»Da gehen sie den ganzen Tag spazieren und leben wie Gott in Frankreich«, giftet der hawaiibehemdete Wiener in der U-Bahn, als der Zug in der Station Kaisermühlen – Vienna International Center einfährt. Der Blick des Wieners richtet sich nach links und seine Begleitung schüttelt verständnislos den Kopf. Denn links von der U-Bahn ragen die neun Wolkenkratzer der Uno-City in den Himmel. Seit über 30 Jahren ist Wien Standort eines der vier UN-Hauptquartiere neben New York, Genf und Nairobi. Und die Station Kaisermühlen ist jener U-Bahnhof, der eigens für die rund 6 000 Diplomaten und UN-Beamte angelegt wurde, die täglich in ihre Büros spazieren. Nachdem man die Sicherheitskontrollen passiert hat, taucht man in ein sagenhaftes Paralleluniversum ein. Angenehm klimatisiert sind tausende Büros und Sitzungssäle, ein Supermarkt verkauft Zigaretten zum steuerfreien Schleuderpreis. Und erst die Restaurants: ganze Menüs zum Preis von lächerlichen drei Euro.
»Eine große Familie sind die Vereinten Nationen«, erklärt die Fremdenführerin den Touristen im kreisrunden Fahnensaal. Und adoptiert wird man gerne in dieser Familie. Selbst von den höchsten Vertretern anerkannter Schurkenstaaten. »Hi, my friend, how are you«, pflegte bis vor wenigen Wochen der ehemalige iranische Botschafter bei den Vereinten Nationen, al-Salehi, die Journalisten zu begrüßen. Und ehe man sich’s versah, hatte man schon die Patschhand des Ayatollah auf dem Rücken. »Hugging Mullah« war al-Salehis Spitzname in der Presseabteilung der Atomenergiebehörde.
Spazieren gehen kann man vorzüglich in den Wolkenkratzern, denn sie alle sind halbmondförmig konstruiert und miteinander verbunden. Gekostet hat der Luxus die Vereinten Nationen übrigens nichts: Die Republik Österreich verpachtete die Gebäude für sieben Cent pro Jahr für 99 Jahre an die Vereinten Nationen. Andererseits: Die rund 6 000 UN-Beamten und die UN-Organisationen geben in Wien jährlich rund 360 Millionen Euro aus. Insofern kann Wien dankbar sein. Nicht nur für die Restaurants.
martin schwarz