15.09.2004

Vom Logo zur Theologie

in die presse

Sehnt sich die feministische Globalisierungskritikerin Naomi Klein wieder nach klaren Verhältnissen? Neidet sie Arundhati Roy, ihrer größten Konkurrentin um die Gunst der Bewegung, den Erfolg, den sie mit Sätzen hat wie: »Jedes im Irak von den USA getötete Kind war unser Kind.«

Jedenfalls hat nun auch Naomi Klein den irakischen »Widerstand« adoptiert. »Bringt Najaf nach New York«, forderte sie in einer von der US-Wochenzeitung The Nation und dem britischen Guardian veröffentlichten Kolumne. Der irakische Geistliche Muqtada al-Sadr »repräsentiert die Gefühle der überwältigenden Hauptströmung im Irak«, glaubt Klein, obwohl sich die von Ayatollah Ali al-Sistani geführte Geistlichkeit und fast alle Parteien des Landes gegen den rechtsextremen Terror der Mahdi-Armee Sadrs gewandt haben.

Sadr verdiene die »eindeutige Unterstützung« der Friedensbewegung. Er strebe zwar »eine Theokratie« an, sei aber dennoch den demokratischen Irakern zuzurechnen. Das klingt ein wenig widersprüchlich, aber wo es um die Repräsentation von Gefühlen geht, wird der Verstand leicht überwältigt. Klein empört sich über »Soldaten, die in ein Haus stürmen, ohne den Frauen die Chance zu geben, ihren Kopf zu bedecken«, und nicht etwa über den Schleierzwang.

»Bringt den Krieg nach Hause«, war Ende der sechziger Jahre eine Parole der radikalen Antikriegsbewegung. Doch importieren wollte man damals die Revolution, nicht die Reaktion. Klein dagegen sieht in der Rückschau im mangelnden Respekt vor der vietnamesischen Kultur das zentrale Problem

Mehrere Autoren und ehemalige Mitarbeiter der Nation kritisierten Kleins intellektuelles Selbstmordattentat. Sollen »Friedensdemonstranten sich als einheimische Mahdi-Armee identifizieren?« fragt entgeistert Marc Cooper. »Sollen sie auch der Sharia zustimmen?« Offenbar sei »jede Art von Antiamerikanismus besser als gar keiner«, kommentierte Christopher Hitchens. »Es war schwer für die amerikanischen Pseudoradikalen, von Ayatollah Sistani links überholt zu werden, aber sie haben es irgendwie geschafft.«

jörn schulz