgefüge und fragen, ob Europa ein Terrain für »strategisch-taktische Allianzen zwischen aristokratischen Kräften und solchen der Multitudes gegen den amerikanischen Unilateralismus« abgeben könnte. Schlagen Sie damit für die sozialen Bewegungen eine Politik der Mitwirkung vor?
Die Widersprüche zwischen dem versuchten Staatsstreich und dem Entwicklungsweg der multinationalen Aristokratien sind offensichtlich. Europa, China und heute auch die großen lateinamerikanischen Länder bilden Zonen relativer Unabhängigkeit gegenüber der Herrschaft der amerikanischen monarchischen Macht.
Die Multitudes haben indes nichts mit den multinationalen Aristokratien zu schaffen, ebenso wenig wie mit dem amerikanischen Regenten; die Arbeitenden können sich also nur über die Verwerfungen und Spaltungen unter ihren Ausbeutern freuen.
Ist es möglich, diese Spaltungen taktisch auszuspielen und so die Grundlagen einer Selbstverwertung der Arbeit zu schaffen, strategisch ausgerichtet auf universelle Bürgerrechte und ein allgemeines garantiertes Einkommen? Mir scheint, dass sich – die Friedensbewegung hat das jüngst gezeigt – sehr breite Bündnisse entwickeln können, ohne dass die Bewegungen an Radikalität verlieren. Doch um die Momente, an denen sich die Fraktionen der herrschenden Klasse scheiden, zu nutzen, müssen wir das Tempo höchstwahrscheinlich forcieren. Das ist genauso wichtig wie diese Ziele.
Riskiert die Vorstellung eines Staatsstreichs im Empire, verbunden mit bestimmten Vorstellungen europäischer Identität, nicht, einen in der Linken bisweilen virulenten Antiamerikanismus zu bedienen?
Der Antiamerikanismus gehört den Nationalisten. Wir bekämpfen identitäre und nationale Vorstellungen, Praxisformen und Reminiszenzen. Dagegen glauben wir, dass die einzig existente Rasse die des Melchisedek ist: Leute, in deren Adern das Blut aller Rassen fließt, Mestizen aller Völker, die die Multitudes bilden, weil die Multitudes sie hervorbringen. In Amerika sind sie alle enthalten, so wie Europa durch die Invasionen der Barbaren geschaffen wurde.
Es reicht mit dem Antiamerikanismus! Ohne eine starke amerikanische Linke, ohne den Aufstand der Multitudes in den USA geht heute nichts auf der Welt. Und von der amerikanischen Linken können wir die Sabotage ihrer Regierung und des unilateralen Kriegs nur anmahnen, wenn wir in der Lage sind, unsere Regierungen zu sabotieren und den Frieden und den Kommunismus zur Grundlage unserer demokratischen Kämpfe zu machen.
Europa zu schaffen, heißt, sich in dieser Richtung zu bewegen. Wir wollen keine »Supernation« Europa, wir wehren uns gegen ein Europa der sich selbst replizierenden Nationen, eine Art Heiliges Römisches Reich, geführt von den Großverwesern kleiner despotischer Fürstentümer. Europa ist für uns ein Modell kosmopolitischer Demokratie, das schwache Glied in der Kette imperialer Herrschaft.