Europa an der Newa
Sie ist die einzige Stadt in Russland, wo die Menschen wissen, dass sie in Europa sind, an der Küste eines europäischen Gewässers, in dem nachts die Sonne versinkt, die Petersburg an jenen seltenen Tagen, wo sie am Himmel zu sehen ist, in ein zitronig nördliches Licht taucht. In den übrigen Wochen glänzen die goldenen Kuppeln und Turmspitzen der einst imperialen Hauptstadt vom Regen oder sind in Nebel gehüllt. Möwen paaren sich mit Tauben. Das Petersburger Wetter reflektiert wie im klassischen russischen Roman des 19. Jahrhunderts, wo zwischen Naturerscheinungen und menschlichen Charakteren eine hundert Pud schwere Assoziationskette besteht, das neblig regnerische Bewusstsein der Einwohner mit ihren seltenen sonnigen Gedankenblitzen. In die Gesichter der Petersburger Frauen zeichnet die Feuchtigkeit der Stadt schamlos erotische Visionen, die in frühe Falten übergehen. Andererseits verwandeln die weißen Nächte im Juni und die schwarzen Tage im Januar Petersburg entgegen den Behauptungen vieler russischer Schriftsteller, die Stadt sei ein Trugbild mit verschwommenen Umrissen von Gegenständen und Gefühlen, in eine grafische Landschaft.
In Moskau fährt man, in Petersburg geht man zu Fuß. Moskau schaut, Petersburg sieht. Es ist das Auge Russlands. Dreihundert Jahre nach seiner Gründung ist Petersburg nach wie vor die einzige durchdachte Stadt des Landes, die der ursprünglichen Idee entspricht. Damit endet die Beziehung der Stadt zu ihrer heutigen Einwohnerschaft. Die Stadt und ihre Bürger wetteifern insgeheim um die Vorherrschaft. Für die Stadt sprechen verflossener Ruhm, Mythen, Säulen, Paläste und Brücken; für die Einwohner die Möglichkeit, ihre Stadt endgültig zu verhunzen und eine historische Fata Morgana daraus zu machen. Ich kenne keine andere Stadt auf der Welt, wo sich Einwohner und Stadt so unähnlich wären.
Um es mit einem russischen Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung zu sagen: Petersburg wurde seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts mit »swolotsch« (deutsch etwa: »die Angeschleppten«) bevölkert, mit Menschen, die aus verschiedenen Orten hier angesiedelt wurden. Die moderne Bedeutung des Wortes »swolotsch« (deutsch: »Gesindel«, »Lumpen«, »Pack«) hat ebenfalls seine Daseinsberechtigung. Doch die Stadt wirkt dermaßen disziplinierend, dass sie das »Gesindel« zur Selbstachtung zwingt, was in Anbetracht des sowjetischen Bewusstseins dieser Leute einem Wunder gleich kommt. Petersburg ähnelt einer alten Grande Dame, die, aus ihrem Palast in eine Kommunalwohnung umquartiert, im dunklen Treppenhaus von einem Haufen betrunkener Kerle vergewaltigt, eigentlich den Zustand endgültiger Erniedrigung erreicht haben müsste. Doch die alte Dame erscheint zur allgemeinen Verwunderung morgens in der Gemeinschaftsküche und kocht auf dem eingesauten Gasherd richtigen Kaffee, dessen Duft sich in der ganzen Wohnung verbreitet und sogar auf dem Klo in der Luft hängt. Die Umbenennung der Stadt in Leningrad – ein Versuch, ihr das Gedächtnis auszutreiben – hat sich als vergebliches Unterfangen erwiesen. Leningrad ist der Sarkophag Petersburgs. Leningrad ist eine Zwangsjacke, in die man Petersburg gesteckt hat. Die Stadt hat sich verschlossen, in sich zurückgezogen, nicht aber den Verstand verloren. Sie hat überlebt.
Petersburg ist ausdauernd wie eine Karyatide. Auf den Knochen von Leibeigenen erbaut, Zeuge der Gräueltaten der zaristischen und der sowjetischen Zeit, gewürgt von revolutionärem Terror und von deutscher Blockade, sehe ich Petersburg dennoch nicht als Mittäter, sondern als Opfer der Verbrechen. Da es nicht wusste, was es mit sich anfangen sollte, raffte es seine Säulengänge zusammen und gab sich als Museumsstadt aus, löste sich auf im Staub der Privatbibliotheken. Während meiner Schulzeit fuhr ich öfter nach Petersburg auf der Suche nach europäischer Bildung, ohne mir dessen so recht bewusst zu sein. In den Bücherregalen der kleinen Wohnung von Freunden meiner Eltern grub ich Nietzsche aus, in der Eremitage sah ich den »Tanz« von Matisse. Heute denke ich, dass mein Vater, geboren in einer bescheidenen kleinbürgerlichen Familie im Petersburg der zwanziger Jahre, den Geist Europas in sich aufgesaugt und bewahrt hat, ungeachtet seiner späteren sowjetischen Existenz. Stammte er aus der Provinz, aus Tambow oder Perm etwa, hätte ich diese Zeilen vielleicht nie geschrieben. Von meinen Leningrader Zeitgenossen indes habe ich nie viel gehalten.
Ich bin durch sie hindurch gegangen, als wären sie Phantasmagorien gewesen. Mir schien es, als habe »Piter«, wie die Einwohner ihre Stadt liebevoll nennen, um sich selbst zu erhalten, ihnen den letzten Saft herausgesaugt. In der Petersburger Metro sah ich entsetzlich blasse Menschen, Tote, die unterwegs waren, um andere Tote auf dem Friedhof nebenan zu besuchen. Matrosen, Kinder, Mädchen mit gefärbten Haaren – sie alle waren mit ihren blau geäderten Armen aus ihren Gräbern auferstanden, um mit der Metro spazieren zu fahren und dann wieder in ihre Särge zurückzukehren. Mit diesen gefärbten Blondinen Liebe zu machen, wäre mir vorgekommen wie spannende Nekrophilie und raffinierte Perversion für den Moskauer. Die Diskussionen der Leningrader Intelligenzia, mit dem Silbernen Zeitalter ebenso wie mit der bleiernen Sowjetzeit durch eine Nabelschnur verbunden, waren auf ihre Art ebenfalls nekrophil. Leningrad war außerdem einzigartig in seiner kulinarischen Anspruchslosigkeit. Man aß und trank dort dermaßen schlecht, dass man kaum von menschlicher Nahrung sprechen konnte. Die Stadt machte sich lustig über ihre Einwohner. Von lebenden Toten okkupiert, fühlte sie sich immer mehr bestärkt in der Vorstellung, für Touristen geschaffen zu sein – hauptsächlich für betrunkene Finnen.
Meiner Meinung nach glaubt die Stadt bis heute nicht, dass ihr der Name St. Petersburg zurückgegeben wurde. Sie ertrug so stoisch ihre Leningrader Existenz, dass sie regelrecht überrumpelt war. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass sich Pioniere in den Palästen breit machten, die in Zirkeln Schach spielten und auf den Toiletten onanierten. Das Palastmobiliar war in den Hungerjahren verheizt worden. Die früheren Besitzer der Paläste waren ausgestorben. Der heutige Zustand der Stadt ist lächerlich und dramatisch zugleich. In der Stadt sprießen die Merkmale kapitalistischen Lebens. Die Maschine hat zu rotieren begonnen: Zuerst tauchten amerikanische Zigaretten und erträgliche Wurst auf, dann Restaurants, danach Hotels und Reisebüros. Man begann die löcherigen Straßenpflaster zu reparieren, brachte die Gebeine der Zarenfamilie in die Stadt und bestattete sie feierlich, die Mädchen wollten plötzlich stolze Dollar-Prostituierte sein. An die Stelle der Dichter traten Händler und Banditen. Mit einem Schaudern erinnerte sich die Stadt der Macht des Geldes.
Die 300-Jahr-Feier hat der Stadt die Peitsche gegeben wie einem dürren alten Klepper. Nun galoppiert Petersburg Falconets Denkmal hinterdrein in eine unbekannte Zukunft. Die Bevölkerung spaltet sich in Schichten auf. Die einen bleiben Tote mit der heroischen Vergangenheit von Verteidigern der Stadt oder Ex-KGBler. Behängt mit sowjetischen Orden und Medaillen, die heute auf Flohmärkten feilgeboten werden, gehen die Toten zu Paraden und halten die derzeitigen Machthaber für Verräter ihrer Jugend. Die anderen sind aufgewacht, haben reihenweise Wohnungen gekauft, Brillanten, Häuser. Die gefärbten Blondinen haben in den Boutiquen auf dem Newskij Prospekt ihre ersten italienischen Schuhe gekauft und stöckeln auf ihren hübschen Beinen damit herum. Die Nähe zu Europa hat den Charakter ursprünglicher Akkumulation angenommen.
Bei meinem letzten Aufenthalt in Petersburg habe ich mich in ein Boot gesetzt und bin über die Flüsse und Kanäle gefahren, unter den tief hängenden Brücken hindurch. Das Wetter war gnädig. Ich wollte gern wissen, ob eine Versöhnung der Stadt mit ihren Einwohnern im Gang sei. Die Rückkehr der Vergangenheit, die Wiederherstellung von historischer Gerechtigkeit und religiöser Moral, wovon die Stadtführerin auf dem Boot intelligent erzählte, während sie eine Papirossa qualmte – das ist das Versprechen eines Sommergartens des Lebens. Die Linden dufteten. Die Paläste und Brücken erschienen mir an diesem klaren Tag sogar ein wenig selbstzufrieden. Die städtische Architektur erstrahlt wieder in ihrer Geometrie, ungeachtet dessen, dass die Torbögen, vollgekritzelt in der kleinen Handschrift schreibwütiger Zeitgenossen, ein trauriges Dasein fristen. Coole Blicke, wackelnde Ärsche. Nach Dauerparty aussehende Jugendliche knutschen offen auf der Straße und pinkeln ebenso ungezwungen in die Höfe. Ich weiß, all das ist Fassade, hinter der sich Lumpereien und Geringschätzung des Lebens verstecken und scharf geschossen wird. Aber die Stadt muss sich damit abfinden, dass ihr eine europäische Zukunft blüht, und die Menschen damit, dass sie der Stadt, in der sie wohnen, noch lange unwürdig sein werden.
Peter der Erste hat eine komplizierte Stadt in den Sumpf gebaut. Hätte er um das weitere Schicksal der Stadt gewusst, er hätte sie wohl kaum erbaut. Da sie aber einmal existiert und ihre schlimmsten Zeiten womöglich schon hinter sich hat, werden die Kinder der gefärbten Blondinen, die sich ihre italienischen Schuhe auf dem Newskij Prospekt schon gekauft haben, wahrscheinlich ein sonnigeres Bewusstsein und weniger Nebel in den Köpfen haben, als es der Zusammenhang zwischen den Erscheinungen der Natur und dem Leben in der Stadt nahe legt.