Liebe deinen Dildo

platte buch

»Endlich mal wieder ein Buch, das keine halben Sachen macht«, wird manch ein Queer-Aktivist inspiriert stöhnen. In Zeiten der zunehmenden Akademisierung queerer Praxen durch die Gender Studies scheint Beatriz Preciados »Kontrasexuelles Manifest« gerade zur rechten Zeit zu kommen. Die spanische Philosophin hat mit ihrem kleinen Buch einen energischen Schritt von der Theorie zur Praxis gemacht und ein radikales Konzept für eine neue Gesellschaftsform umrissen: die Dildokratie. Dildo wird ab jetzt nämlich alles genannt – und der Phallus abgeschafft: Ob mit Arm, Baseballschläger, Gurke oder was auch immer gefickt wird – Supplemente schaffen gleichberechtigte Körper. Dafür wird das Patriarchat aufgelöst und Sex nur noch nach Vertrag ausgeübt. Alles andere ist illegal. Als neues Lustzentrum gilt der Anus: ein Loch, das alle haben und das sich jeder dualistischen Zuordnung entzieht.

Nach Auffassung der Gender Studies ist Sex nicht mehr als ein soziales Konstrukt, das von den Subjekten ausdauernd neu ein- und ausgeübt werden muss. Deswegen gelte es nicht nur das Denken, sondern auch das Handeln zu ändern. Dabei sind Preciados Vorschläge symbolisch und praktisch zu verstehen. Polemisch zeigt sie Lücken in der angeblich so stringenten Geschichte des Sex auf und entwirft neue Konzepte, die uns zu einem anderen Denken und Handeln auffordern. Herausgekommen ist dabei eines der sicherlich wichtigsten geschlechtspolitischen Bücher des neuen Jahrhunderts.

tim stüttgen

Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest. b_books, Berlin 2003, 176 Seiten, 14 Euro

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