Täglich Kitsch
Im Neuen Deutschland wurde im Januar des letzten Jahres an Einar Schleef erinnert. »Schleefs Chöre waren seine Musen«, war zu lesen. Und weiter: »Wenn sie sangen, durfte man schon mal daran denken, dass die Musen einst in Griechenland wilde, kräftige Wesen waren, die als Haarschmuck die Schwungfedern der Sirenen trugen. Wenn diese Musen sangen, standen die Sterne am Himmel still, und die Berge begannen zu wachsen und reckten sich höher, sodass die obersten Götter Angst bekamen um ihren Himmel. In der stillen Mitternacht konnte man in ganz Griechenland das ferne Stampfen ihrer tanzenden Füße vernehmen. So wogten, peitschten Schleefs Chöre. Oder waren auf geradezu bohrende Weise zärtlich.«
Das hat nicht etwa, wie man meinen könnte, ein noch pubertierender Praktikant geschrieben, dessen Redakteur so gutwillig war, dass er den Text unredigiert ins Blatt nahm. Nein. Die am Himmel still stehenden Sterne, die bedrohlich wachsenden Berge und wilden Wesen findet man in Texten von Hans-Dieter Schütt, einem Vielschreiber im Feuilleton des Neuen Deutschland, der in der »Linken unter den Großen« (ND über ND) in letzter Zeit nahezu täglich über Theater, Film, Literatur und Kunst schreibt, der aber auch Sportkommentare verfasst und sich für die politische Betrachtung nicht zu schade ist. Ein Tausendsassa also.
Schütt könnte sich in einer großen Tradition wähnen – große Feuilletonisten der Weimarer Republik wie Alfred Kerr, Siegfried Kracauer, Franz Hessel oder Franz Blei haben sich ebenfalls nahezu täglich zu Fragen der Ästhetik geäußert, Theaterkritiken verfasst oder das politische Geschehen kommentiert. Im Unterschied zu ihm aber konnten sie schreiben.
Auch Schütt ist jemand, von dem man meinen könnte, er habe einen Ruf zu verlieren. Immerhin hat der 1948 in Thüringen geborene Theaterwissenschaftler eine durchaus beachtliche Zeitungskarriere vorzuweisen, er war seit den siebziger Jahren Mitarbeiter der jungen Welt, wurde bald Leiter des Feuilletons und schließlich auch stellvertretender Redaktionsleiter, von 1984 bis 1989 war er der Chefredakteur des Blattes. Zugleich saß er im Zentralrat der FDJ. Nach dem Mauerfall wurde er zunächst Redakteur eines Reisemagazins, 1992 Mitglied der ND-Redaktion, für die er bis heute aktiv ist.
Auch als Buchautor ist er außerordentlich produktiv. Er veröffentlichte eine Unzahl von Interviewbänden, u.a. mit Regine Hildebrandt, Sahra Wagenknecht, Hans Modrow, mit den Schauspielern Kurt Böwe und Klaus Löwitsch, dem Bildhauer Alfred Hrdlicka (»Stein des Anstoßes«), dem Regisseur und Intendanten Frank Castorf, mit den, wenn man so will, Abenteurern Reinhold Messner und Rüdiger Nehberg, er publizierte Bücher über Gerhard Guntermann, über »Anna Rosmus, die ›Hexe‹ von Passau«, über »Die Spiegel-Titelbilder 1947–1999«, über Gerhard Schröders Ost-Tour (»Da reist was ein«), er veröffentlichte eine Geschichte der Edgar-Wallace-Filme und das Deutschlandbuch »Richtfest für Luftschlösser«, und so weiter. Daneben schrieb er noch Sportbücher über Steffi Graf, Lothar Matthäus, Rudi Völler, Toni Schumacher und Otto Rehhagel. Im letzten Jahr erschienen die Bände »Zwischen Baum und Basis« sowie »Nimm dir das Leben!«, und, mit Schütt als Herausgeber, das Buch »Tobe, zürne, misch dich ein!« von und über Konstantin Wecker.
Die Prosa Hans-Dieter Schütts zeichnet sich dennoch vor allem durch Hässlichkeit aus. Er neigt in beinahe jedem Text zu Aphorismen – »Dogmatiker glauben, dass Lügen durch Bewahrung wahr werden« –, angesichts deren selbst die Kalauer eines André Brie (»Nur die nackte Wahrheit geht mit keiner Mode«) in einem milden Licht erscheinen. Gern hat er schon zu Zeiten der DDR den Bindestrich benutzt, mit dem er üblicherweise zusammengesetzte Substantive wieder trennt, um seinen Texten einen aufklärerischen, sprachkritischen Touch zu geben. So gibt es die »Sprach-Arbeiter«, die »Stahl-Säulen«, den »Langsam-Geher«, dazu kommen Wörter wie »Lust-Duo« oder »Detail-Steinbruch«.
Auch die bereits bei Reinhard Mohr gefürchtete Dreierreihung scheint für Schütt ein wundervolles Stilmittel zu sein, er nimmt sie gern, um einen Eindruck zu verstärken: »Der Chor sang, an der Tür aß einer der Organisatoren eine Banane, und man sah ihm an, dass er fror wie alle. Aus solchen Momenten zwischen melancholischer Aufführung, schroffer Unfeierlichkeit und allgemeiner Erkältungsgefahr gewann der Abend seine seltsame, rührende, dunkle Rundung.« Ebenfalls bemüht er gerne die Alliteration und das Paradoxon, bzw. das, was er dafür hält. In Elfriede Jelinek beispielsweise erblickt er »eine stolz verhemmte Frau«, also jemanden, nein, etwas, »was eigentlich gar nicht zusammengeht«.
Wie jedem Autor, dem das hohe Pathos der deutschen Bühnendichtung auf die Sprache schlug und der sich als Neoexpressionist versucht, neigt Schütt zu dunkler Romantik und zu Nationalismus. Und auch in allgemeineren Gesellschaftsfragen entblößt Schütt, der andererseits gegen die Hartz-Gesetze oder die Kriege protestiert, nicht selten seinen autoritären Charakter: »Der hohe Stand der Menschenrechte und der Freiheit(en) hat diese Gesellschaft an ihre derzeitigen Gefährdungen geführt, nicht deren Mangel.«
Um zu gefallen, greift er zu grellen Effekten. »Ist Zidane Lenin?« fragte er anlässlich der Fußball-EM im Juni. Mit diesem Unfug, der ein Gag sein soll, will Schütt beweisen, dass er ein Linker ist. Wie auch seine Zeitung, die sich als eine politische versteht, versucht, den politischen Verfall der PDS, der sie nahe steht, durch banalen Wortwitz und deutsche Seligkeit zu kaschieren.
Schütt, dessen Texte selbst im ND als besonders schlechte erkennbar sind, ist der typische ostdeutsche Wendejournalist, der sich mit Volkstümlichkeit und Linkskitsch über Wasser halten will. Bei ihm paart sich dieser Überlebenswille interessanterweise mit einem immensen narzisstischen Schreibzwang. Auf den folgenden Seiten wird der Journalist Schütt daher mit der Produktion eines ganz normalen Monats vorgestellt.