So sieht sie aus, die Frau, die seit exakt 50 Jahren der Zeitschrift Brigitte die Treue hält: leicht rechteckig, mit einem halb blonden Bob, und in robustes, wetterfestes Tweed-Zeug gewandet. Zu behaupten, sie sei mit ihrem Presseerzeugnis ein halbes Jahrhundert lang durch dick und dünn gegangen, wäre jedoch nicht im Sinne der Blattlinie, denn der erstrebenswerteste Zustand der Leserin ist according to Brigitte zunächst: immer zu dick. Die gleichnamige Diät wird schließlich an jedem einzelnen Tag der Woche an ungefähr 500 000 Opfern ausprobiert.
Damit die Leserin eines Tages so wird wie die ideelle Gesamtbrigitte, nach deren Vorgaben sich die Affinicadistas bis heute richten: Neben schön, intelligent und kreuzworträtselgewandt hat sie auch noch eine stets gut gelaunte Rundumversorgerin zu sein.
Und das geht so: Die vom Typ her eher kantige Brigitte-Frau, deren hervorstechendste Merkmale neben einem halb blonden Bob im Großen und Ganzen das Besitzen von Armen und Beinen ist, springt seit 50 Jahren mit dem Weckerklingeln freudig aus dem Bett. Schließlich schlägt dann ihre große Stunde: Nach der ausgiebigen Schönheitspflege bereitet sie das Frühstück für ihre Lieben zu, also für den vorschriftsmäßigen Mann in irgendeiner Führungsposition sowie die zwei mehr oder weniger ansehnlich geratenen Kinder.
Um danach nicht etwa, wie es eigentlich nahe liegt, dem Suff oder der Drogensucht zu verfallen, sondern sich liebevoll der Heimpflege zu widmen. Wie Stores richtig gerüscht und Wendeltreppen adäquat geputzt werden, ist für eine echte Brigitte dank der seit 1954 unverändert populären Haushaltstipps kein Geheimnis. Ebenso wenig wie das Zubereiten des Auflaufs, der jeden Mittag den nach Hause zurückkehrenden Lieben serviert wird.
Blöderweise haben die Brigittes dann frei. Und können sich ihrer Lieblingszeitung gemäß verhalten: Gut gelaunt nimmt sie sich hernach die Polstermöbel vor, saugt Zwischenräume, bürstet Kissen und würde auch hinterm Sofa mal »so richtig Grund machen«, wenn es nicht plötzlich Zeit für die verordnete Gurkenmaske wäre.
Ein mit Gurken belegtes, halb blond gebobtes Rechteck ist jedoch kein schöner Anblick, deswegen wenden wir uns an diesem Punkt ab. Und schauen auf den Handarbeitskorb, der rechts neben dem vorschriftsmäßig gereinigten Sofa steht und Wolle im Gegenwert von ungefähr 200 Euro in jeder nur erdenklichen Farbe enthält. Ein Sweater wird dermaleinst daraus entstehen, oder ein Pullunder, eine Stützstrumpfhose, ein Minirock – wer außer Brigitte weiß das schon?
Die patente Frau hat unterdessen die aufgelegten Gurken entfernt und zwecks Weiterverarbeitung im abendlichen Salat in ein euphemistisch Dressing benanntes Öl-Essig-Mischmasch eingelegt.
Zufrieden sitzt sie nun da. Nicht mehr lang, und sie wird wieder loslegen. Und den Teppich saugen, das Gäste-WC gründlich putzen, nicht mehr gebrauchten Kleinkram in den Mülleimer werfen.
Die Horrorfilmer unserer Tage haben evident Unrecht: Richtig echtes Grauen geht nicht von schleimigen Monstern aus. Die fiesen Gestalten tragen einen halb blonden Bob, sind rechteckig und zu allem entschlossen.
elke wittich