Für den Bundeskanzler war die Sache klar. »Wir führen keinen Krieg, aber wir sind aufgerufen, eine friedliche Lösung im Kosovo auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen«, erklärte Gerhard Schröder am Abend des 24. März 1999. Kurz zuvor waren Kampfflieger der Nato von ihren Stützpunkten in Italien aufgestiegen, um zivile und militärische Ziele in Serbien, Montenegro und dem Kosovo zu bombardieren und um, so die Begründung, auf diese Weise Jugoslawiens Präsidenten Slobodan Milosevic zum Einlenken zu bewegen.
Erst nach 78 Tagen wurde dieses Ziel erreicht. Verwaltet wird die völkerrechtlich weiterhin zu Serbien-Montenegro gehörende Provinz seither von der Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen (Unmik). Die von der Nato geführte Kosovo-Schutztruppe (Kfor) sichert das Protektorat militärisch ab.
Eine große Mehrheit der zwei Millionen Kosovo-Albaner hatte eine Intervention des westlichen Militärbündnisses schon über ein Jahr zuvor gefordert, als jugoslawische Truppen und die serbische Spezialpolizei in einer Großoffensive versuchten, Einheiten der 1996 erstmals öffentlich aufgetreten Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) zu zerschlagen.
Seit den niedergeknüppelten Studentenprotesten von 1981 war die kosovo-albanische Opposition gegen die Zentralregierung in Belgrad ständig gewachsen. Nach der Aufhebung des noch von Tito gewährten Autonomiestatus durch Milosevic im Jahr 1989 nahm die zunächst marxistisch-leninistisch geprägte Bewegung immer mehr nationalistisch-separatistische Züge an. Einen Fortbestand der Föderation mit den sechs jugoslawischen Teilrepubliken wollten ihre Funktionäre angesichts der ständig wachsenden Repressalien spätestens Mitte der neunziger Jahre nicht mehr hinnehmen.
Da die westlichen Staatschefs eine Lösung des Kosovo-Konflikts im Dayton-Friedensvertrag für Kroatien und Bosnien von 1995 nicht vorgesehen hatten, spaltete sich die anfangs pazifistisch ausgerichtete Opposition im Kosovo. Während der damals als »Kosovo-Gandhi« titulierte heutige Präsident Ibrahim Rugova weiterhin mit Belgrad verhandeln wollte, gründete sich die UCK. Ihrem Selbstverständnis nach war sie eine »bewaffnete Bewegung gegen die serbische Staatsgewalt«.
Die Hinwendung führender Kader zu einem völkischen Nationalismus und die Ermordung als »Kollaborateure« diffamierter Kosovo-Albaner, die weiter in der Verwaltung oder im Polizeiapparat der südserbischen Provinz arbeiteten, führte zu wachsendem Druck auf die Bewohner, sich der Maximalforderung der UCK nach Unabhängigkeit zu beugen.
Unzählige Morde an Kosovo-Serben, Angehörigen anderer Minderheiten und Zeugen, die nach der Installierung des Unmik-Justizsystems 1999 bereit waren, Aussagen über Kriegsverbrechen der UCK-Kämpfer zu machen, verdeutlichen den anhaltenden Anpassungsdruck der inzwischen vielfach zu lokalen Verwaltern mutierten Ethnokämpfer. Die zum Stopp der »ethnischen Vertreibungen« Milosevics angetretenen Politiker der Nato-Staaten mussten sich in den vergangenen fünf Jahren deshalb mehr als einmal die Frage anhören, wie sie es zulassen konnten, dass aus den einstigen Verbündeten neue Unterdrücker wurden.
Nicht nur in Deutschland, wo der Kosovo-Krieg zur Spaltung der Friedensbewegung der achtziger Jahre in Anhänger des rot-grünen Kriegskurses und linke Antimilitaristen führte, konnte bislang keine Antwort auf die Frage gefunden werden, inwieweit ein internationales Eingreifen in innerstaatliche Konflikte völkerrechtlich legitim – und der emanzipatorischen Forderung nach einem Ende von Ausbeutung und Unterdrückung gemäß – durchgeführt werden kann oder soll. So waren es im vorigen Frühjahr ausgerechnet die noch vor fünf Jahren verbal am radikalsten gegen den Krieg auftretenden »Antideutschen«, die sich plötzlich auf Seiten der Befürworter einer Militärintervention im Irak wiederfanden.
Die Fragwürdigkeit der durch die internationalen Interventionen geschaffenen Protektorate bleibt von solchen Positionen unberührt. So sind im Irak, in Afghanistan und im Kosovo Inseln pseudostaatlicher Souveränität entstanden, deren Zukunft ungewiss ist – sozioökonomisch wie politisch. Seit dem Auseinanderfallen der Sowjetunion und Jugoslawiens haben sowohl Uno-Generalsekretär Boutros-Boutros Ghali wie sein Nachfolger Kofi Annan vergeblich versucht, den bereits in der Charta der Vereinten Nationen angelegten Widerspruch zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und dem Souveränitätsanspruch bürgerlicher Nationalstaaten aufzuheben und eine Reform gemäß der Beschaffenheiten des internationalen Systems nach dem Ende des Kalten Krieges zu erreichen.
So wenig wie die Intervention im Irak kann der von seinen Befürwortern seinerzeit als »humanitäre Intervention« gepriesene, jedoch ebenfalls ohne Mandat der Uno durchgeführte Nato-Krieg gegen Jugoslawien deshalb als Vorbild für Verfechter einer stärkeren Rolle der Weltorganisation herhalten. Die ungeklärte Statusfrage und die Umkehrung der Täter-Opfer-Rollen im Kosovo sind vielmehr Ausdruck ihres Scheiterns. Dass Unmik und Kfor bis heute nicht bereit sind, den gewählten Repräsentanten der Kosovo-Bevölkerung die volle Souveränität zu übertragen, zeigt nur, dass dem Westen auf der Suche nach Verbündeten zum Sturz Milosevics jeder Partner Recht war.
»An unserer Entschlossenheit, das Morden im Kosovo zu beenden, besteht kein Zweifel«, erklärte Schröder in seiner Fernsehansprache am Abend des 24. März. Dass die Kfor-Truppen nach dem Ende der Nato-Intervention im Sommer 1999 zu Komplizen einer »ethnischen Säuberung« der Kosovo-Albaner werden würden, hätte er zumindest ahnen können.