19.05.2004

Nimm dir, was du brauchst!

Vom frühen Proletariat bis zu den wilden Streiks in Italien in den siebziger Jahren war Aneignung die Grundbedingung der sozialen Auseinandersetzungen. von felix klopotek

Aneignung ist ein Zauberwort. Aneignung ist das, was über die »traditionellen« sozialen Forderungen – mehr Lohn, Verringerung der Arbeitszeit – hinausgeht, ist Verheißung und Fluchtpunkt einer zersplitterten Linken. Aneignung drückt einen Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Kämpfen aus.

Die Klassenkämpfe der sechziger und siebziger Jahre in Frankreich und mehr noch in Italien sind (immer noch) das Vorbild für die heutige positive Konnotation dieses Begriffes. Zunächst waren diese Kämpfe Ausdruck der Krise der traditionellen Arbeiterbewegung. Die kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens verloren zeitweise die Kontrolle über die Streiks und Fabrikbesetzungen. Die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges praktizierte Aufteilung der Rollen – hier der bürgerliche Staat, der in seiner Existenz auch von der Arbeiterbewegung anerkannt wird, dort die kommunistischen Parteien, denen die Rolle der Gegenmacht zugestanden wurde – funktionierte nicht mehr. Die Kämpfe sprengten das bewährte Schema, von Tarifverhandlungen über Warnstreiks zu Lohnerhöhung zu kommen. Es ging nicht um den »gerechten Anteil« der Lohnabhängigen am Mehrprodukt, es ging um seine Aneignung, seine bewusst gestaltete Vergesellschaftung.

Die Konflikte weiteten sich gesellschaftlich aus und griffen auf den reproduktiven Bereich über. Es gab Mieterstreiks, Hausbesetzungen, proletarisches Einkaufen (massenhaften Diebstahl und Plünderungen während Straßenschlachten), Schulstreiks und Unistreiks. Schwarzfahren war eine Selbstverständlichkeit. In den Knästen, den psychiatrischen Anstalten und Erziehungsheimen brachen Aufstände los. Die Schwulen- und Lesbenbewegung entwickelte sich, die Frauenbewegung stellte die männlich-proletarischen Gewissheiten in Frage.

Und im Trikont tobten antiimperialistische Befreiungskämpfe, die nicht (mehr) unter der Fuchtel Moskau höriger Kommunisten standen. In diesem Gewusel der Kämpfe konnte man schon mal die Übersicht verlieren und maoistisch borniert von vermeintlichen Haupt- und Nebenwidersprüchen schwadronieren oder siegestrunken den »Abschied vom Proletariat« (André Gorz) verkünden. Wer sich hingegen systematisch die Frage nach dem verbindenden Element stellte, kam auf die Aneignung – oder wie es damals hieß: die Autonomie.

Selbstverständlich sind Autonomie und Aneignung keine identischen Begriffe. Aber sie sind stark aufeinander bezogen. Aneignung politisch-kultureller Symbole, des öffentlichen Raumes, der Verkehrsformen, schließlich der Produktionssphäre setzt Autonomie voraus: ein gesellschaftliches Subjekt, das sich als solches begreift und aus diesem Selbstverständnis politisch-ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse angreift und überwindet.

Die Autonomie der Kämpfe scheint rückblickend ihr durchgängiges Moment zu sein; es erscheint dem Betrachter geradezu überhistorisch. Man denke nur an die moral economy des frühen Proletariats auf der Schwelle vom Handwerkswesen zur Fabrikgesellschaft, an die Selbstverwaltungsmodelle der utopischen Sozialisten, die Arbeiterkultur, die sich mit dem Industrieproletariat herausbildet und zu der Bildungseinrichtungen, Sport- und Gesangsvereine und auch Lebensmittelkooperativen gehören. Die Diskussionen um Gemeinwirtschaft und Sozialisierung in der Weimarer Republik zählen ebenso dazu wie der kurze Sommer der Anarchie während des spanischen Bürgerkrieges oder die Turiner Rätebewegung Anfang der zwanziger Jahre.

Vielleicht wird es hier demjenigen, der in aktuellen Diskussionen über den Begriff der Aneignung steckt, zu bunt. Pappt man das Label »Aneignung« auf die Klassenkämpfe der letzten 200 Jahre, dann wird es doch inflationiert! Dann ist alles und nichts Aneignung – die Besetzungen der Fiat-Werke genauso wie der spießige Bergmannschor aus Essen-Borbeck.

Das liegt freilich nicht an der bösen Absicht des Autors, sondern am Begriff selber. Er ist so zentral wie abstrakt. Denn dass Aneignung eine conditio sine qua non emanzipatorischer sozialer Auseinandersetzungen ist, liegt auf der Hand. Wer die Lebenswelt um sich herum nicht auch als seine begreift, um die zu kämpfen es sich lohnt, sondern als Kuchen, dessen Stücke man verteilt, entspricht strukturell und heutzutage auch ganz real dem Typ des Warlords oder des Gangmembers. Soziale Kämpfe mit emanzipatorischer Perspektive ohne den Versuch der Aneignung gibt es also nicht. Entscheidend ist daher weniger die Frage, was ist Aneignung, sondern: Wie artikuliert sie sich und wie setzt sie sich durch? Je näher man den Begriff betrachtet, desto problematischer erweist er sich. Oder genauer: desto problematischer erweist sich seine glorifizierende Verwendung.

Autonomie und Aneignung sind nichts, was sich außerhalb des Kapitalverhältnisses konstituiert. Die frühen Selbstverwaltungsmodelle der Arbeiterbewegung sind aus der Not geboren, es ging ums nackte Überleben. Positiv formuliert: um die Schaffung eines Reproduktionsbereiches, in dem die tendenziell mörderische Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und in den Fabriken, so gut es geht, ausgeschaltet werden sollte.

Die Arbeiterkultur, die die moral economy ablöste, war auch Ausdruck der schrittweisen Etablierung der Klasse bis hin zur Anerkennung der Tarifautonomie. Die Arbeiterklasse und ihre politisch-gewerkschaftlichen Vertretungen gelten als legitime Bestandteile der bürgerlichen Gesellschaft.

Viele Linksradikale haben diese Entwicklung schon in den siebziger Jahren zur Kenntnis genommen und daraus gefolgert, dass die professionelle, fordistische Arbeiterbewegung zu ihrem Ende gekommen sei. Die Kämpfe um Aneignung könnten nun nicht mehr auf die vermeintliche Integration der Arbeiterklasse hinauslaufen, denn die sei ja schon von den Sozialdemokraten und Leninisten vollzogen worden. Jetzt gehe es um die radikale Autonomie, die kommunistische Aneignung.

Der Kapitalismus verschwindet erst, wenn wir hier und jetzt Autonomie fordern, »aussteigen«, und das wahre Leben im falschen beginnen. Es war die Zeit der alternativen Ökonomie, immer mehr Betriebe wurden selbst verwaltet. Mitte der siebziger Jahre, nach dem Ende der militanten Fabrikbesetzungen in Italien, wurde unter den Autonomisten die Parole ausgegeben: Die Revolution ist vorbei, wir haben gesiegt!

Auch diese Neufassung der Aneignung leitete letztlich einen weiteren Schub der Systemintegration ein. Vor 25 Jahren gab es noch keine Ich-AGs, aber selbst verwaltete Betriebe, die mit linkem Hintergrund die Funktionen erfüllten, die sich die neoliberalen Politikverwalter heute von der Ich-AG versprechen. Die autonomen Existenzgründungen steckten in einem Teufelskreislauf: Da selbst verwaltete Betriebe in der Regel chronisch unterkapitalisiert sind, sind sie gezwungen, auf Basis von Selbstausbeutung zu arbeiten und sich einem ständigen Innovationsdruck auszusetzen, um im Konkurrenzkampf bestehen zu können. Und weil sie kaum in der Lage sind, Produkte in Massen herzustellen, müssen sie – auch dies ist Ausdruck der Konkurrenzverhältnisse – ständig neue Marktlücken finden.

Sie befinden sich in dem Widerspruch, dass sie die Entwicklung der innovativen Produkte besser gewährleisten können als große Unternehmen, weil die selbst verwalteten Betriebe als kleine Einheiten und auf Basis von Selbstausbeutung und Erfindergeist arbeiten, dass sie aber diese Produkte nicht Gewinn bringend herstellen können. So nahmen ihre Innovationen regelmäßig die Vorreiterrolle ein: Ökofood, alternative Stromversorgung, die IT-Branche sind längst industrialisiert.

Die selbst verwalteten Betriebe, angetreten, um eine selbstbestimmte Zeitökonomie zu verwirklichen, waren de facto kaum mehr als outgesourcte Forschungs- und Hochtechnologieeinrichtungen großer Unternehmen, oftmals billiger als Leiharbeitsfirmen und stets wendiger als die Firmenbürokratie. Sie übernahmen die Entwicklung neuer Produkte und neuer Produktionsmittel und Distributionswege.

Die alternativen Betriebe ließen sich fast reibungslos in die Umstrukturierung der Produktionsweise der vergangenen Jahrzehnte einspannen. Mit den Ich-AGs hat hierzulande die rot-grüne Regierung eine allgemein gesellschaftliche Form der Alternativökonomie etabliert. Der Lohnabhängige gilt in diesem Modell als »Arbeitskraftunternehmer«, was nach Souveränität klingt, aber doch nur den Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um von ihr leben zu können, verschleiert. Mag der Arbeitsplatz selbst verwaltet sein, die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge, in denen der alternative Betrieb oder die Ich-AG eine Scharnierstelle einnehmen, sind es nicht.

Eine trostlose Geschichte – aber vielleicht nur dann, wenn der Begriff der Aneignung unhinterfragt im Mittelpunkt der Emanzipationsarbeit steht. Letztlich zeugt die Geschichte der Aneignung nicht von der restlosen Integration systemfeindlicher Kräfte, sondern von der Unaufhebbarkeit sozialer Widersprüche im Kapitalismus. Dass Menschen immer wieder zu durchaus militanten Formen der Aneignung greifen müssen, beweist, dass der Gang der Dinge – Mehrwertproduktion durch produktiv gemachte permanente Enteignung – auf Dauer kein gutes Leben ermöglicht. Und dass die Aneignungen für das Kapital »produktiv« gewendet werden können, sie also ein Element der sozialen Reproduktion des Kapitals sind, unterstreicht nur seine Widersprüchlichkeit.

Der Kapitalismus lässt sich nicht befrieden und auch nicht unterwandern. Wer von Aneignung spricht, muss auch von Aufhebung sprechen. Und von Klassenkampf. Das ist es, was Marx im Sinne hatte, als er vor 140 Jahren ausrief: »Kampf dem Lohnsystem!«