11.08.2004

Wir suchen

Eine Erinnerung an die Zeit als Drücker. von l. ricardo ginés echeverría

»Wir suchen Beifahrer/Produktionshelfer m/w von 18-26 zum sofortigen Arbeitsbeginn, Verdienstmöglichkeiten ca. 400 Euro wöchentlich, Steigerung möglich. FS kann evt. gemacht werden. Anrufe Mo-Fr. v. 9 bis 17 Uhr. Tel 030 / …«

Es ist lange her, so lange her, dass du nicht anders kannst, als nostalgisch zu werden, als dich zu erinnern. Was waren das für Zeiten! Jung und naiv, wie du warst, fiel es dir nicht leicht, Arbeit zu finden, sprich, einer zufriedenstellenden Tätigkeit nachzugehen, die zumindest irgendwie Sinn versprach. Geschweige denn überhaupt Geld. Und doch gab es Hoffnung, kurz vor dem endgültigen sozialen Abstieg, materialisiert durch solche Annoncen.

Du wirst älter, und dein Gedächtnis lässt nach. Und doch gibt es die Anzeige immer noch, wie ein alter Freund, dem du wieder begegnest. Du siehst sie. Jedes Wochenende. Und du bist jedes Mal erstaunt. So lautet sie, unverändert. Sogar die Nummer ist dieselbe geblieben. Erhältlich im Tagesspiegel, in der Morgenpost und der Berliner Zeitung auf der ewigen Berliner Stellenangebotsseite am Wochenende. Schnell. Jetzt handeln. Anrufen.

Am Telefon erhältst du wenig Infos, so wenig wie möglich. Da spricht am anderen Ende eine Dame, die anscheinend wenig Ahnung davon hat, worum es sich genau handelt, die nur wissen möchte, ob nicht jemand doch mitbekommen würde, dass du für mindestens zwei Wochen fortbleibst, vom so genannten Zuhause. Du wirst jedenfalls gefragt, ob du bereit bist, zwei Wochen Einarbeitungszeit in Kauf zu nehmen. Du brauchst einen Personalausweis, ein Passfoto und Reisegepäck. Unterkunft und Verpflegungskosten werden übernommen, so heißt es am Telefon. In Wirklichkeit war es so, dass kein Mittagessen bezahlt wurde, denkst du nachtragend.

Am Tag X fährst du mit der U-Bahn zu der Firma im Westen Berlins. Du wartest in einem Raum voller vergilbter Zeitschriften wie Bunte und Goldenes Blatt, du sollst gleich fahren, es wird knapp für das Vorstellungsgespräch. Sie lassen jedenfalls gern auf sich warten, obwohl du gemerkt hast, dass außer dir sonst niemand da ist. Endlich bist du dran, kommst dann in ein sparsam ausgestattetes Büro. Als würden diese Leute, falls es so weit ist, ganz schnell abhauen wollen. Das kennst du von anderen Berliner Jobs, so dass es dich nicht allzu sehr wundert. Und vielleicht klappt es doch endlich – mit dem Führerschein.

Du bekommst mit, dass es sich dabei um eine »Außendiensttätigkeit« handelt, auf gut Deutsch darum, »Abonnementverträge zu vermitteln«. Wie, wird nicht näher erläutert. Warum auch?

Du wirst auf Provisionsbasis arbeiten. Die Einarbeitung von 14 Tagen wird auf einmal auf vier Wochen verlängert. Einfach so. Kurz bevor du losfährst, musst du deinen Namen ans Ende eines Dokuments mit dem Titel »Zusatz zur Vereinbarung für Pressevertriebsagenten« setzen. »Mir ist bekannt, dass ich für Zeitschriften werbe, von Haus zu Haus gehe und nach Leistung bezahlt werde«, musst du noch hinzufügen. Damit sind sie gesetzlich abgesichert, denkst du dann. Klarer Fall.

Du arbeitest als Scheinselbstständiger oder so ähnlich. Die Tätigkeit gilt jedenfalls als freies Gewerbe, und du bekommst einen Ausweis mit deinem besten Foto und schönen offiziellen Sätzen.

Dann fährst du nach Xanten, über Duisburg im ICE. Du kommst dir vor wie auf einer Geschäftsreise. Du bist irgendwie wichtig geworden. ICE. Es handelt sich um ein Großkundenabonnement bei der Deutschen Bahn. Ohne Rückfahrschein. Aber das interessiert dich wenig. Du blickst verträumt aus dem Fenster, in der Erwartung einer besseren Zukunft.

Angekommen in einem Kaff in der Nähe von Xanten wirst du abgeholt und landest in einem ländlichen Gasthof. Es ist alles so schön ruhig hier auf dem Lande. Du bekommst ein Doppelzimmer und saubere Bettwäsche. Du lernst die Kollegen kennen.

Am ersten Tag erfährst du nichts Näheres über die Tätigkeit. Es herrscht die Omertà, das Gesetz des Schweigens. Statt dessen ein Gutschein für 10 Euro Getränke gleich am Anfang. Besser als nichts. Du freust dich. Du bestellst gleich das erste Bier. Und gesoffen wird, von dir und deinen Kollegen, in den nächsten Tagen jedenfalls nicht zu knapp.

Am zweiten Tag bekommst du die erste Schulung. Auf einer mehr oder minder improvisierten Bühne wird das »Gespräch mit dem Kunden« inszeniert. Die Rollen wechseln, doch das Gespräch muss Satz für Satz wiederholt werden, bis alles ordentlich sitzt, bis das Handwerk des Drückers erlernt ist. Du zeigst Geduld. Am Anfang ist es schwierig, weil es noch Hemmungen und Gedächtnisschwächen gibt.

(So wie jetzt. So lange her ist es gewesen. Zum Glück hast du wieder deine Notizen gemacht, Gesprächsleitfaden aufgeschrieben. Da bist du wieder, Protokollant des Vergänglichen.)

Irgendwann ist es so weit. Dann schlenderst du auf unbekannten Straßen eines unheimlichen Ortes von Haus zu Haus, klingelst überall und wartest darauf, dass jemand die Tür öffnet. »Schönen guten Tag!«, wenn sie aufgeht. Und lächeln, wichtig ist, dabei zu lächeln, wie in den Schulungen wiederholt wird, sei der »Kunde« auch schlecht drauf, müde, verkatert oder was auch immer.

»Ich heiße (hier dein Name). Ich mache zur Zeit eine Befragung zum Thema Jugendkriminalität. Genauer: über strafentlassene Jugendliche.« Und dann sofort die erste Frage, ohne zu warten, ob der Kunde meint, er habe keine Zeit oder Lust: »Haben sie Vorurteile gegenüber strafentlassenen Jugendlichen?« – »Nein, um Gottes willen. Sehe ich denn so aus?« »Wieso? Warum wollen Sie das wissen?« »Aber nicht doch. Nein, überhaupt keine Vorurteile.«

Für die negativen Reaktionen gibt es eine Art »Argumente-Liste« (genau wie im Call Center, denkst du), mit der du gelernt hast, wie man vorgeht, wenn der Kunde »Widerstand leistet«. Die Argumentation darf jedenfalls keine Lücken aufweisen. Du bist ja Profi. Das Interview-Verfahren ist raffiniert und läuft darauf hinaus, dass es für den Kunden kein Entrinnen gibt, dass er eben zum Kunden werden muss. Wenn der Kunde aber »schwierig« ist, musst du Überzeugungsarbeit leisten. Was sein muss, muss sein. Denk an die Kohle.

Nach der zweiten oder dritten Frage kommt es zum Wendepunkt. Bis zu dieser Stelle musst du beim Kunden »Sympathie aufgebaut haben«, sonst läuft nichts. Das Vertrauen des Kunden ist damit halb gewonnen, doch nicht genug, denn du möchtest rein ins Haus, damit dein Vorhaben abgewickelt werden kann. Deswegen gleich höflich sagen: »Super, dann haben Sie mir die ersten Fragen schon beantwortet. Die anderen vier Fragen gehen genauso schnell, und hätten Sie nicht vielleicht einen kleinen Tisch, wo ich das Ganze aufschreiben könnte?«

Der Kunde zeigt sich hilfsbereit. Natürlich gibt es in der Wohnung einen Tisch. Und einen besseren Stift. Und, wenn man Glück hat, noch ein Getränk dazu. Du nimmst Platz und machst einige Bemerkungen zum Mobiliar. Wenn die Wohnung eher bescheiden ausgestattet ist, lieber über das Wetter oder den Hund, der dich gerade begrüßt.

Das Schwierigste hast du hinter dir. Du musst jetzt aber gewissenhaft arbeiten. Den Fragenbogen zu Ende durcharbeiten, mit ernster, fast wissenschaftlicher Miene. Es geht um Repräsentativität der Meinung der Bevölkerung. Es ist ein ernstes Thema, und du bist Botschafter einer besseren Welt, die Vorurteile gegenüber strafentlassenen Jugendlichen abbaut. Mindestens.

So. Geschafft. Alles ausgefüllt. Jetzt ein Seufzer. Und kurz danach ein Lächeln. Du hebst den Blick vom Fragebogen ab.

»Bevor ich Ihnen kurz erklären darf, worum es sich hier handelt, warum ich diese Erhebungen mache, möchte ich mich erstmal bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben!«

Er lächelt. Immer höflich zum Kunden sein, so die Devise. Dabei ist dieser Satz einer der schwierigsten, weil du ihn ohne Zögern zu sagen hast und dabei gleichzeitig deine guten Manieren zur Schau stellst. Jetzt aber Konzentration.

»Die Erhebungen werden nach Alters- und Berufsklassen ausgewertet, es werden Berichte darüber geschrieben, die dann später in den Medien veröffentlicht werden.« Wenn gefragt wird, wo genau, dann mit ernster Miene in die Augen des Kunden blicken (du bist Rick in Casablanca, denk daran, halt dich daran) und sagen: Focus oder Bunte oder was einem so einfällt, egal. Sehr wichtige Berichte werden darüber geschrieben. Die Gesellschaft nimmt die strafentlassenen Jugendlichen dieser Welt sehr, sehr ernst. Hauptsache, es wirkt glaubwürdig, wie es dir in den Schulungen eingehämmert wird.

»Warum das alles?« Bedeutungsvolle Pause. »Damit die Vorurteile der Gesellschaft abgebaut werden und den jungen Leuten eine Chance zur Wiedereingliederung gegeben wird.«

Es gibt immer eine Chance für diese Menschen. Wiedereingliederung soll erprobt werden. Zurück zur normativen Unvernunft des Alltags. Alles toll politisch korrekt und gleichzeitig engagiert und wir machen doch was und alles wird besser.

Du denkst daran, fast hättest du die Konzentration verloren, und doch musst du dich an das Spiel halten, an seine Gesetze. Nicht zynisch werden. Jetzt ernste Miene. Du bist Rick. Es wird tragisch.

»Ich selbst bin in einer Selbsthilfegruppe von acht jugendlichen Strafentlassenen. Ich war selbst längere Zeit im Knast wegen einer Dummheit eben (natürlich, wie könnte es anders sein, sehe ich doch so höflich und gut rasiert aus) und bin jetzt seit sechs Monaten wieder draußen, aber seit diesem Zeitpunkt immer noch arbeitslos und obdachlos, da wie gesagt, die Vorurteile immer noch so groß sind.«

(Wer hätte das gedacht)

»Jetzt (Betonung ist sehr wichtig) habe ich endlich die Möglichkeit bekommen, eine Umschulung mitzumachen (Super, sagt der Kunde erleichtert, dass es doch was Gutes gibt auf dieser Welt und nicht nur Knast und Vorurteile) (und jetzt kommt es). Das Problem dabei ist aber, dass das Arbeitsamt mir diese nicht finanziert, da Knast Eigenverschulden ist und ich weder berufliche noch gesundheitliche Gründe vorweisen kann. Nach über 30 Bewerbungen hat sich nun, Gott sei Dank, eine Firma bereit erklärt, mir die Umschulung und ein Zimmer für zwei Jahre zu finanzieren, wenn ich als Beweis, dass ich auch wirklich arbeiten will, (Beweis! Arbeit!) 2 000 Erhebungen mache und mir parallel dazu 500 Leistungsnachweispunkte (Leistung! Nachweis!) bei Bürgern wie Ihnen erarbeite. Diese Punkte kann ich mir natürlich nicht selbst geben, (ein kleiner Witz, da lacht man zusammen, ein kurzes Intermezzo, wieder Sympathie aufgebaut beim Kunden. Die alte Gratwanderung zwischen Manipulation und Verführung), da bin ich auf die Hilfe von so netten Leuten wie Ihnen und Ihren Nachbarn angewiesen.«

Die gespielte Ehrlichkeit ist sehr wichtig, wird bei den Schulungen gelehrt, man muss »glaubwürdig rüberkommen«. Die Klamotten tun ein weiteres, um Authentizität zu verleihen. Die Schulungen waren jedenfalls gut für das schnelle Erlernen des Schauspiels. Wahre Talente waren da anzutreffen, im Ernst. Klaus Kinski wäre stolz auf manche dieser Gestalten gewesen.

»Anschauen und erklären lassen können Sie sich das Ganze ja mal!« Und dann zeigst du die Tabelle mit den Abos (Spiegel, PC-Welt und Konsorten) und den Bedingungen. »Sie können mir bestimmt auch mit ein Paar Punkten helfen!«

Und dabei die Welt verbessern, nicht vergessen.

Und am Ende, wenn alles zufriedenstellend abgeschlossen ist, ernstere Miene und die Abschlusspointe. »Und tun Sie mir noch einen Gefallen.« Der Kunde wird nervös oder ist überrascht. Was soll er denn noch machen? War doch genug, zumindest diesmal. Und dann lächelst du das immer wieder kehrende Lächeln. In der Diktatur der Freundlichkeit bist du der größte Tyrann: »Bleiben Sie so, wie Sie sind.«

Und Erleichterung beim Kunden, seine Eitelkeit wieder anerkannt.

Fester Handdruck. Und Tschüss.

Nach getaner Arbeit, beim Abendmahl, sitzt der Chef im Zentrum wie Jesus. Nach dem Essen werden die Ergebnisse des Tages abgefragt. Wer weniger als vier Scheine hat, landet wieder bei den Schulungen. Egal, wie oft er sie besucht hat. Und die gibt es jeden Tag.

Du denkst daran, wie es war. Wenn es nicht diese blöden Schulungen gegeben hätte, denkst du, nach der Arbeit, nach dem Essen und der Zigarette danach, hättest du es bestimmt länger gemacht, das steht fest. Du hast nicht erlebt, was du befürchtet hast. Kein Zwang zur Selbsterniedrigung, kein Einsperren oder Schläge. Die ersten Tage waren ganz o.k., du solltest bloß ein bis zwei Aufträge anschleppen. Dann wurden es mehr, leider. Vier waren in Ordnung, doch schwierig.

Nach einem heftigen Streit, den du, in aller Bescheidenheit, klar gewonnen hast, bist du abgehauen. Der Chef hat dir empfohlen, eine eigene Firma zu gründen. Kein schlechter Ratschlag, musst du jetzt, im Nachhinein, zugeben. Es ist lange her. Doch in deiner Patchwork-Biografie, mit Karriereknicks und anderen Dritte-Welt-Katastrophen, war es nicht mal ein Tiefpunkt. Denn du könntest dabei immerhin gut verdienen. Mit Mühe und Routine, aber besser als im Call Center. Und du musst ehrlicherweise auch zugeben, dass du dich mit den Kollegen gut verstanden hast. Die spannenden Hausbesuchsgeschichten nahmen ihren Lauf, die Promi-Besuche, von wegen Henry Maske und so weiter, waren hoch im Kurs. Außer der Knastgeschichte gab es die »Drogengeschichte«, die »Studentengeschichte« und noch die mit der kleinen Schwester. Du wolltest die Knastgeschichte, weil sie am schwierigsten war. Wieder eine Herausforderung.

Das Geschäft soll schon 30 Jahre einwandfrei funktioniert haben, meinte ein Kollege. Du magst darüber heute erstaunt sein, widerwillig getroffen. Und doch soll es dir endlich klar werden, dass jenseits von Gesetzeslücken der Kapitalismus, sei er auch so poppig, leider, leider, dazu verdammt ist, aus eigener Logik, solche Missstände zu produzieren und zu reproduzieren und dass es kein Zufall ist, dass es so wunderbar nebenbei funktioniert. It’s the structure, stupid!