25.08.2004

»Ich bin kein Opfer«

Annie Sprinkle im Gespräch mit Mae Tyme, einer lesbischen Feministin aus der Antipornobewegung

Annie Sprinkle: Findest du es nicht interessant, Leute nackt zu sehen oder ihnen beim Sex zuzuschauen?

Mae Tyme: Als Kind habe ich in meinem Vorstadtviertel immer ein Spiel gespielt, das Peeping Tom hieß. Ich habe in anderer Leute Fenster geschaut. Ich hoffte, ich würde jemanden nackt sehen. Das ist mir nie gelungen. Das hatte nichts Sexuelles, es war Neugierde. Ich sah immer nur Frauen beim Kochen und Abwaschen und Männer vorm Fernseher oder in ihren Garagen.

Sprinkle: Ich kann mich nicht erinnern, Erwachsene nackt gesehen zu haben, bis ich 17 war und meinen Freund sah. Ab da hat es mich gepackt. Ich wollte ständig nackte Menschen sehen. Ich war von Genitalien sofort fasziniert.

Tyme: Ich habe meine Großmutter ziemlich oft nackt gesehen. Da waren keine sexuellen Gefühle im Spiel. Ich habe sie beobachtet, wenn sie aus der Dusche kam und ihr Korsett anzog und sich das Gesicht puderte. Es vermittelte mir ein Gefühl der Nähe. Später im College habe ich die Mädchen beobachtet, wenn sie sich für Verabredungen zurecht gemacht haben. Ich bin sicher, dass das etwas Sexuelles hatte, obwohl mir das damals nicht klar war.

Sprinkle: Also ist dir schon bewusst, dass Menschen ein Bedürfnis haben, andere Leute nackt zu sehen. Wie kommt es dann, dass du so gegen Pornografie eingestellt bist?

Tyme: Jemanden nackt zu sehen, vermittelte mir immer eine Art Glücksgefühl. Es war nichts, das ich absichtlich betrieb, weil es mich anmachte oder weil ich andere anmachen wollte. Es mag im Ergebnis sexuell gewesen sein, aber ich verfolgte keine sexuellen Ziele.

Sprinkle: Grundsätzlich weiß ich nicht, was daran falsch sein soll, sexuelle Erregung zu erzeugen.

Tyme: Ich bin lesbisch, seit ich 21 bin. Als ich 30 wurde, entstand die feministische Bewegung. Ich wurde radikale Lesbe. Ich hatte keine intime Beziehung mehr mit einem Mann seit ich weiß nicht wie vielen Jahren. An Nacktbadestränden sah ich nackte Männer, und das hatte für mich die Funktion, Männer zu entmachten und zu entmystifizieren. Wenn ich mich durch das Patriarchat unterdrückt fühle, rufe ich mir einfach ein paar Bilder von Männern an Nacktbadestränden ins Gedächtnis und lache.

Sprinkle: Einer der Gründe, weshalb ich mich prostituierte, war, dass männliche Genitalien ein großes Mysterium für mich waren. Jetzt bin ich damit beschäftigt, das Mysterium der weiblichen Genitalien zu lüften.

Tyme: Ich erinnere mich, wie eine Frau zu einer Veranstaltung für Frauen kam und Muschi-Fotos zeigte. Es fiel mir schwer, die Fotos zu betrachten. Obwohl ich seit langem Lesbe war und Frauen geleckt habe und geleckt wurde und natürlich immer Muschis gesehen habe. Aber sie auf Bildern zu sehen, fand ich echt eklig.

Sprinkle: Pornografie ist für mich jedes Foto, jeder Film oder jede Zeichnung, die eindeutigen Hardcore-Sex zeigt. Was genau verstehst du unter Pornografie?

Tyme: Etwas von, für und über Männer. Es ist ein weltweiter Industriezweig, in dem jedes Jahr Billionen Dollar verdient werden, von denen Frauen nicht profitieren.

Sprinkle: In Pornofilmen werden weibliche Schauspielerinnen viel besser bezahlt als viele männliche Schauspieler.

Tyme: Das wusste ich nicht. Ich habe Pornografie immer als einen Aspekt der Unterdrückung von Frauen betrachtet, nicht als einen unserer Befreiung. Ich habe versucht, eine Sexualität zu entwickeln, die sich nicht um Männer oder deren Wünsche dreht, sondern die ausschließlich von Frauen handelt und davon, wie wir uns aufeinander beziehen.

Sprinkle: Würde dich ein typisches Sexmagazin nur abtörnen?

Tyme: Ja. Ich versuche herauszufinden, worum es für eine freiwillig beteiligte Frau beim Sex geht. Meiner Ansicht nach wurden Frauen, die Porno machen, entweder falsch informiert oder versklavt.

Sprinkle: Es gibt noch sehr große Spielräume, im Porno kreativer zu werden, experimenteller, feministischer und erotischer für Frauen. Aber es ist schwieriger, das hinzukriegen, als du vielleicht glaubst.

Tyme: Wenn ich ein erotisches Video drehen würde, wäre das für jemand anderen wahrscheinlich langweilig anzusehen. Eine Geliebte und ich haben uns mal bei der Liebe auf Video aufgenommen, und dann haben wir es uns angesehen.

Sprinkle: Du hast einen Porno gedreht?

Tyme: Ich habe es nicht als Porno verstanden. Es war absolut aufregend, weil ich mich beim Videogucken an die Gefühle erinnerte, die ich dabei hatte. Jemand anderen hätte das wahrscheinlich nicht inspiriert. Wir legten uns hin, hielten uns umschlungen und bewegten uns, da war eine enorme sexuelle Energie und Liebe zwischen uns. Da wurde weder gesaugt, noch gelutscht, noch gefingert. Keine sich krümmenden Zehen. Nein, das ist nicht wahr. Meine Zehen haben sich gekrümmt.

Sprinkle: Hast du das Video jemandem gezeigt?

Tyme: Nein. Ich rede nur mit anderen Lesben darüber. Es ist eine echte Herausforderung für mich, darüber nachzudenken, das in einem Kontext zuzugeben, zu dem auch Männer Zugang haben und in dem Frauen es vielleicht ausnutzen könnten. Das bedeutet, persönliche Informationen an den Feind auszuhändigen.

Sprinkle: Wenn du Kommunistin wärst, hättest du kein Problem damit, den Leuten zu sagen, dass du Kommunistin bist.

Tyme: Oh doch. Man kann deshalb verhaftet oder bedroht werden oder seinen Job verlieren, es kann einem allerhand passieren, wenn man den falschen Leuten zu viel verrät. Was Lesben im Bett treiben, ist sehr aufrührerisch. Lesben wurden angegriffen und getötet wegen dem, was wir sexuell tun. Männer hassen Lesben, weil wir Sex und ein Leben ohne sie haben. Ein entsetzlicher Aspekt der Pornografie ist auch die Versklavung von Kindern. Mädchen oder Frauen, die versuchen auszusehen wie Mädchen, werden zur Unterhaltung von Männern benutzt, die darauf abfahren, kleine Mädchen zu ficken. Inzest ist das Paradigma des Patriarchats. Wie sollen wir unsere Sexualität entdecken, wenn sie uns bereits im Kleinkindalter eingeimpft wird?

Sprinkle: Indem wir mehr über Sex erfahren. Und indem wir unsere eigenen Pornos machen. Bei 0,01 Prozent der Pornos kommen Kinder vor, und diese Pornos stehen nicht frei zum Verkauf. Ich wette, du schaffst es nicht, einen einzigen frei verkäuflichen Kinderporno in den USA aufzutreiben.

Tyme: Ich glaube, dass Kinderpornografie an der Tagesordnung ist. 1995 stand in allen Zeitungen, dass in Europa zwei Mädchen einem Pornoring entkommen sind. Sie waren entführt worden, der Pornoring flog auf, und sie entdeckten andere Mädchen, die man hatte hungern lassen, die geschlagen und versklavt worden waren.

Sprinkle: Jedes Mal, wenn ich eine Vorlesung an einem College halte oder in einem Buchladen lese, kommt trotz all meiner guten Absichten dieses erschreckende Thema auf.

Tyme: Es wird auch gegen Lesben verwandt. Man sagt uns nach, dass wir Kinder sexuell belästigen. Wir erklären immer wieder, dass die meisten Fälle von sexueller Belästigung gegenüber Kindern und anderen von heterosexuellen Männern ausgehen.

Sprinkle: Ich veröffentliche seit Jahren eindeutig sexuelle Bilder von mir. Ich weiß, es klingt bizarr, aber irgendwie fühle ich mich dadurch sicherer.

Tyme: Dadurch, dass ich mich offen als Lesbe bekenne, fühle ich mich sicherer.

Sprinkle: Lieferst du nicht dem Feind Informationen, wenn du dich als Lesbe bekennst?

Tyme: Ich bekenne mich, damit mich andere Lesben als Lesbe erkennen. Nicht um Männer zu ärgern. Die Wahrheit ist, dass du und ich eine sehr unterschiedliche Sichtweise auf Pornografie haben. Du betrachtest sie als Weg zur Unabhängigkeit, Freude, Freiheit, Spaß …

Sprinkle: … Bildung, Harmonie, als kreatives Ventil, eine sicherere Welt …

Tyme: Ich betrachte sie als Bestätigung der destruktiven sexuellen Reaktionsschemata. Wenn Frauen Freude und Freiheit daraus gewinnen, dann ist das ein Zufall.

Sprinkle: Ich würde gerne eine Pornoreihe machen, die die Leute zu befriedigenderem Sex anregt. Wenn Pornografie verboten wäre, würde ich das nicht tun können.

Tyme: Uns wurde anerzogen zu glauben, dass Sex das Wichtigste im Leben ist. Ich glaube das nicht.

Sprinkle: Ich halte unsere Sexualität für eine Fundgrube der Möglichkeiten. Sie erlaubt uns, Liebe zu schenken und zu empfangen, gesund zu bleiben, Stress abzubauen …

Tyme: Es gibt andere Arten, Intimität, Schönheit und Freude zu erleben. Zum Beispiel durch Kunst, Freundschaft, Sport …

Sprinkle: Sport? Igitt! Aber einer fantastischen Stripperin zuzusehen, ist ein beeindruckendes Erlebnis. Und wovon sind erotische Tänzerinnen meist umgeben? Von betrunkenen, Zigaretten rauchenden, respektlosen, ungehobelten Kerlen, die mit schäbigen Geldscheinen wedeln …

Tyme: … und mit schäbigen Schwänzen.

Sprinkle: Pornografie in ihrer reinsten Form kann ein Pfad der Erleuchtung sein.

Tyme: Das bezweifele ich. Wenn ich das Wort Porno höre, denke ich an Schweinerei und daran, dass sich Männer Geld in die Taschen stopfen.

Sprinkle: Alle Frauen, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, die gegen Pornos sind, wollten sich mit mir nicht mal an einen Tisch setzen. Komischerweise hatte ich nie das Gefühl, die Frauen aus der Anti-Pornobewegung wären meine Gegnerinnen.

Tyme: Ich hatte nie das Bedürfnis, mich mit einer Pornografin an einen Tisch zu setzen und eine Diskussion zu führen, aber ich bin froh, dass wir sie geführt haben. Übrigens betrachten viele Feministinnen Frauen in der Pornografie nicht als Gegnerinnen.

Sprinkle: Nein, sie betrachten uns als Opfer. Wir wollen nicht als Opfer wahrgenommen werden.

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Annie Sprinkle: Harcore von Herzen. Edition Nautilus, Hamburg 2004. 160 S., 14,90 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage. Die im Dossier verwendeten Texte wurden redaktionell gekürzt.