Die Namen der Gewalt
Charles Taylor ist ins Exil gegangen, seine Leute aber hat er in einem Schattenreich zurückgelassen. Staatskriminalität frisst Liberia auf, das in die Dunkelheit fällt und mit den Traumata brutaler Aggression und moralischer Verarmung ringt. »Es ist noch vieles zu heilen. Und es gibt viel Wut.« Monrovia, ein Mikrokosmos der Unruhen, läuft über vor Entwurzelten und Banditen jeder Art. Was einst eine Stadt war, ist nun eine Topografie der Gewalt. Draußen geht der Krieg weiter. Und der Wahnsinn. Einsame Gestalten wandern herum, die Arme zum Himmel erhoben. »Wir beten nicht zu Anführern. Wir beten zu Gott.«
Prince sitzt in einer seichten Pfütze und betrachtet das Rund des Sportkomplexes Samuel K. Doe (SKD) in Monrovia. Bis auf ein Halsband ist das Baby nackt. Mit seinen entspannten Armen und dem sauberen Gesicht strahlt es die Würde eines Imperators aus. Ein kleiner Imperator (elf Monate alt), gefangen in einem riesigen Kolosseum. In diesem Stadion, das nach einem anderen Staatschef benannt wurde, elektrisierten Charles Taylors Predigten seine Anhänger. Hier im SKD hörten seine Anhänger eine seiner letzten mystischen Weisheiten, bevor er ins nigerianische Exil ging: »Jesus ist Präsident von Liberia!«
Die Ränge, obwohl leer, erinnern tatsächlich an eine Treppe in den Himmel, einen Weg aus der Hölle, die Taylor mitgeschaffen hat. Doch die letzte Stufe der Ränge, der Rand des Rings – Prince’ gesamter Horizont – überschaut nur den Abgrund. Monrovia, eine Welt in Auflösung. Eine harte Stadt, vielleicht härter als die meisten, rauh und entzündbar, wo schäbigste Gewalt sich einfach von Mensch zu Mensch auszubreiten scheint wie eine Seuche. Es ist eine ungeduldige, erschöpfte Metropole, die aus allen Nähten platzt. Legionen von Entwurzelten und ehemaligen Kombattanten teilen die einzige Kriegsbeute dieser Tage gewaltsam untereinander auf: einen grimmigen Willen zu leben, um jeden Preis.
Von den Rängen des SKD kann Prince in der Ferne ein Land im Zusammenbruch sehen, traumatisiert, wo Kampf und Tod alltäglich sind – wie der Wahnsinn. Sicherheit ist dort buchstäblich wie Russisches Roulette und hängt in jedem Moment von dem Wohlwollen und der Nüchternheit desjenigen ab, der die Waffe hat (und davon, ob sie geladen ist). Es ist bekannt, dass die Polizisten seit zwei Jahren nicht bezahlt worden sind, aber auch sie müssen essen. Es ist auch bekannt, dass »Soldaten« – Rebellen, Milizionäre und andere Banditen – normalerweise wegen Drogen, Alkohol und aus erbärmlichem moralischem Analphabetismus brutal werden. »Taylor hat das Land nicht alleine zerstört«, analysiert der Jurist Jerome Verdier von Find, einer liberianischen Menschenrechtsorganisation, »aber er war es, der die Gesetzlosigkeit an die Macht brachte und den Staat kriminalisiert hat.«
Die Ernte dieses Jahres ist ausgefallen und auf den Feldern verrottet, auch auf Taylors Farm am Eingang nach Gbarnga in der Provinz Bong. Es ist eine schöne Gegend in verschiedenen Grüntönen, den Schattierungen der Nutzpflanzen des Präsidenten: Maniok, Reis, Marihuana. Mittlerweile steht die Bevölkerung vor einer Ernährungskrise, sogar in der Hauptstadt. »Hunger ist eine Schande für einen Bauern wie mich«, ruft ein Mann auf den Rängen des SKD. »Ich müsste nicht von Almosen leben, wenn ich nach Lofa zurückgehen könnte«, in eine der fruchtbaren nördlichen Provinzen. »Ich kann meine Familie mit meinen eigenen Händen ernähren. Alles, was ich brauche, ist Land.« Das Land jedoch ist verwaist. Ingenieure der UN-Mission in Liberia (Unmil), die sich noch in der Luftaufklärungsphase befindet, kehren von Flügen über Lofa zurück und verkünden über ihren veralteten Karten und modernen Digitalkameras: »Der Norden ist entvölkert.« Im Süden trieb der Krieg die Flüchtlinge in kleine »Städte« an der Küste, abgeschottet durch dichte Wälder und unsichere Straßen. Die allmähliche Rückkehr zur Normalität begann entlang dem Highway nach Bong und Nimba im Osten, ein heikler Korridor unter der Kontrolle des Unmil-Bataillons aus Guinea-Bissau. In Nimba hatte der Bürgerkrieg begonnen, um Weihnachten 1989. Und hier geht der Krieg weiter, Ende 2003, weil die Kriegsparteien Territorium erobern möchten, bevor Unmil ausreichend Ressourcen aufbringen kann, um die liberianische Bevölkerung gegen ihre Bedrücker zu verteidigen.
Der Glaube der Frauen
Seit April, als die Rebellen die Offensive gegen Monrovia begannen, hält eine Gruppe von Frauen, »des Krieges überdrüssig, überdrüssig, keine Stimme zu haben«, Friedenswachen am Flughafen ab. Es ist eine pazifistische, religiöse, ökumenische Bewegung. Christinnen und Musliminnen beten gemeinsam: »Nur ein Gott, nur ein Gott.« Die Frauen tanzen im Kreis, beten, weinen. Der Kreis, wo die Fußabdrücke jene des vorangegangenen Gebets verwischen und überdecken, erzählt eine sich wiederholende Geschichte von Schmerz, Trauer, Scham und Wut.
Die meisten sind Flüchtlinge aus dem Landesinneren. Alle haben sie etwas verloren. Mama Shari zum Beispiel, ein stolzer Schatten neben einem Wassercontainer und einem Sonnenschirm, verlor ihre beiden Kinder im August, als eine Rakete in ihr Haus einschlug. »Mich hat Gott verschont.« Zu Margareth, der rundlichen und energischen Frau, die die Demonstration anführt, kam der Krieg früher. Die Rebellen von Charles Taylors NPFL (National Patriotic Front of Liberia) schnitten ihr im Oktober 1990 den rechten Arm ab, in der Provinz Margibi. Die Verstümmelung hält sie nicht davon ab, ihre Freude auszudrücken, eine wilde Freude. Margareth macht Musik, indem sie eine Rassel fest unter die Achsel klemmt und hüpft.
»Frauen greifen normalerweise nicht zu den Waffen. Und die, die es doch tun, sind eine Minderheit. Aber es waren die Frauen, die am meisten unter dem Krieg zu leiden hatten«, sagt die Juristin Etweda Cooper. »In Liberia ist Vergewaltigung buchstäblich ein Kriegsritual, gerade wie es für Männer üblich ist, verstümmelt, und für junge Mädchen, entführt zu werden, um Sexsklavinnen und Allzweckmädchen zu werden.« Etweda führt als Präsidentin der Liberian Women Initiative die pazifistische Bewegung an und ist sich der Gefährdungen der Übergangsphase sehr bewusst. »Für uns muss der Frieden erst noch kommen. Der Frieden unterzeichnet kein Abkommen in Accra«, in Ghana, wo sich die frühere Regierung und zwei Rebellenbewegungen auf einen Waffenstillstand geeinigt haben. Die Frauenfriedensbewegung besucht Flüchtlingslager, Schulen und Dörfer, spricht über Versöhnung und organisiert Umzüge und Mahnwachen, verlangt Gerechtigkeit, »weil es ohne Gerechtigkeit niemals Frieden geben kann. Nicht nur Taylor ist schuldig. Wenn Sie Ihre Augen schließen, werden Sie sehen, dass jeder Warlord wie Taylor ist, sie alle singen das gleiche Lied.« »Wir Frauen sind geborene Friedensstifter. Wir haben unsere Differenzen überwunden, weil wir alle unter den gleichen Verbrechen gelitten haben«, sagt Etweda. Was motiviert Frauen wie sie oder Margareth? »Wir haben unbeschreibliches Grauen gesehen. Wir brauchen keine weitere Inspiration.«
Die Rache von Quick to Kill
Bendu Sando, 22 Jahre, weiß, dass Krieg die Zeit beschleunigt, indem er sie bricht. In Bendus Fall wurde ein normales High-School-Mädchen von Liberias Rebellen zu einer wilden Kämpferin gemacht. Ihre Metamorphose vollzog sich schnell und geschah erst vor kurzer Zeit: Im Juni 2003 kamen die Rebellen in Bendus Städtchen, ein bewaffneter Mann kam zu ihr und sagte: »Ich will das Mädchen ficken.« Das Mädchen war sie. Für das Amüsement der Männer entführte Lurd (Liberians United for Reconciliation and Democracy) sechs weitere heranwachsende Frauen auf ihrem Heimweg von der Schule. Nach nur zwei Wochen militärischer Ausbildung wurde Bendu an die Front in der Provinz Montserrado geschickt. Sie versuchte zu fliehen, aber wurde erwischt. Sie wurde nach Bomi gebracht, in eine strategisch wichtige Provinz zwischen Sierra Leone und Monrovia, die von den Rebellen bei ihrem Vormarsch auf die Hauptstadt erobert wurde. Bendu wurde Sekou Fafanah vorgeführt, dem Generalsekretär von Lurd. Der Rebellenführer war verständnisvoll, er ließ sie leben: »Sei tapfer und kämpfe!« Sie kämpfte zum Schlachtruf der Rebellen: »Kein Affe, kein Hund.« Der Affe war Charles Taylor, Hunde waren alle in seinem Umfeld. Im zweiten Angriff auf Monrovia – dem »Zweiten Weltkrieg« auf Liberianisch – kommandierte Bendu eine weibliche Kampfeinheit. »Meine Mädchen«, wie sie die zehn ehemaligen Kombattantinnen liebevoll nennt, gehorchen ihr immer noch. Jetzt sind sie das Fußballteam von Kommandantin No Monkey. So lautet Bendus Kriegsname bzw. der Name der Kämpferin, die die Heranwachsende in ihr selbst tötete. Töten (und sie tötete oft) heißt sich selbst ein bisschen töten. »Ich konnte am dritten Angriff auf Monrovia im Juli nicht teilnehmen, weil ich krank im Kopf war. Es ist eine Krankheit, die du kriegst, wenn du viele Leute tötest.«
Die Krankheit von No Monkey war und ist das Trauma von Vergewaltigung und Gewalt, verschlimmert durch Drogen. »Wenn ich irgendeine Schwäche bei mir wahrnehme, rauche ich einen Joint und fühle mich stark genug für alles«, sagt sie in ihrer Strohhütte in Plumkor, einem Flüchtlingslager ungefähr 30 Kilometer vor der Hauptstadt. Der Drogencocktail – Marihuana, Kokain, Amphetamine – diente als Munition und als Löhnung. »Die Kommandeure versorgten uns mit Drogen und Alkohol. So haben sie uns bezahlt«, bestätigen ehemalige Soldaten der Rebellengruppen und der Regierungsmilizen. Monroe Flowers, 24, erinnert sich an ein besonders starkes Amphetamin, dessen kommerziellen Namen er nicht weiß. »Vier oder fünf dieser Pillen lassen dich eine ganze Woche kämpfen, ohne dass du die leiseste Ahnung hast, was du tust.« Flowers’ Kriegsname ist Quick to Kill.
Die militärische Odyssee dieses schmächtigen Jugendlichen begann im Alter von neun Jahren in Bomi. Flowers’ Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Sein Vater starb Ende 1989, ermordet von Charles Taylors Rebellen, »für nichts«. Das Kind blickte in die Zukunft und machte seinen Weg: »Ich schloss mich der NPFL an, um zu überleben, aber nach zwei Jahren ging ich zum Ulimo (United Liberation Movement for Democracy in Liberia, das sich in den nächsten fünf Jahren zu Taylors Hauptfeind im Inland entwickelte). Flowers bekam seine Rache. Durch Zufall ging der Mann, der seinen Vater getötet hatte, zur selben Zeit zum Ulimo. Flowers nutzte die Verwirrung einer Schlacht und tötete ihn. »Niemand sah es. Ich war sehr schnell. Der Typ hieß Chicken Soup.«
Quick to Kill kämpfte später für Ulimo-J (Roosevelt Johnsons Fraktion). »Ich wurde an dem Tag gefangen genommen, an dem sie von Ulimo-K abfielen« (unter der Führung von Alhaji Krumah), im Jahr 1994. »Alle zwei Jahre gab es ein neues Problem, obwohl ich nicht mehr kämpfen wollte.« 1999 wurde Flowers von seinem ersten Befehlshaber wieder mobilisiert, um die neue Rebellenbewegung zu bekämpfen. »Taylor sammelte alle jungen Männer Monrovias um sich, um für ihn zu kämpfen. Ich wurde vom Senator von Bomi, Sando Johnson, in die Miliz gesteckt, die Army Division genannt wurde. Wir bekamen, wenn überhaupt etwas, ungefähr 500 Liberianische Dollars für drei Monate.« Neun US-Dollar. Was fehlte, sei es Reis, Schuhe oder Sex, wurde großzügig der Zivilbevölkerung abgepresst. »Ich habe viele Sachen getan.« Flowers wurde zweimal verwundet, an den Beinen.
Der Luxus des Vergessens
»1993 wurde mir klar, dass die Arbeit mit Gewaltopfern eine medizinische Komponente einschließen muss. Nicht nur wegen der Krankheiten, die mit solchen Verbrechen einhergehen, sondern wegen der schweren Verletzungen.« Wata Modad gründete WOCHIRRC (Women’s and Children’s Rehabilitation Center) vor drei Jahren mit Hilfe der Mitgliederlisten, Strukturen und Schirmherren von Nawoco (National Women’s Commission of Liberia) – Nawoco war unter Taylors Präsidentschaft in Korruptionsintrigen verwickelt worden – der sie für einige Jahre vorgestanden hatte. »Die Gewalt betraf weite Teile der Bevölkerung«, seit 1996 wurden Sexualverbrechen zu einem alltäglichen Vorkommnis in Monrovia. »In diesem Jahr (2003) begingen Regierungssoldaten die gleichen Gräuel wie die Rebellen.«
»In diesem Krieg gab es eine große Anzahl Sexsklaven und unterschiedslose Vergewaltigungen aller Altersgruppen.« Wata Modad macht viele Pausen beim Sprechen, während sie in ihrem ummauerten Garten sitzt. Ihr gehört ein kleines Hotel, das Newahun, im Bezirk Sinkor. Sie denkt an etwas, schließt die Augen, holt tief Luft. Sie überlegt, ob sie über das sprechen möchte, woran sie sich erinnert. Der größte Luxus in Liberia ist es, vergessen zu können. »An einem Tag wurden alle Frauen des Dorfes vergewaltigt. Dort war eine Fischhändlerin, eine Frau, die mit ein paar Kisten gerade aus der Stadt gekommen war. Sie nahmen die Fische und steckten sie in die Vaginen. Es war eine Sorte Fisch mit scharfen Schuppen.«
Wata verstummt. Einige Minuten später findet sie ihre Sprache wieder. »Die Gegend gehörte der Ulimo-J. Wir brauchten lange, um dort hinzukommen. Wir fanden 32 Opfer. Achtzehn waren in sehr schlechtem Zustand. Zwei starben noch im Dorf, bevor sie in ein Krankenhaus gebracht werden konnten. Vielleicht an Entzündungen.« Durchsichtige rosa Blütenblätter, noch feucht vom sintflutartigen Regen der Nacht, fallen auf den weißen Tisch, die Klinker, Watas Knie. Ein Jugendlicher kommt zum Tor des Hotels. »Danke, Mama!« Er hüpft durch den Matsch und verschwindet. »Er ist ein ehemaliger Kombattant aus Taylors Miliz. Er bat mich um Hilfe, damit er mit seinem Studium beginnen kann. Er macht überhaupt nicht viel zur Zeit …«
Wenn niemand spricht, kann man die Blüten von den Bäumen fallen hören. (Was könnten Monrovias Akazien von dem erzählen, was sie gesehen haben?)
»Ein kleines Mädchen, acht oder neun Jahre alt, ging mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern von Cape Mount zur Grenze nach Sierra Leone. Die Eltern wurden vor ihren Augen umgebracht. Sie kümmerte sich um die beiden kleineren Kinder. Sie wollte sie nach Guinea bringen. Aus irgendeinem Grund starben ihre Brüder unterwegs und sie überlebte. Sie wurde verrückt, traumatisiert. Wann immer sie jemanden trifft, entschuldigt sie sich für den Tod ihrer Brüder.«
Die Eidechsen nutzen ebenfalls die kostbare Stille, die Bewegungslosigkeit der Trauer, um ihre furchtsame Trägheit zu unterbrechen. Bis wieder jemand spricht und sie erschreckt vor den Stimmen fliehen.
Die Hand an der Wiege
Die Traumata des Krieges sind wie ein Seil über dem Abgrund. Die jungen Opfer-Täter schauen nach vorne, doch es ist schwierig, das Gleichgewicht zu halten. Sie schwanken auf dem Seil: zwischen Reden und Verstecken, zwischen den einfachen Regeln des Militärs und den Ansprüchen eines zivilen Lebens, zwischen der mechanischen Schroffheit von Befehlen und der Leichtigkeit von Musik, zwischen Adoleszenz und Befehlsgewalt. Bendu und No Monkey sind verschiedene Frauen, die ein niederer Dämon dazu verdammt hat, den gleichen Körper zu bewohnen. Wenn die Studentin die Kriegerin überwindet, bricht manchmal ein Lächeln hervor, sogar ein Lied, das die Hütte erleuchtet.
»Sie singt etwas Trauriges, das wir im Busch gelernt haben. Es ist ein Lied, das unser Leben beklagt, und es fragt, wo unsere Eltern sind«, erklärt Teene Foleh, eine der »älteren« Kämpferinnen unter No Monkeys Befehl. Sie ist 26. Zu kämpfen begann sie mit 17.
Teene hält ein Baby im Arm, Charles, neun Monate alt. Mutter und Kind sind reizend. Niemand würde auf die Idee kommen, dass die Hände, die das zerbrechliche Bündel Leben hüten, die gleichen sind, die die Körper toter Feinde verstümmelten. »Mein Kriegsname war Nasty, weil ich töte. Ich töte und entferne Herz und Eingeweide« des Opfers. »Hast du im Fernsehen die Bilder von diesen zerstückelten Männern oben an der New Bridge gesehen, im Juli? Das war ich.« Nasty lächelt. Sie hat ein nettes Lächeln, das ihr ganzes Gesicht umfasst. »Das erste Mal habe ich den Männern ihr Ding in Monrovia abgeschnitten und als die ›Affen‹ das sahen, griffen sie uns an und wir mussten uns zurückziehen. Aber in den Wäldern, davor, da ist es oft geschehen. Dauernd.«
»Wir sind hier, um euer Leben zu verändern«, verkündet Etna, eine der der Helferinnen WOCHIRRC, den zuhörenden Kindersoldaten in der Kirche-Schule-Hütte in Plumkor. »Alles, was ihr da draußen getan habt, um den Kampf zu gewinnen – vergesst es! Hier gibt es keine No Monkey oder Quick to Kill oder Young Boy Killer mehr oder irgendsowas. Verstanden? Wir haben euch an der Front gesehen. Wir wollen, dass eure Kommandeure wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt werden, weil sie euch das angetan haben. Jetzt gibt es keine Frontlinien mehr zwischen euch.« Nach dem Waffenstillstand half WOCHIRRC mehr als 250 Kindern in der Umgebung der Hauptstadt. Die jungen Leute von Plumkor reagieren auf Etna, aber es ist nicht sie, der sie ihre Aufmerksamkeit schenken. Ein bisschen weiter hinten, neben dem Altar, portioniert eine andere Assistentin des Centers die Süßigkeiten, die sie auf dem Ufermarkt in Monrovia gekauft hat, und wickelt sie ein; mit der gleichen Ruhe wie jemand, der häkelt. Etna spricht weiter in ihrem mütterlichen Ton.
»Ich liebe euch, okay?«
»Jaa.«
»Keine Scham!«
»Keine Scham!!!« wiederholt die kleine Armee einstimmig. Sie können ihre Blicke nicht von Magdalas Päckchen nehmen. Das sind die »kleinen Überraschungen«, mit denen sie ihr Verlangen nach Drogen etwas lindern können. Charles, Teenes Baby, hat seinen Vater verloren. »Sein Vater starb, von einer Rakete getroffen.« Das Baby ist hungrig. Es saugt an seinen kleinen Fingern. Teene holt ihm etwas milchigen Haferschleim und es beruhigt sich. Aber nicht seine Mutter. »Ich höre immer noch Minenwerfer. Auch im Frieden.«
übersetzung: martin schuster