Der Juli war ein ruhiger Monat, die Hartz -IV-Gesetze erschütterten nur wenige, die hilflose Trainersuche des DFB machte mehr Schlagzeilen, und auch das Wetter erntete größere Aufmerksamkeit. Die Filme »Super Size Me«, »Fahrenheit 9/11« und »(T)Raumschiff Surprise« bewegten schon vor ihrem Kinostart das Publikum, der Berliner Kultursenator Thomas Flierl machte sich ein weiteres Mal unbeliebt, und die Böhsen Onkelz feierten mit ihrer Single »Onkelz vs. Jesus« Verkaufserfolge.
Für Hans-Dieter Schütt, Redakteur des Neuen Deutschland, aber war zunächst Frank Castorfs Rauswurf bei der Ruhrtriennale ein Thema, ebenso der »unbewegliche« DGB und seine Missachtung einer »im Schlamm der Welt wütenden und wühlenden Kunst«. »Nun steht Castorf da, ohne Verdi und Co. Er hat sich geirrt, als er sagte: ›Wer mich will, will den Widerspruch.‹ Man wollte seinen Namen und schloss ansonsten die Augen. Davor, dass Castorf stets alle Erwartungshaltungen müde, maulfaul und mustergültig schwermütig unterläuft. Er ist längst eine der größten Zumutungen des deutschen Theaters. Er zeigt Kunst-Handwerk als Fortsetzung der politischen, sozialen Ratlosigkeit mit anderen, aber immerhin, bittesehr!, staatlichen Mitteln. Das passt nicht allen – die sich nur als Geldgeber und also Kosten-Nutzen-Rechner verstehen, aber gleichzeitig Gewerkschafter genannt werden wollen.«
Zwei Tage später, am 3. Juli, treibt ihn der deutsche Fußball um. »Im Moment gerät man etwas durcheinander: Rau geht, aber Hitzfeld kommt nicht. Collina fehlt künftig auch, aber zugleich steigt die Zahl derer, die leider bleiben. Kerner etwa, der Kommenta-Tor, der ja sein Hirn wegen unterlassener Hilfeleistungen bei TV-Übertragungen anklagen könnte – eine Tat, die furchtbare Folgen hatte: Man wünschte sich Heribert Fassbender zurück. Kann eine EM noch grausamer sein?« Auch der DFB-Präsident lässt ihn an früher denken. »Ein Blick ins Gesicht von DFB-Chef Mayer-Vorfelder reicht: reif fürs Politbüro – starrsinnig, leblos und unbeliebt, nur legitimiert durch unzählige überstandene Misstrauensanträge.«
Und das Land ist in Gefahr: »Die Globalisierung weicht das Nationale auch dort auf, wo es ungehemmt seine letzte ungefährliche Leidenschaft ausleben kann: im Fußball. Die Griechen und die Portugiesen haben ausländische Trainer, so, wie die Koreaner bei der letzten WM einen Holländer hatten, die Senegalesen einen Franzosen. Kameruns Nationalfarbe wurde eines Tages blond wie Winnie Schäfer, und der Irak versucht’s mit Bernd Stange.«
Deutschland aber ringt um Otto Rehhagel, »der nun, nachdem Wolfgang Petersen das Trojanische Pferd in die Kinos gerollt hat, über weit mehr Leinwände auf Plätzen Europas seinen Trojanischen Ball treiben lässt«. Am gleichen Tag bietet Schütt im ND ein Interview mit Thomas Flierl (»Der vornehmlich schwarz Gekleidete residiert, im maroden Berlin, auf einem Schleudersitz«) und einen Kommentar, in welchem er den Bundespräsidenten zitiert, den er schon im Fußballkommentar untergebracht hat. »Der neue Bundespräsident betont soeben, ›Deutschland braucht einen neuen Aufbruch‹, was ja Niedergang, also Talsohle voraussetzt – und just in dem Moment erklärt die Unesco ausgerechnet das Dresdner Elbtal zum Weltkulturerbe.« Ein gelungener Übergang.
Der Frühstückleser erfährt am 5. Juli von Schütt, dass man neben der normalen und der so genannten emotionalen offensichtlich nun auch über instinktive Intelligenz verfügen kann. »Zwei Pole kennzeichnen das Phänomen Brando: die physische Kraft, ein nahezu animalischer Magnetismus – und die Intelligenz eines instinktiven Einlebens in eine Rolle.«
»Gott ist ein Trust«
Vor lauter Kraft präsentiert er zugleich eigene Überlegungen zur Theaterästhetik: »Kunst, die ins Auge geht.« Dabei vertritt der Theaterwissenschaftler Schütt eine Ästhetik des Schocks. Denn außerhalb des Theaters werden »wir« nicht mehr genug aufgerüttelt. »Das Unbehagen an der Welt – wie leben wir es? Relativ gleichgültig. Die Verschmutzung der Gesellschaften, der Verfall der Moral, der Zucht-Irrsinn der Wissenschaft, die Brutalität der Wirtschaft, die verblödende Medialkraft, die fundamentalistischen Scharmützel aller Art – das haben wir im Hinterkopf, blenden es in traurigen, stillen Momenten ein, aber blenden es instinktiv wieder aus, wenn uns der Tag in die Lebenspflicht nimmt.«
Ist das nicht schrecklich? Es ist sogar fatal! »Das fatale Empfinden wird flankiert von beträchtlicher Hilflosigkeit einer politischen Linken, die nicht so recht weiß, was sie härter trifft: das lähmende Desinteresse der Erniedrigten und Beleidigten an Utopie und gemeinsamem Widerstand oder die ebenso lähmende Strahlung, die von der Geschichte des eigenen Versagens ausgeht.« Da kann nur das Theater helfen, das eines Christoph Schlingensief, eines Calixto Bieitos , eines Michael Thalheimer. Oder die »Blutwortbilder« von Heiner Müller. Denn »im Klima solcher Gefühle kann Theaterkunst wie ein letztes Flüstern von etwas Hochheiligem sein. Oder es ist der mahnende Schrei, dass alle Heiligkeit verflogen ist.« Der mahnende Schrei, das letzte Flüstern, das »Archaische, Fremde, Geschichtliche, das in einem Sophokles oder Shakespeare oder Schiller steckt«. Der gelernte Materialist verleugnet die Lehre. Er sucht den Traum. Eine »Aufführung kann gegen das krude Weltliche eine Wahrheit behaupten, die jede dreckige Gegenwart kühn und träumerisch überschreitet«.
Nach so viel dunkler Romantik hat Schütt sich erschöpft, doch er lässt nicht vom Computer ab. Stattdessen wechselt er am nächsten Tag vom Theater zum Stadion, Rehhagels Fußballspiel wird gegen Kritiker verteidigt. »Fußball ist nicht Eiskunstlauf, sondern der Versuch von elf Doppelfüßlern, just jenes eine Tor mehr zu schießen, das elf gegnerische Tausendfüßler schlichtweg verhindern wollen. Programm gegen Realität. Idee gegen Idee. Gleiche Idee gegen gleiche Idee. Man weiß also voneinander. Man trainiert doch den anderen immer mit. Man mag sich ja als Mensch allein auf der Welt fühlen, auf dem Spielfeld aber findet Arbeit inmitten einer Überbevölkerung statt, zumindest von Beinen.«
Inmitten dieses Kampfesgewimmels ist Rehhagel, und er ist einer von uns. »Rehhagel ist als Trainer gleichsam der Prolet, der im Unsummenspiel Fußball das kapitalversessene Bürgertum an eine Kulturpflicht zur Gemeinschaft erinnert.« Wieder munter geworden, kann Schütt in der gleichen Ausgabe auch noch einen kirchen- und konsumkritischen Kommentar unterbringen. »Nun ist auch der Globus ein Dorf – und die Kirche kommt in den Bibelpark. ›Holy Land Experience‹ heißt so was in Florida. Entlang der Via Dolorosa (gleich links gibt’s Goliath-Burger) hin zur Kreuzigung. Plus Auferstehung. Und das acht mal am Tag – Amerika hat viele arbeitslose Schauspieler. In God we trust, sagt man in den USA. Ja, Gott ist ein Trust.«
Mittwoch der 7. Juli ist ein schüttfreier Tag. Am Donnerstag aber wird die Kirche ins ND geholt, bzw. eine Struktur in die Story. Anlass bietet ein Altarbild von Johannes Heisig, die Titelzeile des Berichtes lautet munter: »Altar mit Dorfgesicht«. Da Schütt offensichtlich der Existenzialismus ins Frühstück gefallen ist, ist die Menschheit mit einemmal ins Sein geworfen, und Gott macht auch irgendetwas. »Sagen wir so: Am Anfang schafft Gott immer Himmel und Erde, und am Ende ist einer immer am Kreuz und sagt, es sei vollbracht. Das ist der Inbegriff dessen, was man Story nennt. Das ist das Muster. Gut gemeint, aber Muster. Stets ist, wenn wir mit unserem kleinen Leben daherkommen, schon ein Sinn da, eine Vernunft, eine Wenn-Dann-Folgerichtigkeit. Wir sind Gesetzte. Was gut und gütig und einzusehen ist, ging durch den Warentest. Am Ende, wie gesagt, das Kreuz, unser gesenkter Kopf, unsere Schuld. Noch weiter dann die Erlösung.«
»Volksmündische Neugier«
Am Samstag drauf ist Schütt Interviewer, der Schauspieler Thomas Thieme wird über »Thüringen, Auferstehung, Kahns Bananen-Effekt und Ernst Thälmann« befragt. Thieme behauptet, dass die Freiheit eine zugige Gegend sei. Ein schiefes Bild, das Schütt gern aufgreift, doch gleich muss er den Schauspieler zurechtweisen. »Freiheit – doch nicht nur eine zugige Gegend. Auch wunderbar offnes Feld, Herr Thieme.«
Der 12. Juli erweist wieder die Schreibfreude des instinktiven Intellektuellen. Nicht nur einen Nachruf auf Inge Meysel hat er verfasst, nein, auch die neue Sozialgesetzgebung macht ihm Kummer. »Hartz IV? Klingt wie: Eins, zwei! Eins, zwei!« Der Arbeitsbegriff habe sich verändert, erfasst Schütt die Situation richtig, und zieht daraus den falschen Schluss. »Arbeitslosigkeit heute ist vor allem: Leiden an Geldlosigkeit.« Das war früher anders? Ja, da hatte Arbeit noch einen Sinn! »Das also hat die Gesellschaft schon geschafft: Immer mehr Menschen denken nur noch marginal über den Sinn ihrer Arbeit nach, denn hauptsächlich geht es um deren Zumutbarkeit. So führt Einstellung in einem Job verdächtig oft zur Einstellung der Idee, Arbeit müsse vorwiegend Spaß machen. Dass im Sozialismus die Klofrau den Staat leiten sollte, erwies sich als tödlich für den Staat. Dass der arbeitslose Ökonom nun begreifen soll, das Putzen eines Klos sei doch ebenso angenehm wie die Leitung einer Firma – es kann irgendwann ebenfalls gefährlich werden, und zwar für den Demokratie-Kern der Gesellschaft.«
Die »USA-Manager«, schreibt Schütt in einem weiteren Kommentar, haben ideologische Vorurteile gegen Europa. Die hiesigen Führungskräfte seien »überaltert«, berichte die New York Times. Schütt sagt: »Vergreisung. Eur-Opa.« Und schließt bitter aus all dem: »Es ist also zukunftsschädigend, nicht nur für die Arbeit zu leben. Es reicht nicht mehr, ihr nachzugehen, man muss ihr vorausjagen. Der Preis, den Erfolg-Reiche zahlen: Es gibt nichts außer Effizienz. So wird man wunschlos unglücklich, darf’s aber Karriere nennen.«
Der nächste Tag lässt die Leser nur zweimal den Namen Schütt im Blatt finden. Zum einen juxt er zum Thema Fernsehgebühren herum (»Wieso müssen nach dem Ausscheiden deutscher Sportler bestimmte deutsche Kommentatoren nicht ebenfalls nach Hause fahren?«), zum anderen wendet er sich wieder dem geliebten Theater zu. Er hat Brechts »Der gute Mensch von Sezuan« in Dessau gesehen und ist begeistert. Schon Brechts Parabel bringe die »Dialektik von Moral und Verbrechen (politische Ökonomie des Kapitalismus!) auf den Punkt«. Philippe Besson, der Regisseur, konzentriere sich auf »Demonstration, Übersicht, Direktheit«, die Stärke von Bessons Arbeit sei »der Sog der modernen Logik, in den sie hineinzieht«. Die Schauspielerin Hildegard Alex entwerfe zudem »in winzigen Strichen ein präzises Porträt volksmündischer Neugier, Häme, Bosheit und klatschsüchtigen Denunziantentums«.
Zwei Tage später liest man ein »Unmögliches Interview« mit Anton Tschechow zu dessen 100. Todestag unter dem Titel: »Nur eines ist nicht gut: Das sind wir.« Schütt hat sich Antworten aus Briefen Tschechows erstellt. Das reicht aber nicht. Zugleich hat er noch einen Kommentar verfasst, in dem er munter über den Plan des Unternehmens Milka schreibt, die Zugspitze lila anzustrahlen. Er glaubt nicht an die Hoffnung der bayerischen Tourismusbehörde, dass das Event den Fremdenverkehr belebe. »Mit dem Badeanzug auf die Alm? Derzeit nicht mal was für Milka van Almsick.«
Tags drauf knöpft er sich erneut die Amerikaner vor. McDonald’s habe den Umsatz erneut gesteigert, berichtet er: »Die Vernunft beißt überall nur auf Granit, der bewusste moderne Mensch isst Dinkelkuchen, und die SPD ist ja eigentlich gar nichts mehr – aber trotzdem steigern ausgerechnet Ausgabestellen für Papierbrei mehr und mehr ihre Würgung?« Folgerichtig steht die Katastrophe ins Haus. »Bald brüten Salmonellen-Hühner den Eier-Krebs aus und verbreiten auf dem Wege des Chicken-Mac umfassende Debilität. Inzwischen kennen wir auch die Folge davon, dass McDonald’s die Fußball-EM sponserte: Fast Food befördert das Entstehen humangenetischer Monster, wie etwa jener vier(!)köpfigen DFB-Findungskommission.«
Wenn aber alles irgendwie zusammenhängt, dann kann man auch alles schreiben. Kaum ist eine Nacht vergangen, schon steht er wieder im ND. Er ringt den Beschwerdeanrufen bei Meteorologen einen Sinn ab: »Das Prospektwetter wurde zum kulturellen Mythos. Und ein Mythos, will er uns beim Leben helfen, muss der Wirklichkeit zuwiderlaufen. Er ist das Versprechen von Erlösung nach unverdientem Leiden. Der Sommerfrischler ist in besonderem Maße ein mythischer Typ der Gegenwart, denn er leidet unverdient. An der Agenda 2010, an der Praxisgebühr, an der Repression am Arbeitsplatz. Nach Selbstaufgabe und Selbstaufhebung in einer kalten sozialen Maschinerie will er nun, unter der Sonne oder im warmen Seewasser, zu sich selber kommen. Die große ›Du darfst‹-Chance. Einmal im Jahr.«
Neben dieser allzu menschlichen Betrachtung hat er noch einen engagierten Zwischenruf verfasst, denn der 84 Jahre alte Bankier Ludwig Pouillain durfte nicht zum Abschied eines NordLB-Vorstandsvorsitzenden reden. Poullains Rede forderte die Zuhörer zu sozialem Handeln und Verantwortung auf. Schütt ist so hingerissen, dass er erneut seine sozialistische Ausbildung vergisst. »Ein Bankier (kein Banker!) und Sprache. Statt Vokabular. Diese Rede ist Hinweis auf die Utopie, dass eine Änderung der Verhältnisse (auch, und vielleicht gar wesentlich) aus einem anderen Geist der Elite kommen könnte.« Denn der Bankier redete wie das, was Schütt für einen Poeten hält. »Welch ein Schluss-Satz eines Bankiers an seinesgleichen, der aller Anfang wäre und deshalb so traumverloren bleibt: ›Öffnet eure Gesichter.‹«
»Menschen sagen ›Nein‹«
Der 19. Juli lässt ihn »Zeichen an der Wand« sehen. »Philippinische Soldaten verlassen Irak, geben den Entführern einer ihrer Landsleute nach. Mitten im Wirbel um die ›Cap Anamur‹ hatte Roms Bürgermeister erklärt, er wolle die Afrikaner wider das Verbot seiner Regierung aufnehmen. So wie vor Monaten Londons Bürgermeister zu Bürger-Protesten gegen den Besucher Bush aufrief.« Die Ergebnisse einer widerwärtigen Erpressung und persönliche Courage sind eins, es geht gegen Bush.
In all dem manifestiert sich nichts weniger als der Mensch. »Menschen sagen ›Nein‹. Machen einen unmöglichen Vorschlag. Handeln unüblich. Manchmal will man gar nicht sofort wissen, ob dahinter ebenfalls nur nacktes Interesse steckt. Man ist erst mal nur dankbar. Dafür, dass man noch nicht alles herunterlädt aufs Niveau von Taktik und Kalkül. Dankbar dafür, dass man inmitten so vieler Unheilbarkeiten noch etwas empfindet gegen die fortdauernde Abwertung von Welt. Und Mensch.«
Am 20. Juli schreibt er merkwürdigerweise nicht über die putschenden Offiziere, sondern stellt sich »Siebenundzwanzig Fragen. Wohin dreht sich das Berliner Intendantenkarussell?« Nach all der Kulturpolitik fällt ihm plötzlich wieder der Griechengott ein, sodass er nicht umhin kann zu witzeln. »Muss man nicht abschließend fragen, ob die gesamte Debatte um Berliner Intendanten nicht zur völlig falschen Zeit stattfindet und die Suche nach einem deutschen Fußball-Bundestrainer ungut belastet und in die Verzettelung treibt? Es sei denn – und hier nun also doch so etwas wie eine abschließende Antwort! –, Flierl fragt Rehhagel, der ist mit Jürgen Flimm befreundet, zitiert gern Goethe und weiß, wie man die alten Griechen als modernes Gegenwartsstück inszeniert.«
Der Folgetag zeigt ihn entsetzt. »Medizynisch und medienzynisch ist das alles fast schon Gegenwart.« Denn »ProSieben und RTL starten demnächst, nach US-amerikanischem Vorbild, OP-Serien rund um die Schönheitschirurgie.« Auch in diesem Spektakel manifestiert sich für Schütt nichts anderes als die ewige Flucht, die Suche nach dem Guten, ein einziges »wir« und »das Leben«. »Wohin überall sind die Menschen schon geflohen? In den Westen, aufs Land, in die Stadt, aus einer Ehe hinaus, in eine Ehe hinein. Nur aus der eigenen Haut fährt sich’s so schwer; der eigene Körper schien lange das letzte, sicherste und eben leider auch grausamste Gefängnis zu sein, in das wir lebenslang eingesperrt sind. Die Schönheits-Chirurgie etabliert sich nun auch per Fernseh-Soap zum Fluchthelfer: Bloß raus aus den wahren Zuständen! Die Philosophen haben die Welt immer nur interpretiert, es kommt aber darauf an, ihren Busen zu verändern.«
Der 22. lässt Schütt wieder auf Wirtschaft und Theater treffen. Der obligatorische Kommentar zwingt ihm einen Text zu den Zuständen bei Daimler-Chrysler ab. Gottseidank stehen die Griechen bei Fuß. »Wer schoss eigentlich das entscheidende Siegtor der Griechen im Finale der Fußball-EM? Unwichtig. Held des Spiels war der portugiesische Torhüter Ricardo – er ließ den Ball zum 0:1 durch. Das war die Heldentat, nicht der Schuss aufs Tor.« Indem der Manager Jürgen Schrempp nun »gestenbewusst auf Gehaltspartikel verzichtet« habe, gab er Schütt Hoffnung. Vielleicht hat die Elite ein Zeichen gar gesetzt? »Gehalt und Haltung haben plötzlich wieder etwas miteinander zu tun. Auf jeder Ebene. Brecht: ›Lege den Finger auf jeden Posten!‹ Denn alle müssen ihn bezahlen. Dieses Bewusstsein bricht sich vielleicht langsam Bahn. Von unten, aber dann unbarmherzig nach oben. Es wäre das entscheidende Signal, das von Sindelfingen ausginge.«
Als sei das nicht genug für 24 Stunden gewesen, treibt es Schütt zu Heiner Müller. Über ihn hat sein Freund Stephan Suschke ein Buch herausgegeben. Schütt wird es vor Schönheit dunkel: »Dramaturgenarbeit ohne jeden Eintrocknungsehrgeiz. Notate ohne jede besserwisserische Tätlichkeit. Spezialistentum ohne jede Abgrenzungs-Arroganz. Also: fesselnde Lektüre. Wie sich ein Stück in der Lebendigkeit des Probierens wehrt, streckt, wohlfühlt, wie es zubeißt, sich anschmiegt, wie es gleichsam wegläuft, wiederkommt; wie das Stück in die hineinfährt, die es für die Bühne erarbeiten; wie die Spieler selber zum Drama werden; wie sich alle im Stoff verlieren und doch gefährlich kenntlich werden. In einem Vorgang, der sich Probieren nennt.«
Schütt verharrt beim Theater, Schillers »Wilhelm Tell« wird am 23. Juli in der Schweiz aufgeführt, die Geschichte vom Waldmenschen und Einzelgänger, der die Nation begründen half. Er ist entflammt! »Heute Abend wird das Volk wieder schwören. Zum ersten Mal wird der Rütli und seine Wiese für den Anlass einer Freilichtaufführung geöffnet. Irgendwie erinnert Tell ja immer an die Jungfrau von Orleans; es geht um Vorschläge, wie man aus schwerem Panzer ein Flügelkleid weben kann. Überhaupt die Schiller-Hauptaufgabe. Er ist der Heilige dieses Vorschlagswesens in der deutschen Literatur. Ein Vorschlagswesen, dem Mächtige nie gewachsen sind.« Gerade Ulbricht, fällt Schütt plötzlich ein, habe das gefürchtet.
»Wie ein Gewitter«
Am 24. Juli schlägt Schütt wieder mehrfach zu. »Die Cap Anamur, Gregor Gysi und die Moral auf dem Medienmarkt« hat er sich zum Thema genommen. »Was mit der Cap Anamur geschah, war ein weiterer Einschnitt in der Geschichte der westeuropäischen Opposition gegen herrschende Zustände: Glaubwürdigkeit wird in immer härteren Verkaufsverhältnissen immer schwieriger.« Daher stehen wir alle »entherzt und ausgehärtet« in der Welt. Doch Gottseidank gibt es Harald Schmidt. »Als Kabarettist bleibt Schmidt stets auch Humorist, aber dem schmierigsten Kalauer, mit dem er das Publikum fängt, folgt ein Hegel-Satz, mit dem er es blamiert. Worauf die Leute nur noch mehr kreischen. Das ist in höchster Potenz bundespräsidial: zwei Stunden so unfassbar zu sein, dass im Saal alle gleichzeitig angesprochen und ausgegrenzt werden (…) Schmidt sagt jetzt einen Heimat-Satz: der Ort, an dem man sich nicht erklären muss. Da haben wir den Hegel. Heimat ist aber auch der Ort, an dem dich der Nachbar grüßt. Da haben wir Hansi Hinterseer. Schmidt führt immer wieder das Unverträgliche zueinander; er wird Freddie Mercury, Friedrich Hollaender und Billy Joel intonieren, aber das Publikum auch mit Bach quälen…«.
Geläutert kann er sich Wassili Schukschin zuwenden, einem sowjetischen Dichter, Schauspieler und Regisseur, der an diesem Tag 75 Jahre alt geworden wäre. »Seine Filme stehen in keinem Kanon der Wichtigkeiten. Aber wer sich an ihn erinnert, wie man an etwas nicht Vergangenes denkt – der ist mit einem Male wieder dort, wo dieses Werk in der Naturgeschichte des eigenen Lebens wie ein Gewitter heraufzog. Und blitzte. Ja, dort ist man plötzlich wieder. Und weiß, dass man auf keinem anderen Wege mehr hinkommen könnte an den Ereignisort. Vorbei. Und also ist man jetzt bei Schukschin näher als vielleicht damals.« Daher kann er ihn lieben wie einen Vater. »Schukschins Gesicht hat Falten des Widerstandes, auf der gefurchten Stirn und um die Mundwinkel herum; was vom Grübeln erzählt, das erzählt immer auch vom Lachen – und so sind auch seine Geschichten. Von spontanen, elementaren, unberechenbaren Menschen, an der Grenze zur Anarchie, immer in der Gefahr des Strauchelns, aber bei ihrem Schöpfer Schukschin stets in sorglicher, verständiger Obhut.«
Am 27. noch einmal Tell in der Schweiz, diesmal war Schütt vor Ort, hat den Banker Ackermann im Premierenpublikum erblickt und in sich eine Mordlust vorgefunden: »Gegen die Haupttrainingsdisziplin in der Demokratie: sich verlässlich darin zu üben, nicht alles für denkbar zu halten, was man so denkt – immer müssen wir sittlicher sein, als wir es im Grunde des Herzens sein wollen. Josef Ackermann lächelte an diesem Abend viel. Von oben, vom Tribünenplatz. Denn alles ist gut. Unten, auf dem Platz der Tribunen, ruft das Volk. Ruft nach Tell. Es bräuchte ihn jetzt. Vor allem seine Armbrust. Aber Tell geht, seinen kleinen Sohn am Arm, so unauffällig wie entschieden von der Szene. Waldwärts. Weg von einer Freiheit, die zugleich Entfesselung heißt. Ackermann, auch das ist Entfesselung, und der Zorn dagegen steht in gleicher Gefahr.«
Und dieweil er Ackermanns Tod träumt, verteidigt er das »muslimische Ausland« gegen den »gefährlichsten aller Begriffe«, den »Islam-Faschismus«. Das Wort darf man nicht sagen. »Die Diktatoren Salazar und Franco waren tiefgläubig – nannte man sie ›Christiano-Faschisten‹? Keiner beleidigt die Demokratie mehr als der Christ Berlusconi, im Land, aus dem der eigentliche Faschismus kam. Bush bekriegt Fundamentalisten und ist selber einer. Bin Laden: Als Kumpel Rumsfelds galt er noch nicht als ›Islamo-Faschist‹.« Weiß das Michael Moore schon?
Schütt muss nun seine Gefühle und Martin Walser und uns alle verteidigen. Walser nämlich zeigt »Ehrfurcht vorm kleinen Bürger«. Daher hat Schütt am 28. Walsers neuen Roman rezensiert, er verfällt bereits am Anfang der Rezension ins Schwärmen: »›Erfahrungshörig.‹ Das ist so ein Wort. Ein Martin-Walser-Wort. Oder dieser Halbsatz, darin jener Mensch gepriesen wird, der – pures Glück und pures Unglück zugleich – ›nicht von sich absehen kann‹. Das ist jene Walser-Ausdrucksform, die Selbstverständlichkeit benennt, scheinbar. Aber es sind weit reichende Geständnisse: Ich kann meine Vorstellungen über die Welt nicht trennen von meinen Erlebnissen mit der Welt; Erfahrung ist stärker als das, was die Vernunft, was die öffentlichen Verabredungen fortwährend wollen; ich schäme mich eines klaren Standpunktes, weil er nicht deckungsgleich ist mit meinem fortwährenden Ausgeliefertsein an wechselnde Standpunkte. In wechselnden Situationen. Ich verweigere mich einer tonangebenden Öffentlichkeit – dies nämlich wäre Erziehung, und Erziehung ist immer ›Ausbildung zum Gefangenen‹, einer ›Zurechnungsfähigkeit, die nichts taugt‹. Moral als Kette, mit der man angeschlossen wird an das, was allgemein zu gelten hat.«
Erfahrung ist stärker als die Vernunft, und Liebe ist schön. Und Herrn Schütt wird wieder einmal alles eins. Steht er eben noch mit Walser Seit’ an Seit’, ist er einen Satz später schon wieder in unser aller Liebesdilemma. »Es gibt keine staatlich regulierbare und für jeden gleich gültige Schuldgefühls-Dosierung, auch nicht in den schwerwiegendsten historischen Dingen. Wer das will, erzieht Heuchler. Freiheit und Reife einer Gesellschaft zeigen sich im Vertrauen darauf, dass der Einzelne in den Unzumutbarkeiten von Geschichte und Schuld und Sühne weiter zerrissen bleiben darf, beschädigt, gefühlsanfällig. Im Nicht-abwenden-dürfen doch zugeben, dass man sich abwenden möchte. Aber sich trotzdem nicht aus der Zuständigkeit stehlen. Mitten im Schuldgefühl trotzig Anspruch auf Unschuld anmelden. Aber natürlich schuldig bleiben. Bei Anna nicht an Beate denken, sondern hinstürmen zu Beate. Und dann wieder schwanken. Das Schwanken als Existenzform.«
Wenn es schwankt, hat der deutsche Mensch ja noch den Boden. »Es gibt wohl keinen deutschen Schriftsteller, dessen Romane zugleich so innig und verzweifelt treu um den Autor selbst kreisen. Walsers fiktive Geschichten sind zugleich, und das auch hier wieder in faszinierender Verzahnung, glänzende Essays, Alltags- und Allnachtsbeobachtungen, bei denen stets der Ruf nahe liegt: Genau! Stimmt! Dieser Walser lebt wortwörtlich am Bodensee: am Boden, wo Leben seinen Gang geht, und wo man doch nicht ohne weiteres Grund unter den Füßen findet.«
»Ans Einfache denken«
Seinen Kampf gegen die Aufklärung führt Schütt auch am nächsten Tag. Gegen eine naive Broschüre zu Terroranschlägen, die die britische Regierung hat drucken lassen, wendet er seinen brachialen Frohsinn. »Warum das Einleuchtende erst jetzt? ›Wenn eine Bombe in Ihrem Gebäude explodiert, suchen Sie den sichersten Weg nach draußen!‹ Warum hat man diesen Rat den Toten des 11. September 2001 vorenthalten? ›Entfernen Sie sich von der unmittelbaren Gefahrenquelle!‹ Abgesehen davon, dass eine Explosion just dies zuallererst mit jedem Einzelnen besorgt – wieso verheimlichte man das den Passagieren der Unglücksflugzeuge über New York? Jetzt plötzlich geht einem auf, was da schief lief. Ans Einfache denkt man erst, wenn’s zu spät ist und man einem Fremden ins Chefzimmer fliegt, obwohl man doch gar keinen Termin hat.« Komisch ist auch sein Kommentar zu Schlingensief in Bayreuth. »Inzwischen ist wieder Hoffnung – der ›Parsifal‹ hat offenbar doch, jenseits profaner Skandal-Vorstellungen, Tiefenwirkung. Indem die Inszenierung zum Beispiel den Titelrollen-Sänger Wottrich zu heftigsten Entgleisungen provozierte …«
Am letzten Freitag im Juli widmet er sich der Purcell-Oper »King Arthur«. »Wenn Musik aufhört, dann heißt jenes Erlebnis, das danach kommt, immer nur: Armut. In dieser Armut teilt sich mit, was Musik für eine Einbildungskraft in uns bewirkte. Sprache kann da nichts wieder gut machen, gar nichts. Reiner Ausdruck ist einzig in der Musik möglich. In der Sprache existiert immer, und sei es nur in der Dimension eines Haarrisses, ein nicht behebbares Nebeneinander von Mitteilung und Ausdruck. Das Gesagte geht nie ganz auf in Sprache. Das Wort geht nie ganz auf in Poesie. Immer bleibt ein Inhalt bestehen, jenseits des Ausdrucks.«
In der Wochenendausgabe vom 31. Juli folgt Schütts letzter Beitrag im Juli, wieder geht es um Tschechow. »Jede Not zwischen Menschen erinnert in gewissem Maße an eine Hoffnung. Zwar bleibt jeder Schmerz ein Schmerz, doch kann man ihn zum Teil dadurch überwinden, dass er ein Ansporn für größere Anstrengungen wird – damit in Zukunft Leid, das man einander zufügt, gemildert würde. So birgt just die Tragödie ein starkes, gutes Versprechen in sich. Bitter: Tschechow hat mit der ›Möwe‹ eine Komödie geschrieben. Keine Chance.«
Not, Seele, Schmerz, Boden, Schwanken und Hoffnung, Elend und Schlamm, die kleinen Leute, die Elite, Deutschland, die Schuld, die Verantwortung, die Scham; das alles dargeboten mit klebrigem Humor. Hans-Dieter Schütt ist ein Mensch. Sagt er. Schreibt er. Spürt er. In sich zerrissen. Und mit sich doch ganz eins.