04.08.2004

Run for your life

in die presse

Das britische Innenministerium weiß, was Terroristen brauchen. Eine Wohnung zum Beispiel. »Kommt Ihnen irgendein Mieter oder Gast verdächtig vor?«, werden die Bürger in der Antiterror-Broschüre »Vorbereitung auf Notfälle – Was Sie wissen müssen« gefragt, die im August an alle Haushalte verschickt wird. Wenn ja, soll der Bürger die Polizei alarmieren.

Terroristen müssen auch einkaufen. »Wenn Sie Verkäufer sind, haben Sie irgendeinen Grund, Verdacht zu schöpfen über irgend etwas, das gekauft wurde?« Eher selten wird ein Terrorist an den Tresen treten und sagen: »Ich hätte gern zehn Kilo Plutonium und einen Wecker.« Aber vielleicht ist ja schon der Versuch, einen Wecker zu erwerben, ein »mögliches Zeichen des Terrorismus«. Da jede Flasche ein potenzieller Molotow-Cocktail ist, werden die Briten jetzt wohl auf Dosenbier umsteigen müssen, wenn sie einen Aufenthalt in Guantánamo umgehen wollen. Diverse Bedenkenträger behaupten, es sei den Bürgerrechten abträglich, wenn mit so vagen Kriterien zur Denunziation aufgefordert wird. »Lassen Sie uns entscheiden, ob die Information, die Sie haben, wertvoll ist«, entgegnet man ihnen in der Broschüre.

Im Falle eines Anschlags scheint es die größte Sorge der Regierung zu sein, die Bürger vor den Straße zu holen. »Go in, stay in, tune in«, wird ihnen geraten. Der Bürger möge in ein Haus gehen, dort bleiben, Radio und Fernsehen einschalten und die Hinweise der Behörden beachten. Bei »besonderen Gelegenheiten« jedoch könne es ratsam sein, ein Gebäude zu meiden. Zum Beispiel wenn es in Flammen steht.

Offenbar hat die Regierung keine allzu hohe Meinung von der Intelligenz ihrer Bürger. Wenn radioaktive Wolken durch die Stadt wabern oder Anthrax-Bakterien nach einer Milz suchen, ist es eine Dummheit, ihre Ankunft abzuwarten. Das meint auch jener Tom Scott, der eine leicht veränderte Version der Broschüre im Internet veröffentlichte, die auf Intervention der Regierung wieder aus dem Netz genommen werden musste. Sein wichtigster Ratschlag: »Rennen. Sehr, sehr schnell.«

jörn schulz