Das California Lawyer Magazine bat mich, einen Artikel zu schreiben. Ich war entzückt, ein neues Publikum erreichen und Kriegsgeschichten von meinen juristischen Schlachten erzählen zu können, sowohl aus meiner Zeit als Sexarbeiterin wie auch als Performance-Künstlerin. Außerdem war ich damals gerade mit einer Anwältin zusammen, und ich wollte sie beeindrucken. Der Text entstand, als der O.J. Simpson-Prozess gerade die Gemüter erhitzte.
Zum erstenmal geriet ich als 18jähriges Hippiemädchen in Tucson, Arizona, mit dem Gesetz in Konflikt. Ich arbeitete als Popcornverkäuferin in einem Theater, in dem ein neuer Film mit dem Titel »Deep Throat« gezeigt wurde. Der für Jugendliche unter 18 Jahren streng verbotene Film erfreute sich großer Beliebtheit. Nach mehreren sehr einträglichen Monaten wurde das Kino geschlossen und der Film von der Polizei konfisziert. Eine Verhandlung wegen Obszönität in der Öffentlichkeit folgte.
Ich wurde als Zeugin der Anklage geladen, und man ordnete an, dass ich während der Verhandlungen über zwei Wochen hinweg mit Linda Lovelace und dem Regisseur des Films, Gerard Damiano, im Zeugenraum rumhängen solle. Die Warterei war ein bisschen trist, und zum Zeitvertreib erteilte mir Damiano ein paar Unterrichtsstunden in der »Deep Throat«-Technik. Ich musste nur kurz in den Zeugenstand, wahrscheinlich war das mein erster öffentlicher Auftritt.
Ich zog nach New York City, wurde Gerards Geliebte und bekam einen Job als Filmlehrling bei den Kirt Films, einer Firma, die Dutzende von 16mm-Pornofilmen herstellte. Von meinem Lehrlingslohn konnte ich nicht leben, also arbeitete ich an den Wochenenden im Spartacus Spa, dem Ende der siebziger Jahre schicksten »Massage Salon« in Manhattan. Natürlich hatte ich auch eine ganze Menge Kunden, die als Richter oder Anwälte arbeiteten. Die Männer des Rechtsgewerbes verhielten sich im Allgemeinen respektvoll und gaben gutes Trinkgeld, und sie hatten es immer eilig, wieder an die Arbeit zu kommen. Wenn sie zu mir kamen, waren sie fix und fertig vom Stress und der Anspannung, und sie gingen entspannt und glücklich wieder fort. Ich konnte auf meine Arbeit stolz sein. Ich bin überzeugt, dass das Rechtssystem ohne Prostitution nicht funktionieren würde.
Angesichts der Tatsache, dass Prostitution illegal war/ist, fand ich es beruhigend zu wissen, dass ich, falls nötig, immer einen Anwalt zu meiner Verteidigung finden würde. Oft gab es Razzien und Verhaftungen, aber ich hatte Glück, sie kamen immer nur an meinen freien Tagen. Ich blieb 20 Jahre in der Prostitution. Ich habe mich immer in Selbsthilfegruppen für die Entkriminalisierung der Prostitution eingesetzt. Es ist absurd und gemein, Sex, der auf gegenseitigem Einverständnis beruht, zu einem Verbrechen zu erklären.
Nach mehreren Monaten, die ich bei Kirt Films hinter der Kamera gearbeitet hatte, fand ich, es müsse davor sehr viel mehr Spaß machen, also schrieb mir jemand ein zweiseitiges Drehbuch mit dem Titel »Teenage Deviate«. Nach den 18 Stunden, die die Dreharbeiten für diesen nicht unbedingt hollywoodtauglichen Spielfilm in Anspruch nahmen, war ein Pornostar geboren. Im weiteren Verlauf drehte ich 150 Spielfilme und 50 8mm-Clips, und mein Name erstrahlte in Leuchtschrift am Broadway. Manchmal gab es rechtliche Probleme mit meinen Filmen. Meistens kümmerten sich der Vertrieb und die Produzenten darum, das war toll, aber es hatte seinen Preis. Mein größter Hit war »Deep Inside Annie Sprinkle« (1982 das zweitbestverkaufte Video), in dem ich nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern das ich auch geschrieben und bei dem ich auch Regie geführt hatte. Die Produzenten und Vertriebsleute beschlossen freiwillig, den Film zu zensieren, weil die Kinos, in denen er gezeigt wurde, unter Druck gerieten.
Ein paar Jahre lang arbeitete ich dann als Stripperin. Ich begab mich auf die Pfade der Varietés und merkte, wie lächerlich Gesetze und wie schlau Anwälte sein können, wenn sie einem helfen wollen, diese Gesetze zu umgehen. Zum Beispiel war in einer Stadt »vollständige Nacktheit« gesetzlich verboten. Also behielten wir einfach unsere G-Strings an, wenn wir die BHs auszogen, und zogen unsere BHs wieder an, bevor wir unsere G-Strings auszogen. Das war vollständige Nacktheit, aber eben nicht zu ein und demselben Zeitpunkt. In einer anderen Stadt verbot das Gesetz »Nacktheit und Alkohol am selben Ort«, also wurde eine Glaswand zwischen Bar und Bühne eingezogen, und jede Seite bekam eine eigene Postanschrift.
Wundersamerweise wurde ich nur einmal verhaftet, und zwar in Jamestown, Rhode Island. Ich war bei Freunden, den Erotikunternehmern Mickey und Susan Leblovic, zu Hause. Wir erstellten ein einmaliges Sexmagazin mit Eintragungen aus meinen Tagebüchern und verschiedenen Fotos. Es war ein reiner Liebesdienst, denn wir erwarteten, so gut wie kein Geld damit zu verdienen. Wir brauchten einen Schriftsetzer, also setzten wir eine Anzeige in die Lokalzeitung. Wir ahnten nicht, dass wir eine Undercover-Polizistin eingestellt hatten, die fröhlich einen Monat lang Seite an Seite mit uns arbeitete.
Der Höhepunkt sollte etwas ganz Besonderes sein, deshalb kam meine Freundin, das amputierte Nacktmodel Long Jean Silver aus New York, und wir inszenierten eine verspielte Fotosession, in deren Verlauf wir viel Spaß an unseren Körpern fanden und sie mich mit ihrem Beinstumpf penetrierte. In dem Moment, in dem wir unser Meisterwerk fertigstellten, drangen 25 Polizisten mit unserer »Schriftsetzerin« im Schlepptau und mit gezogenen Waffen ins Haus ein und fuchtelten mit Durchsuchungs- und Haftbefehlen. Man hatte uns offenbar einen ganzen Monat lang beobachtet, Wanzen und so weiter. Uns wurden über 100 Schwerverbrechen vorgeworfen: »Verschwörung zur Herstellung und zum Vertrieb obszönen Materials«, »Sodomie« und »Verschwörung zum Vollzug von Sodomie«. In Rhode Island wird Sodomie als »widerwärtiger, verabscheuungswürdiger Akt gegen die Natur« definiert, offensichtlich betrachten manche Menschen Sex mit Amputierten so.
Wir wurden 48 Stunden in eisig kalte Gefängniszellen gesteckt, ohne Decken oder Zahnbürsten, und wurden von den Polizeibeamten wie Mörder behandelt und von der Presse auch als solche dargestellt. Wir trösteten uns mit der Planung einer riesigen Massendemonstration mit hunderten von Amputierten und Leuten in Rollstühlen auf den Stufen des Gerichtsgebäudes und dachten uns eigene Texte zu berühmten Protestsongs wie »We shall overcum« aus. Schließlich wurden alle Vorwürfe fallengelassen außer denen gegen den armen Mickey Leblovic, der in zwei Fällen der Verschwörung zur Veröffentlichung und zum Vertrieb obszönen Materials für schuldig befunden und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde (er saß 18 Monate davon ab). Also das ist wirklich obszön!
Die Verhaftung hat mich in meinem Wunsch, die Welt in einen sexuell reiferen Ort zu verwandeln, nur noch bestärkt. Als ich im Gefängnis saß, machte ich mir allerdings vor Angst in die Hosen, also flüchtete ich mich in die Welt der Kunst, wo ich sehr herzlich aufgenommen wurde. Es gab sehr viel mehr kreative Freiheit, weniger Zensur und besseren juristischen Schutz.
Natürlich haben auch Künstler ihre juristischen Schlachten zu schlagen. In Europa gab es damit nie ein Problem, aber in den USA hatte jedes Theater, an dem ich meine umstrittene One-Woman-Show »Annie Sprinkle, Post-Porn Modernist« aufführte, Anwälte bereit stehen, die mich gegebenenfalls aus dem Gefängnis holen. Obwohl es ein paar Mal knapp war, wurde ich doch nie verhaftet. Ich schätze, für mich sprach mein »schutzwürdiger kultureller oder wissenschaftlicher Wert«. Mein Name wurde von dem hinreißenden Senator Jesse Helms in der Debatte über die staatliche Subventionierung der Künste durch den Schmutz gezogen. Der Umgang mit Zensur und den Anti-Sex-Gesetzen gehört zu meinem Leben, ich habe täglich damit zu tun.
Aber das Ganze hat auch eine schöne Seite. Bei einer Konferenz zur Zensur in der Kunst in Chicago verliebte ich mich in eine der Anwältinnen, die den Fall der »NEA 4« gegen das National Endowment for the Arts vertrat und gewann. Sie war brillant, charismatisch, charmant, und sie kämpfte voller Leidenschaft für Frauen und ihre Rechte. Fast ein Jahr lang waren wir Liebhaberinnen. So begann meine unkontrollierbare romantische Obsession für Anwältinnen. Ich schmelze förmlich, wenn ich neben jemandem in einem grauen Nadelstreifenkostüm stehe, mit großen harten Gesetzesbüchern im Arm und einer weichen Ledertasche, die vor wichtigen Unterlagen nur so überquillt. Ich bete eine Liebhaberin an, die Latein spricht, die einen Prozess führen und Petitionen entwerfen kann, die die Macht hat, jemanden zu verklagen oder vor der Todesstrafe zu retten. Ich will ein stickiges, spießiges Büro, in dem ich nach Dienstschluss Liebe machen kann. Ich will Liebesbriefe auf Kanzleipapier. Ich will lesbische Anwältinnenliebe.
Ich hoffe, dass alle meine zukünftigen zärtlichen Zusammenstöße mit dem Gesetz, von denen es zweifellos noch viele geben wird, vor allem romantischer und sinnlicher Natur sein werden. Anträge von Anwältinnen sind die allerbesten.