Kurz wie der Kanzler

Die Internationalen Filmtage von Oberhausen feierten sich und ihr 50. Jubiläum. Szenen eines Festivals. von tim stüttgen

Erst mal wird es nostalgisch. Die Taschentücher können ausgepackt werden und die Helden von damals den Kids alte Geschichten erzählen. Das Kurzfilmfestival Oberhausen feiert seinen 50. Geburtstag. Chapeau! Doch seine größten Mythen – vom Manifest der neuen deutschen Filmemachergeneration um Kluge und Reitz bis zu den Kontroversen um Helmut Costards Film »Prädikat Wertvoll« – sind schon so oft runtergebetet worden, dass sie als Repräsentanten für die Sprengkraft des größten Kurzfilmfestes der Welt mittlerweile etwas ausgeleiert wirken.

Nun denn: Bei Jubiläen ist der lange Schatten der Geschichte eben unvermeidbar. Im Lichtburgkino, dem kleinen Festivalzentrum mitten in der entfremdet-leeren Shopping-Zone des Stadtzentrums, treffen sich Vergangenheit und Zukunft und versuchen ein merkwürdig faszinierendes – und wenigstens für die Programmauswahl durchaus produktives – Experiment: In einer beeindruckenden Retrospektive der ehemaligen Festivalleiterin Angela Haardt wird die Randständigkeit betont, die Oberhausen über die Jahre hinweg ausgemacht hat. Alles begann »in den (fünfziger) Jahren nach dem Kriege«, erzählt die Kuratorin, »als die Arbeiter den Reichtum dieses Landes geschaffen haben. Kohle und Stahlproduktion waren extrem wichtig, es war das Dreckloch der Nation. Auf der anderen Seite gab es einen Stolz darauf, in dieser Region zu arbeiten. Und es gab eine begeisternde Wechselwirkung zwischen der Kultur und den Arbeitern.«

Die Wirklichkeitsnähe des Festivals, angedockt ans proletarische Umfeld, wurde durch intensive Beziehungen zu Filmemachern aus der DDR und den osteuropäischen Ländern vertieft. Nirgendwo anders wurden mehr Filme gezeigt, die kommerziell marginalisiert und politisch isoliert waren. »In Oberhausen trafen sich alle«, wird auch der nach Deutschland emigrierte kroatische Filmemacher Vlado Kristl zitiert, der als ältester Wettbewerbsteilnehmer mit einem aktuellen Beitrag auf dem diesjährigen Festival vertreten war.

Natürlich hat die Ausnahmeposition dieses zweitältesten Festivals in Deutschland auch etwas mit der künstlerischen Form seines Sujets zu tun: Der Kurzfilm war schon damals ein Außenseiter im Kino. Weil er weniger kostet als ein Langfilm und seltener Kompromisse an den Kommerz machen muss, bietet er bis heute eine Chance zum Experiment und zu inhaltlichen wie formalen Statements. So verschränken sich auch dieses Jahr wieder vielfältige Ausdrucksformen zwischen Avantgarde und Werbefilm, Musikvideo und Medienkunst, Short Story und Dokumentararbeit in einem kleinen, aber feinen Stadtkino.

So weit, so wundervoll. Das Publikum war zahlreich, ein dicker Katalog zur Festivalgeschichte und Ästhetik des Formats ist erschienen, und die Eröffnungsfeier im Gasometer versprühte eifrig Glam. Meret Becker moderierte, Prominenz lief auf, alles war stylisch, und Festivalleiter Lars Henrik Gass konnte noch mal Oberhausens »Verpflichtung für das Schöpferische« betonen. Und, ach ja, genau, dann kam auch noch er: der Kanzler.

Mit seinem Kommen würdige der Kanzler »nicht nur die Kurzfilmtage, sondern auch den kurzen Film, für den wir stehen, und damit den filmischen Nachwuchs in Deutschland und auf der ganzen Welt«, erklärte der junge, fast managermäßig eloquente Gass dazu.

An anderer Stelle bekannte er: »Mich interessieren nur Filme, die eine Frage an mich haben und mir ein Problem stellen.« Da hätte ich ein Angebot! Zum Beispiel die Bilder von der Demonstration gegen den Medienkanzler am Eröffnungsabend, die so wenig zum harmonischen Festhabitus passten wie Schröder zum Mythos des Randständigen. Sechs Demonstranten der eher schrullig-harmlosen als gewaltbereiten Prostestgruppe Pink Silver fanden sich bald im Gewahrsam der Polizei wieder. »Wir wollten einfach zeigen, dass wir nicht einverstanden sind, dass der da war«, betonte ein Mitglied. Ein Passant sah das genauso: »Der hat hier nichts zu suchen.«

Noch im letzten Jahr gefiel sich das Festival in der ach so symbolischen Geste des Widerstands, Repräsentanten der Länder, die am Irakkrieg teilnehmen, auszuladen. Das Schöne an Filmen ist ja immer die Vielfältigkeit der Interpretation. Wie sollen wir also die Schröder-Szene interpretieren?

Und wie die erschütternden Worte des alten Mannes, der in der Retro saß, als ein alter Film von Vlado Kristl wieder aufgeführt wurde, interpretieren? »Der muss anders vorgeführt werden. Und der hat Ton! Lauter!« rief er. Irgendwann stand er auf und ging, die Sätze vor sich hinmurmelnd: »Es wird den Menschen alles vernichtet...« Eine pathetische Szene. Als sich nachher jedoch herausstellt, dass der alte Mann im Publikum der Filmemacher Vlado Kristl war, der kurz vor dem Festival einen sehr emotionalen offenen Brief verfasst hatte, worin er beklagte, dass Oberhausen seine Ideale verraten hat, bekam die Beschwerde wegen des Vorführfehlers doch einen ganz tragischen Nachgeschmack.

Die große Psychologie des Close-Up war hingegen in einem anderen Moment spürbar: Angela Haardt begann nach dem ersten Retro-Programm ein Interview mit dem über 80jährigen kanadischen Regisseur Roman Kroitor, der nicht nur wunderbare soziorealistische Arbeiterporträts drehte, sondern Jahre später auch die Imax-Technik erfand. In respektvoller Ruhe wollte Haardt gerade vor neugierigem Publikum ihre zweite Interviewfrage an den Gast richten, als ihr Nachfolger Gass hereinstürmte und das Gespräch sofort abbrach, weil der Zeitplan überschritten sei: Effektivitätsdrang im neoliberalen Festivalgeschäft kollidierte mit dem Bedürfnis nach sensibler Kontemplation vor der Historie. Was für eine Szene. Gass also raus, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, seine Worte im Befehlston vortragend, keine Antwort akzeptierend, dann Close-Up auf Haardt: Selten habe ich so viel Wut in einem Gesicht gesehen, Bergman hätte dieses Feuer in den Augen der enttäuschten Partnerin nicht besser inszenieren können.

Dafür hat Gass das Musikvideoprogramm – selbstredend ein Hit beim jungen Publikum – kuratiert. Seine Predigt, wie experimentell und zeitgemäß dieses Format gesellschaftliche Partikularitäten repräsentiert, betet mittlerweile jeder auf Allgemeinplätzen zwischen Museum und MTV runter. Umso bitterer – nun eine melancholische Szene –, dass achtzig Prozent der Zuschauer beim radikalsten wie partikularsten und minoritärsten Beitrag des gesamten Programmes fluchtartig die Plätze verließ. Der transsexuelle Konzeptmusiker Terre Thaemlitz hat nicht nur einen Song, sondern gleich sein ganzes, 60minütiges Album (»Love Bomb«) visualisiert, das sich in einer Lo-Fi-Ästhetik aus Found Images und Dokumenten mit der Diskriminierung sexueller Minderheiten, dem Lynchmord an drei Afroamerikanern und der ideologischen Gleichschaltung des Begriffs »Liebe« beschäftigt. Das war den zahlenden Gästen dann doch nicht funky genug.

Zwei absolut verschiedene Publikumsgenerationen mit divergierenden Erwartungen; alte gesellschaftskritische Mythen und deren glamouröse, mediale Inszenierung mit einem grinsenden Kanzler im Frame neben Filmemachern wie Christoph Schlingensief oder Romuald Karmakar rissen symbolisch ein Leck in die Tage von Oberhausen. Das zugegeben gewohnt hohe Niveau der filmischen Selektion hat es nur bedingt stopfen können.

Der Auftritt des Kanzlers, der Abgang von Kristl, das zu kurze Interview mit Kroitor und die Publikumsflucht bei Thaemlitz – vielleicht könnte man diese vier Szenen auf Splitscreens parallel geloopt laufen lassen und damit einen Preis hier gewinnen.

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